Racine, Jean (1639-1699). Er gilt den Franzosen als einer ihrer großen Klassiker und speziell als ihr - neben oder gar vor Corneille - größter Tragödienautor. Geboren ist er in La Ferté-Milon als Sohn eines dem niederen Amtsadel angehörenden königlichen Salzsteuer-Beamten. Auch seine Mutter stammt aus diesen Kreisen, doch verliert Racine sie als Zweijähriger bei bei der Geburt einer Schwester. Mit vier verliert er auch seinen Vater und kommt zu den Großeltern Racine. Als 1649 der Großvater stirbt, zieht sich die Großmutter in das jansenistische Kloster Port-Royal des Champs vor den Toren von Paris zurück und nimmt Racine mit. Dort besucht er, sicher traumatisiert durch die Verluste fast aller Bezugspersonen und der Heimat, die Schule, die von den "solitaires" betrieben wird, jansenistischen Gelehrten, Theologen und Asketen, die sich um das Kloster herum angesiedelt haben. 1653/54, nachdem er solide Latein- und auch Griechischkenntnisse erworben hat, absolviert er das "rhétorique" heißende Schuljahr als Internatsschüler (interne) im Pariser Collège de Beauvais. 1655, sechzehnjährig, kommt er zurück nach Port-Royal, wo er wieder bei den Jansenisten lernt und von ihnen tief geprägt wird, aber auch klassische lateinische und griechische Theaterstücke liest. Zugleich erlebt er die Schikanierung der Jansenisten durch die Staatsgewalt mit und wird 1658 von der Schließung der Schule von Port-Royal betroffen. Er wechselt nach Paris auf das latent jansenistische Collège d'Harcourt, um seine Schulzeit mit der "philosophie" abzuschließen (1659). Danach findet er Aufnahme bei einem älteren Cousin, der Vermögensverwalter (intendant) einer Grafenfamilie ist und durch den er Zugang zu einigen adeligen Häusern, zur Welt des Theaters und zu schöngeistigen Zirkeln erhält, wo er u.a. Jean de La Fontaine, einen entfernten Verwandten, kennenlernt. Racine ist angetan von seinem neuen mondänen Leben und scheint dem strengen Jansenismus den Rücken zu kehren. Selbstverständlich schreibt er schon seit längerem, bisher allerdings hauptsächlich Lyrik. Jetzt versucht er sich an einer ersten Tragödie (1660), die jedoch nicht angenommen wird und verloren ist. Immerhin fällt er dem alten Chapelain positiv auf mit der Ode La nymphe de la Seine à la reine, die die Ankunft der spanischen Prinzessin Maria-Theresa sowie ihre Hochzeit mit Louis XIV feiert und ihm eine Gratifikation einbringt. Seine Verwandten und seine jansenistischen Lehrer sind entsetzt über so viel Opportunismus und schicken ihn 1661 nach Uzès in Südfrankreich zu einem Onkel, der Stellvertreter (vicaire général) des dortigen Bischofs ist. Der Onkel soll ihn auf die Priesterweihe vorbereiten und ihm dann eine Pfründe beschaffen, damit er für den Rest seines Lebens versorgt ist. Spätestens in Uzès jedoch, wo er sich wie im Exil fühlt, wird sich Racine seiner schriftstellerischen Ambitionen bewusst. Er kehrt also 1663 nach Paris zurück und versucht, seine Kontakte wiederzubeleben und neue zu knüpfen, wobei er u.a. Nicolas Boileau und Molière kennenlernt. Für dessen Truppe verfasst er die von dem blutigen Streit der Ödipus-Söhne handelnde Tragödie La Thébaïde ou les frères ennemis (1663/64). Das Stück hat nur geringen Erfolg, doch erlangt Racine mit seiner Ode sur la convalescence du Roi erneut den Beifall Chapelains und kommt auf dessen Vorschlag mit 600 Francs jährlich auf die königliche Pensions-Liste für verdiente Literaten. Wenig später wird er durch einen hochadeligen Gönner am Hof eingeführt. Sein nächstes Stück, Alexandre (1665), ist eher romanesk. Immerhin übt sich Racine in der nüancierten Darstellung der Liebe, die in den nächsten Stücken eine Schlüsselrolle spielen wird. Regisseur ist wiederum Molière, doch ist Racine trotz des passablen Erfolgs mit der Inszenierung nicht zufrieden. In Zukunft gibt er seine Stücke deshalb der auf Tragödien spezialisierten Truppe des Hôtel de Bourgogne. Ende 1667 erzielt er dort mit Andromaque seinen Durchbruch. Zugleich hat er sein Thema gefunden: das der schicksalhaften, leidenschaftlichen, aber unerfüllten und eifersüchtigen Liebe, die die Liebenden in ihrer Eifersucht bis zum Äußersten und in den Untergang treibt. In Andromaque, schreibt treffend Henry Bidou, "Racine, tout adolescent, est déjà maître de son système dramatique; et ce premier état de son théâtre ne diffère pas beaucoup de ce qu'il sera par la suite. Le principe qu'il a découvert, c'est de placer le point de départ de sa pièce tout près du point d'arrivée. C'est peut-être là le trait le plus racinien. Au moment où le rideau se lève, la machine qui doit faire éclater la catastrophe est toute montée, toute chargée, toute armée. Le poète emploie cinq actes à la retenir; au dénouement, il n'a qu'à retirer sa main." (in: Joseph Bédier/Paul Hasard, Histoire de la littérature française illustrée, 2 Bde, Paris 1924; II, p. 16). Die Rolle der Titelheldin spielt Mlle du Parc, eine junge Schauspielerin, die Racine bei Molière abgeworben hat und die bis zu ihrem frühen Tod Ende 1668 seine Geliebte sein wird. Nach dem Erfolg von Andromaque wird Racine von seinen Bewunderern auf eine Stufe gestellt mit Corneille. Er verkehrt am Hof und erhält ab 1667 800 und ab 1668 sogar hübsche 1200 Livres jährlich aus der königlichen Schatulle. Bei den Jansenisten ist er allerdings unbeliebt, nachdem er 1666 einen ironischen offenen Brief an den jansenistischen Moral-Theologen Nicole verfasst hatte, der Romanciers und Dramatiker als "Seelenvergifter" (empoisonneurs publics, non des corps, mais des âmes des fidèles) gebrandmarkt hatte. Durch seine Erfolge beflügelt, versucht Racine 1668 mit der Komödie Les plaideurs Molière Konkurrenz zu machen und begibt er sich 1669 mit der Tragödie Britannicus auf Corneilles Spezialgebiet, die Verarbeitung römischer Stoffe. Auch das nächste, "römische" Stück, Bérénice (1670), ist eine Herausforderung an Corneille, der zur gleichen Zeit von Molière ein ähnliches Stück, Tite et Bérénice, herausbringen lässt. Nachdem Racine tatsächlich Corneille in der Gunst des Publikums geschlagen hat (und inzwischen auch bei dem allmächtigen Minister Colbert aus und ein geht), wechselt er mit dem Intrigenstück Bajazet (1672) in die jüngere türkische Geschichte. Frankreich ist nämlich gerade mit dem Sultan gegen den deutschen Kaiser verbündet, und "turqueries" sind in Mode. Nach dem Erfolg von Bajazet ist Racine Herr der Pariser Bühne. 1673 wird er in die Académie française gewählt. Mit Mithridate (1673) schreibt er nochmals ein "römisches", Corneille Konkurrenz machendes Stück, kehrt dann aber in die Welt der griechischen Mythologie zurück mit Iphigénie en Aulide, die auf einem Fest des Königs anlässlich der formellen Annexion der Franche-Comté (1674) uraufgeführt wird. Im selben Jahr 74 erhält er von Louis XIV das nicht unbedeutende, ihn selbst aber kaum mit Arbeit belastende Amt eines trésorier de France zugewiesen. 1776 erscheint eine Sammelausgabe seiner Stücke. Anfang 77 wird Phèdre aufgeführt, sein neben Andromaque wohl bestes Stück. Der Erfolg ist jedoch so mäßig, dass Racine sich vom Theater zurückzieht. Er heiratet die fromme und reiche, entfernt verwandte Catherine de Romanet, mit der er sieben Kinder haben wird. Schon 1676 ist er, zusammen mit dem befreundeten Boileau, zum Historiographe du roi ernannt worden und muss hinfort an den Feldzügen von Louis XIV teilnehmen, um sie zu protokollieren (1678 Belagerung von Gent, 1692 Belagerung von Namur). Seine und Boileaus Aufzeichnungen werden jedoch bei einem Brand vernichtet. Nach 1685 wird Racine Vorleser bei Louis und seiner "linker Hand" (morganatisch) angetrauten frommen Gattin Mme de Maintenon. Von dieser lässt er sich 1688 und 1690 nochmals zum Stückeschreiben bewegen und verfasst die religiöse Stoffe behandelnden Esther und Athalie, die zur Aufführung in dem adeligen Kloster und Mädchenpensionat Saint-Cyr bestimmt sind. 1690 erreicht Racine den Höhepunkt seiner Höflingskarriere mit der Ernennung zum königlichen Kammerherrn (gentilhomme ordinaire de la chambre du roi). Inzwischen ist er auch wieder fromm geworden und verfasst entsprechend geistliche Lyrik (Chants spirituels, 1694). Allmählich, zunächst aber nur heimlich, nähert er sich wieder dem strenggläubigen Jansenismus seiner Jugendzeit an. 1694 erregt er den Unwillen des Königs, weil er beim Pariser Erzbischof für das nach wie vor als geistiges Zentrum der Jansenisten fungierende Kloster Port-Royal einzutreten versucht hat. Als er 1698 mit einem Abrégé de l'histoire de Port-Royal seine Sympathien auch öffentlich zeigt, lässt ihn Louis in Ungnade fallen. Abseits vom Hof verlebt Racine seine letzten Monate in Verbitterung, wenn auch als reicher Mann und als Patriarch im Kreise seiner großen Familie.