SCHEELE, Friedrich August, Superintendent, * 26. Juli 1776 in Dingelstedt bei Halberstadt als Sohn eines Pfarrers; † 18. Dezember 1852 in Thale. S. studiert Theologie im vom Rationalismus geprägten Halle, hört dort aber auch den Supranaturalisten und letzten akademischen Vertreter des Halleschen Pietismus Georg Christian Knapp. 1802 wird er Rektor an der Johannis Kirch-Schule in Halberstadt und 1807 Prediger an der St. Petri-Kirche Magdeburg, 1809 dann Pfarrer an der Heilig-Geist-Kirche Magdeburg. 1808 heiratet er die Organistentochter Auguste Wenhak. 1810 kommt das erste Kind des Ehepaars zur Welt: Karl Gustav Scheele. 1817 wird, nach einer Reihe weiterer Söhne, Marie geboren, die 1841 Philipp Nathusius heiratet und als Volksschriftstellerin bekannt wird. - S. ist in Magdeburg als Kanzelredner beliebt. Predigt ist für ihn im Anschluß an Franz Volkmar Reinhard ein moralisches Besserungsmittel. Ebenso wird seine Beredsamkeit bei den Freimaurern geschätzt. S. gehört der ‚Loge' an, zeitweilig ist er ‚Meister vom Stuhl'. 1819 geht er als Superintendent und Oberpfarrer an St. Stephani nach Calbe an der Saale und bleibt bis kurz vor seinem Tod im Amt. Die Beschreibungen von Marie und Philipp Nathusius zeigen einen etwas hypochondrischen, liebenswürdigen und frommen Mann. Als Superintendent holt er den nachmaligen Gründer der ‚Protestantischen Freunde' (Lichtfreunde) und Leiter der Magdeburger "Freien Gemeinde" Leberecht Uhlich von einer Köthener Landpfarrstelle in seine Diözese. - Vom wissenschaftlichen Interesse des Superintendenten zeugt S.s "Wörterbuch des Neuen Testaments", an das er sich neben seinen Amtspflichten wagte. Den größeren publizistischen Erfolg hatte sein "Katechismus der christlichen Religion", der 1842 in der 5. Auflage erschien. In den Monaten vor seinem Tod unternimmt S. unter Hinwendung zum Kleinen Katechismus Luthers und zu erwecklichem Schrifttum eine Umarbeitung des Buchs, von dem er nach Philipp Nathusius nun der Meinung war, er "habe es schlecht gemacht." (Philipp von Nathusius: Lebensbild der heimgegangenen Marie Nathusius, geb. Scheele: Für ihre Freunde nah und fern. Samt Mittheilungen aus ihren noch übrigen Schriften, Bd. 3, Halle 1869, S. 244) Eine Neuauflage erscheint jedoch nicht mehr. - In S.s Katechismus sind dessen theologisches Denken und Lebensmaximen in elementarer Lehrsatzform enthalten und erlauben damit einen Einblick in S.s geistigen und geistlichen Kosmos ebenso wie in das Alltagsleben in der preußischen Provinz Sachsen und Erziehungsziele in Volksschule und Pfarrhaus. S. ist kritischer Supranaturalist. "Die christliche Religion" ist nach S. "die vollkommenste und beste Religion ... und stimmt mit der Vernunft überein." (Katechismus der christlichen Religion in Lehrsätzen mit biblischen Sprüchen, biblischen Beyspielen und Liedversen zum Auswendiglernen für Kinder in Evangelischen Volksschulen von Friedrich August Scheele, Superintendent zu Calbe an der Saale. Zweyte verbesserte und vermehrte Auflage, Calbe 1826, S. 3) Er hält an einer "geoffenbarten Religion" fest und sucht diese mit der "natürlichen Religion", die sich im "vernünftigen Nachdenken über sich selbst und die Welt der Schöpfung" (S. 6) erschließt, zu vermitteln. So setzt er in der "christlichen Pflichtenlehre" das "Gesetz Gottes" mit dem "Sittengesetz" gleich, das der Mensch durch seine "Vernunft", sein "Gewissen, am deutlichsten und vollständigsten aber durch die heilige Schrift" (S. 53) erkenne. Am Befolgen dieses Gesetzes hängt für ihn die christliche Hoffnung in "diesem" wie in "jenem Leben". Dabei erscheint letzteres als Fortsetzung und Steigerung des irdischen Tugendlebens: "Größeres und Herrlicheres hoffe ich als Christ im Leben nach dem Tode - hellere Erkenntnis, reinere Tugend, Befreyung von allem Uebel, Gemeinschaft mit verklärten Geistern, vollendete Seligkeit." (S. 143). Pädagogisch schwarz-weiß wird dem Schüler vermittelt: "Je weiser, tugendhafter, und im Gutesthun unermüdeter ich hier war, desto größer wird meine Seligkeit dort seyn." (S. 151) "Das Elend wird dort um so größer seyn, je verderbter und lasterhafter ich hier war." (S. 152) Jesus erscheint vor allem als Tugendlehrer und als Vorbild für den eigenen Lebenswandel. Darüber hinaus "lehrte er Gott als den liebevollen Vater aller Menschen kennen". (S. 43) Seine soteriologische Bedeutung liegt für S. in der Erlösung "von Irrthum und Aberglauben durch seine bessere Belehrung über Gott und Gottesverehrung, über die Würde des Menschen, seine Bestimmung - seine Pflichten - den Werth der irdischen Dinge und über Unsterblichkeit." (S. 42) Sünde begreift S. in diesem Zusammenhang als Pflichtverletzung wider bessere Kenntnis bzw. als primäre Orientierung an "sinnlichen Begierden" anstelle des Hörens auf "‚Gottes Stimme in mir'" (S. 27). S.s Sohn Karl Gustav berichtet für das Jahr 1832: "Mit dem lieben Vater fanden in dieser Zeit manche theologischen Dispute statt. Ein Hauptgegenstand war besonders die Frage: ob erst selig und dann tugendhaft, oder erst tugendhaft und dann selig. Der Vater war noch für das letztere. Wir suchten ihm das Gegentheil zu beweisen." (Zit. n. Philipp von Nathusius: Lebensbild der heimgegangenen Marie Nathusius, geb. Scheele: Für ihre Freunde nah und fern. Samt Mittheilungen aus ihren noch übrigen Schriften, Bd. 1, Halle 1867, S. 131). - In S.s. Katechismus reibt sich die Vorstellung eines liebevollen und menschenfreundlichen Gottes hart mit einer Vorstellung vom Jenseits, in der "Belohnungen und Strafen ... nach den Versicherungen der Schrift ewig" andauern. (Katechismus der christlichen Religion in Lehrsätzen mit biblischen Sprüchen, biblischen Beyspielen und Liedversen zum Auswendiglernen für Kinder in Evangelischen Volksschulen von Friedrich August Scheele, Superintendent zu Calbe an der Saale. Zweyte verbesserte und vermehrte Auflage, Calbe 1826, S. 152) Das mag vor allem S.s theologischer Position und pädagogischer Intention geschuldet sein, deutet aber auch auf seine Persönlichkeit hin. In der Beschreibung der Aufgaben, die Eltern gegenüber ihren Kindern haben, spiegelt sich etwas von S.s humanem Charakter wider: "Eltern sollen ihre Kinder vernünftig lieben, für ihr Seelenwohl, und ihr äußeres Wohlergehen sorgen und sie zu gesunden und geschickten Menschen, zu treuen und nützlichen Bürgern und frommen Christen erziehen. Eltern sollen für den Körper ihrer Kinder, durch treue Pflege, Wartung und Aufsicht, durch Reinlichkeit, durch Mäßigkeit und Ordnung im Essen, Trinken und Schlafen ..., durch vorsichtige, nicht übermäßige Züchtigung ... frühe Bildung des Verstandes, Heiligung ihres Willens, Veredlung ihres Gefühls ..., durch gewissenhaftes Anhalten ... zum Lesen der heiligen Schrift ... frühes Hinweisen auf Gott, sein wohlthätiges Wirken ... sorgen, und mit ihren Kindern singen und beten." (S. 113) S.s Maxime für Ehegatten lautet: "Lebe häuslich und fürchte Gott." (S. 115) Für den Umgang mit den "leblosen Geschöpfen" gilt: "... ich soll sie nicht muthwillig zerstören - keinen Baum - keinen Grashalm." (S. 123) Andererseits wehrt S. sich am Lebensende gegen "Todesgedanken" mit "aller Macht". (Philipp von Nathusius: Lebensbild der heimgegangenen Marie Nathusius, geb. Scheele: Für ihre Freunde nah und fern. Samt Mittheilungen aus ihren noch übrigen Schriften, Bd. 3, Halle 1869, S. 106) Seine Tochter Marie ist dadurch veranlaßt, ihm in einem seelsorgerlichen Brief ein freundlicheres Bild vom Jenseits vor Augen zu stellen: "Der Herr dort oben ... wird Dich rufen, wenn er Dich haben will in seinen schönen Himmel, auf den wir uns ja alle freuen, wo wir ja alle wieder zusammenkommen, und keine Krankheit und kein Schmerz und keine Trennung mehr ist." Und im Bezug auf den bevorstehenden Wegzug S.s aus Calbe zu den Kindern und Enkeln am Rand des Harzes heißt es in diesem Brief weiter: "Hier sollst Du Dich an unseren schönen Bergen erfreuen, aber auch recht getrost in den noch schöneren Himmel schauen, der ja unser aller Heimat ist, und leicht und lieblich soll Deine Scheidestunde sein, wenn wir alle bei Dir sind und unser aller Gebete mit Dir gehen, wenn Engel Deine Seele in des Vaters Arme tragen." (S. 107).
Werke: Katechismus der christlichen Religion in Lehrsätzen mit biblischen Sprüchen, biblischen Beyspielen und Liedversen zum Auswendiglernen für Kinder in Evangelischen Volksschulen von Friedrich August Scheele, Superintendent zu Calbe an der Saale, Calbe 1824, 5. Aufl., Magdeburg 1842; Wörterbuch des Neuen Testaments. Zur Erklärung der vorzüglichsten Beweisstellen der christlichen Glaubens- und Sittenlehre von Friedrich August Scheele, Calbe 1831; Biblische Geschichten mit den Worten der Bibel ausgezogen und mit nützlichen Lehren, Bibelsprüchen, Gesangversen und Fragen begleitet. Zum Gebrauch in Bürger und Landschulen von Friedrich August Scheele, Superintendent zu Calbe an der Saale, Theil 1: Geschichten aus dem Alten Testamente, Theil 2: Geschichten aus dem Neuen Testamente, Magdeburg 1836.
Predigten: Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben. Eine Predigt gehalten 1817 von Friedrich August Scheele, Magdeburg 1817; Predigt am dritten Reformations-Jubelfeste der Stadt Calbe a. d. S.. Am 29. Mai 1842 gehalten von Friedrich August Scheele, Calbe a. d. S. 1842.
Lit.: Philipp von Nathusius: Lebensbild der heimgegangenen Marie Nathusius, geb. Scheele: Für ihre Freunde nah und fern. Samt Mittheilungen aus ihren noch übrigen Schriften, 3 Bde., Halle 1867-1869; - Gedenkblatt an die 5 ersten Scheele'schen Familientage zu Halle a. S.. Veranstaltet von den Enkeln des Superintendenten Friedrich August Scheele, Kassel 1919.