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Band XXV (2005) Spalten 1259-1263 Autor: Philipp David

SCHLEIDEN, Carl Heinrich, Theologe und Pädagoge, * 8.10. 1809 als Sohn eines schleswig-holsteinischen Arztes in Hamburg, † 4.1. 1890 in Hamburg, Bruder des Botanikers Matthias Jakob Schleiden (1804-1881) und des Politikers Rudolf Schleiden (1815-1895) war kinderlos verheiratet seit 16.7. 1842 mit Ida Speckter (1809-1894). Nach dem Besuch des Johanneums und des Akademischen Gymnasiums in Hamburg studierte er in Jena, Göttingen und Berlin Theologie und Philosophie und promovierte 1834 in Jena zum Dr. phil. und legte in Hamburg seine Kandidatenprüfung ab, mit der er die Anwartschaft auf das Predigtamt erwarb. Obwohl der Weg zum Pfarrer vorprogrammiert schien, übte er dieses Amt jedoch nie aus. 1851 trat er schließlich aus der Reihe der Kandidaten aus. Ende der dreißiger Jahre geriet er in eine theologische Auseinandersetzung zwischen orthodoxen Lutheranern und Rationalisten, die der Eppendorfer Pädagoge und Philosoph Gustav Palm (1807-1852) mit zwei Sendschreiben von 1839 ("Die Schlange im Hause des Herrn. Erstes Sendschreiben an meinen Bruder" und "Aus dem Schreiben eines Laien an einen jungen Freund, der Theologie studieren will") entfachte, in denen er Kritik am heuchlerischen Verhalten von kirchlichen Vertretern geübt hatte und eine Rückbesinnung auf die Wahrheit des Christentums forderte, die er im eigentlichen, nicht interpretierten Bibeltext sah. Der innerhalb der evangelischen Kirche Hamburgs entzündete Streit brachte mehr als 30 polemische Flugschriften hervor. Schleiden selbst ergriff Partei für die aufgeklärte, rationalistische Seite und übte scharfe Kritik an den zwei "bibelgläubigen" Schriften G. Palms. Eine polemische Veröffentlichung von Franz v. Florencourt ("Philalethes und Dr.Schleiden", 1839), 1838-1840 Redakteur der "Literarischen und kritischen Blätter der Börsenhalle", führte zur Reaktion Schleidens ("Zur Erwiderung auf die Beschuldigung des Herrn Fr.v.Florencourt", 1839). - Auf Pastor Hermann Mumssens (1804-1859) Schrift "Prüfung der Ansichten des Herrn Dr. Schleiden über Offenbarung, Auctorität der heiligen Schrift und den Inhalt des christlichen Glaubens" (1839) und das antwortende "Sendschreiben an Herrn Hermann Mumssen, Pastor zu Ham und Horn" (1839) von Schleiden folgte die anonym von Ignaz Paul Vitalis Troxler verfaßte "Beurtheilung des Sendschreibens von Herrn Dr. H. Schleiden an Herrn Herrn Pastor Mumssen. Als Anhang: Der Rationalismus (od.) das Papstthum in unserer Kirche" 1839. Da in den Hamburger evangelischen Kirchen immer noch der orthodoxe Geist des durch Lessing berühmt gewordenen Hauptpastors Johann Melchior Goezes (1717-1786) lebendig war, war Schleiden sich bewußt, was ihm als aufgeklärten und liberalen Theologen in dieser Stadt erwarten würde. Daraufhin wechselte er kurzentschlossen den Beruf und gründete nach voriger Ankündigung ("Zur Ankündigung meiner Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Knaben", 1841) Ostern 1842 eine private "Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Knaben", die allerdings beim großen Brand im Mai 1842 in Hamburg, über den Schleiden 1843 sein wohl bekanntestes Buch verfaßte ("Versuch einer Geschichte des großen Brandes in Hamburg vom 5. bis 8. Mai 1842. Auch als erläuternde Zugabe zu den 14 Speckter'schen Lithographien und dem Panorama. Mit einem Plane des Brandes in seinem Fortschritt von 6 zu 6 Stunden"), zerstört wurde, dann aber wiederaufgebaut und zu einer der vornehmsten Privatschulen der Stadt wurde. Diese Bildungseinrichtung, der er dreißig Jahre vorstand - 1872 legte er die Direktion nieder -, brachte ihm Ansehen im gehobenen Bürgertum in Hamburg. Viele seiner Schriften sind in diesem pädagogischen Umfeld angesiedelt. Zudem saß er von 1860-65 in der Hamburger Bürgerschaft und übernahm etliche Ehrenämter und war ferner Schriftführer des provisorischen Komitees zur Vorberathung über eine in Hamburg zu gründende Universität ("Bericht der provisorischen Comite zur Vorberathung über eine in Hamburg zu gründende Universität", 1847). 1873 veröffentliche er eine bemerkenswerte Anthologie von religiösen und kulturellen Texten zur Humanität unter dem Titel: "Liederbuch für die Glieder des unsichtbaren Gottesreiches". Damit eng verbunden ist Schleidens Tätigkeit im Allgemeinen Deutschen Protestantenverein (gegr. 1863), dessen Vorsitzender er vom 1867 gegründeten Hamburger Zweigverein einige Jahre war. In diesem Verein, der sich für ein undogmatische Christentum und demokratische Prinzipien in der Kirche einsetzte, hielt Schleiden Ende des Jahres 1874 seinen wichtigsten theologischen Vortrag über "Christus und die Pharisäer", der später auch als Druckschrift erhältlich war. Darin bezeichnet Schleiden die Worte "Ich und der Vater sind eins" (Joh 10,30) als "die Kundgebung des höchsten, reinsten, sittlichen Selbstbewußtseins zu dem der Mensch sich erheben kann." - Erst spät wurde sein Briefwechsel mit dem Husumer Dichter Theodor Storm (1817-1888) bekannt und 1995 publiziert [Theodor Storm - Heinrich Schleiden. Briefwechsel. Kritische Ausgabe. In Verbindung mit der Stormgesellschaft herausgegeben von Peter Goldammer (Storm-Briefwechsel 14)]. Wenn auch seine Bedeutung im allgemeinen eher gering erscheint, läßt sich anhand der Person Schleidens exemplifizieren, welchen Schwierigkeiten liberale Theologen, die sich für Glaubens-, Lehr, und Forschungsfreiheit einsetzten, im lokalen kirchlichen Milieu einer Großstadt begegneten und zu welchen Entschlüssen sie dadurch motiviert wurden. Schleidens pädagogisches Engagement ist als Beitrag zum Kulturprotestantismus zu würdigen.

Werke: Zur Erwiderung auf die Beschuldigung des Herrn Fr.v.Florencourt, Hamburg 1839; Sendschreiben an Herrn Hermann Mumssen, Pastor zu Ham und Horn, Hamburg 1840; Die protestantische Kirche und die symbolischen Bücher zunächst in Beziehung auf Hamburg, Hamburg. Bevorwortet durch ein Sendschreiben an Herrn Pastor H. Mumssen, Hamburg 1840; Zur Ankündigung meiner Erziehungs- und Unterrichtsanstalt für Knaben, Hamburg 1841; Versuch einer Geschichte des großen Brandes in Hamburg vom 5. bis 8. Mai 1842. Auch als erläuternde Zugabe zu den 14 Speckter'schen Lithographien und dem Panorama. Mit einem Plane des Brandes in seinem Fortschritt von 6 zu 6 Stunden. Hamburg 1843; Bericht der provisorischen Comite zur Vorberathung über eine in Hamburg zu gründende Universität, Hamburg 1847; Das Programm der höheren Bürgerschule, Hamburg 1853; Der singende Wald. Sylvesterabendscherz zum 31. December 1857 von H. S., Hamburg 1857; Die Schillerfeier unserer Schule am 11. November 1859, Hamburg 1859; Die Schillerfeier in unserer Schule am 14. November 1859, Hamburg 1859; Dem Andenken Christian Friderich Wurm´s: Professors der Geschichte am Akademischen Gymnasium in Hamburg [Verf.: Ludwig Carl Aegidi. Vorr.: H. Schleiden], Hamburg 1859; Programm der höheren Bürgerschule. Dritte Ausgabe, Hamburg 1860; Rede zur Eröffnung der Vorlesungen des Vereins zur Fortbildung angehender Kaufleute gehalten am 10. November 1860, Hamburg 1860; Ueber Werth und Wesen des kaufmännischen Berufes. Rede, gehalten zur Eröffnung des zweiten Jahrescursus der Fortbildungsanstalt für angehende Kaufleute, Hamburg 1861; Xenien zum Sylvesterabend 1861, [Hamburg];1861; Sylvesterabendscherze. Als Ms. für Freunde gedr., Hamburg, 1866; Festrede zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Schleiden'schen Schule, gehalten im Kreise seiner Schüler am 5. April 1867. Als Ms. gedr., Hamburg 1867; Festrede beim Abschied von seiner Schule am 30sten September 1872, Hamburg [ca. 1872]; Aus der Familie. Gelegenheits-Dichtungen. Als Handschrift für Freunde gedruckt, Hamburg 1872; Festrede zur hundertjaehrigen Geburtstagsfeier von Jakob Friedrich Fries, gehalten am 23. August 1873 in Jena, Jena 1873; Liederbuch für die Glieder des unsichtbaren Gottesreiches. Zgst. von H. Schleiden, Leipzig 1873; Christus und die Pharisäer. Vortrag gehalten im Hamburger Protestanten-Verein am 1. December 1874, Hamburg 1874; Nachklänge zu Fritz Reuter´s "Hanne Nüte", vorgetragen beim Weihnacht-Neujahrsfeste im Schleiden´schen Hause am, 1. Januar 1876 von H. Schleiden. Ms. für Freunde, Hamburg, 1876; Die neue patentirte Reimschmiede-Maschine zum ersten Male ausgestellt in d. Anhang zur Hamburgischen Kunst- und Industrieausstellung von Jahre 1876 beim Weihnacht-Neujahrsfeste im Schleidenschen Hause am 1. Januar 1877. Ms. für Freunde. Hamburg 1877; Die sieben Häuser. Festgruß zum Weihnachts-Neujahrsfest am 1. Januar 1879. Ms. für Freunde. Hamburg 1879; Allgemeiner Wunschzettel für Jung und Alt, ausgegeben in der Officin von H. Schleiden am 1. Januar 1880, Hamburg 1880; Drei neue Lieder. Als Neujahrsgruß mitgetheilt von H. Schleiden, Hamburg 1883; Der Bettelstudent. Festspiel zur Feier des Neujahrstages am 1. Januar 1884 von H. Schleiden, Hamburg 1884; Zum 31. Januar 1886. Ein Gruß an die Freunde in nah und fern, Hamburg 1886; Reime und Lieder. Zum Gebrauche bei dem Unterrichte in der Religion, zsgest. v. H. Schleiden, 4. Aufl. Hamburg 1891; Theodor Storm - Heinrich Schleiden. Briefwechsel. Kritische Ausgabe. In Verbindung mit der Stormgesellschaft herausgegeben von Peter Goldammer (Storm-Briefwechsel 14), Berlin 1995.

Lit.: (Harless, Prof.). Die religiösen Kämpfe in Hamburg. Urtheil eines auswärtigen Theologen. (Zum Besten einer milden Stiftung). Hbg., bei Tramburg's Erben, 1841; - (Anonym) Beurtheilung des Sendschreibens von Herrn Dr. H. Schleiden an Herrn Herrn Pastor Mumssen. Als Anhang in: Der Rationalismus (od.) das Papstthum in unserer Kirche v. Dr. (Ignaz Paul Vitalis) von Troxler, Hamburg, 1839; - Oeffentliche Erklärung von sechs Candidaten E.H.E. Ministerii in Veranlassung der von den Herren Candidaten Schleiden Dr. und Grapengiesser Dr. hrsg. Schriften, Hamburg 1839; - Sendschreiben an Herrn Dr. Schleiden, Hamburg 1839; - Franz v. Florencourt: Philalethes und Dr.Schleiden, Hamburg 1839; - H. Mumssen: Prüfung der Ansichten des Herrn Dr. Schleiden über Offenbarung, Auctorität der heiligen Schrift und den Inhalt des christlichen Glaubens, Hamburg 1839; - Glückwunschadresse. H. Sch. zum 50 jährigen Doctor-Jubiläum; - Hermann Mummsen: Gegen das Sendschreiben des Herrn Dr. Schleiden an mich. Eine Selbstvertheidigung im Interesse der guten Sache, Hamburg 1840; - Brief eines Theologen an einen Nichttheologen in Hamburg, welcher einige jüngst allda erschienene Flugschriften gelesen hatte, Hamburg 1839; - Zur Erinnerung an Dr. Heinrich Schleiden: Reden gesprochen bei der Feier seiner Bestattung am 8.1.1890. Hamburg 1890; - Johann Heinrich Höck, Bilder aus der Geschichte der Hamburgischen Kirche seit der Reformation, Hamburg 1900, 386-406; - Peter Goldammer: "Mein, den Jahren nach, ältester Freund". Zu Storms Briefwechsel mit Heinrich Schleiden, in: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 45 (1996), 23-26.

Philipp David

Letzte Änderung: 09.10.2005