OTTO (II.) VON ANDECHS, Bischof von Bamberg (1177-1196). - * vermutlich Anfang der 20er Jahre des 12. Jahrhunderts; † 2. Mai 1196 in Bamberg. - O. entstammte einem alten bairischen Grafengeschlecht, das im Voralpenland zwischen Lech und Isar seinen Ursprung gehabt hat, sich zunächst nach dem Stammsitz Dießen und später nach der um 1080 errichteten Burg Andechs benannte. Spätestens mit seinem Vater Berthold II. († 1151), der 1137 als "comes de Plassenberch" erstmals erwähnt wird, hatte das Geschlecht in Franken festen Fuß fassen können. O.s Brüder Poppo († 1147) und Berthold III. († 1188) folgten dem Vater im weltlichen Herrschaftsbesitz, der sich nordöstlich Bambergs um Lichtenfels und im Raum Kulmbach/Bayreuth konzentrierte. Im Zuge der weiteren Expansion kam es infolge territorialer Ansprüche 1142/43 zwischen den Grafen von Andechs und dem Bamberger Bistum zu heftigen Auseinandersetzungen, die erst durch die beiden sog. Giechburgverträge (1143/49) beigelegt werden konnten. Die darin erfolgte faktische Anerkennung des status quo leitete eine lange Phase der friedlichen Kooperation zwischen den beiden einstigen Konkurrenten ein. Als treuer Anhänger des Staufers wurde Graf Berthold III. 1173 zum Markgrafen von Istrien ernannt; seine Familie stieg damit in den Reichsfürstenstand auf. Seinem Sohn Berthold IV. († 1214) wurde 1188 schließlich der Titel eines Herzogs von Meranien verliehen. Durch Verheiratungen waren die Andechser mit mehreren europäischen Königshäusern verwandt und verschwägert und gehörten um die Wende zum 13. Jahrhundert zu den angesehensten Adelsfamilien Mitteleuropas. - Über Jugend und Ausbildungsgang O.s gibt es keine gesicherten Nachrichten. Als nachgeborener Sohn dürfte er schon früh für die geistliche Laufbahn bestimmt gewesen sein. 1152 wird er als "clericus" bezeichnet; 1164 war O. bereits Propst des Bamberger Nebenstifts St. Stephan. Im gleichen Jahr sehen wir ihn in der Würde des Propstes des Aachener Münsterstifts, das vielfach mit Vertrauten des staufischen Kaisers besetzt worden war und den Inhaber für höhere Reichsaufgaben prädestinierte. In dieser Funktion war O. maßgeblich an der Kanonisation Karls des Großen durch den Gegenpapst Calixt III. - während des sog. Alexandrinischen Schismas - beteiligt. Ein Jahr später (1165) wurde der Andechser quasi als Kandidat Kaiser Friedrich Barbarossas Elekt in Brixen; der Sprung auf den dortigen Bischofsstuhl mißglückte ihm jedoch. Gegen den Widerstand des dem Papst Alexander III. mehrheitlich anhängenden Südtiroler Bistums konnte er sich - trotz der Unterstützung durch seinen Bruder Berthold, der zu dieser Zeit Stiftsvogt in Brixen war - nicht durchsetzen. Eine Bischofsweihe ließ sich nicht realisieren, so daß O. 1170 resignierte. 1173 ist er wieder in Bamberg anzutreffen, dieses Mal in der Funktion des Dompropstes, einer Schlüsselposition im Bistum und einem potentiellen Sprungbrett auf den Bischofssitz. Als dieser mit dem Tod Bischof Hermanns II. Mitte Juni vakant wurde, wählte ihn das Kapitel - nicht vor Ende August 1177 - zum neuen Bischof; Anfang 1178 erhielt er die Regalien vom Kaiser verliehen. Die Bischofsweihe konnte O. allerdings erst nach der endgültigen Beilegung des Schismas von Papst Alexander III. - anläßlich seiner Teilnahme am 3. Laterankonzil 1179 - in Rom erhalten, ebenso das Pallium. O. blieb auch in seiner neuen Funktion enger Berater des Kaisers, für den er häufig im Dienst des Reichs mit diplomatischen Aufträgen unterwegs war, was wiederum lange Zeiten der Abwesenheit von seinem Bistum mit sich brachten. 1187 reiste er als Gesandter Kaiser Friedrich Barbarossas zum Papst nach Rom, um dort erfolgreich eine Verständigung zwischen den beiden Mächten herzustellen; er begleitete den Stauferkaiser bei dessen Aufbruch zum 3. Kreuzzug bis nach Pressburg. Im Gefolge Heinrichs VI. war er 1191 anläßlich von dessen Kaiserkrönung erneut in Italien. - Vielfach treffen wir O. als Berater der beide staufischen Kaiser in deren nächster Umgebung bzw. auf den von ihnen abgehaltenen Reichsversammlungen. Wichtige Entscheidungen werden von ihm mitgetragen. Noch kurz vor seinem Tod unterzeichnete er im März 1196 die Urkunde über den sog. Erbreichsplan Kaiser Heinrichs. - Über herausragende Tätigkeiten im Bistum ist weit weniger bekannt. Als Förderer verschiedener Klöster, vor allem der Zisterze Langheim, tat sich O. hervor, was ihm den Beinamen "der Freigebige" einbrachte. Daneben förderte er das im bairischen Nordgau gelegene Benediktinerkloster Michelfeld. 1190 gründete er das Spital am Pyhrn (in den österreichischen Besitzungen Bambergs). Kirchlicher Höhepunkt von O.s Episkopat war die Heiligsprechung seines gleichnamigen Vorgängers Otto I. (1189). - Nachdem im Sommer 1185 seine Bischofskirche, der sog. Heinrichsdom in Bamberg, einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen war, scheint O. zumindest eine provisorische Übergangslösung geschaffen zu haben, bevor dann nach seinem Tod der eigentliche Wieder- bzw. Neuaufbau der Kathedralkirche in Angriff genommen werden konnte. Dieser blieb seinem Neffen Poppo [II.] (in seiner Eigenschaft als Dompropst) und seinem Großneffen Ekbert in dessen Episkopatszeit - daher häufig, wenn auch nicht ganz zutreffend "Ekbert-Bau" genannt - vorbehalten. O. dürfte sich allerdings bereits kräftig an der (Vor-)Finanzierung des Bauvorhabens beteiligt haben, was ihm später den bevorzugten Begräbnisplatz im Ostchor verschafft haben dürfte. - Unter seinem Episkopat gelang es den Andechsern, ihre Machtposition in Franken weiter auszubauen und einen immer größer werdenden Einfluß auf die Geschicke von Bistum und Hochstift zu gewinnen. Noch in der Regierungszeit O.s besetzten sein Neffe Poppo (später Elekt [1237-42]) und seine beiden Großneffen Berthold [V.] und Ekbert (später ebenfalls Bischof von Bamberg [1203-37]) als Pröpste der Bamberger Nebenstifte wichtige Schlüsselpositionen, nachdem schon zuvor der Sohn seiner Halbschwester, Heinrich von Berg († 1197), zwischen 1180 und 1191 die Würde des Dompropstes innehatte, bevor er zum Bischof von Würzburg aufstieg. Die personelle Durchdringung des Bistums durch eine benachbarte und territorial konkurrierende weltliche Familie erreichte damit einen ersten Höhepunkt. Nach O.s Tod dominierten Mitglieder der Andechser Familie die Politik von Bistum und Hochstift für ein weiteres halbes Jahrhundert. Durch die Verleihung verschiedener Bistumslehen und -rechte sowie die Vergabe von Vogteien, z.B. über Kloster Banz, an den weltlichen Zweig seiner Familie konsolidierte O. zudem entscheidend den territorialen Ausbau der Andechser Herrschaft im Obermaingebiet und sicherte deren weitere Einflußnahme auf das Hochstift. Dadurch legte er aber auch die entscheidenden Grundlagen für einige Jahrzehnte friedlichen Zusammenlebens von weltlicher und geistlicher Herrschaft in Oberfranken.
Quellen und Lit.: Das Wichtigste der Bamberg betreffenden Urkunden liegt heute im Staatsarchiv Bamberg, verzeichnet wurde es - allerdings mit veralteten Archivsignaturen - bei Looshorn, Geschichte (siehe dort). Ottos Beziehungen zu den Herrschern des Reichs lassen sich erschließen aus J. F. Böhmer, Regesta Imperii IV,2 und IV,3 (Reg.). - Æmilianus Ussermann, Episcopatus Bambergensis, St. Blasien 1802, 119-131 und passim; - Edmund Frhr. von Oefele, Geschichte der Grafen von Andechs, Innsbruck 1877; 23f.; - Johann Looshorn, Die Geschichte des Bisthums Bamberg II (1103-1303), München 1888 (ND Bamberg 1967), 515-575; - Friedrich Wachter, General-Personal-Schematismus der Erzdiöcese Bamberg 1007-1907, Bamberg 1908, 11 [Nr. 172]; - Erich Frhr. von Guttenberg (Bearb.), Das Bistum Bamberg I/1 [= Germania Sacra II/1], Berlin-Leipzig 1937, bes. 156-160; - Johannes Kist, Fürst- und Erzbistum Bamberg, Bamberg
31962, 41f.; Ders., Die Nachfahren des Grafen Berthold I. von Andechs, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung 27, 1967, 43 [Nr. II 3]; - Erich Meuthen, Die Aachener Pröpste bis zum Ende der Stauferzeit, in: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 78, 1966/67, 41-43; - Otto Meyer, Oberfranken im Hochmittelalter. Politik - Kultur - Gesellschaft, Bayreuth 1973, 147-151; Franz Machilek, Ottogedächtnis und Ottoverehrung auf dem Bamberger Michelsberg, in: Bericht des Historischen Vereins Bamberg 125, 1989, 20f.; - Jürgen Petersohn, Jubiläum, Heiligsprechung und Reliquienerhebung Bischof Ottos von Bamberg im Jahre 1189, in: ebd. 45f., 48, 55f.; - Alois Schütz, Das Geschlecht der Andechs-Meranier im europäischen Hochmittelalter, in: Josef Kirmeier (Hrsg.), Herzöge und Heilige - Ausstellungskatalog, München 1993, 66-68, Reg.; Ders., Die Andechs-Meranier in Franken und Europa, in: Die Andechs-Meranier in Franken. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter - Ausstellungskatalog, Mainz 1998, 21-25, Reg.; Ders., Die Grafen von Dießen und Andechs, Herzöge von Meranien, in: Armin Wolf (Hrsg.), Königliche Tochter-Stämme, Königswähler und Kurfürsten, Frankfurt a. M. 2002, 225-315, hier 277f., 280f.; - Karl Müssel, Bischof Otto II. vom Bamberg. Ein Lebensbild zum Gedenken an seinen Todestag vor 800 Jahren, in: Archiv für Geschichte von Oberfranken 76, 1996, 7-41; Ders., Der erste Andechser im "fränkischen Rom". Zum Gedenken an Bischof Otto II. von Bamberg (1177-1196), in: Frankenland 49 (1997) 116-120; - Klaus von Eickels, Die Andechs-Meranier und das Bistum Bamberg, in: Die Andechs-Meranier in Franken. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter - Ausstellungskatalog, Mainz 1998, 145-156; - Caroline Göldel, Otto von Andechs, Stiftspropst von Aachen, Bischof von Bamberg und das Tafelgüterverzeichnis, in: Die Andechs-Meranier in Franken. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter - Ausstellungskatalog, Mainz 1998, 75-79; - Ansgar Frenken, Die Andechs-Meranier als oberfränkische Territorialherren und Bischöfe von Bamberg, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 63, 2000, 711-786; - Sven Pflefka, Das Bistum Bamberg, Franken und das Reich in der Stauferzeit. Der Bamberger Bischof im Elitengefüge des Reiches 1138-1245, Volkach 2005, Reg.; - NDB 19, 1999, 670f. [L. Holzfurtner]; - Hans-Michael Körner, Große Bayerische Biographische Enzyklopädie 2, 2005, 1446.
Ansgar Frenken
Letzte Änderung: 09.04.2011