REDNER, Leo, Bischof von Kulm, * 13.9. 1828 in Neuenburg/Weichsel, + 1.4. 1898 in Pelplin. - R., ein Sohn des katholischen polnischstämmigen Lehrers Adalbert R., dessen Vater erst seinen Familiennamen Mówiíski eingedeutscht hatte, und der Protestantin Friederike geb. Stock, wurde katholisch erzogen. Auf den Besuch des Gymnasiums in Kulm folgten ein Studienjahr an der Theologischen Fakultät der Universität Breslau (1848/49) sowie der Eintritt in das Priesterseminar zu Pelplin (1849). Durch Vermittlung eines staatlichen Stipendiums ermöglichte Bischof Anastasius Sedlag R. die Fortsetzung seiner theologischen Studien in Breslau, die er am 6.8. 1852 mit dem Lizentiat der Theologie abschloß. Seine Lizentiatsarbeit »De purgatorio« erschien 1856 in deutscher Übersetzung im Druck. Nach dem Pastoraljahr im heimischen Priesterseminar empfing R. am 17.4. 1853 in Pelplin die Priesterweihe. Schon seine Kaplanszeit führte ihn nach Danzig (1853/54 Vikariat an der ehemaligen Dominikanerkirche St. Nikolai), wo er mit einer Unterbrechung (1854-1857 Gymnasialprofessor für Religion in Konitz) seine gesamten Priesterjahre verbringen sollte. Am 14.9. 1857 übernahm R. als Administrator, am 27.3. 1860 als Pfarrer die Seelsorge an der Königlichen Kapelle zu Danzig. Im Laufe der Jahre kamen zahlreiche weitere Aufgaben hinzu; u.a. stand er dem Piusverein vor, unterrichtete zwischen 1857 und 1871 Religion am Gymnasium und gab 1865-1872 das »Katholische Kirchenblatt« heraus. Daneben setzte R. seine wissenschaftliche Arbeit fort; er verfaßte mehrere historische und kirchenrechtliche Schriften, für die ihm die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau am 18.12. 1861 die Doktorwürde verlieh. Auch die Kurie in Pelplin wurde auf den engagierten Danziger Geistlichen aufmerksam. Bischof Johannes Nepomuk von der Marwitz (s.d.) ernannte ihn am 10.12. 1872 zum Prosynodalexaminator. Die preußische Regierung, welche durch die Berufung staatstreuer Geistlicher in höchste Ämter die Erschütterungen des Kulturkampfes zu mildern und in den Ostprovinzen der erstarkenden nationalpolnischen Bewegung entgegenzutreten suchte, verschaffte R. mittels königlicher Nomination ein Kanonikat im Pelpliner Domkapitel (7.8. 1882). Wenig später erfolgte seine Ernennung zum Geistlichen Rat. In dieser Funktion vertrat R. den hochbetagten Bischof von Kulm mehrfach auf Treffen der Fuldaer Bischofskonferenz. Nach von der Marwitz' Tod (29.3. 1886) wählte das Domkapitel R. zum Kapitularvikar. Als sich die Neubesetzung des Bischofsstuhles wegen Bedenken der preußischen Staatsbehörden gegen einige Kandidaten hinauszögerte, folgte Papst Leo XIII. vermutlich einer Empfehlung der Bischöfe Krementz von Köln und Thiel von Ermland und ernannte unter Umgehung des Kapitelswahlrechtes am 19.11. 1886 R. zum Bischof von Kulm. Die Konsekration vollzog der zuständige Metropolit, Erzbischof Julius Dinder von Gnesen-Posen, am 9.1. 1887 in der Kathedrale zu Pelplin. R. hatte von Anfang an damit zu kämpfen, daß er als Favorit der preußischen Regierung galt und die polnische Sprache nur sehr schlecht beherrschte, weshalb ihn Teile des Domkapitels und des Diözesanklerus ablehnten. Er verstand es jedoch, seine guten politischen Beziehungen zugunsten seiner Diözese einzusetzen. So erreichte er schon am 14.6. 1887 die Wiedereröffnung des während des Kulturkampfes 1876 geschlossenen Priesterseminars in Pelplin. Während seines Episkopats stieg die Zahl der Alumnen von 36 auf 116. Als ausgesprochener Seelsorgebischof versuchte er, seinen deutschen wie polnischen Diözesanen gleichermaßen gerecht zu werden, was ihm nach anfänglicher Skepsis deren Anerkennung eintrug. Z.B. errichtete er aus Anlaß des 900. Todestages des hl. Adalbert (1897) ein Konvikt in Kulm, förderte den Bau neuer Kirchen, vor allem in der Diaspora (Mohrungen, Soldau, Neidenburg), sowie Gottesdienste in polnischer Sprache (u.a. in Danzig-St. Joseph). In R.s Amtszeit fällt auch die umfassende Restaurierung der Pelpliner Kathedrale, einer ehemaligen Zisterzienserkirche, die er teilweise aus Privatmitteln finanzierte, und die Einrichtung eines Diözesanmuseums in Pelplin. 1890 war R. als Nachfolger Erzbischof Dinders von Gnesen-Posen im Gespräch, doch lehnte der Heilige Stuhl mit Rücksicht auf den dort herrschenden Nationalitätenkonflikt seine Transferierung ab. Gegen Ende seines Episkopats verschärften sich die deutsch-polnischen Auseinandersetzungen auch wieder in R.s eigener Diözese. Maßnahmen wie die Berufung eines deutschsprachigen Generalvikars und der Verzicht auf einen (polnischen) Weihbischof trugen kaum zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen dem Ordinarius und seinen Diözesanen bei. Hingegen würdigte die preußische Regierung das Wirken des loyalen Bischofs mit der Verleihung des Roten Adlerordens Zweiter Klasse. R. starb am 1.4. 1898 und fand seine letzte Ruhestätte in der Kathedrale von Pelplin. - Als westpreußischer Bischof in Zeiten zunehmender deutsch-polnischer Spannungen bemühte sich R. darum, den Ansprüchen beider Seiten gerecht zu werden. Zwar gelang es ihm, die schwersten Schäden des Kulturkampfes zu beseitigen, doch blieb trotz all seiner seelsorglichen Verdienste das Odium des deutschfreundlichen `Staatsbischofs' an ihm haften.
Werke: Handbüchlein zur Belebung der Bruderschaft zur göttlichen Vorsehung, Danzig 1851; Über den wahren und falschen Kommunismus. Vier Vorträge, gehalten im St. Vinzenz-Verein zu Danzig, Danzig 1854; Die Civitas Dei des heiligen Augustinus. Ein Beitrag zur römischen Geschichte und Götterlehre. Programm des Katholischen Gymnasiums Conitz, Konitz 1856; Das Fegfeuer. Eine historisch-dogmatische Abhandlung, Regensburg 1856; Glauben wir alle an einen Gott?, Danzig 1858; Kampf der Revolution gegen die Souveränität des Papstes, Danzig 1860; Skizzen aus der Kirchengeschichte Danzigs. Nebst einem Anhang: Beleuchtung der »rechtshistorischen« Studie J. Vollbaum's über den Pfarrhof von St. Marien in Danzig und seine Bewohner, Danzig 1875; Hirtenbriefe, Pelplin 1887 ff.
Lit.: Alfons Maíkowski, Praêaci i kanonicy katedralni Cheêmiíscy od zaêoýenia kapituêy do naszych czasów, in: Roczniki Towarzystwa Naukowego w Toruniu 33, 1926, 1-109; 34, 1927, 285-424, hier 34, 1927, 345 f.; - Ders., O nominacj¤ ks. L. R. na biskupstwo cheêmiískie 1886 roku, in: Zapiski Towarzystwa Naukowego w Toruniu 10, 1935-1937, Nr. 5/6, 196-198; - P. Maêachowski, Koniec walki kulturnej w diecezji Cheêmiískiej (1880-1888), in: Miesi¤cznik Diecezji Cheêmiískiej 2, 1930, Nr. 10, 601-636; - Antoni Liedtke, Zarys dziejów diecezji Cheêmiískiej, in: Nasza PrzeszêoóÛ 34, 1971, 59-116, hier 105; - Erwin Gatz (Bearb.), Akten zur preußischen Kirchenpolitik in den Bistümern Gnesen-Posen, Kulm und Ermland 1885-1914. Aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, 1977; - Bolesêaw Kumor, Ustrój i organizacja koócioêa polskiego w okresie niewoli narodowej 1772-1918, 1980; - Kosch, KD II, 3832; - Altpreußische Biographie II, 540 f.; - Remigius Ritzler/Pirminius Sefrin, Hierarchia Catholica Medii et Recentioris Aevi [Eubel] VIII, 233; - Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, hrsg. v. Erwin Gatz, 1983, 601 f.; - Polski Sêownik Biograficzny XXX, 720 f. (mit Bibliographie).