PARÉ, Ambroise (1510-1590). Der französische Wundarzt und Chirurg
Ambroise Paré wurde 1510 in Bourg-Hersent bei Laval geboren. Er erlernte
das Barbierhandwerk, und nahm als Feldscher und Wundarzt an vielen
Kriegen teil. Seine aus der Praxis geborene Kunst verschaffte ihm
solches Ansehen, daß er 1552 königlicher Chirurg (»Chirurgien du Roi«)
wurde. In dieser Eigenschaft diente er Heinrich II., Karl IX. und
Heinrich III. 1554 wurde er in das chirurgische Kollegium der Pariser
Medizinischen Fakultät (»Collège de Saint-Côme) aufgenommen, obwohl
er nie eine theoretische Ausbildung genossen hatte und des Lateinischen
unkundig war. Alle seine Schriften sind auf französisch abgefaßt,
wodurch P. einen wertvollen Beitrag zur Herausbildung einer medizinischen
Terminologie in dieser Sprache leistete; hierin ist seine Rolle mit
derjenigen des PARACELSUS im deutschen Sprachraum vergleichbar. -
P. war ein Praktiker, und seine Neuerungen stellten einen Durchbruch
in der Geschichte der Chirurgie und der Prothetik dar. Er führte die
Ligatur (Abbinden der Blutgefäße) bei Amputationen im Gegensatz zur
traditionellen Anwendung des Gluteisens zur Blutstillung ein und wandte
sich gegen das Ausgießen von Schußwunden mit siedendem Öl. Daneben
entwickelte er Prothesen von bisher nie gekannter Qualität: künstliche
Zähne, Panzer gegen Rückgratverkrümmungen, besonders jedoch künstliche
Gliedmaßen: zusammen mit einem anonymen Pariser Schlosser (dem »kleinen
Lothringer«), entwickelte P. eine bewegliche künstliche Hand, die
ein Schreibgerät halten konnte. Daneben beschäftigte er sich mit Monstern
und Mißgeburten; seine diesbezügliche Schrift stellt eine interessante
Quelle für naturkundliche Vorstellungen seiner Zeit dar; ebenso verfaßte
er eine Schrift über die Pest. - P. war wahrscheinlich Anhänger
der Reformation. Seine von Bibelzitaten, volkstümlichen Ausdrücken
und Anekdoten gespickte Sprache reflektiert oft besser als die Prosa
gelehrter Schriftsteller Denkformen und Vorstellungswelt seiner Zeit,
und seine Rolle als Mann aus dem Volke, der es - trotz divergierenden
Glaubens - durch reine Tüchtigkeit zum Vertrauten von Königen gebracht
hatte, führte schon früh zur populären Ausschmückung seines Lebens
und Wirkens mit halblegendärem Erzählgut.
Werke: Méthode de traiter les plaies faites par arquebuses
et autres bâtons à feu. Paris, 1545; Les dix livres de la Chirurgie.
Paris 1564; Cinq livres de Chirurgie. Paris, 1572; Deux livres de
Chirurgie. Paris, 1573 (darin als zweites Buch: »Des monstres tant
terrestres que marins«); Traité de la peste, de la petite vérole et
rougeole. Paris, 1586; L. Delaruelle/M. Soudrail (Hrsg.): Textes choisis
de Ambroise Paré. Paris, 1953; Animaux, monstres et prodiges. Paris,
1954. Übers.: (Engl.): Ambroise Paré: On Monsters and Marvels. Translation,
Introduction and Notes by J. R. Pallister. Chicago, 1982.
Lit.: J. Céard, »Des animaux et de l'excellence de l'homme«
in: M. T. Jones-Davies (Hrsg.), Le monde animal au temps de la Renaissance.
Paris, 1990, S. 11-25; - P. Smith, »Paré, lecteur de Rabelais« Études
rabelésiennes XVIII, 1985, S. 163-171; - H. Schott, Die Chronik der
Medizin. Dortmund, 1993, S. 147.