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Band XXVIII (2007) Spalten 1298-1308 Autor: Manfred Berger

REIHLEN, Charlotte Louise, * 26. März 1805 (nicht 1803, wie ihr Biograph Friedrich Baun [1922] vermerkte) in Kemnat (heute: Ostfildern), † 21. Januar 1868 in Stuttgart, Pietistin, Gründerin und Förderin von Erziehungs- und Bildungsinstitutionen, Mitbegründerin der Evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart. - Ihr Vater war Pfarrer Wilhelm Mohl, der in erster Ehe mit Friederike Christiane von Kapff verheiratet war. Das Ehepaar hatte vier Söhne und eine Tochter. Die Pfarrfrau starb am 9. Juni 1802 im Alter von 36 Jahren an "Auszehrung". Am 15. November 1803 heiratete der Witwer die Pfarrerstochter Euphrosine Regine Göz. Aus dieser Verbindung ging als einziges Kind Charlotte Louise, kurz Lotte genannt, hervor. Die Neugeborene wurde wenige Tage nach ihrer Geburt am 1. April 1805 in der Kirche von Kemnat getauft: - "Nicht der Sitte der Zeit entsprechend, sondern außergewöhnlich bei der Taufe war, daß die Eltern für ihr Kind sage und schreibe 24 Taufzeugen (Paten) bestellten: das war sonst nur bei hochmögenden oder fürstlichen Familien üblich... Unter den zu den Paten bestellten Personen waren fünf Pfarrer, vier hohe Beamte bzw. Kaufleute, fünf Tanten aus der mütterlichen Seite, zwei Tanten und ein Onkel aus der väterlichen Seite; dazu die Großmutter, die 'Frau Oberhofpredigerin Storr', deren Tochter, eine ältere Stiefschwester aus der ersten Ehe Pfarrer Mohls und andere" (Daiber 1997, S. 15). - Charlotte Louise verlebte ihre Kindheit hauptsächlich in Weissach, bei Leonberg. Dorthin wurde Pfarrer Wilhelm Mohl 1808 berufen. Mit der dürftigen Volksschulbildung seiner Tochter war der Vater nicht zufrieden, darum unterrichtete er sie noch zusätzlich in Tier- und Pflanzenkunde, Geographie, Geschichte und Astronomie. Die schwere Krankheit der Mutter hatte das junge Leben der einzigen Tochter wesentlich bestimmt. Die Pfarrersfrau litt unter epileptischen Anfällen sowie schweren Depressionen. Dadurch war sie kaum noch in der Lage den Haushalt zu führen und die Familie zu versorgen: - "So blieb - etwa von ihrem zwölften Lebensjahr an - ein Teil der Haushaltsführung und der Pflege der kranken Mutter, insbesondere zur Nachtzeit, an Charlotte hängen. Sie hat versucht, sich diesen Pflichten zu stellen. Es wird berichtet, daß sie sich abends nur noch teilweise entkleidet habe, um nachts der kranken Mutter rasch beistehen zu können. Auch habe sie wiederholt den Dienst in der Küche übernehmen müssen" (Daiber 1997, S. 19 f). - Neben den familiären Sorgen hatten noch weitere unschöne Umstände das heranwachsende Mädchen geprägt: Armut, Not und Krankheit. Die napoleonischen Kriege hinterließen tiefe Spuren im Land. Zu dem herrschte 1816/17 in Württemberg, als Folge einer durch einen fernen Vulkanausbruch verursachten Klimaveränderung, eine entsetzliche Hungersnot. Die Bauern und ihre Familien mußten notgedrungen ihr Saatgut aufessen, um nicht zu verhungern. Viele Menschen erkrankten an den Folgen der Unterernährung und Zehntausende wanderten aus, weil sie in ihrer Heimat keine Lebensperspektive mehr sahen. Aber auch religiöse Gründe spielten eine Rolle: man deutete die Notjahre als baldige Wiederkunft Jesus. - "Die Notzeit hat aber auch mit sich gebracht, daß viele an den Türen der Pfarrhäuser Hilfe suchten. Charlotte war bemüht, nach Kräften zu helfen. Einmal hörte sie eine Nachbarin klagen, sie hätte nicht einmal Geld, um Salz zu kaufen. Charlotte lief nach Hause, erbat sich einen Groschen und kaufte für die Nachbarin Salz. Aber diese jammerte: sie habe ja nicht einmal Kartoffeln noch Brot" (Daiber 1997, S. 21). - Nach der Konfirmation, im Frühjahr 1819, wäre R. die alleinige Pflege der schwer kranken Mutter zugefallen. Doch der Vater ließ dies nicht zu. Er schickte die Tochter zur weiteren Ausbildung zu einer Tante nach Stuttgart. Dort sollte sie in all jenen Dingen unterwiesen werden, "die damals für eine heranwachsende Frau, Gattin und Mutter notwendig erschienen - also in der Haushaltsführung, im Kochen, in Fragen des Benehmens und des Umgangs mit anderen Menschen" (Daiber 1997, S. 23). - In der Residenzstadt Württembergs lernte die tiefreligiöse 18-Jährige ihren Ehemann, Friedrich Reihlen, kennen. Er war der Sohn einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie. Charlotte Louise Mohl und Friedrich Reihlen heirateten am 24. Juni 1823. Aus der Ehe, die vom Vater der Braut eingesegnet wurde, gingen fünf Kinder, drei Söhne und zwei Töchter, hervor: Adolf (*1824), Julius (*1826), Theodor (*1828), Elise (*1830) und Marie (* 1833). - Ein tiefer Einschnitt im Leben der jungen R. war der Tod des zweitgeborenen Sohnes, der Anfang des Jahres 1829 im Alter von zwei Jahren an einer Luftröhrenentzündung qualvoll starb. Die untröstliche Mutter verfiel in schwere Depressionen. Sie deutete den Tod ihres Kindes als Strafe Gottes für ihre eigenen Sünden und ihre Ungläubigkeit. Diese religiöse Einstellung war seinerzeit sehr verbreitet, insbesondere im pietistisch-erwecklichen Milieu: - "Die Menschen fragten nicht nach Gottes Gerechtigkeit, sondern nach der eigenen Schuld. Der Gedanke an ein - auch Unschuldige heimsuchendes - Strafhandeln Gottes war, nicht zuletzt weil es dafür viele biblische Belege gab und auch die eigenen Erfahrungen dafür sprachen, noch ganz selbstverständlich. Die Krise führte Reihlen (am 19. Juni 1830) in ein tiefes religiöses Erlebnis, zu einer sogenannten Bekehrung und damit zu einer intensivierten Form der Frömmigkeit. Sie wurde sich bei diesem Ereignis der Tatsache gewiß, daß ihr Gott die Sünden vergeben habe. Genau datierbare Bekehrungserlebnisse waren damals in den frommen Kreisen keine Seltenheit. Wohlgemerkt: Es handelte sich nicht um die Bekehrung eines Nicht-Christen oder einer Kirchenfernen, sondern um die Bekehrung einer zuvor schon frommen, intensiv christlich lebenden Frau" (Jung 2006, S. 184). - Friedrich R. sah die religiöse Gesinnung seiner Ehefrau und ihre Kontakte zum pietistisch-erwecklichen Kreis Württembergs äußerst ungern. Er dagegen sympathisierte mit freiheitlichem sowie revolutionärem Gedankengut. Die pietistischer Frömmigkeit hielt er für das größte Unglück, in welches ein Mensch geraten konnte. Und so verbot der Ehemann seiner Gattin den Besuch der Predigten von Christian Adam Dann und Wilhelm Hofacker, beide bedeutende pietistische Führungspersönlichkeiten, ja er erteilte sogar Erstgenanntem Hausverbot: - "In einer alten Aufzeichnung lesen wir zudem, er habe einmal eine Kutsche vorfahren lassen, um seine Frau in ihr Elternhaus (oder sogar, wie anderwärts bemerkt ist) ins Irrenhaus zu schicken" (Daiber 1997, S. 36). - Enttäuscht von der Entwicklung im Königreich Württemberg, reiste Friedrich R. Juli 1833 in die Neue Welt, wo er sich mehr politischen und gesellschaftlichen Freiraum versprach. Seine gehorsame Frau, die mit den Kindern zurückblieb, wollte ihm später dorthin folgen. Doch es kam nicht so weit. Der Ehemann kehrte ernüchtert und durch einen in Michigan tätigen schwäbischen Missionar geistlich bekehrt in die Heimat zurück. Fortan unterstützte er die Frömmigkeit seiner Frau und ihr Wirken für die "Sache des Reichs Gottes". - Vor allem die soziale Not beunruhigte die Fabrikantengattin. Ihre Opferbereitschaft für notleidende Nächste war so überzeugend, daß viele, auch Nichtpietisten, ihr soziales Wirken unterstützten. Mit Sorge betrachtete sie das wachsende Kinderelend, das schlagartig, bedingt durch die Verstädterung und Industrialisierung, anwuchs. Die Zahl der kranken, zurückgelassenen und unterernährten Kinder stieg rapide an. Dies erforderte spezielle Häuser und Einrichtungen: für Waisenkinder, für taubstumme, blinde, schwachsinnige und epileptische wie auch für verwahrloste Kinder. Demzufolge unterstützte die Fabrikantengattin finanziell die von Pietisten gegründeten und geführten "Kinderrettungsanstalten" in Korntal, Lichtenstern, Winnenden, Ludwigsburg und Stammheim. Diese Einrichtungen betrachtete man in pietistischen Kreisen als ersten Schritt zu einer vollkommenen Erneuerung der Gesellschaft. - Ferner bemängelte sie, die seinerzeit vorherrschende ungenügende Schulbildung der Mädchen höheren Standes. Demzufolge setzte sie sich für die Gründung eines Töchterinstituts ein. Dieses wurde nach Friedrich Weidle benannt. Genannter gehörte der auf Michael Hahn zurückgehenden pietistischen Gemeinschaft an und war als Privatlehrer im Hause der Fabrikantenfamilie angestellt: - "Weidle hielt im Hause Reihlen erweckliche Erbauungsstunden ab. Zur Institutsgründung kam es, als nach und nach andere Mädchen außer Reihlens eigenen Töchtern an dem Privatunterricht teilnahmen und die Verlagerung in größere Räume notwendig wurde. Aus der privaten Hausschule wurde eine öffentliche Privatschule, die schon im Gründungsjahr (1841; M. B.) 49 Schülerinnen zählte, die unter der Leitung Weidles in vier Klassen unterrichtet wurden. Reihlen erteilte zeitweise Gesangs- und Handarbeitsunterricht" (Jung 2006, S. 186). - Das "Weidle'sche Töchterinstitut", das 15 Jahre später schon über 500 Schülerinnen zählte, war die erste konfessionelle Privatschule Stuttgarts und besteht heute noch in gewandelter Form als "Evangelisches Mörike-Gymnasium", unter landeskirchlicher Trägerschaft (vgl. http://www. emg-stuttgart.de/html/schulgeschichte.html). - Der Bildung junger Mädchen und Frauen schenkte R. zeitlebens besondere Aufmerksamkeit. Seinerzeit gab es für weniger privilegierte 14-jährige Mädchen, nach deren Schulentlassung, so gut wie keine Möglichkeit einen Beruf zu erlernen. Nur wenigen aus besser gestellten Kreisen war es vergönnt, gegen Lehrgeld ein "Frauenhandwerk", wie beispielsweise Wäscherin, Büglerin, Weißzeugnäherin oder Schneiderin, zu erlernen. Akademische Berufe waren dem weiblichen Geschlecht ohnehin nicht zugänglich. Um den schulentlassenen Mädchen aus einfachen Kreisen eine qualifizierte Ausbildung als "Dienstbotin" zu ermöglichen, rief R. eine dementsprechende Bildungsinstitution ins Leben, die "Dienstbotenschule Paulinenheim". Diese konnte 1860 seiner Bestimmung übergeben werden. Das Protektorat für die Einrichtung hatte Königin Pauline übernommen. Jährlich wurden ca. 30 Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren aufgenommen und in häuslicher Arbeit ausgebildet. - Mit der Gründung einer "Sonntagsschule", die 1865 im Hause ihres ältesten Sohnes der Fabrikantenfamilie eingerichtet wurde, unterstützte R. die Idee, das Bildungsniveau der Kinder aus armen Verhältnissen zu heben, um den Kreislauf von Hunger und Armut zu durchbrechen und ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die "Sonntagsschule", die später den Namen "Kinderkirche" angenommen hatte, fand großen Anklang bei dem am Königshof von Württemberg wirkendem Oberhofprediger Karl (Gottlieb) von Günther, der während eines längeren Aufenthaltes in den USA gute Erfahrungen mit der "Sonntagsschule" gemacht hatte: - "Er war es, der die an manchen Orten Stuttgarts entstehenden Sonntagsschulen in den 'Günther'schen Verein' für Sonntagsschulen zusammenführte. Die ersten großen 'Träger' dieser Arbeit sollen die Süddeutsche Gemeinschaft, der Christliche Verein Junger Männer in Stuttgart und - was auf ein weiteres Interesse von Charlotte Reihlen hindeutet - die Evangelische Diakonieanstalt gewesen sein. Im Frühjahr 1874 hatte die Evangelische Diakonissenanstalt eine Sonntagsschule mit rund 800 Kindern" (Daiber 1997, S. 84 f). - Zudem initiierte die wohlhabende Fabrikantengattin, die sich ärmlich kleidete und äußerst einfach aß, um für ihre Mitmenschen als sittliches Vorbild zu wirken, in ihrem Haus einen "Hilfsverein", der ein "Armengesangbuch" und ein "Christliches Hausbüchlein", mit Gebeten und im "Armengesangbuch" fehlenden Liedern, herausbrachte. Auch rief sie einen Bibelverein ins Leben, der Bibeln zu erschwinglichen Preisen von Haus zu Haus anbot, um nicht nur die "Religiosität", sondern auch um die "Sittlichkeit" im Lande zu heben. - Ein besonderes Anliegen war für R., auch in Stuttgart eine Diakonissenanstalt, entsprechend der von Theodor Fliedner und seiner Frau Frederike 1836 in Kaiserswerth bei Düsseldorf ins Leben gerufenen ersten deutschen Diakonissenanstalt, zu gründen (vgl. Schmidt 1998, S. 84 ff.). Vermutlich hatte sie von der Einrichtung in Kaiserswerth bei einem ihrer vielen Besuche der ihr nahestehenden Herogin Henriette von Württemberg in Kirchheim unter Teck erfahren. Die hohe Frau hatte für das von ihr initiiertes "Wilhelmshospital" zwei Diakonissen aus Kaiserswerth als Pflegerinnen angestellt. - Als sich 1851 Marie Eckert und Margarete Schaible an R. mit der Bitte wandten, sie möge ihnen zur Aufnahme in das Diakonissenmutterhaus in Kaiserswerth behilflich sein, veranlaßte sie die beiden "Jungfrauen", abzuwarten, bis in Stuttgart eine solche Einrichtung entstünde. Mit ihrer Idee stieß die Fabrikantengattin nicht überall auf große Begeisterung. Man warnte, insbesondere aus der "Hahn'schen Gemeinschaft", einer pietistischen Gruppierung um Michael Hahn, vor "Vielgeschäftigkeit", die zu "Werkgerechtigkeit, geistlichem Hochmut und einer Zersplitterung der Kräfte führen könnte" (Jung 2006, S. 188). Demgegenüber fand sie u. a. das Wohlwollen und die Unterstützung des Königshauses sowie von Wilhelm Hofacker, Prälat Sixt Carl Kapff und Franz Härter, dem Gründer des Diakonissenmutterhauses in Straßburg. Letztgenannter sicherte R. zu, die ersten Diakonissen für Stuttgart in seiner Einrichtung auszubilden (vgl. Schmidt 1998, S. 61 ff.). Am 15. April 1853 bildete sich ein Gründungskomitee von fünf Frauen und fünf Männern, darunter das Ehepaar R., das sich die Förderung einer Diakonissenanstalt in der Residenzstadt Württembergs zur Aufgabe machte. Mit einem Aufruf, am 15. Mai 1853 im "Christenbote", eine Wochenzeitschrift, die seit 1832 zum bekanntesten und wichtigsten pietistischen Publikationsorgan Süddeutschlands wurde, und im "Schwäbischen Merkur", trat man an die Öffentlichkeit: - "Unverheiratete evangelische Frauen wurden aufgefordert, sich zu melden. Die Anstalt garantierte ihnen die volle Versorgung und eine einjährige Ausbildung... Verlangt wurde die Bereitschaft, auf jeden Lohn zu verzichten. Auf die Vorbilder der Anstalten in Kaiserswerth, Straßburg, Karlsruhe und Riehen bei Basel wurde verwiesen. Die Öffentlichkeit wurde zu Geldspenden aufgerufen" (Jung 2006, S. 188). - Die Resonanz darauf war spärlich, nur zwei Bewerbungen gingen ein. Trotzdem wurde das Diakonissenhaus gegründet und am 25. August 1854 konnten die ersten noch in Straßburg ausgebildeten Diakonissen einziehen. Die offizielle Einweihungsfeier und Verpflichtung der ersten Schwestern fand am 18. März 1855 statt. Im Jahre 1858 wurde Marie Eckert zur ersten Oberin ernannt. Die Anstalt erfreute sich bald eines regen Zuspruchs: - "Im Jahre 1866 wurde ein neues Gebäude bezogen, dem später eine eigene Kirche und eine Pfarrerwohnung beigefügt wurde. Die Zahl der Diakonissen war auf 40 gestiegen. 1896 erfolgte ein weiterer Umzug, in die Rosenbergstraße 40, wo zehn Jahre später auch das große Wilhelmspital errichtet wurde. Dort war ein separates, d. h. von den Kranken- und Pflegehäusern getrenntes Mutterhaus mit 100 Zimmern erbaut worden. Im Mittelpunkt der Ausbildung stand der Erwerb medizinischer und chirurgischer Kenntnisse, aber auch Religion, Gesang und andere Fächer wurden unterrichtet. Die Diakonissen arbeiteten anschließend, wie überall, unentgeltlich und erhielten außer freier Unterkunft und Verpflegung nur ein Taschengeld. Eingesetzt wurden sie in Krankenhäusern in Stuttgart und Umgebung sowie in der Gemeindekrankenpflege" (Jung 2006, S. 189). - Mit den Jahren kamen noch weitere Arbeitsfelder hinzu: Heime für Mädchen und Frauen, Ausbildungsstätten für Kranken-/Kinderkrankenpflege, für Altenpflege sowie für Hauswirtschaft und Kindergärten (vgl. Präsidium der Kaiserswerther Generalkonferenz 1984, S. 361). Heute erinnert ein Bronzerelief im "Charlotte-Reihlen-Haus", einem Feierabendhaus für Diakonissen im Ruhestand, an die Mitbegründerin der Diakonissenanstalt Stuttgart, welche 2005 ihr 150-jähriges Bestehen feierte. - Neben ihrer sozial/diakonischen Wirken lag der überzeugten Pietistin die missionarische Aufgabe ebenso am Herzen. Erstmals besuchte R. 1842 das jährlich stattfindende Missionsfest in Basel. Noch im gleichen Jahr gründete sie in Stuttgart einen "Missionsverein", der die Arbeit der "Basler Mission", einer Gesellschaft zur Verteidigung "christlicher Wahrheit und Gottseligkeit", durch die Verbreitung von Informationen, das Sammeln von Geld, das Fertigen von Handarbeiten, die verkauft wurden, und das fürbittende Gebet unterstützte. - Das vor allem im Schwabenland weit verbreitete "Zwei-Wege-Bild", "Der breite und der schmale Weg", verdeutlicht erneut und anschaulich R.s missionarisches Selbstverständnis. Sie beauftragte den Maler Paul Beckmann eine Kreidelithografie, nach einer von ihr exakt und detailliert ausgearbeiteten Vorlage, anzufertigen. Für die überzeugte Pietistin gab es nur zwei Reiche, zwei Welten, in denen sich der Mensch bewegen kann, ein Reich des Lichtes und ein Reich der Finsternis, ein Reich des Lebens und ein Reich des Todes. Gott habe dem Menschen nur eine kurze Frist gegeben, um sich für ihn oder gegen ihn zu entscheiden. Diese zwei Reiche werden in "Der breite und der schmale Weg" in schroffer Weise einander gegenüber gestellt. Für den Text zeichnete die Auftraggeberin verantwortlich. Im Vordergrund des Bildes ist zentral ein Wegweiser zu sehen auf dem nach links Tod und Verdammnis und nach rechts Leben und Seligkeit steht. Auf dem breiten Weg suchen die Menschen ihr Vergnügen im Huren, Fressen und Saufen, Gesang, Kartenspiel, Fluchen, Krieg, Zeitung lesen u. a. m., das sie von Gott weg hin ins Verderben stürzt. Demgegenüber führt der schmale, steinige und steile Weg an der verderblichen Welt vorbei. Er verlangt Verzicht auf die Freuden der Welt, wer ihn geht, hält sich aus der Welt mit ihren Vergnügungen, Versuchungen und Lastern heraus, getreu dem Motto: "Von allen Dingen laß ab, die nicht mitgehen bis ins Grab". Es ist der Weg der Askese von der Taufe bis ins Jenseits, der Weg der Barmherzigkeit, der Weg der guten Taten - der Weg in der Nachfolge Jesu Christi. Die letzte Station des schmalen Weges vor dem himmlischen Jerusalem ist das von Frauen für Frauen geschaffene Diakonissenhaus. Zwischen den beiden Wegen gibt es immer wieder die Möglichkeit der Umkehr vom breiten zum schmalen Weg (vgl. http:// www.zeitreise-bb.de/kreis/gesch./piet_g.html). - Das berühmt gewordene Gemälde, das heute noch als Poster oder Puzzle mit 500 Teilen (im Johannisverlag, 77933 Lahr) käuflich erwerbbar ist, erfreute sich großer Beliebtheit und fand reißenden Absatz. Wer waren die Abnehmer? Welchem Zweck und welcher Funktion sollte es dienen? Die Fragen beantwortet treffsicher Martin H. Jung, Professor für Evangelische Theologie an der Universität Osnabrück, wie folgt: - "Formal betrachtet ist das Bild ein moralischer Appell an die Zeitgenossen zur geistlichen Entscheidung für Jesus und will 'Weltmenschen' zu einem Leben mit Gott - im Sinne des Pietismus - einladen, verfolgt also missionarische, evangelistische Ziele. Doch das Bild dürfte vor allem von Menschen gekauft, aufgehängt und betrachtet worden sein, die sich bereits für ein frommes Leben entschieden hatten, und dürfte diesen zur Selbstvergewisserung gedient haben. Sicherlich hat es im 19. und frühen 20. Jahrhundert manches Diakonissenhaus und manche Rettungsanstalt geschmückt. Im Bereich der Arbeit mit Kindern und mit jugendlichen dürfte es auch als didaktisches Mittel im Umgang mit 'Unbekehrten' Verwendung gefunden haben. Ob sie dadurch die einerseits drohende, andererseits verheißungsvolle Botschaft des Bildes Menschen wirklich zu einer Lebensänderung bewegen ließen, ist nicht bekannt" (Jung 2006, S. 198). - Die letzten Lebensjahre R.s waren von schwerem Leid gezeichnet. Im Jahre 1866 erlitt ihr Mann einen Schlaganfall. Er war völlig auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Sie selbst, die schon seit jungen Jahren von Krankheit geplagt war, litt verstärkt an Magenschwäche, Migräne, Schlaflosigkeit und an einem Herzleiden. In der Neujahrsnacht 1868 zog sie sich eine schwere Erkältung zu, die den zerbrechlichen Körper der Kranken enorm schwächte. Die zeitlebens unermüdlich aktive Frau starb am 21. Januar 1868, zwei Jahre vor ihrem Mann, in Stuttgart. Zwei Tage später wurde sie auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt. Prälat von Kapff hielt die Leichenrede. Er sprach über Lk 2,49, den Lobgesang der Maria. R.s Grab ist bis auf den heutigen Tag noch vorhanden. - Am Kemnater Pfarrhaus erinnert eine Gedenktafel an die fromme Wohltäterin, die anläßlich ihres 200. Geburtstages dort angebracht wurde.

Archive: Evangelische Diakonissenanstalt Stuttgart, 70176 Stuttgart; Ida Seele-Archiv, 89407 Dillingen/Donau.

Lit. (Ausw.): Kapff, (S. C.): Worte am Grabe der theuren Frau Charlotte Reihlen, geboren am 16. März 1805, entschlafen den 21. Januar 1868, Stuttgart 1868; - Baun, F.: Charlotte Reihlen (1803-1868). Ein Frauenbild aus den Stuttgarter Gemeinschaftskreisen, Stuttgart 1922; - Maurer, I.: Werke der Liebe. Charlotte Reihlen, in: Stöffler, E. (Hrsg.): Initiativen. Lebensbilder evangelischer Frauen, Stuttgart 1984, 34 ff.; - Daiber, K.: Charlotte Reihlen. Mitbegründerin der Evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart, Stuttgart 1997; - Schmidt, J.: Beruf: Schwester. Mutterhausdiakonie im 19. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1998; - Roi-Frey, K. de la: Schulidee: Weiblichkeit. Höhere Mädchenschulen im Königreich Württemberg, 1806 bis 1918, Tübingen 2003, 90 ff.

Webseiten (Ausw.): http://www.emg-stuttgart.de/html/schulgeschichte.html (14.10.2006); - http://www.diak-stuttgart.de/Texte/Charlotte_Reihlen.htm (14.10.2006); - http://www.elk-wue.de/glauben/gedenktage/gedenktage-2005/charlotte-reihlen/ (14.10.2006); - http://www.zeitreise-bb.de/kreis/geschichte./piet_g.html (14.10.2006); - http://www.altensteig.de/altensteig_web/bes_site/pietismus.html (14.102006); - http://www.evkifil.de/persseinfo_050328_reihlen.htm.

Manfred Berger

Letzte Änderung: 30.08.2007