REINER, Georg Leonhard, Kantianer, * 4.2. 1756 in Murnau, + 15.2. 1807 in Landshut: - R. erhielt seinen ersten Unterricht in den Klöstern Ettal, Polling und Schussenried, ehe er das von den Jesuiten geleitete Gymnasium in Augsburg bezog. Im Jahr 1784 trat er als Novize in das Prämonstratenserstift Steingaden ein. Nach der klosterinternen Erziehung wurde er von seinen Oberen zur weiteren Ausbildung in das Augustinerchorherrenstift Polling geschickt, wo er unter der Aufsicht des nachmaligen Münchener Hofbibliothekars Gerhoh Steigenberger Philosophie, Litterärgeschichte und Mathematik studierte. Nach Steingaden zurückgekehrt, unterrichtete er seit 1779 als »Professor domesticus« seine Mitkonventualen in Philosophie. Zwei Jahre später erreichte ihn der Ruf auf die Lehrkanzel für Philosophie an der kurbayerischen Landesuniversität Ingolstadt. Mit dem Wintersemester 1784/85 kam zudem noch die vakant gewordene Vorlesung über Universalgeschichte zu seinem Deputat hinzu. Seiner Lehrtätigkeit, der er im Geiste Christian Wolffs nachging, setzte jedoch ein inneruniversitärer Konflikt ein baldiges Ende: von einem Kollegen aus der theologischen Fakultät, dem Benediktiner Wolfgang Fröhlich, der Freigeisterei bezichtigt, wurde R. 1785 in einem geistigen Klima, das von der Aufdeckung des Geheimbundes der Illuminaten vergiftet war, entlassen. In der Folgezeit arbeitete er als Hauslehrer bei einem adligen Gönner in München. 1789 ging R. in sein Mutterkloster zurück, wo er neben dem Amt des Bibliothekars auch seine alte Lehrtätigkeit wieder ausübte. Mit dem Regierungswechsel des Jahres 1799, der in Max IV. Joseph einen Freund der Aufklärung als neuen Kurfürsten Bayerns sah, trat eine letzte Veränderung in der Karriere R.s ein. Im Zuge der Reform der Universität Ingolstadt wurde er am 21.10.1799 erneut als Professor für praktische Philosophie und Universalgeschichte berufen. Mittlerweile vom Wolffianer zum Kantianer mutiert, widmete sich R. in seinen letzten Lebensjahren ganz der Aufgabe, die Lehren Kants an der - 1801 nach Landshut verlegten - Universität, auch gegen den Widerstand Johann Michael Sailers, in ihren unterschiedlichen Ausprägungen bekannt und fruchtbar zu machen: - R. gehörte zu den frühesten und profiliertesten katholischen Vertretern der Philosophie Immanuel Kants, der er durch seine Lehrtätigkeit und seine Schriften nachhaltige Resonanz in Bayern verschaffte.
Werke: Allgemeiner Überblick der gesamten Mathematik, Füssen 1795; - Die Grundlehren der Mathematik und Algebra, aus den Lehrbüchern der Hrn. Kästner und Lorenz ausgezogen, und zum Gebrauche der Vorlesungen eingerichtet, Füssen 1796; - Kants Theorie der reinen moralischen Religionslehre, mit Rücksicht auf das reine Christenthum kurz dargestellt, [München] 1796; - Allgemeine Rechtslehre nach Kant, in Vorlesungen, Landshut 1801.
Lit.: Philipp Funk, Von der Aufklärung zur Romantik. Studien zur Vorgeschichte der Münchner Romantik, München 1925; - Ludwig Hammermayer, Die Beziehungen zwischen der Universität Ingolstadt und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München 1759 bis 1800, in: Sammelblatt des Historischen Vereins Ingolstadt 81, 1972, 58-139; - Rainer A. Müller, G. L. R. O.Praem. (1756-1897). Notizen und Materialien zur Biographie eines frühen Kantianers in Bayern, in: Gert Melville (Hrsg.), Secundum regulam vivere. Festschrift für P. Norbert Backmund O:Praem, Windberg 1978, 369-390; - Peter Segl, Die philosophische Fakultät in der Landshuter Epoche (1800-1826), in: Laetitia Boehm - Johannes Spörl (Hrsg.), Die Ludwig-Maximilians-Universität in ihren Fakultäten, II, Berlin 1980, 125-184; - Winfried Müller, Universität und Orden. Die bayerische Landesuniversität Ingolstadt zwischen der Aufhebung des Jesuitenordens und der Säkularisation 1773-1803, Berlin 1986; - Alfons Beckenbauer, Die Ludwig-Maximilians-Universität in inhrer Landshuter Epoche 1800-1826, München 1992; - Manfred Brandl, Die dt. kath. Theologen der Neuzeit II, 1978, 127.