REHMANN, Theodor Bernhard, dt. Domkapellmeister und Chorleiter, Komponist, Theologe, * 9. Februar 1895 in Essen-Altenessen, † 4. Oktober 1963 in Schleiden/Eifel. - 1919-22 Studium der Theologie und Musikwissenschaft (Ludwig Schidermair, A. Schmitz) in Münster und Bonn, 1922 Eintritt in das Priesterseminar in Köln, 1923 Priesterweihe, 1924 Stiftsvikar und Stiftskapellmeister am Liebfrauen-Münster Aachen, 1925 staatliches Abschlußexamen an der Kirchenmusikschule Regensburg, 1925-63 Domkapellmeister in Aachen, 1927-37 Schriftleiter des Gregorius-Boten, 1939 Professor am Bischöflichen Priesterseminar in Aachen, 1944 Ehrendomherr, Wirklicher Geistlicher Rat und Päpstlicher Hausprälat, 1945-55 Professor und Abteilungsleiter für katholische Kirchenmusik an der Musikhochschule Köln, 1945/46 kommissarischer Städtischer Musikdirektor in Aachen, 1958 residierender Domkapitular. - R. war ein Exponent des geistigen und musischen Lebens jener fruchtbaren Landschaft, in der rheinisch-niederfränkisches Wesen mit den westlichen Nachbarkulturen immer neue Verbindungen einging. Den mit Knaben-Oberstimmen singenden Aachener Domchor, die »Capella Carolina«, formte er in den späten 20er und 30er Jahren zu einem a-cappella-Instrument ersten Ranges, dessen Ruf weit über Deutschland hinausstrahlte. Sowohl in der kultischen Feier als auch bei Konzertreisen durch Europa und Schallplattenaufnahmen führte R. den Domchor zu höchsten Leistungen und internationalem Ruf. Der Aachener Dom war von jeher besondere Pflegestätte der »Musica sacra«, ob im Wechsel der Geschichte als karolingische Residenz, Krönungsort der deutschen Könige, Heiligtumsfahrt oder Bischofssitz. Es hatte dementsprechend mehr als nur zeremonielle Bedeutung, daß am Aachener Münster mit einer wohlabgewogenen liturgischen Ordnung der Kantor die geborene zweite Dignität war. R. übernahm einen in guter Form befindlichen Chor von 46 Knaben- und 28 Männerstimmen, der neben den liturgischen Hauptaufgaben, der Pflege des Chorals, der alten Meister und betont der neuzeitlichen Musik ein über Aachen weit hinausreichendes konzertantes Leben pflegte. Es zeichneten sich die Konturen der Auseinandersetzung zwischen cäcilianischer Tradition und lebendiger Entwicklung der Kirchenmusik zu neuen Ansätzen ab. Die neue kirchenmusikalische Bewegung in Deutschland brachte nun schlagartig die Meister der Gegenwart, vor allem der Kölner und Münchner Schule, zur Geltung. Dabei trug der Geist, aus dem diese neue Kirchenmusik geschaffen wurde, das Zeichen Anton Bruckners, der für R. der »priesterliche Konsekrator der Instrumentalmusik« war. Von den Komponisten neuzeitlicher Richtung war kaum einer, den die Aachener nicht mit Erst-, meist aber Uraufführungen charakteristischer Werke richtunggebend herausstellten. Neben Bach standen die großen Italiener aller liturgischen Kategorien und die Niederländer aller Schulen. Seit der Aachener Internationalen kirchenmusikalischen Tagung 1934 stand die Vorrangstellung des Kathedralchores für den deutschen Westen fest, ja er rangierte unter den besten europäischen gemischten Knabenchören überhaupt. Es galt für R., der Dommusik von künstlerischem Rang das Fundament zu sichern in einer soliden Pflege der altklassischen Vokalpolyphonie und in geeigneter Weise das schöpferische Schaffen der Gegenwart einzufangen. - Nach dem 2. Weltkrieg begann für den Aachener Domchor ein zweiter Aufstieg nach einem gleich bedeutsamen zwischen den beiden Weltkriegen. R. baute sich, nachdem sein Knabenchor in alle Winde zerstreut wurde, einen Frauenchor auf, der sich zumeist aus Schülerinnen des St. Ursula-Chores und aus Mitgliedern des Städtischen Gesangvereins zusammensetzte. Im Gegensatz zu seiner Aufbauarbeit lag es ihm jetzt an einem gemischten Chor mit Frauenoberstimmen, der bald einer der führenden deutschen gemischten Chöre war. Gemeinsam mit den in der Stadt verbliebenen Männern des Domchores und Musikern des Städtischen Orchesters legte er das Fundament für den kommenden Wiederaufbau des Musiklebens. Hier bewährte sich erneut die jahrhundertealte Verbundenheit von Stadtmusik und Dommusik. - R.s Reorganisation des gesamten Aachener Musiklebens wird als eine einzigartige Leistung anerkannt. Es war seine Lieblingsidee, nach dem 2. Weltkrieg auch die 1933 unterbrochenen »Niederrheinischen Musikfeste« wiederaufleben zu lassen, die bis 1957 durchgeführt wurden. Dazu kam 1946 die Einrichtung der jährlich stattfindenden »Eifeler Musikfeste«, die sich um das Kloster Steinfeld konzentrierten. Die sehr große Fülle von Uraufführungen und Neuschöpfungen verdankt ihr Entstehen größtenteils R.s Anregung. Dabei handelte es sich nicht nur um rein liturgische Musik, sondern auch der geistlichen Hausmusik und der Jugendmusik galt im gleichen Maße sein Interesse. - Als Komponist hinterließ R. insgesamt 59 Werke. Er fühlte sich dabei der Tradition verbunden, suchte aber auch das Neue. Im Gegensatz zum historisierend auf alte Stile zurückgreifenden Cäcilianismus versuchte er besonders den harmonischen Bereich zu erweitern und lehnte sich dabei an Griesbacher, Wöss und auch Bruckner an. Obgleich er an der normalen Tonalität festhielt, versuchte er doch Kirchentonalität und Dur/Moll-Tonalität zu verbinden und zu vermischen. Es entstand eine herbe Tonalität, in der wenigstens einige wenige Elemente der Musik des 20. Jahrhunderts enthalten sind. Das Bild rundeten geistvolle Vorträge und sein Wirken als philosophischer und künstlerischer Schriftsteller. R.s liturgisches Vermächtnis, das sehr verstreut ist, liegt zum großen Teil im 1937 aufgelösten »Gregorius-Boten für katholische Kirchensänger« vor. Themen der geistigen Deutung der Musik, der Musikgeschichte und der künstlerischen Praxis standen dabei im Vordergrund. Immer erwies sich R. als geschmackvoller Stilist, ursprünglicher Denker und leidenschaftlicher Bekenner, bei dem sich wissenschaftliche Einsicht, philosophische Ordnung und musische Ergriffenheit mit einer alles durchdringenden religiösen Berufung vereinten. Sein Nachlaß befindet sich im Domarchiv Aachen, während die meisten seiner Kompositionen im Notenarchiv des Aachener Domchores verwahrt werden.
Werke: »Marienkantate«, Missa »Cantantibus organis«, Orchestermesse »Gloria Die«, »Hildegard-Kantate«, Kantate »Die Kleine Schöpfung«, Motettenkranz »Laetamini«, »Ruth-Schaumann-Lieder«, »Messe in F von J. S. Bach«, Bühnenmusik zum Märchenspiel »Trill Trall«, »Goethe-Chöre«, Motetten, Kirchenliedkantaten, Liederzyklen, Bühnen- und Turmmusiken, Streichquartett, Sinfonietta in Es
Lit.: Walter Michael Berten: R., in: Musica IX (1955), 84f.; - Walter Michael Berten: Zum 60. Geburtstag von Domkapellmeister Th. B. R., in: Musica sacra 75, Heft 2 (1955), 33ff.; - W. Brennecke: R., in: MGG Bd. 11, Sp. 145; - Capella Carolina - 30 Jahre im Dienst am Aachener Dom. Festgabe für Th. B. R. (1955); - Heinrich Lehmacher: R., in: Musica sacra 80 (1960), 53ff.; - I. Kreps: R., in: Musica sacra 64 (1963), 76ff.; - Heinrich Lehmacher: R., in: Musica sacra 83 (1963), 325ff.; - Erich Stephany: Erinnerungen an Domkapellmeister Th. B. R., in: Aachen, Bilder und Berichte, Heft 10 (1963), 17f.; - I. Dunkel: R., in: Musik und Altar 16 (1964), 31f.; - Heinz Wagener: Literarisches Profil R., in: Musica sacra 86 (1966), 149/324; - Walter Engelhardt: Notizen zum Lebensbild von Th. B. R., in: Beiträge zur Musikgeschichte der Stadt Aachen II (1979); - Dieter Gillessen: Th. B. R., in: Karl Schein (Hrsg.): Christen zwischen Niederrhein und Eifel - Lebensbilder aus zwei Jahrhunderten (1993), 141-152; - Alfred Beaujean: 175 Jahre Städtischer Chor Aachen 1820-1995 (1995); - August Brecher: Musik im Aachener Dom in zwölf Jahrhunderten (1998); - Heiko Bockstiegel: Meine Herren, kennen Sie das Stück? Erinnerungen an deutschsprachige Chordirigenten des 20. Jahrhunderts (1999), 183-192.
Heiko Bockstiegel
Literaturergänzung:
Michael Tunger, Klingende Kathedrale. Theodor Bernhard Rehmann 1895-1963. Aachen 2005.