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Band XX (2002)Spalten 1272-1274 Matthias Wolfes

SCHLICHT, Levin Johann(es), evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter, * 26. Oktober 1681 in Kalbe an der Milde (Altmark), † 7. (10. ?) Januar 1723 in Berlin. - Schl. wuchs, gemeinsam mit drei Geschwistern, als Sohn des örtlichen Diakonus Matthias Schlicht in seiner Geburtsstadt auf. Seinen ersten Unterricht erhielt er durch den gelehrten Vater, der früher Konrektor in Gardelegen gewesen war. Bereits im zehnten Lebensjahr verfügte Schl. über ausgezeichnete Lateinkenntnisse und war imstande, leichtere griechische und hebräische Texte zu lesen. Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahre 1696 geriet die Familie in eine Notlage. Schl. fand bei dem Stendaler Stadtkämmerer Aufnahme und wurde von diesem in die Lage versetzt, das Gymnasium zu besuchen. Nach zweijährigem Schulbesuch mußte er jedoch zur Sicherung seines Lebensunterhaltes eine Stelle als Inspektor in Harburg annehmen. Erst im Sommersemester 1699 konnte er an der Universität Halle das Theologiestudium aufnehmen. Hier wurde er durch Francke gefördert, der die besondere Begabung des Studenten erkannte. 1700 wurde er "als ein frommer und in den alten Sprachen ganz besonders bewanderter Jüngling" zum Lehrer am Königlichen Pädagogium in Halle berufen (Eduard Emil Koch: Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Erster Haupttheil. Vierter Band, Stuttgart 1868, 372). 1708 wurde er als Rektor der Saldernschen Schule (Saldria) nach Alt-Brandenburg an der Havel berufen. In den Jahren seines Rektorats führte er die Lehranstalt zu hohem Ansehen. 1714 wurde Schl. Subdiakon an der St. Gotthardtkirche in Brandenburg. 1715 übernahm er eine Pfarrstelle in Parey an der Elbe, um noch im selben Jahr auf eine Pfarrstelle in Minden zu wechseln. Nach einer kurzen Amtszeit als Direktor des Gymnasiums in Hildburghausen, folgte Schl. 1717 einer Berufung an die St. Georgenkirche in der Königstädter Vorstadt zu Berlin. Hier wirkte er bis zum Januar 1723 - das Todesdatum ist nicht völlig sicher -, als er, erst 42 Jahre alt, nach einem Schlaganfall starb. - Schl. ist als Verfasser einer Anzahl von Kirchenliedern hervorgetreten. In älteren Gesangbüchern, besonders dem seit 1703 mehrfach aufgelegten Freylinghausenschen, finden sich zumeist das Abendlied "Ach, mein Jesu, sieh ich trete" (1705) und "Jesu, unser Heil und Leben" (1714) (vgl.: Johann Anastasii Freylinghausen: Geistreiches Gesangbuch, den Kern alter und neuer Lieder in sich haltend: Jetzo von neuem so eingerichtet [...] von G. A. Francken, Halle 1741).

Schriftenverzeichnis: Es liegen zahlreiche Schriften und Schulprogramme von Schlicht im Druck vor. Ein Verzeichnis bietet: Allgemeines Gelehrten-Lexicon. Vierter Teil. Herausgegeben von Christian Gottlieb Jöcher, Leipzig 1751 [Nachdruck: Hildesheim 1961], 280.

Werke (Auswahl): Kurtze Nachricht von der Einrichtung der Auferziehung und Information der Jugend in der Saldrischen Schule zu Alt-Brandenburg, so theils in nächst-stehender Dedication angezeiget werden, Halle 1711; Observationes selectae in Epicteti Enchiridion et Cebetis Tabulam Summo polyhistori Ioanni Alberto Fabricio officiossisime sacratae, Halle 1712; De tabulis geographicis antiquioribus quaedam disserit simulque adaudiendum actum oratorium de geographia, Berlin 1712; Historische Nachrichten von den Fatis der Schule, 1712; Vitam primi praesulis lutherani Palaeo-Brandenburgici Johannis Sifridi, Brandenburg 1714; Versuch von einer neuen Einrichtung der Privat-Lectionen in der Schulen zu Alt-Brandenburg: allen denen werthen Eltern, welche ihre lieben Kinder entweder schon hierin Information haben, oder noch künfftig herschicken wollen, zur Nachricht auffgesetzet, Stendal o.J. [ca. 1715]; Horae subsecivae in schola Saldria, Oder vergnügte Neben-Stunden Bey der vormahligen Schul-Arbeit in der Saldrischen Schule zu Alt-Brandenburg: Das Leben 5 berühmter Maerckischer Historicorum, Berlin 1718; Horae subsecivae in schola Saldria, Oder vergnügte Neben-Stunden Bey der vormahligen Schul-Arbeit in der Saldrischen Schule zu Alt-Brandenburg: Theil 2, Berlin o.J. [1722].

Lit.: Johann Caspar Carstedt: Programma de Vita Schlichtii, antecessoris sui ad actum de judicio extremo, Brandenburg 1724; - Eduard Emil Koch: Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der christlichen, insbesondere der deutschen evangelischen Kirche. Erster Haupttheil: Die Dichter und Sänger. Vierter Band. Dritte umgearbeitete, durchaus vermehrte Auflage, Stuttgart 1868; - Paul Koch: Altmärkische Kirchenliederdichter. 190 "Altmärkisches Gesangbuch". Ein altmärkischer Beitrag zum gesangbuch-Jubiläum 1924, Stendal 1924; - Evangelisches Pfarrerbuch für die Mark Brandenburg seit der Reformation. Verzeichnis der Geistlichen. Bearbeitet von Otto Fischer. Zweiter Band / Zweiter Teil, Berlin 1941, 753; - Lebensbilder der Liederdichter und Melodisten. Unter Benutzung eines Manuskriptes von Otto Michaelis bearbeitet von Wilhelm Lueken (Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Band II / Teil 1), Göttingen 1957; - Deutsches Literatur-Lexikon. Ed. Kosch. Band 15 (1993), 171; - DBA I 1109, 10-22.

Matthias Wolfes

Werkeergänzung:

Werke: Historische Nachricht von dem Ursprung und den Fatis der lutherischen, und insonderheit der Salderischen Schule hieselbst in der Chur- und Haupt-Stadt Alt Brandenburg, Brandenburg 1713 (92 Seiten).

Literaturergänzung:

Lit.: Alexander Langenheld / Doris Tüsselmann: Die Wiederauffindung der Epitaphien der zerstörten St. Georgen-Kirche in Berlin - gerettet und beinahe vergessen, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 101 (2005), 231-234 m. Abb. (Auf S. 233 wird der Grabstein Schlichts erwähnt mit ausführlicher, auch die Ahnen betreffender Inschrift. Demnach ist das Todesdatum auf den 10. Januar 1723 festzulegen.)

Letzte Änderung: 12.10.2005