SCHLEGEL, Theodul, Abt u. kath. Kirchenpolitiker, * um 1485 in Chur, + 23. Januar 1529 in Chur hingerichtet. - Über d. Jugend v. S. ist kaum etwas bekannt. Er scheint jedoch aus einer ursprünglich in Davos beheimateten Familie zu stammen. Im Sommersemester 1504 immatrikulierte er sich an d. Universität Tübingen u. zwei Jahre später in Heidelberg. Dort wird er als Mitglied d. Prämonstratenserstiftes St. Luzi in Chur eingetragen. Wahrscheinlich hat er zwischen 1505 u. 1506 d. Profeß abgelegt. Im November 1507 bestand er d. Examen als Baccalaureus artium u. am 10. Oktober 1509 wurde er zum Lizenziat zugelassen. Er schloß seine Studien mit d. Grad eines Magister artes ab u. kehrte Ende d. Jahres in seine Heimat zurück. Über seine Tätigkeit in d. nächsten Jahren ist nichts bekannt. 1513 vertrat er d. Stift St. Luzi als erfolgreicher Anwalt in mehreren Prozessen. Spätestens 1514 war er Prior geworden u. am 16. April 1515 wurde der zum Abt d. Stiftes gewählt. Zu Beginn d. Reformationszeit gehörte S. einer Gruppe v. Männern in Chur an, d. sich für Reformen in der Kirche einsetzte. Um d. Wende d. Jahre 1522 u. 1523 machte S. eine tiefe innere Wendung durch, die wohl durch den Vorstoß d. Churer Stadtrats gegen d. kirchliche Autorität bedingt war. Er konnte d. Grenzen v. kirchlicher Lehre u. Tradition nicht einfach überwinden u. trat in den folgenden Jahren als Sprecher d. kath. Partei auf. Sein Gegenspieler auf d. sich neubildenden protestantischen Seite war d. Pfarrer an d. Stadtkirche St. Martin in Chur, Johannes Comander. In d. Auseinandersetzung um d. auch in Chur auftretetenden Täufer, nahm S. für diese Partei, um damit das v. d. reformatorischen Kräften hervorgehobene Schriftprinzip als alleinige Norm d. Glaubens zu widerlegen. S. arbeitete sehr eng mit d. Domkapitel zusammen, d. sich ab 1523 gegen d. geforderten Reformen wehrte. Einer d. Höhepunkte d. Streites war d. Religionsgespräch, d. v. 7-9. Januar 1526 in Ilanz stattfand. S. war dabei d. hervorragenste Wortführer d. Katholiken, was auch seinem politischen Einfluß zu verdanken war. D. resultatlose Disputation wurde schließlich v. d. Amtsleuten abgebrochen. Im Verlauf des Jahres konnte er nicht verhindern, daß mit dem 2. Ilanzer Artikelbrief d. Rechte d. Kirche entscheidend eingeschränkt wurden u. d. in Chur es Comander immer mehr gelang seine reformatorischen Vorstellungen durchzusetzen. Neben seiner kirchlichen Tätigkeit war S. auch in der Außenpolitik d. Freistaats Gemeiner Drei Bünde entscheidend beteiligt. So war er an der Ausarbeitung d. Friedens mit d. Kastellan von Musso beteiligt, d. am 12. September 1526 in Davos geschlossen wurde. Auch in d. folgenden Jahren hatte er diplomatische Aufgaben. Gegen d. Fortschreiten d. Reformation in Chur konnte S. kaum Erfolge erreichen. Ein grundsätzliches Problem d. kath. Partei war die Abwesenheit d. Bischofs Paul Ziegler, d. bereits seit 1525 auf d. Fürstenburg im Vinschgau lebte. So wurde v. mehreren Seiten versucht, Ziegler z. Resignation zu bewegen u. d. Bruder d. Kastellans v. Musso, Johann Angelo v. Medici, d. Erzpriester in Mazzo im Veltlin war, als seinen Nachfolger zu installieren. D. Domkapitel war jedoch nicht mit einer Resignation d. Bischofs einverstanden u. schlug ihm vor, er solle einen Gotteshaustag einberufen. Um 1528 entfesselten die Unterengadiner einen heftigen Sturm, indem sie mit ca. 400 Mann vor d. erschienen u. d. Bischof herausforderten. D. Bischof floh daraufhin auf d. benachbarte Churburg. Am Neujahrstag 1529 wurde Abt S. mitten in d. Nacht verhaftet u. bei einem Bürger in Ketten gelegt. Danach tauchten Briefe im Stift St. Luzi auf, d. ihn belasteten, am Resignationsplan beteiligt gewesen zu sein. Am 18.1. 1529 faßte d. Rat d. Stadt Chur die Motive d. Prozesses u. die Anklageartikel gegen S. in einem Bericht nach Zürich kurz zusammen. Am 21. Januar wurde er d. Folter unterzogen, um ein Geständnis zu erhalten und am 23. Januar zum Tode verurteilt u. wegen seiner schwachen Konstitution auf d. Straße hingerichtet, obwohl er seine Unschuld beteuerte.
Lit.: Sebastian Hoffmeister, Acta u. handlung des Gesprächs so von allen Priesteren der Tryen Pündten im M. D, XXVI. jar uff Mentag uff Zynstag nach d. heyligen III. Künigen tag zu Inlantz im Grawen Pundts uss Ansehung der Pundsherren geschehen, 1526 (Nachdr. Sebastian Hoffmeisters Akten zum Religionsgespräch in Ilanz. Neu hrsg. zur Galliciusfeier 1904, Chur 1904); - Ulrici Campell, Historia raetica (1582), hrsg. v. Pl. Plattner, Quellen z. Schweizer Geschichte 8/9, Basel 1887-90; - Johann Jacob Hottinger, Helvetische Kirchengeschichten, Bd. 3, Zürich 1707; - Petrus Domenicus Rosius de Porta, Historia reformationis ecclesiarum Raeticarum, Bd. II/1, Chur 1771; - Ambrosius Eichhorn, Episcopatus Curiensis, St. Blasien 1797; - P. K., T. S., Abt v. St. Luzi. Sein Wirken u. gewaltsames Ende, in: Bündnerisches Monatsblatt 1856, 65-86; - H. G. Sulzberger, Gesch. d. Reformation im Kanton Graubünden, Chur 1880; - Traugott Schieß, D. Beziehungen Graubündens zur Eidgenossenschaft, besonders zu Zürich im XVI. Jh., in: Jahrb. f. Schweizerische Gesch. 27, 1902, 29-184; - Ders (Hrsg.), Bullingers Korrespondenz mit den Graubündnern, Bd. 1, Basel 1904; - Fritz Jecklin. Materialien z. Standes- u Landesgeschichte gem. III Bünde, I. u. II. Teil, Basel 1907-09; - Johann Georg Mayer, Geschichte d. Bistum Chur, Bd., 2, Stans 1914; - Emil Camenisch, Bündnerische Reformationsgesch., Chur 1920; - Ders., D. Ilanzer Religionsgespräch 7.-9. Januar 1526, Chur 1925; -Oskar Vasella, Untersuchungen über d. Bildungsverhältnisse im Bistum Chur mit besonderer Berücksichtigung d. Klerus, in: Jahresber. d. Historisch-antiquarischen Gesellschaft v. Graubünden 62, 1932, 1-212; - Ders., D. bündnerische Reformator Johannes Comander. Seine Herkunft u. Berufung als Pfarrvikar nach Chur, in: ZSKG 26, 1932, 109-132; - Ders., Von d. Anfängen d. bündnerischen Täuferbewegung, in: Ztschr. f. schweiz. Gesch. 19, 1939, 165-184; - Ders., Bauernkrieg u. Reformation in Graubünden 1525-26, in: Ztschr. f. schweiz. Geschichte 20, 1940, 1-65; - Ders., Urkunden u. Akten z. Reformationsgeschichte d. Bistums Chur, in: ZSKG 34, 1940, 81-98 + 258-278 u. 35, 1941, 62-75 + 140-152; - Ders., D. Entstehung d. bündnerischen Bauernartikel v. 25. Juni 1526, in: Ztschr. f. schweiz Geschichte 21, 1941, 58-78; - Ders., D. bischöfliche Herrschaft in Graubünden u. d. Bauernartikel v. 1526, in: Ztschr. f. schweiz. Geschichte 22, 1942, 1-86; - Ders., D. bäuerliche Wirtschaftskampf u. d. Reformation in Graubünden (1526 bis etwa 1540), in: Jahresber. d. Historisch-antiquarischen Gesellschaft v. Graubünden 73, 1943, 1-183; - Ders., Abt T. S. v. Chur u. seine Zeit 1515-1529, Freiburg 1954; - Hans Berger, D. Reformation in Chur u. ihre Ausstrahlungen auf Bünden, in: Bündner Monatsblatt 1967, 81-139 + 145-188; - Ders., Bündner KG 2. Teil: D. Reformation, Chur 1986; - Rudolf Pfister, KG d. Schweiz. Bd. 2, Zürich 1974, 124-132; - Erich Wenneker, Art. Johannes Komander, in: BBKL IV, 1992, 369-371; - Georg Jäger, D. Reformation in d. Stadt Chur, in: Churer Stadtgeschichte Bd. 1: Von d. Anfängen bis zur Mitte d. 17. Jh.s, Chur 1993, 413-450; - LThK IX, 412.