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Band XXIV (2005) Spalten 1206-1207 Autor: Hans Hermann Fries

REINECK, Theodora (Marie Th.), Generalsekretärin der Ev. Bahnhofsmission, * 14.9. 1874 in Izmir (Türkei) † 6.1. 1963 in Frankfurt am Main. - Tochter des ev. Pfarrers Erhard R. aus Magdeburg, Direktor des Collège Évangélique in Izmir und der Marie Godet aus Neuchâtel; Enkelin des ref. Theologen Frédéric Godet (s. d.). R. besuchte die Schule in Heldrungen, wo ihr Vater nach seiner Rückkehr als Superintendent tätig war, und die Herrnhuter Anstalt in Neudietendorf. Vom 16. bis zum 18. Lebensjahr war sie Schülerin eines Mädchengymnasiums in Lausanne. Nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus 1892 unterrichtete sie ihre jüngeren Geschwister. Mit 23 Jahren übernahm sie 1897 im Auftrag des amerikanischen Hilfskomitees die Leitung eines Waisenhauses für armenische Kinder in Bursa (Türkei). Nach Auflösung des Waisenhauses kehrte sie 1904 ins Elternhaus zurück. Ab 1908 war sie im DRK-Anschar-Krankenhaus in Kiel tätig. Hier trat sie dem Deutsch-Evangelischen Frauenbund bei, dem sie bis zu ihrem Tode angehörte. 1910 berief sie Pfarrer Johannes Burckhardt (s. d.) nach Berlin, wo sie die erste Geschäftsführerin der Evangelischen Deutschen Bahnhofsmission wurde. Hier wirkte sie auch im Verein der Freundinnen junger Mädchen. Sie vertrat die Verbände auf Konferenzen, hielt Vorträge und veröffentlichte Beiträge in Fachzeitschriften. Sie beherrschte mehrere Sprachen. Etwa 1923 wurde sie Schriftführerin des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, auch dieses Amt behielt sie bis zu ihrem Tode. Unter ihrer Mitwirkung entstand 1927 das Haus der Bahnhofsmission in Berlin-Dahlem. R. war die Zusammenarbeit der Konfessionen im Rahmen der Bahnhofsmission wichtig, vor allem nach 1933 als Widerstand gegen die zunehmenden Beschränkungen durch die Nationalsozialisten, deren Wirkung auf Arbeitslosigkeit, Nichtseßhaftigkeit usw. zunächst eher positiv beurteilt worden war. Als die konfessionelle Bahnhofsmission auf Anordnung des Reichsverkehrsministers zum Ende des Jahres 1939 eingestellt werden mußte, gab sie ihr Amt als Geschäftsführerin auf. Im 2. Weltkrieg verlor R. ihre Wohnung in Berlin, sie zog zu ihrer Schwester nach Frankfurt am Main, die dort als Gemeindeschwester tätig war. 1945 nahm sie die praktische Arbeit in Frankfurt wieder auf und schaltete sich auch von dort aus in den Wiederaufbau der Bahnhofsmission in den westlichen Besatzungszonen ein, ohne aber noch einmal eine leitende Funktion zu übernehmen.

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Werke: Die evangelische deutsche Bahnhofsmission, Berlin 1912 (Schriften der Zentralstelle für Volkswohlfahrt. N. F. H. 9); Die Deutsche Bahnhofsmission und die an ihr beteiligten Verbände, in: Die Fürsorge für die weibliche Jugend, 21. Jg. 1912, 294-299, 326-331; Die Deutsche Bahnhofsmission, in: Die deutschen Jugendpflegeverbände: Ihre Ziele, Geschichte, Organisation - Ein Handbuch im Auftrage der Zentralstelle für Volkswohlfahrt, hrsg. v. Hertha Siemering, Berlin 1918, 84-93; zus. mit Ilse Neidholdt: Die Evangelische Deutsche Bahnhofsmission als Helferin und Beraterin der reisenden weiblichen Jugend: Lehrprobe für obere Schulklassen, Berlin-Dahlem: Reichsverbd. der Ev. Dt. Bahnhofsmission, o. J. (ca. 1920); Bahnhofsmission, in: Handwörterbuch der Wohlfahrtspflege, Berlin 1924, 73-74; Die Evangelische Deutsche Bahnhofsmission, Berlin-Dahlem: Wichern, 1927 (Saatkornhefte 12); Die Bahnhofsmissionarin, in: Frauenberufe in der evangelischen Kirche, hrsg. v. Wally Schick, Berlin-Dahlem o. J. (ca. 1928), 58-61; Die evangelische Bahnhofsmissionarin, in: Innere Mission, 23. Jg. 1928, 198-201; Bahnhofsmission, in: Handwörterbuch der Wohlfahrtspflege, hrsg. v. J. Dünner. 2., völlig neu bearb. Aufl. Berlin 1929, 116-117; Aus dem Leben. Bilder aus: Wandernot und Wanderhilfe, in: Wandernot der weiblichen Jugend und Wanderhilfe in Heimat und Fremde, Berlin, Freiburg i. Br. 1931, 25-43; Wesen und Wirken der Bahnhofsmission, in: Freie Wohlfahrtspflege, 8. Jg. 1933. H. 7, 289-298; 25 Jahre Reichsgeschäftsstelle der Evang. Deutschen Bahnhofsmission 1910-1935, in: Die Innere Mission, 30 Jg. 1935, 263-273.

Lit.: Ernst Kundt: Rundschreiben mit Nachruf an die Mitglieder des Deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, Januar 1963; - Hildegard Hunkel: Th. R. zum Gedächtnis, in: Neue Ev. Frauenzeitung, 1963:2, 37-38; - 75 Jahre Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission, hrsg. v. d. Konferenz f. Kirchl. Bahnhofsmission in Deutschland, Freiburg i. Br., Stuttgart, 1987; - Strafvollzug, Randgruppen, Soziale Hilfe, hrsg. v. Gerhard Deimling, Bd. 5: Wolfgang Reusch: Bahnhofsmission in Deutschland 1897-1987, Frankfurt (Main) u. a.: Peter Lang, 1988; - Bruno W. Nikles: Soziale Hilfe am Bahnhof: Zur Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland (1894-1960), Freiburg i. Br.: Lambertus, 1994.

Hans Hermann Fries

Textanmerkungen:

Reineck beendete ihre Tätigkeit für die Deutsche Bahnhofsmission nach 27 Jahren zum 31.12.1936 auf Wunsch des Dachverbandes (Nachweis: Schreiben des Reichsverbandes der Evangelischen Deutschen Bahnhofsmission an die Ausschussmitglieder, an die Unterverbände des Reichsverbandes und an sämtliche Bahnhofsmissionen am 31. Dezember 1936, Archiv des Diakonischen Werkes (ADW): CA, Gf/St 92; vgl. auch, Bruno Nikles, Soziale Hilfe am Bahnhof, Freiburg/Breisgau 1994, S. 236, ebenso: Theodora Reinecks’ Abschiedsbrief an die ‚Evangelische Bahnhofsmissionen, meine Mitarbeiter und Freunde’, am 30. Juni 1937, ADW: Gf/St 99, S. 2.

Letzte Änderung: 09.04.2011