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Band XXIV (2005) Spalten 1284-1286 Autor: Hans Hermann Fries

SCHLATTER-BERNET; Anna, pietist. Brief-Schriftstellerin, * 5.11. 1773 in St. Gallen (Schweiz), † 26.2. 1826 ebd. - Tochter des Musselinefabrikanten und Ratsherrn Caspar Bernet (1735-1800) und der Cleophea Weyermann (1731-1801), beide aus alten St. Galler Familien. Im Jahre 1792 lernte S. im Elternhaus den Theologen Johann Kaspar Lavater (s. d.) kennen, der einer ihrer wichtigsten geistlichen Lehrer und Briefpartner wurde. Mit seiner Tochter Nette war sie lebenslang befreundet. 1794 heiratete sie den Kaufmann Hektor Schlatter (1766-1842) aus St. Gallen, mit dem sie in 16 Jahren 13 Kinder bekam, von denen drei früh starben. Die große Familie zog 1814 in ein geräumigeres Haus, das nach ihren Entwürfen und unter ihrer Leitung erbaut worden war. S. galt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Pietismus. Ihre Haltung war ausgeprägt ökumenisch. Um die katholische und protestantische Erweckungsbewegung in Deutschland kennen zu lernen, reiste sie 1816 nach Bayern und 1821, zusammen mit ihrem zukünftigen Schwiegersohn Friedrich Wilhelm Röhrig, nach Barmen. Sie führte ein ungewöhnlich gastfreies Haus und unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu vielen Persönlichkeiten, u. a. zu dem Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817), zu Christian Friedrich Spittler (s. d.), zu Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (s. d.), zu Georg Gessner (s. d.) und zu dem katholischen Priester Martin Boos (s. d.). In ihrem Hause empfing sie die Herzogin Henriette von Württemberg mit ihrem Sohn Prinz Alexander, der Regensburger Bischof Johann Michael Sailer (s. d.) war mehrfach bei ihr zu Gast. Daneben kam sie ihren Pflichten als Mutter und Hausfrau nach und beteiligte sich an der Führung des Geschäftes ihres Mannes. Ihre Kinder erzog sie im christlichen Geist und blieb ihnen eine Ratgeberin, auch nachdem sie das Elternhaus verlassen hatten. In einem Brief vom Januar 1825 an ihre Tochter Anna in Berlin stellte sie fest, daß sie "zehn Kinder im Auslande" habe. Sie war eine weltoffene und in ihrer Zeit moderne, selbständige Frau, die auch die politischen Veränderungen in ihrer Heimat und in den Nachbarländern verfolgte. Ihr schriftstellerisches Werk besteht vor allem aus einem außerordentlich umfangreichen Briefwechsel zu religiösen und philosophischen Fragen, die sie mit ihren zahlreichen Freunden und Bewunderern und mit ihren Kindern erörterte. Daneben schrieb sie Gedichte, Aufsätze und kleine "Bücher" für ihre Kinder zu besonderen Anlässen, wie Konfirmation, Hochzeit oder als Begleiter auf Reisen. Unter ihren zahlreichen Nachkommen und deren Ehegatten seien neben vielen anderen Theologen Johannes Burckhardt (s. d.), Karl Ninck (s.d.), Adolf Schlatter (s. d.), der Missionar Daniel Schlatter ("Tartarenschlatter") (1791-1870); Adolf Zahn (s. d.) und Theodor von Zahn (s. d.) besonders erwähnt.

Werke: A. S.s schriftlicher Nachlaß: für ihre Angehörigen und Freunde, 1: Gedichte, 2: Kleinere Aufsätze; hrsg. v. Franz Ludwig Zahn, Meurs: Rhein. Schulbuchhdlg., 1835; Einige Mutterworte in Gottfrieds Reisetasche, hrsg. v. G. S. [Gottfried Schlatter], Vaihingen, [ca. 1850]; Frauenbriefe von A. S. [...], hrsg. v. Adolph Zahn, Halle: Fricke, 1862; A. S.s Leben u. Nachlaß, Bd. 1: Leben u. Briefe an ihre Kinder, Bd. 2: Briefe an ihre Freunde, hrsg. v. Franz Michael Zahn; Bd. 3: Gedichte u. kleinere Aufsätze, hrsg. v. Franz Ludwig Zahn, Bremen, 1865; Ehestandsbüchlein: Eine Festgabe für Braut- u. Eheleute, Neue Ausg., 16. Aufl., Basel: Geering, 1887; Briefe A. S.s an ihre älteste Tochter [Babette Röhrig], hrsg. v. Johannes Burckhardt, Berlin: Vorständevbd. d. Ev. Jungfrauenvereine, 1903; Ewigkeit in die Zeit leuchte hell herein: Aus ihren Briefen, Zürich: Gotthelf, 1951 (Bücherei Die Gemeinde 18).

Lit.: Deutsches Dichterlexikon, hrsg. v. Franz Brümmer, Bd. 2, 1877; - Christine Klein-Schlatter: Lebensbilder aus der Schlatterschen und Bernetschen Familie, Leipzig, 1883; - Ernst Miescher: Die St. Gallische Kaufmannsfrau A. S.: Ein christliches Lebensbild, Basel: Detloff, 1885; Lexikon deutscher Frauen der Feder, hrsg. v. S. Pataky, Bd. 2, 1898; - Dora Schlatter: Die gläubige Frau: A. S., in: Die Schweizer Frau: Ein Familienbuch, hrsg. v. Gertrud Villiger-Keller, Bd. 2, Neuenburg, [ca. 1910/1911]; - Dora Schlatter: Im Glauben fest: drei Lebensbilder; Helene Schlatter-Bernet, Kaspar Schlatter, Ambrosius Schlatter, St. Gallen: Buchhdlg. d. Ev. Ges., 1922; - Walter Schulz: Reichssänger: Schlüssel zum deutschen Reichsliederbuch, 1930; - Historisch-biogr. Lexikon der Schweiz, Bd. 6, 1931; - Johannes Ninck: A. S. und ihre Kinder, Leipzig: Schloeßmann, 1934; - Walter Alfred Siebel: A. S.: aus dem Leben einer schlichten Frau und Mutter, Siegen u.a.: Schneider, [1934]; - Maria Heinsius: A. S.: eine Mutter nach Gottes Herzen, 2. Aufl., Bad Salzuflen: MBK-Vlg., 1952; - Lexikon der Frau, hrsg. v. Gustav Keckeis, Bd. 2, Zürich, 1954; - Peter Zimmerling: Starke fromme Frauen: Begegnungen mit [...], A. S. [...], Gießen, Basel: Brunnen, 1996; Starke fromme Frauen 1: [...]; A. S., Wetzlar u. a.: ERF-Vlg., 1996 (Tonkassetten: ERF aktuell); - DBE 8, 1998; - Irina Bossart: Sie für den Glauben, er für den Staat; Er das Haupt, sie die Stütze, in: Basler Magazin, Basel, 1998, Nr. 29, S. 34 u. Nr. 34, S. 8; - Marianne Jehle-Wildberger: A. S.-B., 1773-1826: eine weltoffene St. Galler Christin, St. Gallen: VGS; Zürich: TVZ, 2003 (ausf. Literaturverz.).

Hans Hermann Fries

Literaturergänzung:

Marianne Jehle-Wildberger, Zwischen Heiligsprechung u. Domestizierung. A. S.-B. (1773-1826), in: Gendering tradition. Korb 2007, S. 47-66.

Letzte Änderung: 21.05.2008