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Band VII. (1994) Spalten 1528-1530 Autor: Konrad Fuchs

REINACH, Adolf, * 23.12. 1883 zu Mainz; † (gefallen) 16.11. 1917 vor Dixmuiden (Belgien). - R. entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie. In Mainz besuchte er das Gymnasium. Nach bestandenenm Abitur (1901) begann er an der Universität München das Studium der Philosophie bei Theodor Lipps. Dessen Philosophie gründete auf der unmittelbaren psychischen Erfahrung. Noch während seiner Münchner Studienzeit löste R. sich von der Philosophie Lipps', um sich derjenigen Gruppe von Lipps-Schülern anzuschließen, die die methodischen Überzeugungen von Edmund Husserls »Logischen Untersuchungen« (1900/01) gegenüber dem Psychologismus ihres Lehrers vertraten. Dessen schließliche Wendung in Richtung Phänomenologie wurde durch sie nicht zuletzt bewirkt. - Nachdem R. seine philosophischen Studien in München mit der Dissertation »Über den Ursachenbegriff im geltenden Strafrecht« (1905) abgeschlossen hatte, beendete er seine juristischen mit der Ablegung des Referendarexamens in Tübingen. Darauf ging er zu dem in Göttingen lehrenden Edmund Husserl. 1908 habilitierte er sich bei Husserl mit dem geistreichen Entwurf zu einer Urteilstheorie, wovon aber lediglich der Abschnitt über das negative Urteil in den »Münchener philosophischen Abhandlungen« 1911 erschien. - Im Verlauf seiner weiteren wissenschaftlichen Entwicklung wurde R. zu einem der bedeutendsten Repräsentanten der phänomenologischen Philosophie. - Seit Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 drängten R.s religionsphilosophische Interessen alle früheren Arbeiten in den Hintergrund. »Es ist selbstverständlich, daß er bis dahin mit unbedinger Ehrfurcht und sachlicher Scheu auf Sphären geblickt hatte, die ihre objektive Stellung irgendwo besitzen mußten, die ihm aber persönlich nicht zugänglich gewesen waren. Jetzt aber überströmten ihn dieses Neue und nunmehr in ganz anderem Sinne Absolute mit solcher Fülle und Gewalt, daß sein Blick hier zunächst ganz ausschließlich gebannt wurde. Wir sehen, daß für ihn das zentrale religiöse Erlebnis in dem Gefühl und der Erkenntnis nunmehr restloser Geborgenheit bestand. Wie so gar nicht es sich hierbei um eine pantheistisch unklare Gefühlsbetontheit handelte, wie sehr die metaphysisch objektive und reelle Quelle solchen Erlebens wahrhaftes Fundament auch seines Erlebens war, zeigt das eindeutige und klare Verhältnis, das er fortan zu Christus besaß. Denn nur im Erleben Christi kann die unendliche Fülle und Majestät der Gottheit - hier aber vermag der vernichtete Mensch aus dem Schweigen der Anbetung nicht herauszutreten - in die unendliche Nähe verwandelt werden, durch die der Christ im Gebet sich persönlich erhört und aufgehoben weiß.« - R.s Philosophie stellt, vereinfachend ausgedrückt, das überwältigende Zeugnis für die Erfüllbarkeit der Forderung nach absoluter Verselbständigung und damit nach Fixierbarkeit wesensmäßiger Erkenntnis dar. - Daß sein wissenschaftliches Werk, das Werk eines im 34. Lebensjahr gefallenen Philosophen, von seinen Schülern, darunter Edith Stein, 1921 veröffentlicht wurde, stellt eine seltene Ausnahme dar. Daß dies im Falle R.s geschah, beweist seine außergewöhnliche Bedeutung und Wertschätzung als Lehrer und Gelehrter.

Werke: Adolf Reinachs gesammelte Schriften. Herausgegeben von seinen Schülern, Halle a.d. Saale 1921; Was ist Phänomenologie? (Mit einem Vorwort von Hedwig Conrad-Martius) München 1951.

Lit.: Konrad Fuchs, Adolf Reinach. Zur Erinnerung an einen jüdischen Philosophen, in: Allgemeine Zeitung (Mainz), Nr. 44 v. 21./22.2.1978; - ders., Adolf Reinach, in: ders., Lebensbilder vergessener Mainzer Persönlichkeiten, Mainz 1984, 95-102.

Konrad Fuchs

Werkeergänzung:

1989

Adolf Reinach: Sämtliche Werke. Textkritische Ausgabe in 2 Bänden. Hrsg. v. Karl Schuhmann und Barry Smith. Band I: Die Werke. Band II: Kommentar und Textkritik. München u. a. 1989;

2004

Les fondements a priori du droit civil. Trad. de l'allemand de Ronan de Calan. Paris 2004;

2007

Zur Phänomenologie d. Rechts. [Repr.]. Saarbrücken 2007.

Literaturergänzung:

1982

Smith Barry. Introduction to Reinach 'Theory of negative judgment'. In Parts and moments: studies in logic and formal ontology. Edited by Smith Barry. München: Philosophia Verlag 1982. 289-314; -

1983

Crosby John, 'Reinach discovery of the social acts,' Aletheia 3: 143-194 (1983); -

1986

Burkhardt Armin. Soziale Akte, Sprechakte und Textillokutionen: A. Reinachs Rechtsphilosophie und die moderne Linguistik. Tübingen: Niemeyer 1986; -

1987

Speech act and Sachverhalt: Reinach and the foundations of realist phenomenology. Edited by Mulligan Kevin. Dordrecht: Martinus Nijhoff 1987; -

1989

Smith Barry, 'Logic and the Sachverhalt,' The Monist 72: 52-69 (1989); -

1991

Falcioni Daniela. Le Regole della relazionalità: una interpretazione della fenomenologia di Adolf Reinach. Milano: Giuffré Editore 1991; -

1992

Lohmar Dieter, 'Beiträge zu einer phänomenologischen Theorie des negativen Urteils,' Husserl Studies 8: 173-204 (1992); - Zelaniec Wojciech, 'Fathers, kings, and promises: Husserl and Reinach on the a priori,' Husserl Studies 9: 147-177 (1992); -

1994

Dubois James, ' An introduction to Adolf Reinach's 'The supreme rules of rational inference according to Kant',' Aletheia 6: 70-80 (1994); -

1995

Dubois James. Judgment and Sachverhalt: an introduction to Adolf Reinach's phenomenological realism. Dodrecht: Reidel 1995; -

1997

Kujundzic Nebojsa, 'Reinach, material necessity, and free variation,' Dialogue 36: 721-739 (1997); -

2003

Adolf Reinach (1883-1917). http://www.formalontology.it/reinacha.htm [28.7.2003]; -

2007

Beate Beckmann, Adolf u. Anne R. E.S.s Mentoren im Studium u. auf d. Glaubensweg, in: ESJ 13.2007, S. 77-101; -

2009

Beate Beckmann, Philos. d. Person bei Edith Stein u. A.R., in: ESJ 15.2009, S. 127-153; - Alessandro Salice, Urteile u. Sachverhalte. Ein Vgl. zwischen Alexius Meinong u. A.R. München 2009.

Letzte Änderung: 19.03.2010