SCHLOSSER, Rudolf, * 4.5. 1880 in Gießen, † 11.12. 1944 in Gießen. Theologe, Pädagoge, Quäker. - Rudolf Schlosser wurde 1880 in Gießen geboren, wo sein Vater Pfarrer an der Matthäusgemeinde war. Seine Geschwister waren Hans und Grete. Der Sohn Rudolf schloß sich frühzeitig der Wandervogel-Bewegung an. 1895 begann er ein Studium der Theologie an der Universität Halle, später in Gießen und Marburg. Dann arbeitete er als freiwilliger Helfer in Bethel, um unter Anleitung von Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) praktischen sozialen Dienst zu leisten. Verheiratet war Rudolf Schlosser mit Amalie, geborene Lehmann (1886-1973). Sie hatten eine Tochter namens Gertrud (geb. 1908), verheiratete Birke, und drei Adoptivkinder. - 1905 trat Schlosser nach Ableistung des Militärdienstes und des Predigerseminars eine Pfarrvikarsstelle im oberhessischen Dorf Wallenrod an. 1907 wurde er als Hilfsprediger nach Darmstadt versetzt und war dort bis 1910 als Vereinsgeistlicher für Innere Mission eingesetzt, eine Tätigkeit, die ihn bis nach England zu einem Treffen des CVJM führte. Anschließend versah er auf dem Lande wieder den Pfarrdienst. - 1914 wurde er als Sanitäter zum Militär eingezogen, wechselte zum Waffendienst, bis er als Offizier durch eine Verwundung während des Karpatenfeldzugs einsatzunfähig wurde. Daraufhin wollte er sich der Aufbauarbeit in einer Industriestadt widmen und trat 1916 eine Pfarrstelle an der Jacobi-Kirche in Chemnitz an, konnte aber unter seinen Pfarrkollegen wegen seiner politischen Einstellung keine Akzeptanz finden und geriet in die Isolation, während er sich bei seiner Gemeinde großer Beliebtheit erfreute. In Chemnitz trat Schlosser der SPD bei, richtete für die sozialistische Arbeiterjugend einen Kinderhort ein und gründete einen Arbeitskreis "Sozialistische Lebensgestaltung". In der dortigen Jugendgruppe waren auch Willy Müller (1899-1986) und Walter Rupprecht (geb. 1903), die, wie Schlosser, nach Kriegsende mit dem Quäkertum in Berührung kamen und der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) 1927 bzw. 1936 beitraten. Ausschlaggebend für ihn war der Vortrag "Muß Kirche sein?" von Theodor Bäuerle (1882-1956) auf der Quäker-Jahresversammlung 1931 in Dresden-Hellerau, der Schlosser verdeutlichte, daß das religiöse Einzelgängerdasein falsch sei. Noch 1931 entschloß er sich zur Mitgliedschaft. Einige Jahre später, 1935, trat auch seine Frau den Quäkern bei. Innerhalb der Deutschen Jahresversammlung war Rudolf Schlosser dann viele Jahre für die Organisation von Freizeiten jeweils vor der Jahresversammlung in Bad Pyrmont verantwortlich. 1937 wurde er für die Deutsche Jahresversammlung Mitglied im Ausschuß für Erziehungsfragen. Es war ihm ein Anliegen, die Verwurzelung des Quäkertums im Christentum zu erhalten und betrachtete die Vertiefung in das Neue Testament als geeigneten Weg dazu. - Aus Enttäuschung über die Haltung der Kirche während des Ersten Weltkriegs trat Schlosser schließlich aus dem Pfarrdienst aus und wurde Direktor des städtischen Kinderheims Chemnitz-Bernsdorf, einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche. Nebenher war er besonders im AFET aktiv, dem "Allgemeinen Fürsorge-Erziehungs-Tag", dem späteren Bundesverband für Erziehungshilfe. 1926 wurde Schlosser nach Wackenitzhof bei Lübeck an die dortige Anstalt für schwererziehbare Jugendliche berufen, wo er ein modernes Schulgebäude errichtete. 1928 leitete er das Heim Bräunsdorf bei Freiberg (Sachsen), wo Jugendliche resozialisiert werden sollten. Diese größte sächsische Fürsorgeanstalt für Jugendliche besaß zu diesem Zeitpunkt eine eigene Schule sowie eine Fortbildungsschule, Werkstätten und ein Krankenhaus. - Schlosser war auf zahlreichen sozialpädagogischen Tagungen der Weimarer Republik präsent. Seine Kontakte zu Vertretern des Sozialismus und der Arbeiterwohlfahrt wurden von manchen Zeitgenossen schon vor 1933 scharf kritisiert. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er entlassen, kurzzeitig in Schutzhaft genommen und fand zunächst in Berlin eine Bleibe, von wo aus er die soziale Hilfsarbeit der Deutschen Jahresversammlung der Quäker leitete. Außerdem beteiligte er sich am Aufbau der Quäkerschule Eerde in Ommen (Holland), wo jüdische und halbjüdische Kinder unterrichtet wurden. Er war verantwortlich für die Auswahl der Lehrer für diese Schule. Um 1935 zog er nach Frankfurt am Main. Dort wurde er Schreiber des "Bezirkes Frankfurt" und Leiter des Frankfurter Quäkerbüros in der Hochstraße und enger Freund Martin Bubers (1878-1965). In Frankfurt konnten Schlosser und die jüdische Quäkerin Hertha Abraham (1904-1981) - bis zu ihrer eigenen Emigration nach Argentinien - jüdischen Mitbürgern zur Ausreise verhelfen, so etwa Abraham Joshua Heschel (1907-1972) oder Richard Ullmann (1904-1963). 1936 wurde er von der Jahresversammlung der deutschen Quäker zu der Niederländischen Jahresversammlung delegiert. 1937 studierte er ein Semester in Woodbrooke, einer Fortbildungsstätte für Erwachsene, die englische Quäker in Birmingham eingerichtet hatten. Er befaßte sich dort mit Kunstgeschichte, Städtebau und Architektur, ein Thema, das ihn privat interessierte. Den Offiziersdienst lehnte er ab und arbeitete stattdessen während des Zweiten Weltkriegs als Krankenpfleger, zunächst 1940 beim Roten Kreuz auf Bahnhöfen bei Verwundetentransporten, später als Pfleger auf der Kinderstation einer orthopädischen Klinik in Frankfurt am Main. Gegen Kriegsende wurde er beauftragt, sich mit Fragen des Wiederaufbaus zu beschäftigen, weswegen er in das schwer zerstörte Gießen reiste. Als er dort während eines alliierten Bombenangriffs einen Freund suchte, wurde er bei einem Tieffliegerangriff tödlich verwundet. - Schlosser hatte ein persönliches innerliches Christusverständnis. In Sachsen war er die unbestrittene Führungsgestalt unter den Quäkern. Ihm ist es zu verdanken, daß Eva Hermann (1900-1997) zu den Quäkern fand und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war.
Werke: Fürsorgeerziehung und Arbeiterwohlfahrt. Drei Vorträge über dieses Thema von Rudolf Schlosser, Margarete Starrmann-Hunger, Hans Wingender und ein kurzes Vorwort von Elisabeth Kirschmann. Hrsg. vom Hauptausschuß für Arbeiterwohlfahrt. Berlin 1927; Die Landeserziehungsanstalt Bräunsdorf bei Freiberg-Sachsen. Bräunsdorf 1932; Was kann uns Woodbrooke geben? In: Der Quäker. Monatsschrift der Deutschen Freunde, XIV, 5, 1937, 151-154; Gedanken über das Kreuz Christi. Eine Antwort auf den Artikel im Juliheft. In: Der Quäker. Monatshefte der Deutschen Freunde, XV, 8, 1938, 237-240; Was bedeutet Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Freunde? (Leitsätze). In: Der Quäker. Monatshefte der Deutschen Freunde, XV, 12, 1938, 373-374; Zucht und Freiheit. In: Der Quäker. Monatsschrift der Deutschen Freunde, XXII, 11/12, 1948, 367-369; Was bedeutet Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Freunde? In: Der Quäker. Monatsschrift der Deutschen Freunde, XXII, 11/12, 1948, 369-371; Was bedeutet Mitgliedschaft in der Gesellschaft der Freunde (Quäker)? In: Der Quäker. Monatsschrift der Deutschen Freunde, LXI, 5, 1987, 101-102.
Lit. (Auswahl): Fuchs, Emil: Aussprache und Klärung. In: Der Quäker. Monatsschrift der Deutschen Freunde, XV, 11, 1938, 306-310; - Ockel, Gerhard: Lieber Freund Schlosser. In: Der Quäker. Monatshefte der Deutschen Freunde, XVI, 1, 1939, 27-28; - Birke, Gertrud: Rudolf Schlosser, sein Leben und Wirken. In: Der Quäker. Monatsschrift der Deutschen Freunde, XXII, 11/12, 1948, 359-367; - Herrmann, Walter: Rudolf Schlosser. Geb. 4.5.1880 gef. 11.12.1944. In: Unseren toten Freunden. Worte des Dankes. Herausgegeben von der "Gilde Soziale Arbeit". O.O. (1947), 27-28; - Schlosser, Amalie: Beziehungen zu Martin Buber. In: Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker) in Deutschland (Hrsg.): Begegnung mit dem Judentum. Ein Gedenkbuch. Bad Pyrmont 1962, 9-11 (Stimme der Freunde, II); -Und hier noch einiges aus dem Leben Rudolf Schlossers. In: Der Quäker. Monatsschrift der deutschen Freunde, LXI, 9, 1987, 208-210.