RUA, Michele, katholischer Priester, zweiter Generaloberer der Salesianer Don Boscos, * 9.6. 1837 in Turin, † 6.4. 1910 ebd. - Der jüngste Sohn des Fabrikarbeiters Giovanni Battista R. und seiner Frau Giovanna Maria verlor im Alter von acht Jahren den Vater. Ende 1845 machte er die Bekanntschaft des Turiner Priesters und Erziehers Giovanni Bosco (1815-1888), dessen "Oratorium" er fortan besuchte. Von Don Bosco dazu ermuntert, lernte M.R. ab 1850 Latein, um später Theologie studieren zu können. Seit 1852 war interner Zögling des Oratoriums. Er gehörte zu der Gruppe von Schülern und Mitarbeitern Don Boscos, die sich ab 1854 auf das Leben in einer unter dem Patronat des hl. Franz von Sales (1567-1622) stehenden apostolischen Gemeinschaft vorbereiteten. Am 25. März 1855 legte M.R. als erster "Salesianer" in Anwesenheit Don Boscos private Gelübde ab. In den folgenden Jahren widmete er sich dem Theologiestudium. Als am 18. Dezember 1859 die "Gesellschaft des hl. Franz von Sales" öffentlich ins Leben trat, wurde der Subdiakon M.R. zum geistlichen Leiter der Ordensgemeinschaft berufen, welche im Geiste Don Boscos seelsorglich unter der bedürftigen Jugend wirken sollte. Am 29. Juli 1860 zum Priester geweiht, fungierte M.R. ab 1863 als Direktor des Salesianerhauses von Mirabello (Piemont), der ersten Niederlassung außerhalb Turins. 1865 wurde er von Don Bosco nach Turin zurückgerufen und übernahm nun die Aufgabe eines Präfekten, der sich um die Disziplin in den salesianischen Einrichtungen und auch um die Finanzen zu kümmern hatte. Zeitweise war er auch für die geistliche Ausbildung des Ordensnachwuchses verantwortlich. Als Don Bosco 1888 starb, wurde M.R. sein Nachfolger an der Spitze des Ordens. Unter ihm erlebte die Kongregation ein großes Wachstum. Gab es Ende 1888 erst 774 Salesianer Don Boscos in 10 Ländern Süd- und Westeuropas sowie Südamerikas, so waren es Ende 1910 bereits 4001 Mitbrüder in nahezu 40 Ländern Europas, Amerikas, Afrikas und Asiens. Für die Geschichte der deutschsprachigen Salesianer wurde M.R. in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Im Jahre 1895 ließ er die Ordenszeitschrift "Bollettino Salesiano" in deutscher Sprache herausgeben ("Salesianische Nachrichten"). Zwei Jahre später gründete er in der Nähe Turins eine Schule für deutschsprachige Spätberufene ("Mariensöhne"), aus der später die erste Generation der deutschen Salesianer hervorging. Im selben Jahr 1897 kam es zur Gründung einer Ordensniederlassung im schweizerischen Muri (Kanton Aargau), die jedoch nur bis 1904 Bestand hatte. 1904 übernahmen die Salesianer im lothringischen Sierck (ab 1905 in Diedenhofen/Thionville) die Seelsorge für die dortigen italienischen Arbeitsmigranten. Dieses erste Salesianerhaus im Deutschen Reiche existierte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Zahlreiche Reisen führten M.R. in die europäischen, nordafrikanischen und vorderasiatischen Länder, in denen der Orden seine Tätigkeit aufgenommen hatte bzw. aus denen Anfragen um die Entsendung von Salesianern bei ihm eingegangen waren. Im Zuge dieser Reisen gelangte M.R. auch nach Wien, wo der Orden ab 1903 wirkte, und nach Köln, wo es jedoch (noch) nicht zu einer salesianischen Gründung kam. Heute sind die Salesianer Don Boscos mit weltweit rund 17.000 Mitgliedern - davon 400 in Deutschland und 100 in Österreich - nach den Jesuiten der zweitgrößte Männerorden der katholischen Kirche. - M.R., der wohl nicht die persönliche Ausstrahlungskraft eines Don Bosco besaß und daher gelegentlich als der "Mann im Schatten" bezeichnet worden ist, trug durch seinen Einsatz entscheidend dazu bei, daß das Charisma des bekannten Jugendapostels dauerhaft und weltweit wirksam werden konnte. Im Jahre 1972 erfolgte seine Seligsprechung.
Werke: Lettere circolari di Don M.R. ai Salesiani, Turin 1965; - Antonio da Silva Ferreira (Hrsg.), La missione fra gli indigeni del Mato Grosso. Lettere di don M.R. (1892-1909), Rom 1993.
Lit.: Angelo Amadei, Il servo di Dio Don M.R., 3 Bde., Turin 1931; - Ders., Don M.R. 1837-1910. Ein zweiter Don Bosco, 2 Bde., München 1936; - Eugenio Ceria, Annali della società salesiana, Bde. 2-3, Turin 1943-1946; - Ders., Vita del servo di Dio Don M.R., Turin 1949; - Johann Perk, Don R., Papenburg 1955; - Eugenio Pilla, Il venerabile D. M.R., Bari 1960; - Adolfo L'Arco, Don R., der Mann im Schatten, München 1972; - Agostino Auffray, Beato M.R., Turin 1972; - Giselda Capetti, Il cammino dell'Istituto nel corso di un secolo, Bd. 2, Rom 1973; - Georg Söll, Die Salesianer Don Boscos im deutschen Sprachraum 1888-1988, München 1989; - Mathew Kapplikunnel, The "Salesian Spirit" in the Teachings of Don R., Rom 1990; - Luigi Càstano, Il beato M.R., Turin 1992; - Francis Desramaut, Don Bosco en son temps (1815-1888), Turin 1996; - Francesco Motto (Hrsg.), Insediamenti e iniziative salesiane dopo Don Bosco, Rom 1996; - Stanislaw Zimniak, Salesiani nella Mitteleuropa. Preistoria e storia della provincia Austro-Ungarica della Società di S. Francesco di Sales (1868 ca. - 1919), Rom 1997; - Franz Schmid, Die "Don Bosco-Anstalt zum hl. Joseph" in Muri (1897-1904), in: Ricerche Storiche Salesiane 33 (1998) 269-334; - Pio Del Pezzo, Bartolo Longo in dialogo con don Bosco e don R., Pompei 1999; - Morand Wirth, Da don Bosco ai nostri giorni. Tra storia a nuove sfide, Rom 2000; - Norbert Wolff, Entre la France et l'Allemagne, l'Italie et la Belgique, la Suisse et l'Inde. Notes sur la vie d'Eugène Méderlet (1867-1934), in: Ricerche Storiche Salesiane 37 (2000), 345-369; - Ders., Viele Wege führen nach Deutschland. Überlegungen zur salesianischen Geschichte der Jahre 1883-1922, München 2000; - Johannes Bosco, Erinnerungen an das Oratorium des hl. Franz von Sales. Einf. u. Anm. v. Antonio da Silva Ferreira, München 2001; - Enciclopedia Cattolica X, 1420; - Dizionario biografico dei Salesiani, hrsg. v. Eugenio Valentini/Amedeo Rodinò, Turin 1969, 246f; - LThK1 VIII, 1028; - LThK2 IX, 79; - LThK3 VIII, 1336.
Norbert Wolff
Werkeergänzung:
2009
Circolari alle cooperatrici e cooperatori salesiani pubblicate nel "Bollettino salesiano" 1889-1920. A cura di Francesco Motto, in: RSS 28.2009, S. 15-177; - Circolari collettive inedite del Capitolo Superiore coordinate da don Rua e don Belmonte (1887-1895). A cura di José Manuel Prellezo, in: RSS 28.2009, S. 255-360.
Letzte Änderung: 09.04.2011