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Band VI. (1993) Spalten 1530-1531 Autor: Christoph Dröge

PARÉ, Ambroise (1510-1590). Der französische Wundarzt und Chirurg Ambroise Paré wurde 1510 in Bourg-Hersent bei Laval geboren. Er erlernte das Barbierhandwerk, und nahm als Feldscher und Wundarzt an vielen Kriegen teil. Seine aus der Praxis geborene Kunst verschaffte ihm solches Ansehen, daß er 1552 königlicher Chirurg (»Chirurgien du Roi«) wurde. In dieser Eigenschaft diente er Heinrich II., Karl IX. und Heinrich III. 1554 wurde er in das chirurgische Kollegium der Pariser Medizinischen Fakultät (»Collège de Saint-Côme) aufgenommen, obwohl er nie eine theoretische Ausbildung genossen hatte und des Lateinischen unkundig war. Alle seine Schriften sind auf französisch abgefaßt, wodurch P. einen wertvollen Beitrag zur Herausbildung einer medizinischen Terminologie in dieser Sprache leistete; hierin ist seine Rolle mit derjenigen des PARACELSUS im deutschen Sprachraum vergleichbar. - P. war ein Praktiker, und seine Neuerungen stellten einen Durchbruch in der Geschichte der Chirurgie und der Prothetik dar. Er führte die Ligatur (Abbinden der Blutgefäße) bei Amputationen im Gegensatz zur traditionellen Anwendung des Gluteisens zur Blutstillung ein und wandte sich gegen das Ausgießen von Schußwunden mit siedendem Öl. Daneben entwickelte er Prothesen von bisher nie gekannter Qualität: künstliche Zähne, Panzer gegen Rückgratverkrümmungen, besonders jedoch künstliche Gliedmaßen: zusammen mit einem anonymen Pariser Schlosser (dem »kleinen Lothringer«), entwickelte P. eine bewegliche künstliche Hand, die ein Schreibgerät halten konnte. Daneben beschäftigte er sich mit Monstern und Mißgeburten; seine diesbezügliche Schrift stellt eine interessante Quelle für naturkundliche Vorstellungen seiner Zeit dar; ebenso verfaßte er eine Schrift über die Pest. - P. war wahrscheinlich Anhänger der Reformation. Seine von Bibelzitaten, volkstümlichen Ausdrücken und Anekdoten gespickte Sprache reflektiert oft besser als die Prosa gelehrter Schriftsteller Denkformen und Vorstellungswelt seiner Zeit, und seine Rolle als Mann aus dem Volke, der es - trotz divergierenden Glaubens - durch reine Tüchtigkeit zum Vertrauten von Königen gebracht hatte, führte schon früh zur populären Ausschmückung seines Lebens und Wirkens mit halblegendärem Erzählgut.

Werke: Méthode de traiter les plaies faites par arquebuses et autres bâtons à feu. Paris, 1545; Les dix livres de la Chirurgie. Paris 1564; Cinq livres de Chirurgie. Paris, 1572; Deux livres de Chirurgie. Paris, 1573 (darin als zweites Buch: »Des monstres tant terrestres que marins«); Traité de la peste, de la petite vérole et rougeole. Paris, 1586; L. Delaruelle/M. Soudrail (Hrsg.): Textes choisis de Ambroise Paré. Paris, 1953; Animaux, monstres et prodiges. Paris, 1954. Übers.: (Engl.): Ambroise Paré: On Monsters and Marvels. Translation, Introduction and Notes by J. R. Pallister. Chicago, 1982.

Lit.: J. Céard, »Des animaux et de l'excellence de l'homme« in: M. T. Jones-Davies (Hrsg.), Le monde animal au temps de la Renaissance. Paris, 1990, S. 11-25; - P. Smith, »Paré, lecteur de Rabelais« Études rabelésiennes XVIII, 1985, S. 163-171; - H. Schott, Die Chronik der Medizin. Dortmund, 1993, S. 147.

Christoph Dröge