Verlag Traugott Bautz |
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RITTER, Gerhard, Historiker, * 6.4. 1888 zu Bad Sooden an der Werra in ein evangelisches Pfarrhaus, † 1.7. 1967 in Freiburg/Br. - R. bezog nach der Schulausbildung die Universität, er studierte in München, Leipzig und Berlin. 1911 promovierte er bei Hermann Oncken in Heidelberg. Seit 1912 als Gymnasiallehrer in Magdeburg tätig, nahm er nach Kriegsausbruch 1914 als Kriegsfreiwilliger am 1. Weltkrieg teil. 1921 habilitierte er sich in Heidelberg, 1924 erhielt er einen Ruf an die Universität Hamburg, 1925 an die Universität Freiburg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1956 wirkte. Während der Zeit der Weimarer Republik gehörte R. zu denjenigen jüngeren deutschen Historikern, die gemäßigt rechts standen und sich zeitweise dem demokratischen Staat näherten. Kennzeichnend für seinen damaligen politischen Standpunkt ist eine Äußerung über den 14 Jahre jüngeren Eckart Kehr, von dem er als einem »für unsere Historie ganz gefährlichen `Edelbolschewisten'« sprach. Lieblingsfigur blieb für die konservativ-liberalen Historiker der Weimarer Zeit, mithin auch für R., der Freiherr vom Stein bzw. die damit zusammenhängende Frage eines evtl. deutschen politischen Wiederaufstiegs nach 1918 in Analogie zur preußischen Erhebung gegen Napoleon Bonaparte. Eindrucksvollster Ertrag der Stein-Forschung zwischen 1918 und 1933 ist R.s Stein-Biographie, eine Darstellung konservativen Zuschnitts. Sein schon 1925 erschienenes Luther-Buch läßt das Festhalten am Grundsätzlichen, worin man einen Ausdruck des metaphysischen Wesens der Deutschen zu sehen hat, deutlich werden. Nach 1933 schloß R. sich als überzeugter Protestant der Bekennenden Kirche an und stand dem Goerdeler-Kreis nahe. Seiner konservativ preußisch-deutschen Haltung tat dies keinen Abbruch. R., der 1944/45 wegen seiner Beteiligung an der Widerstandsbewegung inhaftiert war, ging es nach 1945 darum, die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 als eine allgemeine Erscheinung der modernen abendländischen Massengesellschaft darzustellen, die in der deutschen Vergangenheit nur wenige spezielle Wurzeln habe. Wie ausgeprägt R.s Geschichtsbetrachtung von einer apologetischen Haltung her bestimmt war, wird vor allem in seinem Werk »Staatskunst und Kriegshandwerk in Deutschland« deutlich. Darin unternimmt er den Versuch, die preußische Militärtradition von der Anklage des Militarismus freizusprechen. Dessen Ursprung sah er vielmehr im Bonapartismus Napoleons III., für ihn eine Vorform des bolschewistischen Totalitarismus. R.s Werk stellt sich, im ganzen gesehen, als der Endpunkt einer speziell national-konservativen Geschichtsbetrachtung dar, orientiert an der protestantisch-deutschen Staatstradition.
Lit.: E. Jäckel, G. Ritter - Historiker in seiner Zeit, in: Geschichte in Wissenschaft u. Unterricht 18 (1967); - H. G. Zmarzlik, Lebendige Vergangenheit. Eine Würdigung G. R. s, in: Historische Zeitschr. 207 (1968); - Zur ... Geschichtsideologie des westdeutschen Imperialismus untersucht an G. Ritter u. F. Meinecke (1960); - A. Dorpalen, Historiography as History: The Work of G. R., in: Journal of Modern History 34 (1962); - H. Heiber, W. Frank u. sein Reichsinstitut (1966); - A. Dorpalen, G. R., in: H.-U. Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker I (1971).
Konrad Fuchs
Literaturergänzung:
1991
Klaus Schwabe, Der Weg in die Opposition: Der Historiker Gerhard Ritter und der Freiburger Kreis, in: Die Freiburger Universität in der Zeit des Nationalsozialismus, Freiburg/Würzburg 1991; -
2001
Christoph Cornelißen, Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert (Schriften des Bundesarchivs 58), Düsseldorf 2001; -
2010
Ulrich Bayer, Gerhard Ritter (1888-1967): Lebensbilde in der Ev. Kirche in Baden Bd. II (2010), 390-415.
Letzte Änderung: 09.04.2011