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Band XXIII (2004) Spalten 1161-1164 Autor: Joachim Faller

REDWITZ-(SCHMÖLZ), Oskar Freiherr von, Dichter, * 28. Juni 1823 Lichtenau (Franken), † 6. Juli 1891 St. Gilgenberg bei Bayreuth. - Redwitz, als achtes Kind des Direktors des Zuchthauses Lichtenau, Karl Ludwig von Redwitz-Schmölz, geboren, verbrachte seine Kindheit ab 1825 in der Pfalz (Kaiserslautern, Speyer, Schweigen), besuchte ab 1833 das Collège communal im elsässischen Weißenburg, später die Gymnasien in Zweibrücken und wiederum Speyer. Ab 1841 studierte er in München Philosophie, später dann Jura. 1846-49 war er Rechtspraktikant in Speyer und Kaiserslautern. Nach anfänglichen kleineren Werken (Hymnus und Lieder auf Papst Pius IX. 1846, verschollen) schuf Redwitz 1846-1848, beeinflußt von dem ultramontanen Dichter und nachmaligen Speyerer Domkapitular Wilhelm Molitor, sein großes Epos "Amaranth", eine schwärmerische Apologie des positiven Christentums gegenüber Rationalismus und Pantheismus. Der außerordentliche Erfolg des Werkes (44 Auflagen bis 1904) bedeutete für Redwitz den großen Durchbruch als Dichter, eine Aufgabe, welcher er sich fortan ausschließlich widmete. 1850/51 studierte er deutsche Philologie bei Karl Simrock in Bonn. Im Jahr 1851 heiratete er Mathilde Hoscher, welche ihm im Laufe ihrer Ehe sechs Kinder gebar. Sein literarischer Erfolg brachte dem Dichter den Lehrstuhl für Literaturgeschichte und Ästhetik in Wien ein, welchen Redwitz allerdings aufgrund seiner unzureichenden Kompetenz auf diesem Gebiet bereits nach einem Semester wieder aufgab. Von 1853-1861 lebte er auf den Gütern Schmölz und Theisenort, welche er mit Begeisterung bewirtschaftete. Nach der "Amaranth" entstanden bald weitere Werke: "Ein Märchen vom Waldbächlein und Tannenbaum" (1850), "Gedichte" (1852), "Hirtenruf" (um 1854, ein Preisgedicht auf den Freiburger Erzbischof Vicari und dessen unnachgiebige Haltung im badischen Kirchenstreit), die Tragödie "Sieglinde" (1854), sowie 1856-1860 die Dramen "Thomas Morus", Philippine Welser" und "Der Zunftmeister von Nürnberg". 1863 folgte die Tragödie "Der Doge von Venedig". Inhaltlich entfernte Redwitz sich unterdessen immer mehr von seinen religiösen Anfängen. Neben einer zusehends national gefärbten Thematik ("Das Lied vom neuen Deutschen Reich" 1871) verstärkte sich immer mehr ein antikatholischer, hierarchie- und dogmenfeindlicher Grundzug in seinen Werken, welcher sich zunächst vor allem in seinem 1864-69 verfaßten dreibändigen autobiographischen Roman "Hermann Stark" kund tat und in dem 1878 erschienen Epos "Odilo" seinen Höhepunkt fand. Der Dichter brach darin endgültig mit seinen einstigen Anschauungen, welche ihn zum poetischen Idol der Ultramontanen hatten aufsteigen lassen, indem er eine dem Deutschkatholizismus ähnliche nationalkirchliche Liebesreligion propagierte. 1866-69 verbrachte er jeweils die Wintermonate in Meran, wohin er 1872 ganz übersiedelte und wo er sich mit dem sogenannten "Schillerhof" in Obermais ein neues Domizil schuf. 1884-1890 erschienen die letzten drei Romane "Haus Wartenberg", "Hymen" und "Glück". Wegen der Folgen eines jahrelangen Nervenleidens begab sich Redwitz Anfang Juni 1891 zur Pflege in die Nervenheilanstalt St. Gilgenberg bei Bayreuth, wo er am 6. Juli einem Herzinfarkt erlag. Der bemerkenswerte Wandel, welchen der Dichter im Lauf seines Lebens vollzogen hatte, ging nach dessen eigener Darstellung auf den Einfluß des Morphiums zurück, das er seit einer mißglückten ärztlichen Untersuchung regelmäßig zu sich nahm und welches seinen Geist zu freieren Ansichten geführt hatte. Diesen hatte er zudem von 1858-1862 als Abgeordneter der Liberalen in der bayerischen Kammer auch politisch Ausdruck verliehen. Überdies mögen der veränderte Publikumsgeschmack und der vergleichsweise mäßige Erfolg seiner auf die "Amaranth" folgenden Werke dabei eine Rolle gespielt haben. Denn Redwitz' Erfolg lag sicherlich nicht in einer ausgesprochen hohen oder kontinuierlichen Qualität seines Schaffens begründet, auch wenn ihm eine gewisses Talent zweifellos nicht abzusprechen ist. Vielmehr schien es ihm in seinem Erstlingsepos gelungen zu sein, ein Bedürfnis der Zeit erkannt und mit den ihm zu Gebote stehenden dichterischen Mitteln befriedigt zu haben. Hierin liegt seine Bedeutung, auch wenn diese Mittel für einen ihn überdauernden Erfolg nicht ausreichten und sein Werk heutzutage fast vollkommen vergessen ist.

Werke: Amaranth, Mainz 1849 (190444); Ein Märchen vom Waldbächlein und Tannenbaum, Mainz 1850 (18545); Gedichte, Mainz 1852 (18543); Hirtenruf, Mainz o. J. (um 1854); Sieglinde, Mainz 1854; Thomas Morus, Mainz 1856 (18572); Philippine Welser, Mainz 1859 (18993); Der Zunftmeister von Nürnberg, Mainz 1860; Gedicht anlässlich des Doktorjubiläums von Dr. Johann Nepomuk Ringseis 1862, abgedr. in: Bettina Ringseis, Dr. Joh. Nep. von Ringseis: kgl. Bayer. Geheimrat, Obermedizinalrat und Universitätsprofessor, ein Lebensbild, Regensburg 1909, 320f.; Der Doge von Venedig, Mainz 1863; Festspiel zur Feier der fünfzigjährigen Gründung des Max-Josef-Stifts in München, München 1863; Mit einem Königsherzen: eine Fahrt von München nach Altötting, München 1864; Die Gräfin von Provence, München 1869; Hermann Stark. Deutsches Leben, 3 Bde., Stuttgart 1869 (18732); Das Lied vom neuen Deutschen Reich, Berlin 1871 (187611); Psychologische Studien, Leipzig 1872, Meran 1873; Johanna Tudor, Meran 1874; Schloß Monbonheur, Meran 1874, Stuttgart 1881; Odilo, Stuttgart 1878 (18834); Ein deutsches Hausbuch, Stuttgart 1883 (19006); Haus Wartenberg, Berlin 1884 (18947); Hymen, Berlin 1887; Glück, Berlin 1890.

Lit. (Ausw.): Ignaz Hub, Dtld.s Balladen- u. Romanzendichter. Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit, Karlsruhe 1853, 927ff.; - [Wilhelm Molitor], O. v. Redwitz und seine Dichteraufgabe, Mainz 1853; - Karl Rosenkranz, Ästhetik des Häßlichen, Königsberg 1853, 137f.; - Adolf von Bachmeister, O. v. Redwitz und seine Dichtungen, in: Weimarisches Jb. f. dt. Sprache u. Literatur und Kunst, 1, 1854, 215-266; - Johann August Moritz Brühl, Geschichte der kath. Literatur Deutschlands, Mainz 1854, 339f., 518, 521, 527, 531, 533f., 632; - Wilhelm v. Merkel, Siegellind. Ein Normallustspiel, Berlin 1854; - Karl Klüpfel, Gustav Schwab. Sein Leben und sein Wirken, Leipzig 1858, 351; - Robert Prutz, Die deutsche Literatur der Gegenwart, Leipzig 1860, 148ff.; - Julian Schmidt, Geschichte der deutschen Literatur seit Lessings Tod, Leipzig 18675, III 417; - Karl Goedecke, Emanuel Geibel, Stuttgart 1869, 343; - Joseph Kehrein, Biogr.-liter. Lexikon d. kath. dt. Dichter, Volks- u. Jugendschriftsteller im 19. Jh., Zürich u. a. 1871, II 39-43; - Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Wien 1873, XXV 122-129 (Bibliogr.); - Franz Brümmer, Deutsches Dichter-Lexikon, Eichstätt 1876, II 185f.; - Heinrich Keiter, Zeitgenössische kath. Dichter Deutschlands, Paderborn 1884, 109-125; - ders., Die kath. Poesie in Dtld., in: Frankfurter zeitgemäße Broschüren, N. F. 6, 1885, 112; - Heinrich v. Sybel, Erinnerungen an Friedrich v. Uechtritz und seine Zeit in Briefen von ihm und an ihn, Leipzig 1884, XXIII; - Otto Wetzstein, Die religiöse Lyrik der Deutschen im 19. Jh., Neustrelitz 1891, 73f., 107; - Wendelin Böheim, Philippine Welser. Eine Schilderung ihres Lebens und ihres Charakters, Innsbruck 1894; - Elise zu Putlitz, Gustav zu Putlitz. Ein Lebensbild aus Briefen zusammengestellt, Berlin 1894, I 115; - Otto Roquette, Siebzig Jahre Geschichte meines Lebens, Darmstadt 1894, I 296, II 20; - Adolf Ernst/Otto Gmelin, Zur Entstehungsgeschichte der "Amaranth", in: Euphorion, 3. Erg.-H. 1897, 193-203; - Adolph Pernwerth v. Bärnstein, Imitata. Lat. Nachbildungen bekannter dt. Gedichte, Leipzig 1897, 90; - Michael Maria Rabenlechner, Oscar von Redwitz' religiöser Entwicklungsgang, in: Frankfurter zeitgemäße Broschüren, N. F. 18, 1897, 1-31; - Alphons Maria v. Steinle (Hrsg.), Eduard v. Steinles Briefwechsel, Freiburg/Br. 1897, I 538; - Anton Kellen, Katholische Dichter, Essen 1898, 13-22; - Otto v. Völderndorff, Harmlose Plaudereien eines alten Müncheners, München 1898, I 218, 285, II 335ff.; - Friedrich Wienstein, Lexikon der kath. dt. Dichter, Hamm 1899, 296f.; - Theobald Ziegler, Die geistigen und sozialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts, Berlin 1899, 316, 318, 321; - Bernhard Lips, Oskar von Redwitz als Dichter der "Amaranth", (Diss. Münster/Westfalen), 1908 (Literaturverz.); - Albert Becker, Oskar von Redwitz und W. Molitor, in: Westpfälz. Geschichtsblätter, 27, 1928, 33f.; - Anton Chroust (Hrsg.), Lebensläufe aus Franken, Würzburg 1936, V 262-267; - Eduard Stemplinger (Hrsg.), Nachromantiker: Kinkel, Redwitz, Roquette, Carrière, Bodenstedt, Schack, Stuttgart 1938; - Friedrich Winterscheidt, Die geistesgeschichtlichen Grundlagen der deutschen Unterhaltungsliteratur der Jahre 1850-1860, (Diss. Erlangen), 1966, 214-219; - Heinz Jürgen Schueler, The German verse epic in the nineteenth and twentieth centuries, Den Haag 1967, 22-25, 57f., 118f.; - Adolf Traunfelder, "Messias der Poesie" aus Lichtenau, in: Frankenland, 25, 1973, 111-113; - Ingrid Leitner, Sprachliche Archaisierung: historisch-typologische Untersuchung zur deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts, (Diss. München, 1976), Bern 1978, 98-102; - Angelika Menne, Einigkeit und Unité. Die Legitimation politischer Vorgänge mit lyrischen Mitteln in den deutschen und französischen Kriegsgedichten von 1870-71, (Diss. Berlin), 1980, 268-271; - Hiltrud Häntzschel, Dt. Schriftsteller im Porträt, München 1981, IV 138f.; - Ludger Lütkehaus, Der "Renegat" Redwitz. Kurze Hinweisung auf den Dichter der "Amaranth" und einige Inedita, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift, 34, 1984, 174-176; - Rudolf Fendler, Oscar Freiherr von Redwitz und die Pfalz: zum 100. Todestag eines vergessenen Dichters, in: Pfälzer Heimat, 42, 1991, 74-79; - Rudolf Pfadenhauer, Oskar Freiherr von Redwitz. Edelmann und Dichter aus Schmölz, in: Geschichte am Obermain/Colloquium Historicum Wirsbergense, 22, 1999/2000, 159-165; - Joachim Faller, "Hirtenruf" - Oskar von Redwitz und sein lyrischer Beitrag zum badischen Kirchenstreit, in: FDA, 123, 2003, 99-107; - Walther Killy (Hrsg.), Literaturlexikon, Gütersloh 1991, IX 330f.; - ADB LIII, 249-255; - Kosch, KD II, 3835f.; - DLL XII, 716; - DBI VI, 2793; - NDB XXI, 252-254.

Joachim Faller

Letzte Änderung: 16.05.2004