PHILIPPE, Joseph, Ordensmann und Bischof, * 3.4. 1877 in Rollingergrund
von unbemittelten Eltern. + 21.10. 1956. Als der Vater 1881
bereits starb und die Mutter ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände
Arbeit verdienen mußte, kam Ph. und seine jüngere Schwester zur Großmutter
nach Niederfeulen. Im Alter von 12 Jahren wurde Ph. als einer der
ersten Schüler zum Studium in die eben eröffnete Apostolische Schule
der Herz-Jesu-Priester in Clairefontaine (Arlon) angemeldet. Das Noviziat
machte Ph. in Sittard. Er nahm den Klosternamen Pater Josephus-Laurentius
an. Von 1900 bis 1903 studierte er im Priesterseminar S. Sulpice in
Issy-les-Moulineaux in der Nähe von Paris. Weil die Gregoriana in
Rom die akademischen Grade des Institut Catholique von Paris nicht
anerkannte, besuchte Ph. zunächst das Päpstliche Lyzeum im Römischen
Seminar. Am 28. Mai 1904 empfing er in S. Apollinaris in Rom die Priesterweihe
und erlangte am 18. Dezember 1905 den Titel eines römischen Doktors
der Theologie. Von 1906 bis 1913 lehrte Ph. neutestamentliche Exegese,
Liturgik und Homiletik im Scholastikat der Herz-Jesu-Priester in Luxemburg-Limpertsberg.
Am 24. Dezember 1911 wurde er vom Generalkapitel zusätzlich zum Generalsekretär
der Kongregation gewählt. Eine schleichende Krankheit zwang ihn, sein
Lehramt im Scholastikat aufzugeben. Von 1913 bis 1919 wirkte er als
Hauskaplan in Erlenbad (Schwarzwald) bei den Schwestern vom hl. Franziskus.
In seiner Freizeit pflegte er seine schriftstellerische Tätigkeit.
Von 1919 bis 1925 weilte er als Generalassistent des Stifters P. Léon
Dehon (1843-1925) in Bruxelles, wo damals das Generalat der Patres
war, bevor es nach Rom verlegt wurde. Auch übernahm er die seelsorgliche
Betreuung des »Home Sainte Marie«, wo die zahlreichen Dienstmägde
aus Luxemburg, die in der belgischen Hauptstadt dienten, ein Ersatzelternhaus
in der Ferne fanden. Als P. Dehon am 12. August 1925 gestorben war,
wählte das 19. Generalkapitel in Rom Ph. zum Generalobern der Kongregation.
Trotz einer seit 1933 schärfer auftretenden Arthritis gönnte der Obere
sich keine Schonung. Sein Wirken an der Spitze der Kongregation wurde
durch den Bau der Christ-König-Kirche in Rom gekrönt. Der Architekt
Marcello Piacentini konnte mit der vollen Unterstützung von Ph. in
Formen, die in klerikalen Kreisen eher auf Ablehnung stießen, in den
Jahren 1932 bis 1935 sein Fachkönnen unter Beweis stellen.In dieser,
von den Herz-Jesu-Priestern übernommenen Pfarrkirche in der Nähe von
Piazza Mazzini, damals noch nicht fertiggestellt, durfte Ph. am 9.
Juli 1935 mit päpstlicher Spezialvollmacht die Bischofsweihe empfangen.
Er war am 25. April 1935 zum Bischof-Koadjutor von Bi. Nommesch mit
dem Recht der Nachfolge in Luxemburg ernannt worden. Seinen bisherigen
Wahlspruch »Adveniat regnum tuum« (Dein Reich soll kommen, Lk. 11,2)
ließ er als Bischof durch »Pro animabus vestris« (Für eure Seelen,
2 Kor. 12,15) ersetzen. Klar sollte werden, daß er durch Innerlichkeit
seine Diözesanen zur geistigen Einheit im Reich Gottes führen wollte.
Das bewies er kurz nach seiner Thronbesteigung am 17. Oktober 1935,
nachdem Bi. Nommesch am 9. Oktober verstorben war. Eine der ersten
Entscheidungen brachte dem Oberhirten und seinem Klerus nicht geringen
Ärger ein. Er verbot am 24. Juni 1936 das öffentliche Mittragen der
»roten Fahne«, das Wahrzeichen der damals äußerst militanten, antiklerikalen,
sozialistischen und kommunistischen Arbeiterverbände, bei kirchlichen
Beerdigungen. Diese prinzipielle Entscheidung offenbarte die bischöfliche
Sorge, das christliche Leben zu befreien von allem rein äußerlichen
Gehaben. Ihm ging es um die scharfe Trennung von Politik und Religion.
In diese Richtung zeigte eine weitere Forderung, welche bei Gelegenheit
der flächendeckenden geistigen Erneuerung der Stadtpfarreien 1938
an sämtliche Volksmissionare als »ausdrücklicher Befehl« erging, »nicht
über die deutschen Zustände (zu) sprechen« und »eine Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus (sei) unangebracht«. Als am 10. Mai 1940
die deutsche Wehrmacht die Neutralität des Landes durch die Besetzung
widerrechtlich verletzte, und die Herrscherin I.K.H. Charlotte mit
ihrer Regierung aus Protest freiwillig für das Exil sich entschloß,
blieb Bi. Ph. bei seiner Herde. Er wurde zum Symbolzeichen für die
Einheit und den stummen Widerstand eines ganzen Volkes. Er selber
nahm nie persönlichen Kontakt mit der Besatzungsmacht und unterließ
selbst jeden Höflichkeitserweis an ihre Adresse. Durch den Bistumssekretär
Louis Hartmann übermittelte er scharfe Proteste, als viele Geistliche
seiner Diözese aus der Heimat vertrieben wurden oder in Konzentrationslagern
schmachten mußten, als die Wehrmacht die Eigentumsübertragung der
kirchlichen Güter, die Klösteraufhebung und die Abschaffung des Religionsunterrichtes
in den Schulen verordnete. Daß der Bi. in seinen Hirtenbriefen nur
religiöse Themen und keine zeitbezogenen behandelte und von den Kanzeln
keinen offiziellen Protest gegen die Maßnahmen der Zivilverwaltung verlesen ließ, wurde, ungerechtfertigt, ihm als Schwäche und
Ängstlichkeit ausgelegt. Er wußte genau, daß er als der »große Schweiger«
die letzte Autorität im Land geblieben war, und rechnete damit, daß
die Zivilverwaltung ihre Absicht, ihn, wie bereits alle französischen
Bischöfe in Elsaß und Lothringen, aus seinem Bistum zu vertreiben,
verwirklichen werde. Für diesen Fall hatte er dem Bi. von Trier alle
Vollmachten und Anweisungen gegeben. Das Vorhaben der Besatzungsmacht
scheiterte am Einspruch des deutschen Botschafters in Paris und des
SD-Hauptamtes in Berlin. Bi. Ph. wollte weder Held noch Martyrer sein,
sondern schweigender, leidender und betender Steuermann, der mit seinem
Klerus dem verschreckten, schwergeprüften Volk den Weg zeigte aus
Krieg und Umsiedlung und Zerstörung in der Winteroffensive 1944-1945
hinaus in eine gesicherte, teuer erkaufte Freiheit. Er war der Bischof
der Seelen, nicht der politisch gebundene und nicht der parteienhörige
Oberhirte. Er förderte das »Werk der geistigen Exerzitien« und die
Bewegung der »Katholischen Aktion«, wie die großen Päpste sie forderten.
Zum 1200. Gedenktag des Todes des hl. Willibrord erwirkte er von Papst
Pius XII am 1. Mai 1939 für die ehemalige Benediktinerabteikirche
in Echternach, wo der Heilige seit 1906 seine jetzige Ruhestätte gefunden
hatte, den päpstlichen Titel einer »Basilica minor«. Seit 1941 verschlimmerte
sich der Gesundheitszustand des Bi. durch die gichtartige Erkrankung,
die er von seiner Mutter geerbt hatte. Zeitweilig konnte er seine
Diözese nur vom Krankenlager aus »mit dem Kopf, wenn nicht mehr mit
den Füßen« leiten. Am 14. Mai 1949 gewährte Rom ihm einen Bischof-Koadjutor
in der Person von Dr. Léon Lommel, Professor am Priesterseminar in
Luxemburg. Als in Westeuropa nach Kriegsende der Begriff einer Einheitsgewerkschaft
zum Schlagwort wurde, forderte Bi. Ph. mit aller Entschiedenheit,
daß in seiner Diözese die Christliche Gewerkschaft erhalten bleibe.
In einem Hirtenbrief von 1949 belegte er die Unhaltbarkeit und die
Verwerflichkeit der sozialistischen und kommunistischen Theorien.
Im Hirtenbrief für die Fastenzeit 1951 griff er den Gedanken erneut
auf. »Die Gewerkschaft hat nur die Mission, den Arbeiter zu schützen
in den Fragen der Arbeit und in den Fragen des Lohnes und muß ihm
die Freiheit als Mensch und als Christ gewährleisten. (Sie) hat nicht
die Mission, Politik zu treiben, sei es in Wort oder Schrift, im Dienste
einer bestimmten Partei. Sie hat nur die Aufgabe, den Arbeitsprozeß
zu leiten nach den Gesetzen und nach dem Naturrecht, so wie es Gott
bestimmt hat und die Kirche es lehrt«. Die geistliche Fürsorge für
die Arbeiter bewirkte, daß aus den klassenkämpferischen Ersten-Mai-Feiern
ein christliches, marianisch betontes Fest wurde. In einem Bericht
über die Feiern des Marianischen Jahres 1954 regte Bi. Ph. in Rom
an, den »Tag der Arbeiter« durch ein eigenes Fest im Kirchenkalender
auszuzeichnen. Ein Jahr später wurde der Kult des hl. Josefs als Patron
der Arbeiter in der Weltkirche eingeführt. Bi. Ph. war stets bestrebt,
in seiner Diözese durch die Kanäle der »Katholischen Aktion« dem spürbar
werdenden Priestermangel überzeugte Laienkräfte zu erwecken. Er ist
der »Erwecker und der Neugestalter« des gesamten religiösen Lebens
im Bistum Luxemburg auf viele Jahrzehnte hinaus geworden. Im März
1951 berief er die Diözesansynode und paßte die kirchlichen Satzungen
seines Sprengels den Forderungen der Zeit an. Am 20. September 1953
wohnte der körperlich behinderte Bischof der Konsekration der neuerbauten
Basilika in Echternach bei, während sein Bischof-Koadjutor Léon Lommel,
umgeben vom Apostolischen Nuntius und von Bischöfen aus 7 europäischen
Bistümern, die Feier leitete. Am 21. Oktober 1956 beendete Ph. sein
irdisches Leben. Er wurde am 25. Oktober in der Krypta der Kathedrale
in Luxemburg unter starker Beteiligung aller Schichten des Volkes
beigesetzt.
Werke: Einer Mutter Lieben, Leiden und Sterben. Erinnerungen
an die ehrw. Mutter Alexia, Stifertin und erste Generaloberin der
Schwestern des hl. Franziskus, Mutterhaus in Milwaukee und Erlenbad,
1919; Trauerrede gehalten vor den Schwestern in der Kapelle des Mutterhauses
am Nachmittage der Beisetzung von der ehrw. Mutter Alexia am 5.2.
1918, v. P.J.Ph., Rektor; Die Genossenschaft der Franziskanerinnen.
Ihr Werden, Wollen, Wirken, Erlenbad 1919; In heiligen Hallen! Lebensskizzen
der Schwestern Maria Baptista und Maria Agnes OSF, Erlenbad 1919;
Hirtenbriefe u. Verordnungen, in: Kirchlicher Anzeiger für die Diözese
Luxemburg 1935-1956; Statuta synodalia Dioecesis Luxemburgensis episcopi
auctoritate edita, Luxbg 1951; Die Kongregation der Herz-Jesu-Priester.
Ihre Entstehung und ihre Entwicklung, in: Heimat und Mission, Clairefontaine
1937-1938 u. 1953-1956; Zahlreiche Beiträge religiösen Inhaltes in
kongregationseigenen Zeitschriften u. Gelegenheitsveröffentlichungen.
Lit.: Nekrolog in: Luxemburger Wort v. 22.10.1956 u. in:
Heimat und Mission, Clairefontaine 1956, Heft 11; - J.L. Ph.,
Episcopus Luxemburgensis, secundus Superior Generalis Congregationis
Sacerdotum a Sacro Corde Jesu, Romae 1958; - Robert Quardt, Für
eure Seelen. Leben und Werk des Bi. J. Ph. v. Luxemburg, Fribourg
1958; - Michael Faltz, Heimstätte U.L. Frau v. Luxemburg, Luxbg.
1948; - Emile Donckel, Die Kirche in Luxemburg von den Anfängen
bis zur Gegenwart, Luxbg. 1950; - Paul Weber, La nomination des
évêques au Luxembourg, in: Feuille de Liaison de la Confrérie Saint
Yves, Luxbg. 1968; - François Schwab, Hundert Jahre Bistum Luxemburg.
Luxemburger Priester als Bischof, in: Letzeburger Sonndesblad 1970;
- Ders., Luxemburger Priester litten, stritten, starben für Heimat
und Kirche, in: Zeitung für die Katholische Aktion, Luxbg. 1972; -
Henri Koch-Kent, 10 mai 1940 en Luxembourg. Témoignages et documents,
Luxbg. 1971; - Frédéric Rasqué, Te Matrem praedicamus, Oktavprediger
1666-1966, Luxbg. 1973; - Carole Mersch, Le national-socialisme
et la presse luxembourgeoise de 1933 à 1940, Luxbg. 1977; - Paul
Cerf, De l'épuration au Grand-Duché après la seconde guerre mondiale,
Luxbg. 1980; - Claude Wey, Les fondements idéologiques et sociologiques
de la collaboration luxembourgeoise pendant la seconde guerre mondiale
(WA Ms) Luxbg. 1981; - François Karels, Dankbare Erinnerung an
einen großen Bischof, in: Annuaire de l'ALUC, Luxbg. 1981; - Ders.,
Abdr. in: Heimat und Mission, Clairefontaine 1982; - Victor Conzemius,
Aus den Annalen des Luxemburger Caritasverbandes, in: Cinquantenaire
de la Caritas 1932-1982, Luxbg. 1982; - Marcel Engel u. André
Hohengarten, Hinzert. Das SS-Sonderlager im Hunsrück 1939-1945, Luxbg.
1983; - Erwin Gatz, Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder,
Berlin 1983; - Paul Dostert, Katholiken und Kirche im Zweiten
Weltkrieg, in: Nos Cahiers, Luxbg. 1991; - René Fisch, Die Luxemburger
Kirche im 2. Weltkrieg. Dokumente, Zeugnisse, Lebensbilder, Luxbg.
1991; - Marcel Lenertz u. J.Cl. Muller, Les Evêques/Archevêques
de Luxembourg. Lignes agnatiques, jalons biographiques et armoiries,
in: Annuaire (Jahrbuch) de l'Association Luxembourgeoise de Généalogie
et d' Héraldique, Luxbg. 1991; - Erwin Gatz (Hrsg.), Geschichte
des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende
des 18. Jahrhunderts. Bd. II. Kirche und Muttersprache. Ausländerseelsorge,
nichtdeutschsprachige Volksgruppen. Herder 1992.