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Verlag Traugott Bautz
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REISSNER (Reisner, Reusner, Oryzius), Adam, Geschichtsschreber, Dichter geistlicher Lieder, Reformator, * 1496 (?) in Mindelheim, † 1582 (?) daselbst. - R.s Vater war vermutlich »Meister« Benedikt Reißner, seine Mutter Ursula Altenstaig, wahrscheinlich eine Schwester des Humanisten Johann Altenstaig. Der Taufname Adam resultiert aus der Beziehung zu Adam von Frundsberg. Das erste sichere Datum im Leben R.s ist der Eintrag in die Matrikel der Universität Ingolstat vom 16. Juli 1518. Er studierte bei Johannes Reuchlin Griechisch und Latein. Seine Sprachkenntnisse brachten ihm große Bewunderung ein. Entsprechend den Gewohnheiten der Zeit erfolgte mitunter eine Gräzisierung des Familiennamens (Oryzius). 1521 kehrte er nach Mindelheim zurück; 1523 begleitete er Melchior von Frundsberg an die Universität Wittenberg. Hier lernte er die neue Glaubensrichtung kennen und fand persönlichen Anschluß zu den führenden Reformatoren Luther und Melanchthon. Von 1526 bis 1528 war er mit den deutschen Landsknechten in Italien als Geheimschreiber von deren Führer Georg von Frundsberg. Am Hofe Herzog Alfonsos von Ferrara lernte er den bayerischen Humanisten und Theologen Jakob Ziegler kennen. Nach seiner Rückkehr nach Mindelheim begab er sich nach Straßburg. Dort machte er vermutlich um 1531 durch Ziegler Bekanntschaft mit Caspar Schwenkfeld von Ossig, dessen Anhänger und Helfer er wurde. 1536 fertigte R. die erste Übersetzung für Schwenkfeld an. Mit der Schwenkfeldgemeinde in Augsburg stand R. in enger Verbindung. Bei wichtigen theologischen Streitfragen wurde er von den Schwenkfeldianern um sein Urteil gebeten, da nur er in der Lage war, die Bibel im griechischen und hebräischen Urtext zu lesen. Von 1532 bis 1548 war R. Stadtschreiber von Mindelheim. Dort besuchte ihn 1536 Theophrastus von Hohenheim genannt Paracelsus und erstellte für ihn ein Gutachten »zur Stärkung des Hirns und des Magens«. Aufgrund seines Engagements im Schmalkaldischen Krieg kam R. 1548 für einige Wochen in das Gefängnis (die Frundsberg waren katholisch geblieben) und verlor seine Stellung als Stadtschreiber. Seine Familie ernährte er nun durch Privatunterricht und Übersetzungsarbeiten; gleichzeitig begann sein großes schriftstellerisches Schaffen. Nach Schwenkfelds Tod arbeitete R. an der Herausgabe von dessen Werken, die zwischen 1564 und 1570 erschienen. Auch von R.s eigenen Werken erschienen zahlreiche in den sechziger Jahren. R.s schriftstellerische Tätigkeit umfaßt drei Bereiche: er verfaßte historische und theologische Werke sowie geistliche Dichtungen. Dabei stand das Gesamtschaffen unter dem Blickwinkel der Theologie. R. glaubte, daß die Menschheit kurz vor dem Jüngsten Gericht stehe. Sein historisches Schaffen reicht in die Zeit zurück, in der er mit Georg von Frundsberg in Italien war. Bereits damals hat er Quellen und Augenzeugenberichte für ein zeitgeschichtliches Werk gesammelt. Seine Geschichte Georgs von Frundsbergs ist gepaart mit eigenem Erlebnissen und besitzt noch heute Quellenwert. Ganz entscheidend ist, daß dieses Werk in deutscher Sprache verfaßt ist; es nimmt eine beachtliche Stellung innerhalb der Geschichtsdarstellungen seiner Zeit ein. Ein Zeitdokument von Bedeutung ist auch R.s antipäpstliche Weltgeschichte. Darin setzt er die Geschichtsereignisse in Beziehung zu Bibelstellen, um so die Zeit des Papsttums als die Erfüllung der antichristlichen Prophezeiungen darzustellen. Die historischen wie die theologischen Arbeiten sind von Mystizismus, Schwenkfelds Spiritualismus und Reuchlins Kabbalistik geprägt. Methodisch bewegen sich seine Werke auf der symbolisch-mystischen Auslegung, die bis in alle Kleinigkeiten durchgeführt wird. Er darf darin als einer der konsequentesten Schüler Reuchlins angesehen werden. Aus seiner Frömmigkeit und seinem Bekehrungseifer heraus entstanden auch seine geistlichen Dichtungen. Seine Kirchenlieder haben z.T. in prostestantische Gesangbücher Einzug gefunden, auch in Gemeinden Nordamerikas und Englands.
Werke: (ausführliches Gesamtverzeichnis bei Bucher): Historia und warhafftige Beschreibung von Herrn Georgen von Frundsberg, Herrn zu Mündelheim, Ritters löblichen, mannlichen Kriegßthaten, so er von seiner Jugend und die Zeyt seines Lebens in und ausserhalb Teutschlands begangen und erhalten, 1568. Historia Herrn Georgen und Herrn Casparn von Frundsberg Vatters und Sons beyder Herrn zu Mündelheim keyserlicher oberster Feldtherrn, Frankfurt am Main 1572 (2. Auflage hrsg. von Karl Schottenloher, Leipzig 1916; mit einem Vorwort von diesem). Romische Historia nach der Apostel Zeitt bis auf jungste Eroberung der Stat Rom, 1527. Geschichten aller Bischof zu Rom sampt der Teutschen Kaiser, Kunig, Fürsten und Volcker des christlichen Namens von Anfang her biß auff des sechs und fünftzigst Jar volführt. Antwurt und Gegenbericht auff die drei Schmachbüchlein Flacius Illyricus wider den Edlen und hochgelehrten Herrn Casparn Schwenkfeld von Ossing, Gezeugen der Glorien Christi hat lassen außgeen durch etliche Liebhaber der Worte Gottes on alle Schmachred geschrieben, 1554.
Lit.: J.K. Wetzel, Reißner (Adam). In: Universallexikon aller Wissenschaften und Künste, hrsg. von J.J. Selzer, Bd. 31, 1742; - Ders., Reisner Adam. In: Allgemeines Gelehrtenlexikon, hrsg. von Chrisitian Gottlieb Jöcher, Bd. 3, 1751; - J.G. Schellhorn, Ergötzlichkeiten aus der Kirchenhistorie und Literatur, Leipzig 1764; - G.L. Richter, Reußner Adam. In: Allgemeines Biographisches Lexikon alter und neuer geistlicher Liederdichter, 1804; - Reisner Adam. In: Fortsetzungen und Ergänzungen zu Christian Gottlieb Jöchers allgemeinen Gelehrtenlexikon von Johann Christoph Adelung und Heinrich Wilhelm Rotermund, Bd. 6, 1819; - Leopold von Ranke, Zur Kritik neuerer Geschichtsschreiber. Erschienen als Beilage zu: Geschichten der germanischen und romanischen Völker von 1494-1514, Leipzig 1824; - O.L.B. Wolff, Adam Reissner. In: Encyklopädie der deutschen Nationalliteratur oder biographisch-kritisches Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten, Bd. 6, 1846; - Bertheau, Adam Reißner. In: ADB, Bd. 28, Leipzig 1889, 150-152; - G. Sixt, Eine Prudentiusübersetzung Adam Reißners (1471-1563). In: Blätter für Hymnologie, Jahrgang 1889 (Reprint Hildesheim 1971); - Karl Schottenloher, Jakob Ziegler und Adam Reissner. Eine quellenkritische Untersuchung über eine Streitschrift gegen das Papsttum, München 1908; - A.A. Seipt, Schwenkfelder Hymnology and the sources of the first Schwenkfelder Hymn-Book printed in America, Philadephia 1909; - Wilhelm Kosch, Reissner Adam. In: Deutsches Literaturlexikon 1930; - Friedrich Zöpfl, Geschichte der Stadt Mindelheim in Schwaben, München 1948; - Otto Bucher, Adam Reissner - ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Reformation, Diss. München 1950; - Ders., Adam Reissner. In: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, hrsg. von Götz Freiherr von Bölnitz, Bd. 4, München 1955, 170-183; - Adam Reißner. In: Deutsches Literatur Lexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch, Bd. 3, hrsg. von Wilhelm Kosch, Berlin 21956; - Friedrich Zöpfl, Adam Reißner. In: LThK, Bd. VIII, Freiburg 1963.
Margit Ksoll-Marcon
Werkeergänzung:
2004
Adam Reißner Gesangbuch, hrsg. und in Zusammenarbeit mit Ute Evers kommentiert von Johannes Janota, Bd. I: Faksimile der Augsburger Handschrift, Bd. II: Kommentar zur Augsburger Handschrift, Tübingen 2004 (Studia Augustana 12/13); -
2007
Evers, Ute: Das geistliche Lied der Schwenckfelder, Tutzing 2007 (=Mainzer Studien zur Musikwissenschaft 44), S. 104-112.
Literaturergänzung:
2008
Siegfried Risse, Das Psalmbuch von A.R. (1568), in: ZBKG 77.2008, S. 97-122
Letzte Änderung: 10.03.2009