RECKSCHENKEL, Johannes, Karthäuserprior, * 4. Februar 1526 in Trier, Pfarrei St. Gervasius, Sohn des "Hanß von Trier" (Küster in Trier-Liebfrauen 1526-1553 und Pedell im Dom zu Trier von 1532 bis 1554) und seiner Ehefrau Elisabeth (von Flaßweiler); † 5. April 1611 in Köln. Die drei älteren Geschwister des Johannes Reckschenkel sind noch in Luxemburg geboren worden, die Familie stammte aus Sirck und lebte von 1519 bis 1524 in Luxemburg. Johannes Reckschenkel wuchs in einem religiös-geistlich geprägten Milieu auf, was durch den Beruf des Vaters sicher gefördert wurde. Schon mit zwölf Jahren war Reckschenkel Chorsänger im Trierer Dom. Am 19. März 1551 schließt Reckschenkel an der Universität Löwen sein Studium mit dem Grad des Magister Artium ab. Eingeschrieben hatte er sich dort laut Immatrikulationsliste am 28. Februar 1548. Seine Priesterweihe empfing er am 11. Juni 1552. Danach wurde Reckschenkel Mitglied des Stiftsklerus von St. Paulin in Trier, nämlich am 4. April 1553 als Kanoniker. Am 2. November 1547 hatte er offiziell schon die Pfarrstelle in Longuich erhalten, wo er aber erst ab 1554 die Residenzpflicht wahrnahm und tatsächlich als Seelsorger wirkte, dabei auch seinen Wohnsitz hier nahm, bis er 1566 auf das Amt des Pfarrers in Longuich verzichtete. (Es war zu der Zeit nicht unüblich, Klerikern ohne die höheren Weihen bereits Pfarrstellen zu geben.) Auch als Kantor des Stiftes St. Paulin war Reckschenkel tätig, seine Wahl erfolgte am 23. Dezember 1566. Am 20. Februar 1568 wurde er zum Stiftsdekan (Treueid vor dem Erzbischof Jakob von Eltz am 6. April 1568) gewählt. Am 18. Juni 1569 trat er in die Kölner Kartause St. Barbara ein, wo er am 23. November 1570 die Profeß ablegte. Rein formal hätte er spätestens jetzt Ämter und Würden in Trier St. Paulin abgeben müssen. Sein Nachfolger in Trier wurde jedoch erst 1572 gewählt. In Köln oblag Reckschenkel die Sakristei (seit 1573) und die Klosterküche (er hinterließ eine umfangreiche Rezeptsammlung, auch für Farben- oder Medikamentenherstellung) seiner Verantwortung. 1577 erhielt er weitere Verwaltungsaufgaben. Am 18. Januar 1580 wurde er in Köln zum Prior des Ordens gewählt. Bis zur Niederlegung des Amtes 1596 war er als Prior für die Leitung des gesamten Klosters zuständig. In Köln nannte er sich selbst Johannes Trevirensis. Um sich in einsamer Kontemplation spirituell auf den Tod vorbereiten zu können, verzichtet er aber am 25. September 1596 auf sein Amt als Prior. Am 5. April 1611 starb er in Köln im Alter von 86 Jahren. Reckschenkel galt als flexible und agile Persönlichkeit, der den Orden durch eine Krisenzeit geführt hat. In seine Amtszeit fiel der Kölner Krieg, dessen wirtschaftliche Auswirkungen auch vor den Kartäuserzellen nicht halt machten. Materieller Not folgte Mißgunst und Neid, Mönche klagten über ihren Prior wegen angeblicher Verschwendung und Vernachlässigung seiner pastoralen Aufgaben und der allgemeinen Disziplin. Eine Untersuchung der Anschuldigungen ergab keinen Handlungsbedarf, der Prior Reckschenkel blieb im Amt und sorgte für die Wiederherstellung der inneren Stabilität des Klosters. In seinen Handschriften (und auch in den Randbemerkungen und Glossierungen seiner Bücher) hat er interessante Einblicke in sein Denken hinterlassen. Unter seinen Werken finden sich überwiegend Gebete und geistliche Texte, aber auch Rezepte, für Medizin, für Malerfarben, aber auch die Schilderung historischer Ereignisse und biographische Anmerkungen. Sehr ausführlich machte er Notizen zu seiner Familie, der Herkunft seiner Eltern und Großeltern und auch über Lebensdaten und Werdegang seiner Geschwister. Der älteste Bruder von Johannes Reckschenkel, Peter Reckschenkel (7. November 1521 in Luxemburg - 1. Mai 1568), wurde am 26. Februar 1556 zum Abt des Trierer Benediktinerklosters St. Maximin gewählt. Vorher hatte er dort die Aufgaben des Küchen- und Kellermeisters versehen. Er blieb Abt bis zu seinem Tode, wenn er auch lange auf seine Abtsweihe hatte warten müssen. Die freie Reichsabtei St. Maximin lag mit dem Erzbischof Triers (Johann von der Leyen) im Streit, aber die Intervention Papst Pius IV. sorgte endlich für den Vollzug der Abtsweihe. Die Inschrift seines Grabsteines verfaßte Johannes Reckschenkel, sie wurde in Abschrift überliefert, der Stein selbst ist verschollen.
Quellen: Handschrift Hs. 1221/617 8° in der Stadtbibliothek Trier (überwiegend geistliche Texte/ Gebete); Sammelhandschrift G.A. Hs.134 im Historischen Archiv der Stadt Köln (überwiegend Rezepte); Joh. Trevirensis: Opera et annales monasterii S. Barbarae: Handschrift Theol. Lat. Fol. 708 und Fol. 709 in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin (Traktate und Aufzeichnungen, historische Nachrichten).
Lit.:Hartzheim, Joseph: Bibliotheca Coloniensis, Köln 1747, 195; - Hontheim, Nikolaus v.: Historia Trevirensis diplomatica et pragmatica, Bd. 2, Augsburg 1750, 552; - Müller, Franz Tobias: Die Schicksale der Gottes-Häuser in und nahe bei Trier, Handschrift um 1820 im Bistumsarchiv Trier Abt. 95 Nr. 342, 453f; - Müller, M.F.J: Johann Reckschenkel, in: Chronik der Diözese Trier 1, Trier 1828, 714-715; - Schmitt, Philipp: Die Kirche des h. Paulinus bei Trier, Trier 1853, 208, 476; - Sauerland, H.V.: Aufzeichnungen des Kölner Karthäuserpriors Johannes Reckschenkel über die Kölner Kriegsjahre 1580-1596, in: Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Korrespondenzblatt 6, Nr. 7/1887, Trier 1887, 164-170; - Hulley, Joseph: Eine Trierer Familienchronik aus dem 16. Jahrhundert, in: Trierisches Archiv - Ergänzungsheft 3/1903, 65-73; - Ders.: Alte Osterbräuche in St. Paulinusstift zu Trier in: Pastor Bonus 19/1906-07, 333-334; - Ders.: Zur Lebensgeschichte des St. Pauliner Stiftsherren und späteren Priors der Kölner Karthause Johannes Reckschenkel, geb. 1525 gest. 1611, in: Trierische Chronik 2/1906, 59-64; - Ders.: Zwei verlorengegangene Grabinschriften aus St. Maximin und St. Simeon in Trier, in: Pastor Bonus 19/1906/07, 380-381; - Becker, Adolf: Die deutschen Handschriften der Stadtbibliothek zu Trier, Heft 7 : Die deutschen Handschriften, Trier 1911, 99-105; - Schneider, Christel: Die Kölner Kartause von ihrer Gründung bis zum Ausgang des Mittelalters, Bonn 1932, 10; - Endesfelder, Kurt: Geschichte von Longuich-Kirsch, Trier 1967, 198, 252-254; - Heyen, Franz-Josef: Das Stift St. Paulin vor Trier (= Germania Sacra Neue Folge 6,1), Berlin 1972, 62, 631f., 663, 720, 725; - Schwab, Francois: Luxemburger Abt von St. Maximin wartete neun Jahre auf Approbation: in Luxemburger Marienkalender 1982, 32-33; - De Backer, Christian (Hrsg.): Het receptenboek van de Keulse kartuizer Joannes Trevirensis (eind 16de eeuw), Brüssel 1983; - Zey, Katharina: Geistliche Texte des Kölner Kartäuserpriors Johannes Reckschenkel (1525-1611), Salzburg 1989; - Heinz, Andreas: "Bei den Trierern scheint der Böse Geist seinen Sitz aufgeschlagen zu haben" - Ein bisher unbekannter Bericht des Kölner Kartäuserpriors Johannes Reckschenkel (1526-1611) über Hexenverfolgungen im Trierer Land, in: Franz, Gunther; - Irsigler, Franz (Hrsg.): Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Trier 1996, 449-457; - Franz, Gunther: Geistes- und Kulturgeschichte 1560-1794, in: Düwell, Kurt; - Irsigler, Franz (Hrsg.): Trier in der Neuzeit, Trier 2000, 313; — Schmid, Wolfgang: Die Wallfahrtslandschaft Rheinland am Vorabend der Reformation - Studien zu Trierer und Kölner Heiltumsdrucken, in: Schneider, Bernhard (Hrsg.): Wallfahrt und Kommunikation - Kommunikation über Wallfahrt, Mainz 2004, 17-195, hier 45f.