Verlag Traugott Bautz
www.bautz.de/bbkl
Zur Hauptseite
Bestellmöglichkeiten
Abkürzungsverzeichnis
Bibliographische Angaben für das Zitieren
Suche in den Texten des BBKL
Infobriefe des aktuellen Jahres

NEU: Unser E-News Service
Wir informieren Sie vierzehntägig über Neuigkeiten und Änderungen per E-Mail.

Helfen Sie uns, das BBKL aktuell zu halten!



Band XVIII (2001)Spalten 1183-1185 Autor: Matthias Wolfes

REISER, Anton, lutherischer Theologe, * 7. März 1628 in Augsburg, † 27. April 1686 in Hamburg. - R. wuchs nach dem frühen Tod des Vaters, des Augsburger Kaufmannes Anton Reiser d.Ä., bei einem Onkel auf. Hierbei handelte es sich um den zunächst in Augsburg, später in Preßburg amtierenden Pfarrer Daniel Schmid. Nach erstem Privatunterricht und dem Besuch des St. Anna-Gymnasiums in Augsburg studierte R. seit 1646 Theologie an den Universitäten Straßburg, Tübingen und Gießen. An der Universität Altdorf erwarb er am 29. Juni 1651 die Magisterwürde. Im gleichen Jahr wurde er auf Vermittlung jenes Onkels Diakon in Schemnitz/Ungarn. 1659 übernahm er eine Pfarrstelle in Preßburg. Die konfessionalistische Ausrichtung seines Denkens führte dazu, daß um der Verteidigung der evangelischen Wahrheit willen in den Predigten antikatholische Motive immer stärker hervortraten. Diese Haltung zog R. die Feindschaft einheimischer Kreise zu, so daß er nach weiteren Auseinandersetzungen, unter Verlust seiner Bibliothek, die Stadt verlassen mußte. Zwischenzeitlich wurde er sogar inhaftiert. Ohne spezielle Erlaubnis des Kaisers war es ihm nicht mehr gestattet, nach Ungarn einzureisen. R. kehrte 1672 nach Augsburg zurück und versah hier von 1673 bis 1675 das Amt des Schulrektors und Bibliothekars. Anschließend trat er als Prediger an der Kathedralkirche in Öhringen in hohenlohischen Dienst. Bemühungen um Stellen in Nürnberg und Gotha scheiterten. Eine entscheidende Wendung nahm sein Lebensweg, als er 1678 zum Hauptpastor an St. Jacobi in Hamburg berufen wurde. Er trat das Amt 1679 an und übte es bis zu seinem Tode aus. Auf der Reise nach Hamburg erwarb R. sich von der Theologischen Fakultät der Universität Gießen die Lizentiatenwürde; 1683 wurde er von ihr zudem zum Doktor der Theologie promoviert. R. war zweimal verheiratet. Aus der zweiten Ehe überlebten mehrere Kinder den Vater. Der Stader Pastor Johann Christoph Auerbach (seit 1693 in Hamburg) war ein Schwiegersohn. - Als Theologe steht R. für die erbittert geführten konfessionellen Auseinandersetzungen der Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg. In seinen Predigten und in diversen Veröffentlichungen, die zum Teil unter dem Namen »Reinerus Sionatus Ophtalmopolita« (»Aug«-sburger) erschienen, machte er sich zum Wortführer einer kompromißlosen lutherisch-orthodoxen Dogmatik. Reformierte, Synkretisten, Quäker und vor allem Katholiken wurden durchweg mit äußerster Schärfe angegriffen. Den reformierten Protestanten sprach er das Recht ab, Luther und das Augsburger Bekenntnis für sich in Anspruch zu nehmen (Wiederholter Beweis, daß die Calvinisch-Reformierten sich der Augsburgischen Confession nicht anmaßen können, Hamburg 1680). Von theologiegeschichtlicher Bedeutung ist R. wegen seiner Beteiligung an der antiatheistischen Diskussion der frühaufklärerischen protestantischen Theologie des späten siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhunderts. Ähnlich wie Valentin Greissing (1653-1701), mit dem er aber nicht in direkter Verbindung gestanden zu haben scheint, argumentiert R. auf der Ebene eines aristotelisch fundierten Luthertums. Zu den bekanntesten Streitschriften aus diesem Werkkomplex gehört die Untersuchung »De origine, progressu et incremento Antitheismi, seu Atheismi« (Augsburg 1669). Das hier zum Ausdruck gebrachte Verständnis von »Atheismus« ist allerdings begrifflich noch weitgehend ungeklärt. Einen engeren brieflichen Kontakt unterhielt R. zu Philipp Jacob Spener (1635-1705), mit dem gemeinsam er den Sittenverfall der theaterlustigen Stadtbevölkerung anprangerte (vgl.: Theatromania, Ratzeburg 1681). Die Veröffentlichung einer gegen die Verderbtheit des eigenen Standes gerichteten Schrift unter dem Titel »De atheismo theologorum« wurde von Spener verhindert. - Die Namensgleichheit mit Karl Philipp Moritz' Romanhelden scheint rein zufällig zu sein.

Werke (Auswahl): Ein umfangreiches Schriftenverzeichnis findet sich in: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Herausgegeben von Walter Killy. Band 9, München 1991, 383-384. De origine, progressu et incremento Antitheismi, seu Atheismi (Augsburg 1669). - Wiederholter Beweis, daß die Calvinisch-Reformierten sich der Augsburgischen Confession nicht anmaßen können, Hamburg 1680; Kleine Bibel oder Spruch-Catechismus, Hamburg 1680; Theatromania, Ratzeburg 1681; Der gewissenlose Advocat [Christoph Rauch] mit seiner »Theatrophania« kürzlich abgefertigt, Hamburg 1682; Anti-Barclajus, Hamburg 1683. - Handschriftliche Briefe befinden sich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, der Stadtbibliothek Augsburg und der Königlichen Bibliothek Kopenhagen.

Lit.: Hans Schröder: Lexikon der hamburgischen Schriftsteller. Band 6, Hamburg 1873, 231-238; - Johann H. Wilhelmi: Anton Reiser, in: Zeitschrift für die evang.-luth. Kirche in Hamburg 7 (1901), 25-43; - Hans Leube: Kalvinismus und Luthertum, Leipzig 1928 [Nachdruck: Aalen 1966]; - Richard Schmidbauer: Die Augsburger Stadtbibliothekare durch vier Jahrhunderte, Augsburg 1963, 145-158 (siehe hier auch die angeführte Spezialliteratur); - Hans-Martin Barth: Atheismus und Orthodoxie. Analysen und Modell christlicher Apologetik im 17. Jahrhundert (Forschungen zur systematischen und ökumenischen Theologie. Band 26), Göttingen 1971; - Deutsches Literatur-Lexikon. Band XII, 945-946 (Dietrich Blaufuß); - ADB 28, 119-121; - DBE 8, 230.

Matthias Wolfes

Letzte Änderung: 04.01.2001