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Band VIII (1994)Spalten 1472-1475 Autor: Stefan Samerski

SAWATZKI, Anton, Generalvikar und Senator in Danzig, * 23.12. 1873 in Pollnitz (Westpr.), + 12.10. 1934 in Danzig. - Der stark von seiner Heimat Westpreußen geprägte S. wuchs als Sohn einer Gutsbesitzerfamilie auf. Sein gesamtes kirchliches wie staatliches Wirken ist einzig auf diese Provinz bezogen. Nach der Reifeprüfung 1895 am Gymnasium in Konitz studierte er Philosophie und Theologie am Priesterseminar in Pelplin und beschäftigte sich gleichzeitig mit staatswissenschaftlichen Studien. An seine Priesterweihe am 1. April 1899 für das Bistum Kulm schloß sich das Vikariat zunächst in Flatow, dann in Dirschau an. Seit dem 19. März 1901 wirkte S. als Pfarrverweser seiner Heimatpfarre Pollnitz, um dort eine neue Kirchengemeinde zu errichten. Zu seinem wichtigsten pastoralen Tätigkeitsfeld wurde die Pfarrei St. Joseph in Danzig, in die er am 2. Juli 1906 gesandt wurde. In der zweitgrößten Danziger Stadtpfarrei (11.361 Seelen im Jahre 1924, Betreuung von zwei Krankenhäusern und dem Zentralgefängnis) mühte er sich vor allem um den Aufbau des Vereins- und Verbandswesens. Sofort übernahm er die Leitung des katholischen Arbeitervereins und gliederte seine Tätigkeit in Westpreußen nach Pfarreien. Auch für die Arbeit des Caritasverbandes setzte er Maßstäbe. Durch die Neuordnung des Sekretariats im Dezember 1920 leitete er einen Neubeginn der Caritas in Danzig ein: Ihr Sekretär saß fortan in allen Wohlfahrtsorganisationen. Auch finden wir S. als Gründer und Verbandsvorsitzenden des katholischen Jugendvereins. Die seelsorgliche Tätigkeit S.s wurde von allen Zeitgenossen als vorbildlich, unermüdlich und arbeitsintensiv beschrieben; bis spät in die Nacht arbeitete er an Predigten oder an zahlreichen Vorträgen und Artikeln. 1920 wurde S. zum Dekan des Kulmer Dekanates Danzig I ernannt, da er die unbestrittene Führungspersönlichkeit im Danziger Klerus war. Bereits seit dem 1. September 1919 setzte er sich aktiv für eine Abtrennung des Gebietes der 1920 errichteten Freien Stadt Danzig von der polnisch gewordenen Diözese Kulm ein, was 1922 zur Errichtung der Apostolischen Administratur durch den Hl. Stuhl führte. Im Auswärtigen Amt dachte man 1920 sogar daran, S. als Apostolischen Administrator für Danzig vorzuschlagen. Der Papst ernannte aber den ehemaligen Bischof von Riga, Eduard Graf O'Rourke, der S. fast selbstverständlich zu seinem engsten Mitarbeiter und - nach der Gründung des Bistums Danzig - 1926 als Generalvikar heranzog. Fortan lag die innere Verwaltung der Diözese fast vollständig in S.s Händen. In Anerkennung seiner kirchlichen Verdienste ernannte ihn der Hl. Stuhl am 20. Mai 1924 zum Päpstlichen Geheimkämmerer, am 18. August 1926 zum Päpstlichen Hausprälaten. Neben dem Neuaufbau einer Bistumsverwaltung gingen zahlreiche wichtige Projekte wie die Konkordatsverhandlungen auf seine Initiative und Vorschläge zurück. Auch im Verhältnis der Diözesankurie zu den staatlichen Behörden war S. aufgrund seiner parteipolitischen Funktionen und öffentlichen Ämter federführend. Aufgrund seiner ausgeprägten politischen Begabung widmete sich S. bis zu seinem Lebensende der Danziger Kommunalpolitik - abgesehen von einem Mandat im preußischen Landtag 1919. Der bisher in Danzig noch nicht organisierten Zentrumspartei gab er bereits 1907 eine einheitliche Struktur. Von 1908 bis 1918 wurde er fortlaufend zum Provinzialvorsitzenden Westpreußens gewählt. Bereits 1907 und 1908 wurde er zum ersten Mal als Zentrumsvertreter in das Danziger Stadtparlament gewählt. Sein parteipolitisches Wirken, das sich vor allem dafür einsetzte, aus dem Zentrum eine schichten- und spartenübergreifende Volkspartei zu formen, führte zwischen 1908 und 1920 zu einer Vergrößerung der Wählerschaft um mehr als das Vierfache. Während der Novemberrevolution 1918 trat er sofort jeden kulturkämpferischen Tendenzen der preuß. Linksregierung entgegen wie auch anfangs einer Abtretung Danzigs von Deutschland. Nach dem Vertrag von Versailles rief er zur konstruktiven Mitarbeit am Aufbau eines neuen Staatswesens auf, welches ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zu Polen auf der Basis des Völkerrechts und der Gerechtigkeit gestalten sollte. Seine einflußreiche und geschickte Mitwirkung bei der Erstellung einer Verfassung sicherte der Kirche ihren finanziellen Status sowie weitgehende Rechte in Kultus und Schule. Von 1920 bis zu seinem Tod lenkte er als Mitglied des Volkstags die Geschicke seiner Partei und gehörte seit dem ersten Senat (1920-1924) bis zum September 1933 als parlamentarischer Senator ununterbrochen der Danziger Regierung an und war damit der einzige, der in allen Koalitionen der Freien Stadt mitgewirkt hatte. Nach dem Wahlsieg der NSDAP in Danzig legte er am 21. September 1933 seine parlamentarischen Ämter nieder. Anfang 1934 nahm seine Krankheit zu, die am 12. Oktober 1934 zum Tode führte. Politisch suchte er mit Hilfe einer neuorganisierten Volkspartei Einfluß auf das politische Tagesgeschäft Westpreußens - später der Freien Stadt - zu gewinnen. Seine Politik war bestimmt von den Grundsätzen des Christentums in Abgrenzung von der alten preußischen und neuen sozialdemokratischen Kulturpolitik. Staatspolitisch suchte er und seine Partei beständig die Verbindung zu Deutschland - vor allem in kultureller und rechtlicher Hinsicht. Nur auf dem Weg größerer Kompromißbereitschaft sah er für eine relativ kleine Partei die Möglichkeit politischer Einflußnahme gegeben. Die Gründung einer eigenen Kirchen- und Parteibank 1921, an deren Leitung er als Aufsichtsratsvorsitzender bis 1926 beteiligt war, wirkte sich allerdings mehr als erfolgloses finanzpolitisches Intermezzo aus. Der Danziger Senatspräsident Ernst Ziehm bemerkte über Sawatzkis politische Arbeit: »Eine besonders glückliche Wahl traf das Zentrum durch die Entsendung des Prälaten Sawatzki in den Senat. Er hat in der Politik der Freien Stadt Danzig eine bedeutende Rolle gespielt.«

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Werke: Zahlreiche Beiträge im Zentrumsorgan »Danziger Landeszeitung« bis 1933. - Weshalb wollen die deutschen Katholiken Westpreußens nicht zu Polen gehören?, in: Für deutsche Kultur in Westpreußen. Gesammelte Aufsätze von Freytag, Sawatzki und Semrau, Thorn 1919, 30-32.

Lit.: Franz Steffen, Die Diözese Danzig, ihr erster Bischof Graf O'Rourke und ihre Kathedralkirche zu Oliva, Danzig 1926; - Ders., Prälat A. S. Skizzen aus seinem Leben und Wirken als Priester und Politiker. Danzig 1934; - Ernst Ziehm, Aus meiner politischen Arbeit in Danzig 1914-1939, Marburg/L. 21960, 59; - Albert Posack, A. S., in: Heimatbrief der Danziger Katholiken 1962/8, 2; - Richard Stachnik, A. S., in: Ders., Danziger Priesterbuch 1920-1945; 1945-1965, Hildesheim 1965, 156-163; - Manfred Clauss, Der Danziger Bischof Eduard Graf O'Rourke, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 42, 1983, 113-146, 124; - Erwin Gatz, A. S., in: Ders. (Hrsg.), Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945, Berlin 1983, 647-648; - Heinz Lingenberg, Oliva - 800 Jahre, Lübeck 1986, 300-301; - Stefan Samerski, Die Katholische Kirche in der Freien Stadt Danzig, Köln/Weimar/Wien 1991; - Ders., Die Krise der Hansa-Bank AG in Danzig, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands 46, 1991, 99-115; - Altpreuß. Biographie II, 594; - Kosch, KD II, 4178.

Stefan Samerski

Letzte Änderung: 09.04.2011