REICHEL, Paul Gerhard, * 6. Juni 1874 auf Schloß Prangins am Genfer See, † 29. Januar 1953 in Neuwied, Dozent, Pfarrer und Bischof der Herrnhuter Brüdergemeine, verheiratet, 4 Kinder. - Nach Schulbesuch in Königsfeld/ Schwarzwald und Niesky nahm R. 1894 das Theologiestudium am Seminar der Brüderkirche in Gnadenfeld auf. Nach sechs Semestern legte er dort sein Examen ab. Es folgte ein Jahr als Freiwilliger im 1. Leib-Grenadier Regiment in Dresden. 1898 wurde R. Lehrer und Erzieher am Pädagogium in Niesky. Das Gnadenfelder Seminar bot ihm um 1900 eine Dozentur für Kirchen- und Brüdergeschichte an. R. nahm die Offerte an, wollte aber vor Antritt der Dozentur seine historischen Kenntnisse an einer Universität vertiefen. Zu diesem Zweck bezog R. für drei Semester die Universitäten Marburg und Leipzig. In Marburg studierte er vor allem bei Carl Mirbt. An der Lahn lernte R. auch Karl Heussi und Hermann Mulert kennen, mit denen ihn eine lebenslange Freundschaft verband. In Leipzig bereitete sich R. bereits auf seine eigene Vorlesungstätigkeit vor, die er 1901 mit dem Antritt der Dozentur für Kirchen- und Brüdergeschichte in Gnadenfeld begann. In den darauffolgenden Jahren trat R. mit zahlreichen Studien zur Brüdergeschichte hervor. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges rückte R. als Sanitäter an die Ostfront ab. 1915 konnte R. ins geistliche Amt wechseln. Er wurde Garnisonspfarrer in Brieg bei Breslau und 1917 Festungsgarnisonspfarrer in Thorn. Nach Kriegsende kehrte R. nach Gnadenfeld zurück und nahm seine Lehrtätigkeit wieder auf. Anfang 1920 zog das Gnadenfelder Seminar nach Herrnhut um. Zwei Jahre später wurde R. aufgrund seiner zahlreichen Forschungen von der Universität Leipzig ehrenhalber zum Doktor der Theologie promoviert. Im Laufe der frühen 1920er Jahre distanzierte sich R. innerlich von der liberalen Theologie, in deren Geist er sein Studium absolviert hatte, deren Defizite in theologischer und frömmigkeitspraktischer Hinsicht ihm nun aber - auch bedingt durch die aktuellen Zeitumstände - deutlicher vor Augen traten. Daß sich in seiner Kirche die liberale Auflösung der christologischen zwei-Naturen Dialektik weitgehend etabliert hatte, bedauerte R. sehr. Demgegenüber wollte er das biblische Zeugnis von der gleichzeitigen Präsenz von Gott und Mensch in Jesus Christus wieder in Erinnerung rufen. Im Zuge dieser Entwicklungen kamen R. Zweifel an der rein wissenschaftlichen Arbeit. Das Eigentliche theologischer Arbeit sah er nunmehr im praktischen Kirchendienst, in der gemeindlichen Seelsorge und Verkündigung. Darum legte er 1924 die Dozentur am theologischen Seminar nieder, um Pfarrer zu werden. Zunächst wurde er für zwei Jahre Lehrer an der Bibel- und Missionsschule in Herrnhut. Er engagierte sich stark in der Jugendarbeit und war zeitweilig Vorsitzender des Brüderischen Jugendbundes. 1926 wurde R. Pfarrer der Brüdergemeine in Dresden. 1928 wechselte er nach Neuwied. Im Pfarramt betrieb er weiterhin historische Forschungen. Zu Zeiten des Kirchenkampfes gewährte R.s Neuwieder Gemeine den zur Bekennenden Kirche haltenden Gliedern der Landeskirche Asyl. Als Freund und Unterstützer der Bekennenden Kirche nahm R. 1934 an der Bekenntnissynode in Barmen teil. Nach seiner Pensionierung 1947 arbeitete R. an einem Kommentar zur Johannesapokalypse. 1951 wurde R. von der Synode der Europäisch-Festländischen Brüderunität zum Bischof gewählt. Das Bischofsamt versah er bis zu seinem Tod. - R. ist der wohl bedeutendste Historiker der Herrnhuter Brüdergemeine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Oeuvre dominieren Werke über die Frühphase Herrnhuts. Aus einer Kontroverse mit dem Schweizer Pfarrer und Psychoanalytiker Oskar Pfister gingen 1911 und 1914 wegweisende Bücher über Zinzendorfs Frömmigkeit hervor. R.s 1922 erschienenes Buch über die Anfänge Herrnhuts zählt zu den Klassikern der Brüdergeschichtsschreibung. Zusammen mit Joseph Theodor Müller und Walther Eugen Schmidt gab R. lange Jahre die Zeitschrift für Brüdergeschichte (ZBG) heraus. Für diese verfaßte er zahlreiche Rezensionen. Zwischen 1907 und 1910 edierte R. gemeinsam mit Müller in der ZGB die Tagebücher Zinzendorfs aus den Jahren 1716 bis 1719.
Werke: Zinzendorf-Litteratur des Jahres 1900, in: ThR 3 (1900), 445-458; Die Entstehung einer Zinzendorf feindlichen Partei in Halle und Wernigerode, in: ZKG 23 (1902), 549-592 (Reprint: Hildesheim: Olms, 1975, in Mat. u. Dok., Reihe 2, Bd. XII, 635-678); August Gottlieb Spangenberg. Bischof der Brüderkirche. Tübingen 1906 (Reprint: Hildesheim: Olms, 1975, in Mat. u. Dok., Reihe 2, Bd.XIII, 1-307); Art. Spangenberg, August Gottlieb, in: RE3 18 (1906), 557-563; Art. Zinzendorf, Nikolaus Ludwig von, in: RGG1 5 (1913), 2217-2222; Zinzendorfs Frömmigkeit im Licht der Psychoanalyse. Tübingen 1911 (Reprint: Hildesheim: Olms, 1975, in Mat. u. Dok., Reihe 2, Bd. XIII, 765-960); Der "Senfkornorden Zinzendorfs". Ein Beitrag zur Kenntnis seiner Jugendentwicklung und seines Charakters. T. 1: Bis zu Zinzendorfs Austritt aus dem Pädagogium zu Halle 1716 [Berichte des theologischen Seminars der Brüdergemeine in Gnadenfeld 9]. Leipzig 1914 (Reprint: Hildesheim: Olms, 1975, in Mat. u. Dok., Reihe 2, Bd. XII, 141-372); Die Anfänge Herrnhuts. Ein Buch vom Werden der Brüdergemeine. Herrnhut 1922 (Reprint: Hildesheim: Olms, 2001, in Mat. u. Dok., Reihe 2, Bd. XXIX.1); Gottes Wunderführung im alten Herrnhut. Ein Beitrag zum inneren Werden der Brüdergemeine vor 200 Jahren. Innentitel: Die Geschichte des 13. August 1727. Gnadau 1927; Neuauflage: Der 13. August 1727 [Herrnhuter Hefte 13]. Hamburg 1959; Wie Herrnhut zu einer Brüdergemeine wurde, in: Neue Christoterpe 48 (1927), 153-172; zusammen mit Joseph Theodor Müller (Hgg.): Zinzendorfs Tagebuch 1716-1719, in: ZBG 1 (1907), 113-203; Dies. (Hgg.): Zinzendorfs Tagebuch 1716-1719, in: ZBG 2/II (1908), 81-129; Dies. (Hgg.): Zinzendorfs Tagebuch 1716-1719, in: ZBG 4 (1910), 5-97 (Reprint: Hildesheim: Olms, 1973, in Mat. u. Dok., Reihe 3, Bd. I-II); Zinzendorfs Studienzeit in Wittenberg. Eine Vorlesung, überarbeitet und ergänzt mit Anmerkungen von Hellmut Reichel, in: Unitas Fratrum 44 (1998), 9-94.
Lit.: Hellmut Reichel: Vorgeschichte der Synode 1935, in: Unitas Fratrum 40 (1996), 39-51; - Ders.: Die Aufnahme des "Wortes der Synode" und die Verhandlungen dazu auf der Synode 1937, in: Unitas Fratrum 40 (1996), 89-92; - Alexander Bitzel: Gerhard Reichel und sein Buch über die Anfänge Herrnhuts [1922]. Eine Einführung, in: Herrnhut im 19. und 20. Jahrhundert. Drei Schriften von Wilhelm Bettermann, Gerhard Reichel und Otto Uttendörfer [Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Materialien und Dokumente, Reihe 2, Bd. XXIX.1]. Hildesheim-Zürich-New York 2001, III-XVII.