SAUER, Erich, Leiter der Bibelschule Wiedenest, * 31.12. 1898 in Berlin, † 25.2. 1959 in Wiedenest. Er gehört in den Kreis der Evangelischen Erweckungsbewegung. Mit der etwas älteren Schwester Hanna (1896-1968) wuchs er in sehr bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen auf. Der selbstlose Vater ermöglichte ihm die Ausbildung, S.s innere Prägung wurde von der geistlichen Entwicklung seiner Mutter beeinflusst, die durch die Goßnersche Mission erweckt worden war und in der Christlichen Gemeinschaft (Offene Brüder), Berlin, zur Heilsgewißheit gekommen war. Ihr Motto war das an der Vorderfront des Versammlungshauses stehende Wort: »Allzumal Einer in Christo Jesu.« Das persönliche Heilsdenken wurde erweitert und vertieft durch den Missionsgedanken. Entscheidende Eindrücke gewann Erich S. auch in der Sonntagsschule. Mit 14 Jahren überschrieb er sein Leben der Nachfolge in Christus. Intensives Bibelstudium, regelmäßiger Besuch der Versammlungen und eifriger Zeugendienst auf der Straße und in der Gemeinde folgten. Bei einem Vortrag des Chinamissionars Ernst Kuhlmann verspürte er seine Berufung in den Missionsdienst. Nach dem Besuch des Realgymnasiums studierte er Geschichte, Englisch und Theologie. Bei der Beschäftigung mit der Philosophie geriet er in eine tiefe intellektuelle Krise durch die Frage, ob man über Gott und seine Existenz etwas wissen könne. Den wahren Grund seiner Anfechtung erkannte er in der Vernachlässigung der Gemeinschaft mit Jesus im Gebet. Als praktische Folgerungen ergaben sich aus diesen Kämpfen der Studentenzeit: Geringschätzung aller menschlichen Spekulationen, Notwendigkeit der Selbstbescheidung auf die Grenzen der göttlichen Offenbarung, absolute Beugung unter die Schriftautorität mit bewußter Ablehnung aller Bibelkritik, auch in ihren allerersten Anfängen. Eine zweite, für das ganze weitere Leben entscheidende Krise war physisch bedingt. Bereits im Alter von 13 Jahren riet ihm ein bedeutender Berliner Augenarzt von einem viel Lese- oder Schreibarbeit erfordernden Beruf ab. Dennoch begann S. mit 18 Jahren das Universitätsstudium. Durch eine akute Sehschwäche geriet er nach 2 Semestern an den Rand der Erblindung. Eine noch schwerere Augenerkrankung folgte im 7. Semester. Auf der Berliner Blindenschule erlernte er die Blindenschrift. Man empfahl ihm einen Landaufenthalt. 1920 lud ihn Johannes Warns, der damalige Leiter der Bibelschule nach Wiedenest ein. S. fand hier für fast 40 Jahre seine Wirkungsstätte. 1937 übernahm er zusammen mit seinem Schwager Heinz Köhler die Leitung der Bibelschule, die 1952 auch Missionshaus geworden ist. Unermüdlich forschte er in der Schrift und erwarb sich umfangreiches Wissen. S. besuchte fast alle europäischen Länder, auch Nordamerika und die Länder der Bibel, Ägypten, Palästina, die Türkei und Griechenland. Jahrelang arbeitete er im Blankenburger Allianz-Komitee mit und bestätigte sich ab 1930 als fruchtbarer geistlich-theologischer Schriftsteller. Seine Werke sind in den meisten europäischen Sprachen erschienen, sowie in Japanisch, Chinesisch, Koreanisch und in Haussa und Duala (ost- und westafrikanische Sprachen). Ziel seiner Werke ist es, einen »Überblick zu gewinnen über die Heilsgeschichte der Bibel, d.h. den allgemeinen Geschichtsplan, und die Menschheitsentwicklung so anzuschauen, wie sie in ihrer harmonischen Mannigfaltigkeit, ihrer kosmischen Weltweite und ihrer etappenmäßigen Ordnung, von der Offenbarung der Schrift an gesehen, den Glauben darstellen. Denn in diesem Sinn gibt uns die Heilige Schrift eine geradezu überwältigende Gesamtschau. Sie zeigt uns den göttlichen Heilsplan als farbenreiche Periodenkette, als Stufengang, der nach oben führt, als Siegeszug ewiger Gottesliebe, also gleichsam als eine durch die Jahrtausende hindurchgehende »Pilgerreise« göttlicher Heilsgedanken und Heilstaten von der Weltschöpfung an bis hin zum himmlischen Jerusalem.« Dieses Programm S.s charakterisiert ihn als einen Mann, der stets auf das Schriftganze bedacht war, geprägt von scharfem Verstand und tiefem Gemüt, von Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit, bedacht mit der Gabe der Unterscheidung der Geister und wohltuende Freiheit gewährend, bescheiden, demütig und voller Gottvertrauen. Verheiratet war er 25 Jahre mit der jüngsten Tochter Christoph Köhlers, des ersten Leiters der Bibelschule. Sie hatten eine Tochter. Viele Schüler geben heute in aller Welt weiter, was Erich S. sie in Wort und Schrift gelehrt hat.
Werke (alle Wiedenest): Zweck und Ziel der Menschenschöpfung, 1930/31; Das Morgenrot der Welterlösung, 1937; Der Triumpf des Gekreuzigten. Ein Gang durch die alt- und neutestamentliche Heilsgeschichte, 1937 - 9. Aufl. 1974; Vom Adel des Menschen, 1939; Der göttliche Erlösungsplan von Ewigkeit zu Ewigkeit, 1950; In der Kampfbahn des Glaubens, 1952; Gott, Menschheit und Ewigkeit, 1952; Es geht um den ewigen Siegeskranz, 1952; Der König der Erde. Ein Zeugnis vom Adel des Menschen nach Bibel und Naturwissenschaft, 1959.
Lit.: Sauer, E., 1905-1955. Missionshaus Bibelschule Wiedenest. Ein Zeugnis von der Gnade Gottes, Wiedenest 1955; - Schrupp, Ernst (Hrsg.), Im Dienst von Gemeinde und Mission 1905-1980. 75 Jahre Bibelschule und Mission, Wiedenest 1980.
Karl Mühlek
Literaturergänzung:
Horst Afflerbach, D. heilsgeschichtl. Theol. E.S.s. Wuppertal 2006.