Verlag Traugott Bautz |
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RADER, Matthaeus, Jesuit, Philologe und Historiker, * 1561 in Innichen (Südtirol) † 22.12. 1634 in München. - R. besuchte die Jesuitenschule in Innsbruck und wohnte im sog. »Nikolaihaus«, einem Heim für mittellose Schüler, trat am 12. September 1581 in den Jesuitenorden ein, studierte Philosophie und Theologie in Augsburg und Ingolstadt. Als Rhetorikprofessor und zeitweise als Lehrer der Humaniora wirkte er 22 Jahre lang an den Jesuitenkollegien, Augsburg, Dillingen und München. Zu seinen Schülern, die er nachhaltig beeinflußte, zählten u.a. Jacob Biedermann und Jeremias Drexel. Seinen Lebensabend verbrachte R. teilweise als Prediger an der Pfarrkirche St. Jakob in Innsbruck. Er starb am 22.12. 1634 in München. - Seine wissenschaftlichen Arbeiten weisen ihn in vierfacher Weise aus: als Philologen, Historiker, Hagiographen und Verfasser mehrerer Dramen. R.s. kommentierte Martialausgabe (1602) und sein Kommentar zu Curtius Rufus bedeuten große philologische Leistungen. Er erwarb sich die Hochachtung der führenden Philologen dieser Zeit, wie Justus Lipsius, Markus Welser und J.J. Scaliger, er wurde »Titus Livius bavarus« genannt. Sein bedeutendstes Drama, mit P. Jakob Gretser SJ anläßlich der Weihe der St. Michaelskirche in München 1597 verfaßt, trägt den Titel »Triumph und Frewdenfest zu Ehren dem Heiligen Ertzengel Michael«.: Das erste Jesuitendrama, zu dessen Aufführung ein eigenes Programm, eine sog. Perioche, erschien. Seine wichtigsten Bücher verfaßte R. als Historiker und Hagiograph. An patristischen Studien veröffentlichte er zwischen 1604 und 1633 drei Werke. Die von Maximilian I. an den Augsburger Stadtpfleger Markus Welser vergebene Bayerische Geschichte (Rerum Boicarum libri quinque), die ersten fünf Bücher erschienen 1602, sollte R. nach Welsers Tod (1614) fortsetzen. Um nicht in Rom und beim Kaiser Anstoß zu erregen, wurde R. die Arbeit an diesem Thema von der Ordensleitung verboten. Rs. bedeutendstes Werk ist seine dreibändige »Bavaria Sancta«, ebenfalls eine Auftragsarbeit Maximilians. Der 1. Teil erschien 1615, der 2. 1624 und 1627 der 3. Mit einem Anhang (»Bavaria pia«) wurde diese umfangreiche Darstellung bayerischen Heiligenlebens 1628 abgeschlossen. Durch eine Sammlung von Bildern und Viten der bayerischen Heiligen sollte die führende Rolle Bayerns bei der Christianisierung Deutschlands vorgestellt werden. Als Stecher dieses in Latein verfaßten Werkes wirkte seit 1604 Raphael Sadeler d.Ä., der nach Vorlagen der Hofmaler Matthias Kager und Peter de Witte, gen. Candid, arbeitete. R. begann 1610 mit seinem Text, als ein Teil der insgesamt 142 Kupferstiche bereits fertig war. Deren Illustrationsprogramme wirkten sich also auf R. direkt aus. Aus griechischen und lateinischen Quellen hatte er bereits zwischen 1604 und 1611 eine Sammlung von Heiligenlegenden veröffentlicht (»Viridvidarium Sanctorum...«). M. Rs. »Bavaria sancta« stellt den ersten Versuch einer umfangreichen, nach der Chronologie eingeteilten und auf Quellen und Literatur basierenden Vitensammlung bayerischer Heiliger dar. Durch seine kritischen Vorzüge diente dieses Werk noch als Grundlage für die Acta Sanctorum der Bollandisten.
Lit.: Bernhard Duhr, Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher Zunger, Bd. II, 1 u. 2. 1913 (Reg. in 2); - Johannes Müller, Das Jesuitendrama Bd. 2, 1930, 11 ff.; - Catalogus Generalis Prov. Germanicae Superioris et Bavariae SJ 1556-1773, bearb. v. Herbert Gerl 1968, 329; - Georg Schwaiger, Bavaria Sancta, Zeugen christlichen Glaubens in Bayern (3 Bde.) Bd. 1, 1970, 11-27; - Ders., Das Bistum Freising in der Neuzeit 1989, 503 f. 523; - Richard von Dülmen, Die Gesellschaft Jesu und der bayerische Späthumanismus, in: ZBLG 37 (1974) 372 ff.; - Alois Schmid, Geschichtsschreibung am Hofe Kurfürst Maximilians I. von Bayern, in: Wittelsbach und Bayern II/1 (Katalog) 1980, 330 ff.; - Karl Pörnbacher, Jesuitentheater und Jesuitendichtung in München, in: Karl Wagner/Albert Keller (hrsg.) St. Michael in München 400 Jahre, München-Zürich 1983, 200 ff.; - Hans Pörnbacher, Bayerische Bibliothek Bd. 2, Die Lit. des Barock 1986, 36, 1284, 1334; - Josef Gelmi, Kirchengeschichte Tirols 1986, 89, 125; - Max Spindler - Andreas Kraus (hrsg.) Hdb. der Bayerischen Geschichte Bd. II, 1988 (Reg.); - Die Jesuiten in Bayern 1549-1773 (Ausstellungskataloge der Staatl. Archive Bayerns Nr. 29) 1991 (Reg.); - Walter Brandmüller (Hrsg.) Hdb. d. Bay. Kirchengeschichte Bd. II, 1993 (Reg.); - C. Sommervogel, VI 1371-1382; - ADB XXVIII 118; - LThK1 VIII 605; - LThK2 VIII 964; - Bosls Bay. Biographie (1983) 611.
Wolfgang Winhard
Werkeergänzung:
2010
P. M.R. SJ. Eingel. u. hrsg. von Alois Schmid. Bd. 2: Die Korrespondenz mit Marcus Welser. 1597-1614 / bearb. von Rita Haub, Stefan W. Römmelt und Veronika Lukas. München 2010.
Literaturergänzung:
1998
Schmid, Alois , Die "Bavaria sancta et pia" des P. Matthäus Rader SJ. Bonn, in: ¬Les¬ princes et l'histoire du XIVe au XVIIIe siècle, publ. sous la dir. de Chantal Grell, 499-522. Bouvier, 1998; -
2001
Rita Haub, "Ich bin eines armen Bäckers Sohn!" M.R. SJ (1561-1634), in: ASHI 70.2001,139, S. 173-180.
Letzte Änderung: 09.04.2011