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Band VI (1993)Spalten 1497-1502 Autor: Ingeborg Dorchenas

PAPPUS, Johannes, lutherischer Theologe, * 16.1. 1549 zu Lindau/Bodensee, + 13.7. 1610. - J. P. spielte eine führende Rolle im Streit um die Durchsetzung des strengen Protestantismus gegenüber der Neutralität der Stadt Straßburg zwischen lutherischen und reformierten Ländern. Der Vater, aus einem Patriziergeschlecht stammend, strenger Lutheraner und Bürgermeister in Lindau, schickte den Dreizehnjährigen 1562 zur Ausbildung nach Straßburg, wo der berühmte Theologe Johannes Marbach lehrte. Der junge Pappus bezog erst das Gymnasium, dann als Student der Theologie die Universität. 1564 wechselte er nach Tübingen und promovierte dort zum Baccalaureus. Als Hauslehrer beim Grafen von Falkenstein (1566/67) begleitet er diesen auch auf seinen Reisen, geht jedoch schon bald wieder zurück nach Straßburg, um seine Studien zu vollenden. 1570 findet man ihn als Vikar im oberelsässischen Reichenweyer, das damals unter württembergischer Oberhoheit stand. Alsbald macht er in Straßburg theologische Karriere. Ab 1570 wirkt er dort als Lehrer der hebräischen Sprache und als Freiprediger im Kirchendienst, erwirbt 1571 in Basel den Magistergrad, 1573 in Tübingen den Doktorhut, tritt als Scholarch in die Aufsichtsbehörde der Straßburger Hochschule, wo er seit 1576 durch Vermittlung des Straßburger Rektors Johannes Sturm über Exegese und Kirchengeschichte liest, wird 1575 Stiftsherr im Thomaskapitel, und 1578 offizieller Münsterprediger und ordentlicher Professor der Theologie. Dieser Aufstieg zum einflußreichen Lehrer und Prediger ging jedoch nicht ohne Anfeindungen und Probleme vor sich. Schon als Hebräisch-Hochschullehrer gerät er in Konflikt mit seinem vormaligen Förderer Marbach, der diesen Posten eigentlich seinem Sohne zugedacht hatte. Von weit größerer Tragweite aber war der theologische Streit mit Joh. Sturm, aus dem der größte Teil seines Schrifttums resultiert. Von P.s über 30 Schriften mit polemischem, exegetischem und kirchengeschichtlichem Inhalt sind bei weitem die meisten Streitschriften gegen den Kontrahenten Sturm. - Auf dem Reichstag zu Augsburg hatte Straßburg eine vermittelnde Haltung eingenommen, die aber bereits Butscher unterlief. Seit Butschers Weggang hatte die Straßburger Kirche unter Marbachs Einfluß gestanden, der als Professor und als Präsident des Kirchenkonvents die theologisch strenge Richtung vertrat und die Aufgabe der kirchlichen Neutralität der Stadt zugunsten eines orthodoxen Luthertums propagierte. - Ein Kampf, den P. gegen Sturms freiere Haltung fortführte und schließlich auch gewann. Zentraler Glaubensartikel war dabei die sog. Straßburger Konkordie vom März 1563 - ein von Jakob Andreae verfaßtes Bekenntnis über die Prädestination. Generell läßt sich sagen, daß die kirchlichen Institutionen, so das Kirchenkonvent und das Thomaskapitel, die strenge, die meisten Hochschullehrer aber die liberale Haltung einnahmen, allen voran der Rektor Sturm. Der bedeutende Schulmann und erfolgreiche Diplomat setzte darauf, den Bruch der Stadt mit der reformierten Kirche zu vermeiden und vertrat daher das alte Straßburger Bekenntnis, die sog. Tetrapolitana, während P. für die Durchsetzung der Konkordienformel kämpfte. Der Magistrat zögerte lange, auch noch, als Herzog Ludwig v. Württemberg auf Anerkennung der Formula Concordiae drängte. Es mißfiel ihm nicht nur das unversöhnliche Drängen von Geistlichkeit und Konvent, sondern es widerstrebte ihm auch, die bisher in freundschaftlichem Einvernehmen mit der Stadt lebenden reformierten Gemeinden der Vernichtung anheim zu geben. Hier legte sich nun Pappus ins Zeug. Die Straßburger Gepflogenheit, jeden Samstag Disputationes abzuhalten, sollte bald zu einem Forum für einen heftigen Streit zwischen beiden Richtungen werden, deren Protagonisten eben Pappus und Sturm waren. In 68 Thesen »de caritate christiana« ging P. der Frage nach, ob das »damnamus« dem Gebot der christlichen Liebe zuwiderlaufe, wobei er leidenschaftlich die These vertrat, daß die Verdammung von Irrlehren und ihren Anhängern keineswegs ein Vorstoß gegen die christliche Liebe sei und sich der Rechtgläubige von solchen Elementen trennen müsse. Bald kam es zum Eklat. Sturm beantwortete P.s Anschlag gegen die vermittelnde Haltung mit dem »Antipappus« (I-IV). Um eine Eskalation zu vermeiden, die die ganze Stadt in Unruhe zu bringen drohte, verbot der Rat daraufhin die Fortsetzung des Streits, mußte aber auf Drängen des Kirchenkonvents nachgeben. Allerdings spielte sich seit dem »Antipappus primus« der Konflikt nunmehr nur noch auf schriftlicher Ebene ab. P. setzte den aggressiven Angriffen des Gegners seine »defensiones« entgegen, unterstützt darin von Osiander, der Sturm aufgrund seiner Autorität weit heftiger attackieren konnte, als Pappus es tat. - Unter politischem und kirchenpolitischem Aspekt gesehen, vertraten Sturm und Pappus zwei völlig verschiedene Blickrichtungen: Insgesamt war es Sturm darum zu tun, das gute Verhältnis zu den auswärtigen Kirchen beizubehalten und die Neutralität der Stadt zu wahren, während Pappus' Orientierung eine stark innenpolitische war; ihm war es, obwohl ihm, wie er stets betonte, das Schicksal der alleingelassenen reformierten Gemeinden nicht gleichgültig war, um eine baldige Einigung der evangelischen Kirche im Inland zu tun, zumal die deutschen Fürsten zu einer einheitlichen Unterzeichnung der Konkordanzformel drängten. Zentraler theologischer Streitpunkt zwischen Reformierten und Lutherischen aber war die Abendmahlslehre und die Ubiquität. Interpretiere man die Augsburger Confession richtig, so Sturm, müßte die calvinistische Richtung keineswegs ausgeschlossen und die reformierte Abendmahlslehre nicht als Irrglaube bezeichnet werden. Die im Konkordienbuch etablierte Lehre von der Allgegenwärtigkeit des Leibes Christi aber sei nur zu dem Zweck erfunden, die Einigung der evangelischen Kirchen zu hintertreiben, zudem stehe sie mit der Himmelfahrt Christi im Widerspruch. Auch dürfte man weder die freundschaftlichen Beziehungen vieler deutscher und französischer Gemeinden, noch deren Opfer durch die Verfolgungen im Glaubenskampf vergessen. Pappus dagegen betont die Auffassung, daß die verschiedenen Lehrmeinungen miteinander unvereinbar seien und die Leugnung der Ubiquität einer Liquidierung des christlichen Glaubens gleichkäme. - 1581 verbot der Stadtrat, nachdem die drei Kurfürsten und der württembergische Herzog vergebens i. S. einer Einigung interveniert hatten, den Streit endgültig. Doch war es schließlich Sturm selbst, der durch seine Überreaktion die ganze Sache gegen sich entschied: Eine ausfallende Invektive gegen Jakob Andreaes »Gründlichen Bericht« trug ihm zuerst den scharfen Tadel des Rats und den Zorn des württembergischen Herzogs, dann auf Drängen des Kirchenkonvents im Dezember 1581 die Entlassung aus dem Amt ein. Pappus wurde nach Marbachs Tod im gleichen Jahre dessen Nachfolger als Vorsitzender des Kirchenkonvents geworden. Zwar zögerte der Magistrat noch immer, die Konkordienformel offiziell zu bestätigen, doch de facto erwirkte das Konvent in den 90er Jahren bereits deren Durchsetzung. So durfte kein reformierter Gottesdienst mehr stattfinden, und umgekehrt wurde den Bürgern die Teilnahme daran untersagt. Am 24.3. 1598 genehmigte dann der Rat schweren Herzens und unter großem Protest der Schweizer Glaubensbrüder, des Pfalzgrafen Friedrich und des Markgrafen Ernst Friedrich von Baden endlich die neue Kirchenordnung. Allerdings bemühte er sich weiter um eine gemäßigte Haltung und versuchte ausgleichend einzuwirken, wenn etwa das Konvent strikt gegen alles vorging, was nur nach Calvinismus roch und an katholischen Gottesdiensten mancher Klosterkirchen Anstoß nahm. Pappus selbst versuchte, zwischen Magistrat und Konvent zu vermitteln. - Einen Überblick über P.s zahlreiche Schriften gibt das Elenchus scriptorum Joh. P. (Straßburg 1596); Neben den Streitschriften sind hier besonders das »Epitome historiae ecclesiasticae de conversionibus gentium, persecutionibus eccl., haeresibus et Conciliis oecumenicis« (1584) zu nennen, als eine Art Extrakt seiner kirchengeschichtlichen Vorlesungen wiederholt gedruckt, und die verschiedenen Predigtsammlungen, darunter die Homilia academicae (1603/07). - Wenn P. auch nicht zu den großen protestantischen Theologen und Theoretikern zählt, so nimmt er doch in der evangelischen Kirchengeschichte Deutschlands durch seine erfolgreiche Agitation in der Konkordienfrage einen wichtigen Platz ein.

Werke: Index librorum prohibitorum..., 1571 (1609); Praepositiones De Dono Miraculorum: contra Mirabiliarios Papistas... 1574; De Duplici Corporis & Sanguinis Domini nostri Ihesu Christi esu atque potu: Capita ad disputandum proposita, in Academia Rei pub. Argentoratensis. ... dum sextum Iohannis Euangelistae Caput interpretatur. Respondebit M. Iohannes Henneberger,... 1575; D. Ioannis Stvrmii REctoris Argentinensis Antipappi Tres, contra D. Ioannis Pappi Charitatem et Condemnationem Christianum. De Charitate Christiana Qvaestiones Dvae, Anniversariae Dispvtationis Cavsa Propositae, In Academia Argentoratensi, à Ioanne Pappo, doctore Theologo. Respondet De His,... VIII.XV. et XII. Martij. 1579; Ioannis Pappi, Doctoris Theologi, Defensiones Dvae, Qvibus D. Ioannis Stvrmii REctoris Antipappis duobus repondetur, Maiori, & Epitomico. De Charitate, et Condemmntione Christiana, Secunda. De libro Concordiae, et de Confeßione Ecclesiae Argentinensis, Tertia. 1580; Bericht vnd Warnung D. Joannis Pappus/Pfarrers im Münster zu Straßburg/ an eine Christliche Bürgerschaft daselbst belangendt Der Kirchen zu Straßburg Confession. Vnd: Die Christliche Formulam Concordiae. Vnd wird hiemit auff die Vorrede/ vnd die Postscripta Ioannis Sturmij Teutscher Erinnerungsschrifft/ kurtz geantwortet. 1581; Defensionis quartae, Ionnis Pappi, Doctoris Theologie, Partes Tres Priores, Pro Ecclesijs Augustanae Confeßionis, et Pro Libro Concordiae... 1581; De quator generibus Iudiciorum divinorum, sive Poenarum... 1583; Epitome Historiae Ecclesiasticae. De Conversionibus Gentium, Persecutionibus Ecclesiae, Haeresibus & Concilijs Oecumenicis, Epitome, Ex Praecipuis Scriptoribus Ecclesiasticis collecta, .. 1584; Biblische Historia/ Von den Königen vnd Propheten/ in Juda vnd Jsrael: Auß den Büchern Samuelis/ der Könige/ vnd Chronica/ Auch den Psalmen vnd Propheten/ in eine richtige Harmoniam zusamen geordnet/ vnd in neun Bücher abgetheilet. Sampt nutzlichen Sumarien/ Zeitregister/ vnd Kunstlichen Figuren. 1586; De Monarchiis, sive quator summis Imperijs. Capita Disputationis Publicae, Proposita In scholis Theologorum Academiae Argentoratensis,... 1586; Christlicher und nothwendiger Bericht/ VOn der zweybrückischen/ zu Heidelberg newlich gedruckten erklärung des Catechismi, 1588; De Praedestinatione Theses In Scholis Theologorum Discutiendae...Respondete M. Iohanne Fabro... 1589; Christliche Leichpredigt/Bey Abführung der Leiche, weyland des... Caij Rantzowe/ Erbgesässen zum Kletkampff vnd Gerobou/ Welcher den 27.tag Octobris Anno 1590. zu Straßburg... eingeschlaffen. Gehalten daselbst den 14. Decembris desselbigen Jahrs/ .. Sampt den.. Programmate, vnd Epicedijs. 1591; Theses De Concupiscentia, Sive De Peccato Habitante In Renatis... 1591; Annales Regvm Et Prophetarum populi Iudaici & Israëlitici: Das ist: Historische Beschreibung aller König vnd Propheten im Volck Gottes: Auß den Büchern Samuelis/ der König/ der Chronica/ den Psalmen vnd Propheten/ in IX. Bücher abgetheilet.. Mit vorgesetzter Historien Tafel... So auch beygefügten nützlichen Summarien vnd schönen lieblichen Figuren.. Vnd dañ endlich Kurtzem Zeit Register/ wie die König in byde Reichen/ Juda vnd Israel/ auff einander gefolget/ Mit welchem vnd wie lang ein jeder regiert/ vnd was für Propheten zu eines jeden Zeit gelebt vnd geweissagt haben. 1592; Ein Christliche Predigt/Von dem Ampt/ Tugenden vnd Wahl eines Christlichen Bischoffs. Vor der Wahl deß Hochwürdigen... Herrn Johann Georgen/Postulirten Administratoris der Stifft zu Straßburg/Landgrauen zu Elsaß/Markgrauen zu Brandenburg/ in Preussen... 20. Maij. 1592. - Schriftenverzeichnisse: Elenchus scriptorum Joh. P., 1596 (in: Jöcher, s.u.); Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jh., XV, 1989.

Lit.: Salig, Vollständige Geschichte der Augsburgischen Confession, 1730; - W. Röhrich, Geschichte der Reformation im Elsaß III, 1832, 149 ff.; - Ders., Mitteilungen aus der Geschichte der evangelischen Kirche des Elsaßes I, 1855, 303 ff.; - W. Horning, D. Joh. P., 1841; - Ch. Schmidt, La vie et les travaux de Jean Sturm, 1855; - Gust. Frank, Geschichte der protestantischen Theologie I, 266 ff.; - Richard Zoeppfel, Joh. Sturm, Rektoratsrede, 1887; - J. Horning, J. P. von Lindau, 1891; - Heinrich Beckh, Ein geschichtl. Kollegienheft aus dem XVI. Jh. (von Johannes Hagendorn nach J. P.). Programm des humanistischen Gymnasiums zu Erlangen f. das Schuljahr 1903/04; - J. Adam, Evangelische Kirchengesch. der Stadt Straßburg, 1922, 339 ff.; - Henri Strohl, Le Protestantisme en Alsace, 1950, 87 ff.; - W. H. Gensichen, Damnamus, 1955, 134-143; - Miriam Usher Chrisman, Lay culture, learned Culture. Books and social change in Strasbourg, 1480-1599, 1982 (s. Reg. Stichwort Pappus); - Jöcher III, 1242, V, 1540; - Trinius, Kirchner, Serpilius, Wetzel, Hörner: Augsb., Johannsen, Richter; - Bopp, I, n. 3908, 408; - Sitzmann, E., II, 423; - RTK XIV, 1904, 654-57 (D. Hackenschmidt); - RGG IV, 1930, Sp. 894 (J. Anrich); - Bibl. zur Deutschen Gesch. 1517-1585, Hrsg. Karl Schottenloher, Bd. II, 1935, 115 f.; - ebd., (Stichwort Straßburg), 691-699 und Supplementbd. Bd. VII, 1966, 302 f.; - ADB XXV, 1970 (Neudr. v. 1887, R. Zoepffel), 163 f.; - Robert Stupperich, Reformatorenlexikon, 1984, 162 f. (m. Lit.); - Encyclopedie de l'Alsace, X, 1985, 5825.

Ingeborg Dorchenas

Letzte Änderung: 18.07.1998