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Band VII (1994)Spalten 287-293 Autor: Wolfdietrich von Kloeden

PETRI, Laurentius P. Nericius oder auch Nericianus, Bruder von Petri, Olaus, * 1499 in Örebro, † 26. Okt. 1573 in Uppsala, war zusammen mit seinem Bruder Olaus Reformator der schwedischen Kirche wie der erste evangelisch-lutherische Erzbischof in Schweden. Er versuchte, vor allem taktisch die innere Linie der reformatorischen Grundgedanken aus Wittenberg zu bewahren. Insofern bildete er eine wichtige Ergänzung zur Dynamik, die sein Bruder Olaus entwickelte. Sein Vater war Schmied und hieß Peter Olofson, seine Mutter Kristina Larsdotter lebte noch bis 1545 und konnte den großen Aufstieg ihrer Söhne erleben. Den ersten Unterricht erhielt L. P. wie auch sein Bruder im Karmeliterkloster zu Örebro. Anläßlich des Todes seines Vaters versuchte er bei der Beerdigungsfeier bereits in Opposition zu den diese abhaltenden Mönche, lutherisches Gedankengut einzubringen. So geriet er zusammen mit seinem Bruder früh in Konflikt mit der katholischen Kirche und ihren Ritualen. Durch eine Eintragung in das Rentkammerbuch von 1527 kann mit Sicherheit angenommen werden, daß entgegen früheren Vermutungen auch L. P. in Wittenberg bei Luther studiert hat (vgl. H. Lindström, Undersökningar och aktstycken 1988, 1-6!). - Erwähnt wird L. P. auch als »ludimagister« (also Lehrer) in Uppsala. 1531 wurde dann der 32 Jahre alte Theologe auf Veranlassung von Gustav Wasa gegen drei andere Kandidaten mit überwiegender Mehrheit (150 Stimmen) in Stockholm zum Erzbischof der schwedischen Kirche gewählt. Besonders auffallend ist, daß der verhältnismäßig unbekannte Mann den gewichtigsten Gegenkandidaten, nämlich den Politiker und Kanzler des Königs Laurentius Andreä aus dem Rennen geworfen hatte. Sicherlich stand der Wunsch des Königs dahinter, einen ruhigen und willfährigen Mann zu erhalten - bewußt auch im Gegensatz zu dem kämpferisch eingestellten Bruder Olaus Petri. Am 22. Sept. 1531 wurde L. P. geweiht. Am 24. Sept. traute L. P. als erste Amtshandlung den König mit Katharina von Sachsen - Lauenburg. L. P. besaß ein feines Gespür für die Belange der Zeit und der Krone. Insofern war er nicht nur der rechte Gefolgsmann des Königs, sondern auch der große Kirchenpolitiker, der 42 Jahre lang als Erzbischof über die Reform der Kirche wachte. Von dorther ist auch das Gespür von Gustav Wasa, diesen einstigen Schulmann zu unterstützen, zu bewundern. 1533 (ev. 1534) verfaßte L. P. sein kirchenpolitisches Programm »Förklaringar öfver Vesterås Recess och Ordinantia«, das sich geschickt in die damaligen Machtverhältnisse einfügte, ohne dabei die innere Neuorganisation der Kirche zu vernachlässigen. D.h. er führte seinen Standpunkt, den er seit Mitte der zwanziger Jahre durch Luther angenommen hatte, vertieft weiter: Folgende Punkte kann man herausarbeiten: 1.) Eine Loslösung von der »babylonischen Gefangenschaft der Kirche« (Luther) ist notwenidg - und vollzog sich ja auch 1527 durch die Einführung der Reformation. An dieser hatte der König entschiedenen Anteil. 2.) Die Loslösung ist schriftgemäß durch Paulus begründet (vgl. den Römerbrief!). 3.) Die Freiheit des Königs ist unverletzlich. 4.) In dieser Freiheit ist die ordnende Hand für den Staat begründet und gewährleistet. 5.) Das Königs- und Bischofsamt sind in der Heiligen Schrift begründet. - Auf diesen Grundgedanken beruht heute das schwedische Staatskirchenprinzip. Durch geschicktes Handeln konnte man auch die apostolische Sukzession sichern. Darüber hinaus rechtfertigten obige Punkte auch die Freiheit des Königs und das entsprechende Recht, die Kirchengüter einzuziehen. Immerhin brauchte der junge, von Dänemark nun gelöste Staat viel Geld. 1538 meldete sich L. P. erneut zu Wort mit einer polemischen Schrift »Om Vigvatten« (»über Weihwasser«) ging es um die Polemik gegen die magische Komponente im katholischen Meßverständis überhaupt. Dabei wurden nicht nur innere Korrekturen angestrebt. Es ging auch um handfeste finanzielle Probleme. Denn Messe wie einzelne Kasualiendienste erforderten Meßknaben, also Angestellte im damaligen Rechtsverständnis, die ihren Lohn forderten, der bis dahin gegeben wurde. L. P. forderte die Abschaffung dieser äußeren, prunkvollen Beigabe. Damit machte er sich aber die Gruppe der Meßdiener zu Feinden, die sich an den gerecht denkenden König wandten. Es ging vor allem um den Unterhalt der Meßdiener im Dom zu Uppsala. Das Ergebnis war, daß der König seinem Erzbischof die zu frühe Einführung der schwedischen Messe vorwarf. L. P. konnte die Kritik abfangen, indem er geschickt taktierte, ohne das reformatorische Prinzip aufzugeben. Diese Wesenhaltung erwies sich als die Basis, dem König grundsätzlich zu folgen, dennoch in langsamer Entwicklung die innere Selbständigkeit der Kirche zu bewahren. Trotz der Kritik des Königs gerade gegen die schwerwiegende Schrift von 1538 blieb er Erzbischof und mußte als richterlicher Beisitzer im Hochverratsprozeß gegen seinen Bruder Olaus Petri fungieren. Es gelang ihm auch, mit großem seelischen Schmerz die Beiseiteschiebung zu ertragen, die sich dadurch vollzog, daß Gustav Wasa als Organisator der äußeren Reformation (Überführung des Kirchengutes in den königlichen Besitz!) den berüchtigten deutschen Reformator und Staatsmann Georg Norman (»Mäster Jöran«-»Normanske Regimente«) einsetzte. So blieben L. P. mehr die inneren Reformen und die Zeit der großen Bibelübersetzung, vor allem zusammen mit seinem Bruder. Diese wurde 1541 abgeschlossen. So bildet eine einzigartige Leistung mit der Bedeutung für die Schöpfung der schwedischen Reichssprache, wie sie Luthers Übersetzung für die deutsche Sprache hat. Außerdem folgte die Revision der Auflage des Meßbuches mit Impulsen durch Olaus Petri und der Schlußrevision durch L. P. Bis heute ist diese Arbeit grundlegend für die Liturgie in Schweden (Högmässa!). Schließlich wurde eine allgemeine Kirchenordnung geschaffen, die nach langem Widerstadt des Königs und nach dem Tod von Norman (1553) mit dem Wachsen nun auch der äußeren Macht des Erzbischofs 1561 herauskam. Diese Ordnung wurde zwar vom Klerus gebilligt, fand aber keine Unterstützung durch den Nachfolger Gustav Wasas Erich XIV. Handschriftlich wurde die Kirchenordnung verbreitet und konnte dann schließlich 1571 in Druck gehen. 1572 wurde sie durch den Kirchentag von Uppsala angenommen. Diese Kirchenordnung stellt den Höhepunkt im Schaffen von L. P. dar, und auf ihr beruht das schwedische Staatskirchenprinzip bis heute. Überzeugend vertrat L. P. zusammen mit einem Teil der Pfarrerschaft aus Lübeck und Rostock die Abendmahlsauffassung des jungen Luther, die dieser selbst später verlagerte auf die Wirkung von Brot und Wein am Altar. L. P. hielt dagegen an der ursprünglichen Auffassung Luthers fest, daß schon beim Lesen der Austeilungsworte Christi Leib und Blut mit Brot und Wein auf dem Altar sich vereinen würden. D.h., die Vereinigung tritt nicht erst bei der Austeilung ein. Wichtig war dem Erzbischof von Uppsala auch die Realbedeutung und Betonung des »Est« gegen den Calvinismus, aber auch gegen aufweichende Elemente im Luthertum (vgl. auch die Konkordienformel!). Nie kann es nach L. P. heißen: Es soll mein Leib werden! - Durch die Verfeinerung seiner Theologie in Richtung einer potentiellen Freiheit, nicht aktualer Freiheit bewahrte er sich eine humane Grundtendenz, die sich gesund mit Luthers »De servo arbitrio« (1525) verbinden konnte. Auf dem Sterbebett ließ er dem regierenden König Johann seinen Dank für die Sorge um die Kirche ausrichten. Er starb am 26. Oktober 1573 und wurde im Chor seiner Domkirche bestattet.

Werke: Förklaringer öfver Vesterås Recess och Ordinantia, 1533; Om Vigvatten, 1538; Gustav Vasas Bibel (zus. mit a.), 1541; Postilla, 1555; Förmaning til clerkerijt samt medh menige man om boot och bättring och allmenneliga böner, 1558; Svensk Krönika, 1559; En ny christeligh böneboock wtaff the gamble kiyrkiones lärare, nemligh Augustino, Ambrosio, Cypriano, 1564; De officijs ecclesiasticis... Notulae L. P. herausgegeben von N. Franssen in Liturgia suecana, 2, 1927 unter dem Titel: Laurentius Petri d. ä. s. Gudstjänstordning...utg. och översatt.: Des Erzbischofs Laurentius Petri von Upsal Instruktion an die Geistlichkeit seines Stifts im Konzilio zu Upsal 1566 (Magasin für Kirchengeschichte und Kirchenrecht des Nordens. Hrsg. von F. Münter. 2:4. 1796, 51-100); Prästernas tillbörliga förfaringssätt vid uppfyllandet av sina olika ämbetsplikter. Riktlinjer framlagda...på synod nådens år 1566 (Orationer och kyrkostadgar i övers. av N. Lundquist, P. Norberg, L. Rosengren m. fl....1948. Årsböcker i svensk undervisningshisningshistoria. Vol. 76. Arg. 27:2, 1947, 48-75); Kyrkoordning av år 1571. Utg. av Samfundet Pro fide et christianismo. Med historisk inledning av E. Färnström, 1932; Om kyrkio stadgar och ceremonier...på prent giffuin aff Abraham Andreae Angermannus (Wittenberg) 1587; Dialogus om then förwandling som medh messone skedde..pa prent giffuin aff Abraham Andreae Angermannus, (Wittenberg) 1587.

Bibliographie: G.E. Klemming, Sveriges bibliografi 1481-1600, 1889-1892; Isak Collijn, Sveriges bibliografi intill år 1600, Bd. 1, 1934-1938; S.E. Bring, Bibliografisk handbok till Sveriges historia, 1934; P. Elfstrand, Svensk historisk bibliografi, 1935 ff. als jährliche Beilage zu Historisk tidsskrift. - Angaben zu den Handschriftensammlungen von L. P. in: Åke Andrén, Nattvardsberedelsen i Reformationstidens Svenska Kyrkoliv, Skriftemål och Fasta; Samlingar och Studier till Svenska Kyrkans Historia Nr. 27, 1952, XI-XIX.

Lit.: Göstaf Hallmann, The Threnne Bröder Oluff Petri, Phase och Lars Petri hin Gamle til lefwere och wandel beskrifne, 1726; - L.A. Anjou, Svenska kirkereformationes historia, 1850 f. (erstes bahnbrechendes, geschichtliches Werk!); - Julius Weidling, Schwedische Geschichte im Zeitalter der Reformation, 1882; - Henrik Schueck, Svensk Literaturhistorica Bd. 1: Medeltiden och Reformationen, 1890; - Ders. (zur Reformation) Grundriß der germ. Philologie II, 1, 1893, 143 ff.; - O. Ahnfeldt, Svenska Kyrkas Ordning under Gustav I. regering, 1893; - Ders., L. P. handskrifna kyrkoordning af år 1561, 1893; - Ders., Bidrag til svenska kyrkans historie, 1894, 10-52, 65-77 (bezieht sich auf Bedenken L. P.s zur dritten Vermählung Gustav Wasas von 3. Mose 18 her!); - Ders., Skrifter från reformationstiden 7, 1898; - Pius Wittmann, Kurzer Abriß der schwedischen Geschichte, 1896; - H. Lindström, Om L.P.s förmente karakterssvåghet, Kyrkohistorisk Årsskrift 1905; - E. Rohde Dopritualet i svenska kyrkan efter reformationen, 1910; - Ders., Studier i den svenska reformationtidens liturgiska tradition, 1917; - Ders., Bidrag till konfirmationens historia i Sverige, in: Teol. Studier till E. Stave, 1922; - Ders., Svenskt gudstäntsliv, 1923 (Hauptwerk!); - Ders., Vår svenska högmässa, in: Religionsvetenskapliga skrifter, 10, 1924; - C. Grimberg, Svenska folkets underbare öden, Bd. II, 1914, Neuauflage Bd. II, 1961; - N. Lindquist, Studier över reformationstidens bibelsvenska, 1918; - K.B. Westman, Reformationens genombrottår i Sverige, 1918; - H. Holmquist, Den lutherska reformationens historia, 19192; - Ders. Den svenska reformationens begynnelse, 1923, deutsch in Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte Jahrgang 43, Heft 2 unter dem Titel »Die schwedische Reformation 1523-1531«, 1925, 1-146 (Lit.!); - Ders. zusa. mit Pleijel und Hilding, Svenska Kyrkans Historia, Bd. III/I, 1933, Bd. IV, 1938; - Nathan Söderblom, Luthers Bedeutung für den Norden, in: Denkschrift zum Lutherischen Weltkonvent zu Kopenhagen vom 26. Juni - 4. Juli 1929, 8-17; - Sigfrid Estborn, Evangeliska svenska bönböcker under reformationstidevarvet, 1929; - Sven Kjöllerström, Visitatio Gustaviana. Ett optrykt dokument av Georg Norman, in: K. A. 1931, 191-255; - Ders., Striden kring kalvinismen i Sverige under Erik XIV., 1935; - Ders., Laurentius Petris De officiis. Dess tilkomst och syftemål (Till Gustav Aulén, 1939); - Ders., Svenska förarbeten till Kyrkoordningen av 1571, 1940; - Ders., De kyrkliga böckernas antagende i vårt land, in: Svensk teologisk kvartalsskrift 26, 1942, 273-286; - Ders. Kyrkolagsproblemet i Sverige 1571-1682, (Samlingar och studier till svenska kyrkans historia 11, 1944; - Ders., Das Bekenntnis in der schwedischen Reformationskirche - in: A. Nygren u.a. 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Lindroth, Svensk lärdomshistoria: Medeltiden, Reformationstiden, 1975; - Carl Gustav Andrén, Die Reformation in den skandinavischen Ländern, in: Vilmos Vatja (Hrsg.), Die ev.-luth. Kirchen der Welt, Bd. XV, 1977, 64-77; - Wilhelm Kahle, Lutherische Begegnung im Ostseeraum, Die Luth. Kirche: Geschichte und Gestalten Bd. 4 (Gesamtausg., hrsg. von B. Lohse u.a.), 1982, bes. 11-33, 35-43, 119-122 (Lit.); - Martin Schwarz Lausten, Luthers Beziehungen zu Skandinavien, in: Leben und Werk M. Luthers von 1526-1546, hrsg. von Helmar Junghans I, 1983 f., 689-697, II, 973-975; - Sören Gustafson, Svensk Kyrkohistoria, 1983, bes. 72 ff.; - Sören Sörensen, Nordens Historie. En folkebog, 1986; - Gerhard Austrup, Schweden, Becksche Reihe München, 1988, 14 ff.; - C. Henrik Martling, Fädernas Kyrka och folkets, 1992, 21 ff.; - H. Lindquist, Historie om Sverige, 1992; - Ders., Gang genom den svenska historien, 1993; - Alf Åberg, Vår svenska historie, 19932, 101 ff.; - KL X, 2055 ff.; - RE3, XVIII, 17 ff.; - NKL III, 536-540; - RGG2 IV, 1102; - RGG3 V, 245, 1592-1601 (Lit.); - NUT I-III; - EKL III, 875-878; - DKH III, 105 ff., 209 ff.; - Col. Enz. 21, 686 f.; - D. Sv. Hist.4 IV, 42 ff.; - Sv. Litt. Hist. (Norstedts) III, 23 ff.; - TRE VIII, 300-319; - Prop. WG (Ausg. 91) VII, 25-132; - D. Sv. Litt. (Bonniers-Alba)2I, 140-151; - Vem er Vem i Sv. Hist. 48 f.

Wolfdietrich von Kloeden

Letzte Änderung: 08.02.1999