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Band VII (1994)Spalten 493-498 Autor: Jean Malget

PHILIPPE, Joseph, Ordensmann und Bischof, * 3.4. 1877 in Rollingergrund von unbemittelten Eltern. + 21.10. 1956. Als der Vater 1881 bereits starb und die Mutter ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände Arbeit verdienen mußte, kam Ph. und seine jüngere Schwester zur Großmutter nach Niederfeulen. Im Alter von 12 Jahren wurde Ph. als einer der ersten Schüler zum Studium in die eben eröffnete Apostolische Schule der Herz-Jesu-Priester in Clairefontaine (Arlon) angemeldet. Das Noviziat machte Ph. in Sittard. Er nahm den Klosternamen Pater Josephus-Laurentius an. Von 1900 bis 1903 studierte er im Priesterseminar S. Sulpice in Issy-les-Moulineaux in der Nähe von Paris. Weil die Gregoriana in Rom die akademischen Grade des Institut Catholique von Paris nicht anerkannte, besuchte Ph. zunächst das Päpstliche Lyzeum im Römischen Seminar. Am 28. Mai 1904 empfing er in S. Apollinaris in Rom die Priesterweihe und erlangte am 18. Dezember 1905 den Titel eines römischen Doktors der Theologie. Von 1906 bis 1913 lehrte Ph. neutestamentliche Exegese, Liturgik und Homiletik im Scholastikat der Herz-Jesu-Priester in Luxemburg-Limpertsberg. Am 24. Dezember 1911 wurde er vom Generalkapitel zusätzlich zum Generalsekretär der Kongregation gewählt. Eine schleichende Krankheit zwang ihn, sein Lehramt im Scholastikat aufzugeben. Von 1913 bis 1919 wirkte er als Hauskaplan in Erlenbad (Schwarzwald) bei den Schwestern vom hl. Franziskus. In seiner Freizeit pflegte er seine schriftstellerische Tätigkeit. Von 1919 bis 1925 weilte er als Generalassistent des Stifters P. Léon Dehon (1843-1925) in Bruxelles, wo damals das Generalat der Patres war, bevor es nach Rom verlegt wurde. Auch übernahm er die seelsorgliche Betreuung des »Home Sainte Marie«, wo die zahlreichen Dienstmägde aus Luxemburg, die in der belgischen Hauptstadt dienten, ein Ersatzelternhaus in der Ferne fanden. Als P. Dehon am 12. August 1925 gestorben war, wählte das 19. Generalkapitel in Rom Ph. zum Generalobern der Kongregation. Trotz einer seit 1933 schärfer auftretenden Arthritis gönnte der Obere sich keine Schonung. Sein Wirken an der Spitze der Kongregation wurde durch den Bau der Christ-König-Kirche in Rom gekrönt. Der Architekt Marcello Piacentini konnte mit der vollen Unterstützung von Ph. in Formen, die in klerikalen Kreisen eher auf Ablehnung stießen, in den Jahren 1932 bis 1935 sein Fachkönnen unter Beweis stellen.In dieser, von den Herz-Jesu-Priestern übernommenen Pfarrkirche in der Nähe von Piazza Mazzini, damals noch nicht fertiggestellt, durfte Ph. am 9. Juli 1935 mit päpstlicher Spezialvollmacht die Bischofsweihe empfangen. Er war am 25. April 1935 zum Bischof-Koadjutor von Bi. Nommesch mit dem Recht der Nachfolge in Luxemburg ernannt worden. Seinen bisherigen Wahlspruch »Adveniat regnum tuum« (Dein Reich soll kommen, Lk. 11,2) ließ er als Bischof durch »Pro animabus vestris« (Für eure Seelen, 2 Kor. 12,15) ersetzen. Klar sollte werden, daß er durch Innerlichkeit seine Diözesanen zur geistigen Einheit im Reich Gottes führen wollte. Das bewies er kurz nach seiner Thronbesteigung am 17. Oktober 1935, nachdem Bi. Nommesch am 9. Oktober verstorben war. Eine der ersten Entscheidungen brachte dem Oberhirten und seinem Klerus nicht geringen Ärger ein. Er verbot am 24. Juni 1936 das öffentliche Mittragen der »roten Fahne«, das Wahrzeichen der damals äußerst militanten, antiklerikalen, sozialistischen und kommunistischen Arbeiterverbände, bei kirchlichen Beerdigungen. Diese prinzipielle Entscheidung offenbarte die bischöfliche Sorge, das christliche Leben zu befreien von allem rein äußerlichen Gehaben. Ihm ging es um die scharfe Trennung von Politik und Religion. In diese Richtung zeigte eine weitere Forderung, welche bei Gelegenheit der flächendeckenden geistigen Erneuerung der Stadtpfarreien 1938 an sämtliche Volksmissionare als »ausdrücklicher Befehl« erging, »nicht über die deutschen Zustände (zu) sprechen« und »eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (sei) unangebracht«. Als am 10. Mai 1940 die deutsche Wehrmacht die Neutralität des Landes durch die Besetzung widerrechtlich verletzte, und die Herrscherin I.K.H. Charlotte mit ihrer Regierung aus Protest freiwillig für das Exil sich entschloß, blieb Bi. Ph. bei seiner Herde. Er wurde zum Symbolzeichen für die Einheit und den stummen Widerstand eines ganzen Volkes. Er selber nahm nie persönlichen Kontakt mit der Besatzungsmacht und unterließ selbst jeden Höflichkeitserweis an ihre Adresse. Durch den Bistumssekretär Louis Hartmann übermittelte er scharfe Proteste, als viele Geistliche seiner Diözese aus der Heimat vertrieben wurden oder in Konzentrationslagern schmachten mußten, als die Wehrmacht die Eigentumsübertragung der kirchlichen Güter, die Klösteraufhebung und die Abschaffung des Religionsunterrichtes in den Schulen verordnete. Daß der Bi. in seinen Hirtenbriefen nur religiöse Themen und keine zeitbezogenen behandelte und von den Kanzeln keinen offiziellen Protest gegen die Maßnahmen der Zivilverwaltung verlesen ließ, wurde, ungerechtfertigt, ihm als Schwäche und Ängstlichkeit ausgelegt. Er wußte genau, daß er als der »große Schweiger« die letzte Autorität im Land geblieben war, und rechnete damit, daß die Zivilverwaltung ihre Absicht, ihn, wie bereits alle französischen Bischöfe in Elsaß und Lothringen, aus seinem Bistum zu vertreiben, verwirklichen werde. Für diesen Fall hatte er dem Bi. von Trier alle Vollmachten und Anweisungen gegeben. Das Vorhaben der Besatzungsmacht scheiterte am Einspruch des deutschen Botschafters in Paris und des SD-Hauptamtes in Berlin. Bi. Ph. wollte weder Held noch Martyrer sein, sondern schweigender, leidender und betender Steuermann, der mit seinem Klerus dem verschreckten, schwergeprüften Volk den Weg zeigte aus Krieg und Umsiedlung und Zerstörung in der Winteroffensive 1944-1945 hinaus in eine gesicherte, teuer erkaufte Freiheit. Er war der Bischof der Seelen, nicht der politisch gebundene und nicht der parteienhörige Oberhirte. Er förderte das »Werk der geistigen Exerzitien« und die Bewegung der »Katholischen Aktion«, wie die großen Päpste sie forderten. Zum 1200. Gedenktag des Todes des hl. Willibrord erwirkte er von Papst Pius XII am 1. Mai 1939 für die ehemalige Benediktinerabteikirche in Echternach, wo der Heilige seit 1906 seine jetzige Ruhestätte gefunden hatte, den päpstlichen Titel einer »Basilica minor«. Seit 1941 verschlimmerte sich der Gesundheitszustand des Bi. durch die gichtartige Erkrankung, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Zeitweilig konnte er seine Diözese nur vom Krankenlager aus »mit dem Kopf, wenn nicht mehr mit den Füßen« leiten. Am 14. Mai 1949 gewährte Rom ihm einen Bischof-Koadjutor in der Person von Dr. Léon Lommel, Professor am Priesterseminar in Luxemburg. Als in Westeuropa nach Kriegsende der Begriff einer Einheitsgewerkschaft zum Schlagwort wurde, forderte Bi. Ph. mit aller Entschiedenheit, daß in seiner Diözese die Christliche Gewerkschaft erhalten bleibe. In einem Hirtenbrief von 1949 belegte er die Unhaltbarkeit und die Verwerflichkeit der sozialistischen und kommunistischen Theorien. Im Hirtenbrief für die Fastenzeit 1951 griff er den Gedanken erneut auf. »Die Gewerkschaft hat nur die Mission, den Arbeiter zu schützen in den Fragen der Arbeit und in den Fragen des Lohnes und muß ihm die Freiheit als Mensch und als Christ gewährleisten. (Sie) hat nicht die Mission, Politik zu treiben, sei es in Wort oder Schrift, im Dienste einer bestimmten Partei. Sie hat nur die Aufgabe, den Arbeitsprozeß zu leiten nach den Gesetzen und nach dem Naturrecht, so wie es Gott bestimmt hat und die Kirche es lehrt«. Die geistliche Fürsorge für die Arbeiter bewirkte, daß aus den klassenkämpferischen Ersten-Mai-Feiern ein christliches, marianisch betontes Fest wurde. In einem Bericht über die Feiern des Marianischen Jahres 1954 regte Bi. Ph. in Rom an, den »Tag der Arbeiter« durch ein eigenes Fest im Kirchenkalender auszuzeichnen. Ein Jahr später wurde der Kult des hl. Josefs als Patron der Arbeiter in der Weltkirche eingeführt. Bi. Ph. war stets bestrebt, in seiner Diözese durch die Kanäle der »Katholischen Aktion« dem spürbar werdenden Priestermangel überzeugte Laienkräfte zu erwecken. Er ist der »Erwecker und der Neugestalter« des gesamten religiösen Lebens im Bistum Luxemburg auf viele Jahrzehnte hinaus geworden. Im März 1951 berief er die Diözesansynode und paßte die kirchlichen Satzungen seines Sprengels den Forderungen der Zeit an. Am 20. September 1953 wohnte der körperlich behinderte Bischof der Konsekration der neuerbauten Basilika in Echternach bei, während sein Bischof-Koadjutor Léon Lommel, umgeben vom Apostolischen Nuntius und von Bischöfen aus 7 europäischen Bistümern, die Feier leitete. Am 21. Oktober 1956 beendete Ph. sein irdisches Leben. Er wurde am 25. Oktober in der Krypta der Kathedrale in Luxemburg unter starker Beteiligung aller Schichten des Volkes beigesetzt.

Werke: Einer Mutter Lieben, Leiden und Sterben. Erinnerungen an die ehrw. Mutter Alexia, Stifertin und erste Generaloberin der Schwestern des hl. Franziskus, Mutterhaus in Milwaukee und Erlenbad, 1919; Trauerrede gehalten vor den Schwestern in der Kapelle des Mutterhauses am Nachmittage der Beisetzung von der ehrw. Mutter Alexia am 5.2. 1918, v. P.J.Ph., Rektor; Die Genossenschaft der Franziskanerinnen. Ihr Werden, Wollen, Wirken, Erlenbad 1919; In heiligen Hallen! Lebensskizzen der Schwestern Maria Baptista und Maria Agnes OSF, Erlenbad 1919; Hirtenbriefe u. Verordnungen, in: Kirchlicher Anzeiger für die Diözese Luxemburg 1935-1956; Statuta synodalia Dioecesis Luxemburgensis episcopi auctoritate edita, Luxbg 1951; Die Kongregation der Herz-Jesu-Priester. Ihre Entstehung und ihre Entwicklung, in: Heimat und Mission, Clairefontaine 1937-1938 u. 1953-1956; Zahlreiche Beiträge religiösen Inhaltes in kongregationseigenen Zeitschriften u. Gelegenheitsveröffentlichungen.

Lit.: Nekrolog in: Luxemburger Wort v. 22.10.1956 u. in: Heimat und Mission, Clairefontaine 1956, Heft 11; - J.L. Ph., Episcopus Luxemburgensis, secundus Superior Generalis Congregationis Sacerdotum a Sacro Corde Jesu, Romae 1958; - Robert Quardt, Für eure Seelen. Leben und Werk des Bi. J. Ph. v. Luxemburg, Fribourg 1958; - Michael Faltz, Heimstätte U.L. Frau v. Luxemburg, Luxbg. 1948; - Emile Donckel, Die Kirche in Luxemburg von den Anfängen bis zur Gegenwart, Luxbg. 1950; - Paul Weber, La nomination des évêques au Luxembourg, in: Feuille de Liaison de la Confrérie Saint Yves, Luxbg. 1968; - François Schwab, Hundert Jahre Bistum Luxemburg. Luxemburger Priester als Bischof, in: Letzeburger Sonndesblad 1970; - Ders., Luxemburger Priester litten, stritten, starben für Heimat und Kirche, in: Zeitung für die Katholische Aktion, Luxbg. 1972; - Henri Koch-Kent, 10 mai 1940 en Luxembourg. Témoignages et documents, Luxbg. 1971; - Frédéric Rasqué, Te Matrem praedicamus, Oktavprediger 1666-1966, Luxbg. 1973; - Carole Mersch, Le national-socialisme et la presse luxembourgeoise de 1933 à 1940, Luxbg. 1977; - Paul Cerf, De l'épuration au Grand-Duché après la seconde guerre mondiale, Luxbg. 1980; - Claude Wey, Les fondements idéologiques et sociologiques de la collaboration luxembourgeoise pendant la seconde guerre mondiale (WA Ms) Luxbg. 1981; - François Karels, Dankbare Erinnerung an einen großen Bischof, in: Annuaire de l'ALUC, Luxbg. 1981; - Ders., Abdr. in: Heimat und Mission, Clairefontaine 1982; - Victor Conzemius, Aus den Annalen des Luxemburger Caritasverbandes, in: Cinquantenaire de la Caritas 1932-1982, Luxbg. 1982; - Marcel Engel u. André Hohengarten, Hinzert. Das SS-Sonderlager im Hunsrück 1939-1945, Luxbg. 1983; - Erwin Gatz, Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder, Berlin 1983; - Paul Dostert, Katholiken und Kirche im Zweiten Weltkrieg, in: Nos Cahiers, Luxbg. 1991; - René Fisch, Die Luxemburger Kirche im 2. Weltkrieg. Dokumente, Zeugnisse, Lebensbilder, Luxbg. 1991; - Marcel Lenertz u. J.Cl. Muller, Les Evêques/Archevêques de Luxembourg. Lignes agnatiques, jalons biographiques et armoiries, in: Annuaire (Jahrbuch) de l'Association Luxembourgeoise de Généalogie et d' Héraldique, Luxbg. 1991; - Erwin Gatz (Hrsg.), Geschichte des kirchlichen Lebens in den deutschsprachigen Ländern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Bd. II. Kirche und Muttersprache. Ausländerseelsorge, nichtdeutschsprachige Volksgruppen. Herder 1992.

Jean Malget