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Band IX (1995)Spalten 236-238 Autor: Gerhard Kaller

SCHLATTER, Georg Friedrich, ev. Pfarrer, * 16.12. 1799 in Weinheim/Bergstraße, † 3.11. 1875 in Weinheim/Bergstraße. - Sch., der Sohn eines Färbers sollte ursprünglich das väterliche Handwerk erlernen. Nach dem Tod des Vaters (1813) gestattete die religiös geprägte Mutter den weiteren Besuch des Pädagogiums in Weinheim und des Gymnasiums in Heidelberg, wo er sofort nach dem Abitur (1818) das Studium der evangelischen Theologie begann. Schon als Student war er in Dallau bei Mosbach Aushilfsprediger und wurde 1820 dort Vikar. Er heiratete 1822 die Tochter des Pfarrers, doch starb diese bereits 1826 bei der Geburts des ersten Kindes. Er heiratete 1827 in 2. Ehe Eva Margareta Ludwig, eine seiner Konfirmandinnen und nahm im gleichen Jahr die Pfarrstelle in Linkenheim an, wo in schneller Folge 5 Kinder geboren wurden. Im Oktober 1832 wechselte er auf die Pfarrstelle in Heddesheim, wurde 1834 Schulvisitator und 1837 Verwalter des Dekanats. Seine Reformvorschläge und die Kritik an den herrschenden Zuständen in Kirche und Staat trugen ihm jedoch wachsende Anfeindungen ein. Er wurde der Einmischung in weltliche Angelegenheiten und unwürdigen Auftretens angeklagt und 1844 auf die kleine Pfarrei Mühlbach strafverstzt. Die rasant wachsende Familie - im Jahr 1847 wurde das 17. Kind geboren - brachte eine drückende finanzielle Not mich sich. Sch. ließ sich 1848 zum Vertreter des Bezirks Weinheim wählen und schloß sich voll der revolutionären Bewegung des Jahres 1849 an. Er wurde Abgeordneter der konstituierenden Landesversammnlung in Karlsruhe und vertrat dort die gemäßigte Linie von Lorenz Brentano. Nach dem Zusammenbruch der Revolution wurde er verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Eine Petition von Gemeinde und Kirchengemeinde Mühlbach hatte keinen Erfolg. Das Hofgericht des Mittelrheinkreises verurteilt Sch. 1850 zu 10 Jahren Zuchthaus. Das Urteil wurde später auf 6 Jahre verkürzt; er verbüßte die Strafe im Zuchthaus Bruchsal, lange Zeit in Einzelhaft. Nach der Entlassung kehrte er nach Mühlbach zurück, ging aber 1856 nach Manheim, wo er Privatunterricht erteilte und ein Buch über das System der Einzelhaft schrieb. Ein zweites Buch (Kerkerblüten) wurde sofort verboten und brachte ihm erneut eine Haftstrafe von 6 Wochen ein. Ein Teil seiner Kinder war in der Zwischenzeit nach Amerika ausgewandert. Sch. wurde wieder ein Gehalt aus dem Unterländer Kirchenfond zugesprochen, er veröffentlichte in Mannheim eine Reihe von Büchern und Schriften. Krank und früh gealtert starb er bei einem Besuch seines Sohnes Philipp in Weinheim. - Die Bedeutung von Sch. liegt weniger in seinem Wirken als Seelsorger als in seiner aufrechten und unerschrockenen politischen Haltung. Sein Eintreten für Demokratie und Menschenwürde wurden noch 1875 in einem Nachruf Franz Sigels in Amerika gewürdigt. Sein fundiertes Buch über die Einzelhaft führte zu einer Revision des Strafvollzugs. Sch. setzte sich nachdrücklich für eine Abschaffung der Todesstrafe ein. Unter dem Eindruck von Judenverfolgungen in einer Gemeinde, die er nicht verhindern konnte, verfaßte er eine Schrift, die ihre Gleichberechtigung forderte.

Werke: Zwanzig Predigten als Zeugnisse christlicher Rechtgläubigkeit gegen pietistische Verketzerungen, Karlsruhe 1832; Pietismus, Mystizismus und Orthodoxismus, Mannheim 1845; Die Verfassung der evangelisch-protestantischen Kirche in Baden, wie sie ist und wie sie sein soll, Karlsruhe 1848; Das System der Einzelhaft in besonderer Beziehung auf die neue Strafanstalt in Bruchsal, Mannheim 1856; Zuchthausstudien, die Frucht einer sechsjährigen Einzelhaft Heft 1-6, Mannheim 1857-60, Heft 2, Mannheim 1858, Heft 3/4, Mannheim 1859, Heft 5/6, Mannheim 1860; Das Unrecht der Todesstrafe, Erlangen 1857; Die Emanzipation der Israeliten, eine Forderung der Gerechtigkeit, Staatsweisheit, Humanität und rettenden Liebe, Mannheim 1858; Das Konkordat der deutschen Bruderstämme, Mannheim 1860; Der oberste Grundsatz des Protestantismus, Mannheim 1860; Staat, Kirche und Konkordat, Ulm 1860; Der deutsche Nationalverein gegenüber der Idee einer Dreiteilung Deutschlands, Mannheim 1861; Die Unwahrscheinlichkeit der Abstammung des Menschgeschlechts von einem gemeinschaftlichen Urpaar, Mannheim 1861; Stimmen gegen die Todesstrafe, Mannheim 1862; Die neueste Bewegung in der Freireligiösen Gemeinde in Mannheim. Ein offenes Zeugnis von dem christlich-rationalen Standpunkt aus, Mannheim 1862.

Lit.: Dettling, Georg Friedrich Schlatter aus Weinheim 1799-1875, Ein Leben für Freiheit und Menschenwürde, in: Mühlbacher Jahrbuch 1980, 89-141.

Gerhard Kaller

Textanmerkungen:

G.F. Schlatter war Alterspräsident des Badischen Revolutionsparlaments. Das Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengeminde Heddesheim trägt seit 1999 den Namen "Evangelisches Gemeindehaus Georg Friedrich Schlatter". Werkeergänzung:

Die Verfassung der evangel.-protestantischen Kirche in Baden, wie sie ist und wie sie seyn soll. Karslruhe 1848.

Webseitenergänzung:

Prophet und Märtyrer des aufrechten Gangs. Pfarrer Georg Friedrich Schlatter aus Weinheim in: www.konradfischer.de (27.1.2006).

Letzte Änderung: 28.01.2006