PERMEIER, Johann, * 19.12. 1597, + um 1640, Begründer und
Hauptfigur des »Regnum Christi« (RC). - Geboren wohl in Wien,
dort als angesehener Jurist tätig, als Hauptprotektor des RC aber
zunehmend auf Reisen in weiten Teilen des Reiches, pflegte daneben
auch zahlreiche briefliche Kontakte, u.a. bis nach England. -
Die Mitglieder des Geheimbundes RC wollten »in letzter Stunde« jenseits
aller Konfessionsgrenzen ein persönliches, biblisch fundiertes Herzenschristentum
errichten: Da sie die Existenz von Konfessionen als Ursache für den
als unbiblisch verworfenen Krieg ausmachten, konnte nur die Sammlung
einer überkonfessionellen Gemeinde, d.h. die Vereinigung der Konfessionen
zu einer »wahren Religion«, die P. »Christisch« oder »Evangel-Catholisch«
nennen möchte, zur Versöhnung führen und ein allg. Konzil oder ein
ordentlicher Reichstag den Krieg beenden. Trotz grundsätzlich evangelischer
Ausrichtung glaubten sie, daß dieses Ziel am ehesten durch den kath.
Kaiser zu realisieren sei, in dem sie das nach göttlicher Vorsehung
weltliche und geistliche Oberhaupt und den Garanten für dauerhaften
Frieden und religiöse Duldung sahen. Kennzeichen des RC, das nicht
von, aber auf dieser Welt sein wird, sind nach P.: Wunderzeichen,
Wahrglaube jedes einzelnen, Unterwerfung unter das »König-Priesterliche
Generalregiment« (= Kaiser), ungestörte ewige Seligkeit. P. trat ferner
als Verfasser und Verleger religiöser Traktate hervor; zur Verbreitung
geeignet galten dem RC auch vor allem die Schriften J. Arndts (s.d.)
und die Arbeiten L.F. Gifftheils (s.d.), dessen politischen Standpunkt
(Ablehnung des papistischen Kaisertums) P. jedoch nicht teilte. -
Die Vorstellung des RC einer endzeitlichen, theokratisch verfaßten
Gesellschaft scheiterte wie viele andere ideale Konstruktionen an
der Realität. P. selbst wurde z.B. in Berlin wegen seiner Kaisertreue
der Spionage für Wien verdächtigt, von Wien aufgrund seiner Kontakte
möglicherweise tatsächlich für Spionagezwecke mißbraucht. - RC
und P. sind m. W. bislang nicht Gegenstand einer eigenständigen Untersuchung
gewesen.
Quellen: Die Akten des RC (Briefwechsel und Schriften
P.s sowie anderer Mitglieder und Freunde) sind teils handschriftlich
teils gedruckt in 2 Bdn. gesammelt und nach wie vor im Archiv der
Franckeschen Stiftungen, Halle, zugänglich (Signatur: AFST/H B 17a
u. b).
Lit.: Gottfried Arnold, Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie
IV, 1700, 775; - Jöcher-Adelung V, 1916; - Ernst Eylenstein,
L.F. Gifftheil. Zum mystischen Separatismus des 17. Jh. in Dtld.,
in: ZKG 41 (1922) 1-62; - ders., D. Friedrich (+ 1610).
Ein Beitrag zum mystischen Separatismus am Ende des 16. Jh. in Dtld.,
1930, bes. 16-21.58-63; - Friedrich Wilhelm Kantzenbach, Orthodoxie
und Pietismus, 1966; - Johannes Wallmann, Pietismus und Orthodoxie,
in: Geist und Geschichte der Reformation, Festgabe H. Rückert = Arbeiten
zur KG 38, 1966, 418-442; - ders., Der Pietismus = Die Kirche
in ihrer Geschichte Bd. 4 O 1, 1990, bes. 102 (Lit.); - Hans-Walter
Krumwiede, Geschichte des Christentums III, Neuzeit: 17.-20. Jh. =
Theol. Wissenschaft 8, 1977, 56-71 (Lit.); - Martin Schmidt, Art.
Arndt, Johannes, in: TRE 4 (1979) 121-129 (Lit.); - ders., Art.
Arnold, Gottfried, in: ebd. 136-140 (Lit.); - Eberhard H. Pältz,
Art. Böhme, Jakob, in: ebd. 6 (1980) 748-754 (Lit.); - Martin
Greschat (Hrsg.), Orthodoxie und Pietismus = Gestalten der KG 7, 1982
(Lit.); - Martin Brecht (Hrsg.), Geschichte des Pietismus 1: Der
Pietismus vom 17. bis zum frühen 18. Jh., 1993 (Lit.); - RGG2
IV, 1070 f.; - RGG3 V, 224 f.
Norbert M. Borengässer