SCHAUKAL, Richard von, * 27.5. 1874 in Brünn, + 10.10. 1942 in Wien, österr. Schriftsteller - 1892-97 Studium der Rechtswissenschaften in Wien; 1898 Promotion; seit 1887 Verwaltungsdienst bei der Statthalterei Brünn; ab 1899 in Mähren; 1903 Berufung ins Ministerpräsidium Wien; 1908 Ernennung zum Ministerialsekretär; 1909 zum Sektionsrat, 1911 zum Ministerialsekretär; 1918 geadelt; seit 1919 als freier Schriftsteller in Wien. - Sch., der vor allem als Lyriker hervortrat, zählt heute zu den eher vergessenen Autoren des Symbolismus im Wien der Jahrhundertwende. Bereits als Neunzehnjähriger veröffentlichte der Autor seinen ersten, noch stark durch Hugo von Hofmannsthal beeinflußten Gedichtband (»Gedichte«, 1893). Diesem folgten die Bände »Verse 1892-96« (1896), »Meine Gärten. Einsame Verse« (1897), »Tristia« (1898) und »Tage und Träume« (1899). Daneben entstand eine Reihe von Prosastücken, Aphorismen und Impressionen zu Kunst, Literatur und Gesellschaft im Wien der Jahrhundertwende sowie Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen (darunter Flaubert und Shakespeare). - Das Frühwerk ist geprägt von einer ästhetisch-dekadenten Haltung, die Sch. wegen ihrer inhaltlichen wie formalen Anleihen bei Stefan George den Vorwurf mangelnder Originalität eintrug. Allein in dem von Verlaines »Fetes galantes« inspirierten Gedichtzyklus »Pierrot und Colombine oder das Lied von der Ehe« (1902) gelangt Sch. zu einer gewissen künstlerischen Eigenständigkeit. Der ausbleibenden Anerkennung durch die literarische Öffentlichkeit begegnete der Schriftsteller mit zunehmender Kritik der bürgerlich-demokratischen Massengesellschaft, der er besonders in seinem 1907 erschienen Roman »Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser, eines Dandy und Dilettanten«, Ausdruck verlieh. In ihm zeichnet Sch. das Bild des Ästheten Balthesser, der, Fortschritt und Demokratie verachtend, für eine vom Geburtsadel dominierte ständische Ordnung plädiert, die die Verwirklichung seiner ästhetischen Lebenshaltung zu gewähren scheint. Die sich bereits hier andeutende konservative, Katholizismus und Monarchismus bejahende Einstellung, tritt deutlich in den ab 1914 entstehenden Kriegsgedichten hervor, in denen die patriotischen und rassistischen Parolen der Zeit ihre literarische Widerspiegelung finden. Nach dem Krieg verfaßte der Schriftsteller vor allem kulturkritische Schriften, in denen er sich als entschiedener Gegner der parlamentarischen Demokratie und Antisemit zeigte. Dem austrofaschistischen Ständestaat stand Sch. bejahend gegenüber.
Werke: Gedichte (Dresden 1893); Verse 1892-96 (Brünn 1896); Meine Gärten. Einsame Verse (Berlin 1897); Tristia. Neue Gedichte aus den Jahren 1897-98 (Leipzig 1898); Tage und Träume. Neue Verse (Leipzig 1899; 21902 erw. Ausg.); Sehnsucht. Neue Verse (München 1900); Pierrot und Combine oder das Lied von der Ehe (Leipzig 1902); Vorabend. Ein Akt in Versen (Leipzig 1902); Ausgewählte Gedichte (Leipzig 1904); Buch der Seele. Neue Gedichte (München 1908); Kindergedichte (München 1913); Herbst. Gedichte 1912-14 (München 1914); Eherne Sonette 1914 (München 1915); Heimat der Seele. Gedichte 1914-16 (München 1916); Kriegslieder aus Österreich (Wien 1917); Jahresringe. Neue Gedichte 1918-21 (Braunschweig 1922); Herbsthöhe. Neue Gedichte 1921-33 (Paderborn 1933); Musik der ruhenden Welt, Einl. u. Ausw. W. Alt (Graz 1960); Wie ganz bin ich dein eigen. Gedichte an seine Frau, Hrsg. Lotte von Schaukal (Freiburg i.B. 1960); Gedichte, Hrsg. L. v. Schaukal u. J. Schondorff (München 1967).
Lit.: J. Nadler, S.s lyrisches Werk (Wien 1937); - W. Birker, Die Epithese in der Lyrik von R.v.S. (Diss. Graz 1949); - Karl Mayer, R. v. S.s Weltanschauung (Diss. Wien 1959); - Maria Maurer, Sprache und Stil in der erzählenden Prosa R. v. S.s (Diss. Innsbruck 1971); - Viktor Suchy, Die `österr. Idee' als konservative Staatsidee bei Hugo v. Hofmannsthal, R. v. S. u. Anton Wildgans. In: Friedbert Aspetsberger (Hrsg.). Staat und Gesellschaft in der mordernen österr. Lit. (Wien 1977, S. 21-44); - Karl Johann Müller, Das Dekadenzproblem in der österr. Lit. der Jahrhundertwende, dargestellt an Texten von Hermann Bahr, R. v. S., Hugo v. Hofmannsthal u. Leopold v. Andrian (Stuttgart 1977); - Johann Sonnleitner, Eherne Sonette 1914. R. v. S. u. der Erste Weltkrieg. In: Klaus Amann u. Hubert Lengauer (Hrsg.): Österreich u. der Große Krieg 1914-18 (Wien 1989), S. 152-58); - Claudia Warum, R. v. S. als Übersetzer frz. Lit. In: Zeman 4 (1990).