OTHMAYR (Ot[h]mar[us], Ot[h]maier), Caspar (Gaspar[us]), Komponist, * 12.3. 1515 Amberg, † 4.2. 1553 Nürnberg (begraben in Ansbach, Hl.-Kreuz-Kirche). - Ein Besuch der Lateinschule St. Martin in Amberg ist wahrscheinlich, jedoch nicht belegt. Gefördert von Pfalzgraf (seit 1544 Kurfürst) Friedrich II., fand O. wohl schon vor 1531 in Heidelberg Aufnahme als Sänger in die kurfürstliche Hofkapelle unter Leitung von Lorenz Lemlin. Dort schloß er sich auch dem Kreis der sog. Heidelberger Liedmeister um Jobst vom Brandt, Stephan Zirler und Georg Forster an. 1533 immatrikulierte er sich an der Universität Heidelberg, wo er 1534 zum Bakkalaureus, 1536 zum Lizentiaten und Magister Artium promoviert wurde. Über seine Tätigkeit in den folgenden Jahren fehlen jegliche Nachrichten; immerhin könnte ein 1543 von dem in Regensburg ansässigen Künstler Michael Ostendorfer gefertigter Holzschnitt seines Porträts (Abb. in MGG1) auf einen möglichen Aufenthaltsort weisen. Ganz offensichtlich wandte sich O. in dieser Zeit (unter dem Eindruck des Regensburger Religionsgesprächs von 1541?) dem Protestantismus zu. In den frühen Publikationen brachte er seine Glaubenshaltung deutlich zum Ausdruck: in der Motettensammlung "Epitaphium D. Martini Lutheri" (1546) ebenso wie in den "Symbola" (1547), Vertonungen von Devisen und Motti bekannter Männer, darunter Stücke über Luther, Melanchthon und den Nürnberger Reformator Thomas Venatorius (Nr. 11-13). 1545 kam O. als Rektor an die Lateinschule des Klosters zu Heilsbronn. Noch im selben Jahr bewarb er sich mit Erfolg um ein Kanonikat an St. Gumprecht in Ansbach, das er allerdings erst 1547 antreten konnte. 1548 bemühte er sich um das Amt des Stiftspropstes von St. Gumprecht. Zwar wurde er von Kurfürst Joachim II. Hercules von Brandenburg und Herzog Moritz von Sachsen als Vorsteher bestätigt, doch entspannen sich mit der Stadt Ansbach langwierige Auseinandersetzungen über die Rechtmäßigkeit seiner Einsetzung. Während des anstrengenden Rechtsstreits verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends, weshalb er sich für die medizinische Behandlung nach Nürnberg begab, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Zu Ehren des Verstorbenen veröffentlichten Georg Forster und andere Freunde (Johannes Buchner, Conrad Praetorius, Nicolaus Piltz, Andreas Schwartz) unter dem Titel "In epitaphiis Gasparis Othmari" (um 1554) eine Sammlung mit acht Kompositionen (darunter zwei von Othmayr selbst). - O. zählt zu den fruchtbarsten und vielseitigsten deutschen Komponisten seiner Generation, der schon bei seinen Zeitgenossen höchste Anerkennung fand; der Heilsbronner Abt attestierte ihm 1547 bei seinem Abschied aus der Klosterschule: "Er ist von Andern in unserem Lande ein hoch und weit berühmter Musicus", und auch Georg Forster rühmte ihn in der Widmungsvorrede zum dritten Teil der "Frischen teutschen Liedlein" als "derzeit weit berühmten Componisten" (zit. nach ADB, 536). O.s Schaffen spiegelt den musikalischen Wandel um die Mitte des 16. Jh. Ähneln seine Kompositionen zu dt. Kirchenliedern dem älteren Tenorlied, so zeigen die lat. Motetten einen "moderneren" Stil, der von Ludwig Senfl und Josquin Desprez inspiriert ist (vgl. MGG2, 1473). Im Geiste M. Luthers maß er der Musik eine grundlegende Bedeutung für den religiösen Erziehungs- und Bildungsprozeß junger Menschen zu; ausdrücklich auf diese Wechselbeziehung verwies er im Titel der "Tricinia" (1549), die er zum "Nutzen der christlichen Jugend" ("in Christianae iuuentutis utilitatem") komponiert habe. Als sitten- und charakterbildendes Instrument verstand O. auch seine Vertonungen der Wahlsprüche von geistlichen und weltlichen Persönlichkeiten: Insbesondere in der Verknüpfung dieser Devisen mit biblischen Weisheiten und Sprüchen sollten die "Symbola" (1547) moralische Wertmaßstäbe vermitteln.
Werke, Individualdrucke: Cantilenae aliquot elegantes ac piae, quibus his turbulentis temporibus Ecclesia Christi utitur. Musicis harmonis ornatae, a Gaspare Othmayer, Nürnberg 1546 (11 Sätze); Epitaphium D. Martini Lutheri a Gaspare Otmaier Musicis Elegiis redditum, Nürnberg 1546; Bicinia sacra. Schöne geistliche Lieder unnd Psalmen, mit zwo Stimmen lieblich zu singen, Nürnberg 1547 (44 Sätze), ND u.d.T. Geistliche Zwiegesänge, hrsg. von Walther Lipphardt, Kassel 1950, Faks.-Ausg. Köln 1990; Symbola illustrissimorum principum, nobilium, aliorumque doctrina, ac virtutum ornamentis praestantium virorum. Musicis numeris explicate, per Gasparem Othmayr, Nürnberg 1547 (34 Sätze), Faks.-Ausg. Stuttgart 1996 (Heilbronner Musikschatz 4); Tricinia in pias aliquot, ac maxime salutares ex contionibus Ioannis Damasceni excerptas sententias, pio studio cantata & in Christianae iuventutis utilitatem composite, Nürnberg 1549 (30 Sätze), Faks.-Ausg. Köln 1991; Reutterische und Jegerische Liedlein durch M. Caspar Othmayr mit vier stimmen componirt. Allen so der Edlen Musica verwandt zu freuntlichem gefallen in druck geordnet, Nürnberg 1549 (50 Lieder), NA in den sog. 68 Liedern, Nürnberg 1553(?), ND hrsg. von Fritz Piersig, 2 Bde., Wolfenbüttel 1928/33. - Einzelsätze in Sammeldrucken: Georg Forster, Frische teutsche Liedlein, Tl. 2, Nürnberg 1549; Tl. 3, Nürnberg 1552; Tl. 4, Nürnberg 1556; Tl. 5, Nürnberg 1556; Clemens Stephani, Schöner außerleßner deutscher Psalm, vnd anderer künstlicher Moteten vnd Geistlichen lieder XX, Nürnberg 1568. - hs. Überlieferung: Budapest Szechenyi Nationalbibliothek (Ms. mus. 22); Erlangen UB (Hs. 473.4); Kopenhagen Det Kongelige Bibliotek (Gl. K. 1872); Leipzig UB (Ms. 49/50); Lille Archives départementales du Nord; München BSB (Ms. Mus. 1503b); Regensburg, Proskesche Musikbibliothek (A.R. 940/941, A.R. 197, A.R. 875-877, B 211-215); Zwickau Ratsschulbibliothek (Mus. Ms. 73, Mus. Ms. 86.2). - Ausgaben: Ausgewählte Werke, hrsg. von Hans Albrecht, Tl. 1: Symbola, Leipzig 1941, Frankfurt 1962; Tl. 2: Cantilenae (1546), Epitaphium D. Martini Lutheri (1546), Bicinia (1547), Tricinia (1549), einzelne Werke aus verstreuten Quellen, Frankfurt 1956, 1964. - Tonträger (Auswahl): Das deutsche Chorlied um 1600, [Freiburg i.Br.]: Christophorus 1982 (Mir ist ein fein's braun's Maidelein); Deutsche Liebeslieder der Renaissance, Hamburg 1984 (Wie schön blüht der Maien); Peter Schreier, Ein neues Lied wir heben an. Lieder der Reformationszeit, Frechen: Capriccio 1986 (Ein feste Burg ist unser Gott); Martin Luther und die Musik, Heidelberg: Christophorus 1992 (D. Martini Lutheri Symbolum, Ein feste Burg ist unser Gott); Ich rühm dich Heidelberg. Musik der Renaissance am kurpfälzischen Hof. Heidelberg: Christophorus [1996] (Ein gutes nerrisch tentzlein); There is no rose. Renaissance music for the Christmas season, London/New York: Virgin Classics 1997; (Nun komm der Heiden Heiland); The triumphs of Maximilian, London: Signum 1998 (Entlaubet ist der Walde); Georg Forster, Teutsche Liedlein. Dritter Teil (1549): Die Heidelberger Liedmeister, Heidelberg: Christophorus 2000 (Ich kam für einer Frau Wirtin Haus, Wohlauf, gut G'sell, von hinnen, Glück mit der Zeit, Mir ist ein fein's braun's Maidelein); Fides et potestas [Glaube und Macht, hrsg. von Harald Marx und Cecilie Hollberg für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden], Dresden 2004 (In silentio et spe); Music of the Reformation. Lieder und Chöre von Luther, Othmayr, Walter, Georgsmarienhütte: cpo 2007 (Ein feste Burg ist unser Gott, Verba Lutheri ultima, Mitten wir im Leben sind, Epitaphium D. Martini Lutheri, Mit Fried und Freud, Verleih uns Frieden); Harpsicord works from the Tabulaturbuch, s.l.: Naxos 2007.
Bibliographien: Eitner 1877; Albrecht 1950.
Lit.: Johannes Garcaeus, Methodus Astrologiae, Basel 1570; - Wolfgang Caspar Printz, Hist. Beschreibung der edelen Sing- und Klingkunst, Dresden 1690; - Robert Eitner, Bibliographie der Musik-Sammelwerke des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Berlin 1877; - Helmuth Osthoff, Die Niederländer und das dt. Lied, Berlin 1938; - Friedrich Wilhelm Schwarzbeck, Ansbacher Theatergesch. bis zum Tode des Markgrafen Johann Friedrich (1686), Emsdetten 1939, 35, 50f., - Carl Philipp Reinhardt, Die Heidelberger Liedmeister des 16. Jh., Kassel 1939; - Hans Albrecht, C. O. Leben und Werk, Kassel 1950; - Franz Krautwurst, C. O., in: Die Erlanger Univ. 6 (1953); - Wilfried Brennecke, Die Handschrift A.R. 940/41 der Proske-Bibliothek zu Regensburg, Kassel 1953; - Peter Mohr, Die Handschrift B 211-215 der Proske-Bibliothek zu Regensburg, Kassel 1955; - Hans-Joachim Rothe, Alte dt. Volkslieder und ihre Bearbeitung durch Heinrich Isaak, Ludwig Senfl und C. O., Diss. Leipzig 1957; - Wilfried Brennecke, Zu C. O.s Epitaph, in: Die Musikforschung 14 (1961), 185f.; - Gerhard Wilhelm Pietzsch, Quellen und Forschungen zur Gesch. der Musik am kurpfälz. Hof zu Heidelberg bis 1622, Mainz/Wiesbaden 1963; - Franz Krautwurst, Die Heilsbronner Chorbücher der UB Erlangen (Ms. 473,1-4), in: Jb. für fränk. Landesgesch. 25 (1965), 273-324; 27 (1967), 253-281; - ders., Joachim Haller als Musiker, in: Convivium musicorum. Festschr. Wolfgang Boetticher, hrsg. von Heinrich Hüschen und Dietz-Rüdiger Moser, Berlin 1974, 151-162; - Wolfram Steude, Untersuchungen zur mitteldeutschen Musiküberlieferung und Musikpflege im 16. Jh., Leipzig 1978; - Gerda Zeh-Leidel, Ein Komponistenleben im 16. Jh., in: Altbayer. Heimatpost 25 (1983), Nr. 5, 4f., 15; - Chormusik und Analyse. Beiträge zur Formanalyse und Interpretation mehrstimmiger Vokalmusik, 2 Bde., hrsg. von Heinrich Poos, Mainz u.a. 1983; - Kurt Gudewill, Drei lat.-dt. Liedbearbeitungen von C. O., in: Festschr. Martin Ruhnke. Zum 65. Geburtstag, Neuhausen/Stuttgart 1986, 126-143; - Jutta Lamprecht, Das "Heidelberger Kapellinventar" von 1544 (Cod. Pal. Germ. 318), Heidelberg 1987; - Eberhard Otto, C. O. Porträt eines oberpfälz. Tonsetzers, in: Oberpfälzer Heimat 34 (1990), 122-126; - Róbert Árpád Murányi, Themat. Verz. der Musik-Smlg. von Bartfeld (Bártfa), Bonn 1991; - Karl Schwämmlein, Martin Luther, die Musik und Amberg, in: Der Eisengau 8 (1997), 86-103; - Jessie Ann Owens, Composers at Work. The craft of Musical Composition 1450-1600, New York 1997; - Thomas Daniel, Freiheiten der Kadenzgestaltung in O.s Bicinia sacra, in: Kirchenmusik in Gesch. und Gegenwart, hrsg. von Heribert Klein u.a., Köln/Rheinkassel 1998, 125-138; Die Handschrift des Jodocus Schalreuter (Ratsschulbibliothek Zwickau Mus. Ms. 73), Abt. I-VI, hrsg. von Martin Just, Wiesbaden 2004-2006.
Lex.: ADB 24 (1887), 536f.; - MGG1 10 (1962), 468f. [mit Porträt]; - Bosls Bayer. Biogr. (1983), 566; - DBE 7 (1998), 523; - NDB 19 (1999), 644f.; - The New Grove2 18 (2001), 798f.; - MGG2 12 (2004), 1471-1474; - Nürnberger Künstler-Lex. 1 (2007), 1105.
Manfred Knedlik
Letzte Änderung: 09.04.2011