Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XXII (2003)Spalten 1045-1048 Wilhelm Baum

PAPA BAR AGGAI, Katholikos der apostolischen Kirche des Ostens (291? - 325/6) † zw. 325 u. 334/35 (?). - Der Aramäer Papa war der erste Bischof der persischen Reichshauptstadt Seleukia-Ktesiphon, der später als Katholikos-Patriarch des Ostens bezeichnet wurde und sich um einen organisatorischen Zusammenschluß der Kirchen im Perserreich bemühte. Die Aussage des ostsyrischen Geschichtsschreibers Mari ibn Sulaiman (12. Jh.), der 256 aus Antiochien von den Persern verschleppte Patriarch Demetrian von Antiochien († 260) sei von Papa, dem "Katholikos des Ostens" bestätigt worden, ist chronologisch nicht möglich. Mari berichtet, daß Papa aus Babylonien stammte und die persische Sprache beherrschte. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins I., habe ihn finanziell unterstützt. Die "Akten des Mari" bezeichnen Papa als Nachfolger Maris - eine Legitimationsstrategie ohne historischen Wert! Hält man die von Mingana herausgegebene Chronik von Arbela (Mitte 6. Jh.?) für authentisch, erfolgte die Weihe Papas zum Bischof der Reichshauptstadt durch Bischof Aha d-Abuhi von Arbela († 291), also spätestens 291; Papa war Bischof bis zur Zeit Schahpurs II. (ca. 329). Er soll die Hyparchien (Provinzen) Elam (Bet Huzaje), Nisibis, Maisan und Adiabene gegründet haben, zu denen 325 Bet Garmai gekommen sein soll. Die Chronik von Arbela berichtet auch, Papa habe seinen Gegenspieler Simon (I.) bar Sabba dadurch für sich gewonnen, daß er ihm als "Patriarch" nach seinem Tode bestimmt habe. Als die Bischöfe und das Volk Papas Ansinnen, Autorität über alle Bischöfe des Sassanidenreiches zu erhalten, "als ob ein einziges Oberhaupt nötig sei", auf einer Synode von Seleukia - von der keine Akten erhalten sind - zurückgewiesen hätten, habe er sich an die Bischöfe des Westens (im Imperium Romanum) gewandt, um von diesen Unterstützung zu erhalten. Die Authentizität der Korrespondenz Papas mit den Bischöfen des Westens (z. B. Edessa) ist jedoch fraglich. Die ostsyrische Chronik von Seert (n. 1036) setzt Papa in die Zeit Papst Stephans I. (254-257) (!) und Großkönig Bahrams II. (276-293), mit dem es anscheinend zu einem Gespräch über das Zölibat kam. Der Widerstand des Klerus gegen Papa wird 424 auf der Synode des Dadisho in einer Rede des Agapet von Gondesschahpur beschworen. Entsprechend den Tendenzen dieser Synode wird hier versucht, den patriarchalen Rang von Seleukia-Ktesiphon zu begründen. Zur zweiten Version der Quellen gehören die "Acta Milis", die den Standpunkt der Opposition wiedergeben. Der Primatsanspruch Papas wurde offensichtlich 313 erhoben und von Bischof Miles von Gondesschahpur zurückgewiesen; in den "Akten des Mar Miles" ist die Rede davon, daß der Autoritätsanspruch des Bischofs der Reichshauptstadt zurückgewiesen wurde. Papa wandte sich u. a. auch an den Bischof Sada von Edessa (313-323). Daraus ergibt sich in etwa das Jahr 313 als erster eindeutig gesicherter Terminus a quo aus der Amtszeit Papas. Offensichtlich war Simon bar Sabba der Anführer der Opposition. Spätere Quellen berichten von der Absetzung Papas, an dessen Stelle Simon I. getreten sei, dessen Familie über gute Beziehung zum Hof des Großkönigs verfügt habe. Der spätere Katholikos Timotheos I. hielt die Schreiben der westlichen Patriarchen an Papa für echt; Abdisho bar Brikha (14. Jh.) gibt den angeblichen Brief der westlichen Väter an Papa im Wortlaut wieder. Nach der Rede des Agapet begann die Christenverfolgung Schahpurs II., der auch Simon I. zum Opfer fiel, in der Zeit nach 340. Nach der Chronik von Seert nahm Papa 325 infolge seines hohen Alters nicht am Konzil von Nicaea teil, zu dem er Simon I. geschickt habe. Der Geschichtsschreiber Amr ibn Matta berichtet im 14. Jh., Papa sei 247 zur Zeit Schahpurs I. Patriarch geworden. Derartige Ausführungen belegen, daß das Bild des ersten Bischofs von Ktesiphon, der die Stellung eines Katholikos beanspruchte, auch in seiner eigenen Kirche verschwommen blieb. Aus den widersprüchlichen Berichten läßt sich kein letztlich konsistentes Bild gewinnen. Der Briefwechsel Papas mit der Kaiserin Helena und den westlichen Kirchenvätern ist eine spätere Fälschung, die möglicherweise auf den Katholikos Jausep († 575/6) zurückgeht; Barhebraeus berichtet, Jausep habe die auf Papa bezügliche Geschichte erfunden, um sich über seine Absetzung hinwegzutrösten. Auch der bei Johannes von Penek überlieferte Brief von 309, nach dem Rechte des Patriarchalsitzes von Antiochien auf Seleukia-Ktesiphon übertragen worden sein sollen, ist eine spätere Fälschung. Timotheos I. berichtet um 800, der ostsyrische Kirchengeschichtsschreiber Daniel bar Maryam (7. Jh.) habe die Nachrichten über Papa einer kritischen Prüfung unterzogen. Bezeichnend ist auch, daß der Beginn der ostsyrischen Kirchengeschichtsschreibung erst mit Papa in Verbindung gebracht wird. Papa ist der erste eindeutig nachweisbare Bischof der Reichshauptstadt; auch die Liste seiner Nachfolger läßt sich nicht mit Sicherheit vollständig feststellen. Nach Elias von Nisibis († 1046) starb Papa im 20. Jahr der Regierung Schahpurs II. (309-379); er stützt sich dabei auf Timotheos I. Für sein übriges Wissen über Papa beruft er sich auf die Kirchengeschichte des Isodenah von Basra (9. Jh.), der schreibt, Papa sei 67 Jahre Katholikos gewesen! Nach Mari starb Papa noch zu Lebzeiten Schahpurs I. (241-270/73), nach Amr ibn Matta im 18. Jahr Schahpurs II., also etwa 325/26. Nach Barhebraeus († 1286) soll Papa erst 334/335 gestorben sein. Zur Zeit der Christenverfolgung Schahpurs II. (um 340) war er bereits tot. Der Vergleich der Quellen zeigt die große Unsicherheit auch bei den wichtigsten ostsyrischen Kirchenhistorikern. Von der Stellung eines Katholikos, wie sie bei den Synoden von 410, 420 und 424 sichtbar wird, kann zur Zeit des Konzils von Nicaea in Persien noch keine Rede sein; es wäre auch wenig glaubhaft, daß sie hier früher als im Imperium Romanum entstanden wäre. Die verworrene Lebensgeschichte des Bischofs der Reichshauptstadt spiegelt die Schwierigkeiten der Christen wieder, sich in einem Reich zu organisieren, in dem man letztlich nur eine allenfalls geduldete Minderheit darstellte. 410 wurde Isaak I. auf der 1. Gesamtsynode aller Christen des Perserreiches als Katholikos des Orients bezeichnet; dabei tritt dieser Titel erstmals auf. Erst die Synode von 424, die eine Berufungsinstanz über den eigenen Katholikos hinaus für unmöglich erklärte, war die Voraussetzung der Autokephalie der "Apostolischen Kirche des Ostens", deren Oberhaupt sich bald darauf mit letzter Konsequenz als Katholikos-Patriarch bezeichnete.

Quellen: Maris Amri Slibae de Patriarchis Nestorianorum commentarii, hrsg. v. H. Gismondi, Rom 1899; Das Buch der Synhados oder Synodicon Orientale. Die Sammlung der nestorianischen Konzilien, zusammengestellt im 9.Jh., hrsg. v. Oscar Braun (1900), ND Amsterdam 1975; Chronik v. Seert. Histoire nestorienne, hrsg. v. Addai Scher, in: PO 4/3, Paris 1908, 215-313 (1.T.); Eliae Metropolitae Nisibeni Opus Chronologicum, ed. E.W.Brooks, (= CSCO III/7), Leipzig 1910; Die Chronik von Arbela, hrsg. v. Peter Kawerau, (= CSCO 468 Scriptores Syri 200), Löwen 1985.

Lit.: Braun Oskar: Der Briefwechsel des Katholikos Papa von Seleucia. Ein Beitrag zur Geschichte der ostsyrischen Kirche im 4. Jh., in: Zeitschrift für katholische Theologie 18, 164-182 u. 546-565; - Labourt Jérome: Le Christianisme dans l' Empire Perse sous la dynastie sassanide (224-632), 2. Aufl., Paris 1904; - Baumstark Anton: Geschichte der syrischen Literatur, Bonn 1922; - Tisserant Eugène u. Amann Émile: L' église nestorienne, in: Dictionnaire de théologie catholique 11, 1931, 157-323, bes. 161ff; - De Vries Wilhelm: Antiochien und Seleucia-Ctesiphon, Patriarch und Katholikos? in: Mélanges E. Tisserant 3: Orient Chrétien II, (= Studi e Testi 233), Città del Vaticano 1964, 429-450; - Müller Caspar Detlef Gustav: Stellung und Bedeutung des Katholikos-Patriarchen von Seleukeia-Ktesiphon im Altertum, in: Oriens Christianus 53, 1969, 229-231; - Hage Wolfgang: Die oströmische Staatskirche und die Christenheit des Perserreiches, in: ZKG 84, 1973, 174-187; - Gerö Stephen: "Die Kirche des Ostens". Zum Christentum in Persien in der Spätantike, in: Ostkirchliche Studien 30, 1981, 22-27; - Selb Walter: Orientalisches Kirchenrecht I: Die Geschichte des Kirchenrechts der Nestorianer, (= Sitzungsberichte der Österr. Akademie d. Wiss., phil.-histor. Kl. 388), Wien 1981; - De Vries Wilhelm: Die Patriarchen der nichtkatholischen syrischen Kirchen, in: Ostkirchliche Studien 33, 1984, 3-45; - Schwaigert Wolfgang: Das Christentum in Huzistan im Rahmen der frühen Kirchengeschichte Persiens bis zur Synode von Seleukeia-Ktesiphon im Jahre 410, Marburg 1989; - Hugh Mofett Samuel: A History of Christianity in Asia, vol. 1, New York 1998; - Baum Wilhelm - Winkler Dietmar: Die Apostolische Kirche des Ostens. Geschichte der sogenannten Nestorianer, Klagenfurt 2000 (engl. London 2003); - Garsoian Nina: Persien: Die Kirche des Ostens, in: Geschichte des Christentums, Bd. 3: 431-642), Freiburg-Basel-Wien 2001, 1161-1186.

Wilhelm Baum

Letzte Änderung: 21.09.2003