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Band VIII (1994)Spalten 1119-1121 Autor: Wilhelm Büttemeyer

RYLE, Gilbert, engl. Philosoph, * 19.8. 1900 in Brighton als neuntes Kind des Arztes Reginald John R. und seiner Frau Catherine Scott, + 6.10. 1976 in Whitby (Yorkshire). - R. wurde weder getauft noch religiös erzogen; deshalb dachte er schon früh über häretische Argumente nach, mit denen er sich gegenüber Gläubigen verteidigen konnte. Nach dem Schulbesuch am Brighton College nahm er 1919 das Studium am Queen's College in Oxford auf. Dort belegte er Altphilologie, Philosophie, Geschichte, Staatswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft. Sein Tutor war Herbert James Paton. Nach dem Examen wurde er 1924 Lecturer und 1925 Tutor für Philosophie am Christ Church College in Oxford. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit dem Problem der Bedeutung sprachlicher Zeichen und studierte sowohl phänomenologisch-existenzphilosophische Ansätze (Brentano, Meinong, Husserl, Heidegger, Ingarden) als auch Autoren analytischer Orientierung (Bolzano, Frege, Russell, Moore, Wittgenstein). Am 2. Weltkrieg nahm er als Offizier der Welsh Guards und beim Nachrichtendienst teil. Von 1945 bis 1968 war er Fellow am Magdalen College und Waynflete Professor für Metaphysik an der Universität Oxford. 1953 hielt er am Trinity College in Cambridge die Tarner-Vorlesungen, die er im folgenden Jahr unter dem Titel »Dilemmas« veröffentlichte. R. gab von 1948 bis 1971 die renommierte philosophische Zeitschrift »Mind« heraus. Er war Ehrendoktor mehrerer Universitäten und Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences. - R. gehört zu den Hauptvertretern der Oxforder Schule der sprachanalytischen Philosophie. Seiner Meinung nach hat die Philosophie die Aufgabe, bereits gebräuchliche Begriffe und deren Beziehungen zu klären, die logischen Kategorien zur Einordnung dieser Begriffe zu bestimmen und Begriffsverwirrungen bzw. Kategorienfehler zu beseitigen. Dazu sind nicht formallogische Analysen oder eine ideale Sprache erforderlich, wie die Neopositivisten meinten; es genügt vielmehr, die Regeln zu analysieren, nach denen die Wörter und Sätze der Umgangssprache gebraucht werden. Diese (in zahlreichen Veröffentlichungen angewandte) Methode führt ihn in seinem Hauptwerk »The Concept of Mind« dazu, den auf Descartes zurückgehenden Dualismus von Geist und Körper zu kritisieren, weil er auf Verstößen gegen den Gebrauch logischer Kategorien beruht. Seine These, daß Geistiges sich besser durch Dispositionsausdrücke als durch Analogien zur Grammatik kausal-mechanischer Naturvorgänge beschreiben läßt, wird in seinen späteren Schriften weiter ausgeführt.

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Werke: Systematically Misleading Expressions, in: Proceedings of the Aristotelian Society 32, 1931-32, 139-170, dt. Systematisch irreführende Ausdrücke, in: R. Bubner (Hrsg.), Sprache und Analysis, Göttingen 1968, 31-62; Philosophical Arguments (Antrittsvorlesung) Oxford 1945, dt. Philosophische Argumente, in: A. Kulenkampff (Hrsg.), Methodologie der Philosophie, Darmstadt 1979, 260-284; The Concept of Mind, London/New York 1949 u.ö., dt. Der Begriff des Geistes, übers. v. K. Baier, Stuttgart 1969, 1992; Dilemmas, Cambridge 1954 u.ö., dt. Begriffskonflikte, übers. v. E. Bubser, Göttingen 1970; Plato's Progress, Cambridge 1966; Autobiographical, in: O.P. Wood u. G. Pitcher (Hrsg.), Ryle, Garden City, N.Y. 1970 u. London 1971, 1-15; Collected Papers, Bd. I: Critical Essays, Bd. II: Collected Essays 1929-1968, London/New York 1971, Bristol 1990; On Thinking, hrsg. v. K. Kolenda, Oxford/Totowa, N.J. 1979; Aspects of Mind, hrsg. v. R. Meyer, Oxford/Cambridge, Mass. 1993.

Lit.: E.K. Specht, R.s sprachanalytische Entmythologisierung des Geistes. KantSt. 47, 1955-56, 297-319; - Laird Addis u. Douglas Lewis, Moore and R.: Two Ontologists, Iowa City/The Hague 1965; - Klaus Prange, Form und Sinn. Untersuchungen zur Auseinandersetzung Heideggers und R.s mit der cartesisch-dualistischen Ontologie, Diss. Kiel 1969; - E.v. Savigny, Die Philosophie der normalen Sprache, Frankfurt/M. 1969, 21974, Kap. 2; - ders., Analytische Philosophie, Freiburg/München 1970, § 6; - O.P. Wood u. G. Pitcher (Hrsg.), R.: A Collection of Critical Essays, Garden City, N.Y. 1970, London 1971; - Geoffrey J. Warnock, Englische Philosophie im 20. Jh., Stuttgart 1971, Kap. 7; - K. Kolenda (Hrsg.), Studies in Philosophy: A Symposium on G. R., Houston 1972; - W. Röd, Descartes' Mythus oder R.s Mythus?, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 55, 1973, 310-333; - E. v. Savigny, Röds Fehlinterpretation von R.s Fehlinterpretation von Descartes, in: Archiv für Geschichte der Philosophie 57, 1975, 54-59; - A. Kemmerling, G. R.: Können und Wissen, in: J. Speck (Hrsg.), Grundprobleme der großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart III, Göttingen 1975, 126-166; - ders., Kategorienfehler, in: J. Ritter u. K. Gründer (Hrsg.), Hist. Wb. d. Philos. 4, Basel 1976, 781-783; - E.v. Savigny, Die Sprache als Schlüssel zum Wesen des Menschen. In memoriam G. R., in: ZphF 31, 1977, 147-150; - I. Craemer-Ruegenberg, Einige Überlegungen zu G. R.s Kritik an der traditionellen Lehre vom Geist, in: ZphF 32, 1978, 376-386; - William Lyons, G.R. An Introduction to His Philosophy, Atlantic Highlands, N.J./ Brighton 1980; - P. Schneider, R. und Freud, Conceptus 16, 1982, H. 37, 44-59; - Grazia Ramoino Melilli, Filosofia e analisi in G. R., Pisa 1983; - Louis Carini, The Axioms for a Theory of Conduct, Lanham, MD 1984; - Hans-Ulrich Hoche u. Werner Strube, Analytische Philosophie, Freiburg/München 1985, 148 ff. 180 ff.; - Thomas Rentsch, Heidegger und Wittgenstein, Stuttgart 1985, Kap. 2; - Peter L. Oesterreich, Person und Handlungsstil: eine rhetorische Metakritik zu G. R.s »The Concept of Mind«, Essen 1987; - M. Kaufmann, Ist G. R. erledigt?, Grazer philosophische Studien 31, 1988, 201-224; - A. Kemmerling, G. R., in: J. Nida-Rümelin (Hrsg.), Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1991, 523-532; - Lucie Antoniol, Lire Ryle aujourd'hui, Brüssel 1993; - J.R. Flor, G. R.: Bewußtseinsphilosophie, in: A. Hügli u. P. Lübcke (Hrsg.), Philosophie im 20. Jahrhundert, Reinbek 1993, Bd. 2, 256-269; - Dictionnaire des philosophes 2, 2268-2271 (J.G. Rossi); - DNB 1971-80, 748-750 (P.F. Strawson); - EncF2 5, 938-943 (R. Piovesan); - EncPhilos. 7, 269-271 (J.O. Urmson); - Encyclopédie philosophique universelle, Les œuvres philosophiques 2, 3697-3698; - LphW 74 f. 179 (C. Ortner); - Metzler Philosophenlexikon 675-677 (Chr. Demmerling); - TTC2 667 f. (J.O. Urmson).

Wilhelm Büttemeyer

Letzte Änderung: 09.04.2011