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Band XXVIII (2007) Spalten 1308-1310 Autor: Hans Hermann Fries

REINECK, Erhard (E. Christoph), Dr. phil., ev. Pfarrer, Kollegdirektor, Superintendent, * 28.9. 1841 in Prester b. Magdeburg, † 5.11. 1932 in Frankfurt am Main. - Sohn des preuß. Majors Heinrich R. (1791-1871) aus Oschersleben u. der Elisabeth Kramer (1803-1845) aus Halberstadt, einer Schwester des Pädagogen Gustav Kramer (s.d.). Nach Schulbesuch und Abitur an der Latina der Franckeschen Stifungen in Halle an der Saale studierte R. von 1861 bis 1866 Theologie in Halle, unterbrochen von einem Semester in Tübingen. Sein erstes Examen legte er 1864 in Halle ab, das zweite 1866 in Magdeburg. Später folgte die Promotion zum Dr. phil. 1867 war er Hilfsprediger in Seehausen (Börde). - Im Jahr darauf wurde er zum Inspektor des Collège Évangélique nach Smyrna (heute Izmir, Türkei) berufen, dessen Direktor er im Juli 1869 wurde. Bei dem Kolleg handelte es sich um eine 1865 gegründete Schule für Knaben verschiedener Nationalität und Religionszugehörigkeit, die größte Gruppe stellten die griechischen Schüler. Der Unterricht fand zunächst in einer Mietwohnung statt. R. erwarb dann aber ein Gebäude und ließ es zur Schule umbauen. Für Töchter der ausländischen Kolonie bestand die Möglichkeit, die 1853 gegründete Schule der Kaiserswerther Diakonissen zu besuchen. Am 22.2. 1870 heiratete R. in Neuchatel (Schweiz) Marie Jeanne Louise Godet (1847-1936), Tochter des ref. Theologen Frédéric Louis G. (s.d.) aus Neuchatel. Dieser war von 1838 bis 1844 Erzieher (Zivilgouverneur) des preuß. Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich III. (1831-1888), in Nachfolge seiner Mutter, der "Madame Godet", die dessen Kinderfrau und Französischlehrerin war. Am 20.3. 1870 wurde R. in Smyrna ordiniert. Anschließend übernahm er zusätzlich zur Lehrtätigkeit die Pfarrstelle an der dortigen deutsch-französischen evangelischen Gemeinde. Die Gottesdienste wurden in der holländischen Kapelle oder in Räumen der Diakonissen gehalten. Als Pfarrer war er Mitglied der Orientkonferenz, die abwechselnd alle zwei Jahre in einem der beteiligten Länder tagte. Während seiner Dienstzeit wurde am 26.4. 1872 der protestantische Friedhof außerhalb der Stadt eingeweiht. Das Gelände war durch niedrige Mauern in drei Parzellen aufgeteilt, wobei die mittlere den Deutschen, die rechte den Engländern und die linke den Holländern vorbehalten war. Der Bau einer eigenen Kirche war schon vor ihm betrieben worden, kam aber gegen den Widerstand der türkischen Regierung erst lange nach seinem Weggang zu Stande. Wegen seiner durch Arbeitsüberlastung angegriffenen Gesundheit schied R. 1872 aus dem Schuldienst aus, behielt aber das Pfarramt bei. Er kehrte schließlich 1875 mit seiner Familie nach Deutschland zurück. - Hier war er zunächst ab 1876 Pfarrer in Bruchstedt (Rgb. Erfurt). Ab 1880 war er Pfarrer und Superintendent in Kannawurf (Rgb. Merseburg). 1882 wurde er zum Oberpfarrer und Superintendent des Kirchenkreises Heldrungen (Rgb. Merseburg) ernannt. Von 1894 bis 1905 gab er die deutsche Bearbeitung der "Einleitung in das Neue Testament" seines Schwiegervaters Frédéric Godet heraus. Am 1.10. 1909 trat R. in den Ruhestand. Danach übersiedelte er mit seiner Familie nach Frankfurt am Main, wo er bis zu seinem Tode lebte. - Aus seiner Ehe gingen sieben Kinder hervor, eine Tochter und ein Sohn starben früh. Von seinen überlebenden Töchtern war Irene (1871-1955) Gemeindeschwester in Frankfurt, Elisa (1872-1957) Porträt- und Miniaturmalerin in Weimar, Theodora (s.d.) Generalsekretärin der Bahnhofsmission in Berlin, Annie, verehel. Leuch-Reineck (1880-1978), war eine der ersten promovierten deutschsprachigen Mathematikerinnen und eine bekannte Frauenrechtlerin im Kampf um das schweizer Frauenstimmrecht, ihr Mann Georg Leuch (1888-1959) war ein bedeutender Schweizer Jurist und Bundesrichter. Eva (1887-1978) lebte als Violinlehrerin bei ihren Eltern in Frankfurt, wo sie 1920 den jüdischen Maler und Grafiker David Spier (1881-1945) aus Michelstadt heiratete, mit dem sie 1938 nach London ins Exil ging. Ihr Sohn Walter Erich S., in England Walter Eric Spear (*1921 in Frankfurt), war Prof. der Physik an den Universitäten Leicester und Dundee und u. a. wesentlich an der Entwicklung des Flüssigkristallbildschirms beteiligt, ihre Tochter Marianne (*1923 in Frankfurt) war Kristallographin in England.

Hrsg. u. Bearb. der dt. Ausgaben: Frédéric Godet: Einleitung in das Neue Testament, 2 Bde., Hannover, Meyer 1894-1905; zus. m. Carl Schmid ab d. 4. Aufl.: Frédéric Godet: Kommentar zu dem Evangelium des Johannes, 2 Bde., Hannover, Meyer 1903.

Archive: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main; Pfarrerkartei der Kirchenprovinz Sachsen, Halle an der Saale.

Mitt.: W.E. Spear, Dundee.

Lit.: Ernst Steinwald: Beiträge zur Geschichte der deutschen evang. Gemeinde zu Smyrna von 1759 bis 1904, Berlin, Vaterländ. Vlg. u. Kunstanstalt 1904, 65, 66, 75, 78 (Porträtfoto).

Hans Hermann Fries

Letzte Änderung: 30.08.2007