SCHLÜSSELBURG, Konrad, * 8.4. 1543 im idyllischen Ackerbürgerstädtchen Hess. Oldendorf an der Weser in der Grafschaft Schaumburg als Sohn des Amtmannes Heinrich Schlüsselburg, + 5.10. 1619. - Sch. besuchte die Schulen zu Paderborn und Braunschweig, wo er 1563 durch J. Mörlin und M. Chemnitz für die Anliegen der lutherischen Theologie gewonnen wurde. Als Student in Wittenberg (1565-1567) war er bereits ein fanatischer Anhänger der lutherischen Orthodoxie. 1568 wurde er wegen seiner Angriffe auf die Wittenberger Melanchthonianer Peucer, Cruciger und Pezel der Universität verwiesen - kurz vor der Magisterprüfung. Er publizierte eine scharfe Schrift gegen die Wittenberger und zog sich so ein Anathema, eine Verurteilung, zu. Sch. ging dann nach Jena, wo er 1569 Magister wurde. Sch. begleitete dann den aus Wittenberg vertriebenen Professor Johann Wigand nach Königsberg i.Pr., wo er 1574 eine Pfarrstelle erhielt. Er heiratete Wigands Schwägerin Anna Dresser, eine Großnichte Luthers. 1591 sollte er seinem Schwager, inzwischen Bischof von Pomesanien, die lateinische Grabrede halten. Im Jahre 1579 wurde er wegen heftiger Angriffe gegen den samländischen Bischof Hesshus und mehrere Universitätslehrer durch den preußischen Herzog abgesetzt. Seine Gemeinde setzte sich ohne Erfolg für sein Bleiben ein. Der unruhige Mann hielt dann 1580 an der Universität Rostock in der philosophischen Fakultät eine Vorlesung ausgerechnet über Melanchthons Rhetorik. - 1581 wurde er Pfarrer in Antwerpen. Schon 1582 kam er als Hofprediger nach Gadebusch. 1583 finden wir ihn an der Marienkirche in Wismar. 1586 sorgte sein Freund David Chyträus dafür, daß die Wittenberg Fakultät ihre Verdammung zurücknahm. 1590 wurde Sch. Superintendent in Ratzeburg. 1594 kam er als Oberpfarrer nach Stralsund. Die theologische Fakultät Jena verlieh dem großen Kämpfer für die Rechtgläubigkeit ihre Doktorwürde. Auch in Stralsund erwies sich der Schaumburger als rechter Streittheologe, wobei sich dogmatische, pfarramtliche und persönliche Auseinandersetzungen durchdrangen. Besonders wurde er in den Streit verwickelt, der zwischen der Stadt Stralsund und den pommerschen Herzögen über die Aufsicht der kirchlichen Verhältnisse schwelte. - 1612 hielt er einen Vortrag über Luthers Leben und Sterben, der viel zu der damals aufblühenden Lutherlegenden-Bildung beitrug, aber kaum echte, mündliche Überlieferungen enthält. 1618 verfaßte er eine Konsistorialordnung. Am 5.10. 1619 starb Sch., allgemein geachtet und betrauert. - Seine zahlreichen, nach der Sitte der Zeit veröffentlichten Kasualreden zeigen tiefe Vertrautheit mit der Bibel und genaue Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. Die Kirchenväter, die Reformatoren und die Klassiker der Antike werden oft und gern zitiert. Erfreulich ist der Humor, der manche Ansprachen würzt. Seine zwanzig Predigten über den 91. Psalm sind in Stralsund während einer Pestepidemie gehalten. So erwies sich der Schaumburger als ein tapferer Mann. Als sein Lebenswerk sah er die Bekämpfung des Calvinismus an. Sein polemischer Ton ist oft grauenvoll. Er wendet sich unablässig gegen »Gift, Seuche und schleichende, arglistige Schwärmerei« der »aufgeblasenen, Calvinischen Sacramentschänder«. Mit brennendem Eifer bekämpft er alles, was der Theologie der Konkordienformel fernsteht. Konrad Sch. war ein typischer Streittheologe des Zeitalters der Orthodoxie, ein wahrer malleus haereticorum, also ein Ketzerhammer, dessen wissenschaftliches Hauptwerk bezeichnenderweise der Bekämpfung von Häretikern diente.
Werke: Theologia Calvinistarum d.i. Lehre, Glaub und Bekäntniß der Sacramentirer, 3 Bde, Frankfurt 1596, Lateinische Neuausgabe 1625; Catalogus Haereticorum, 13 Bde, Frankfurt 1597-1601. Einfältiger Bericht vom Teutschen Interim und Widerlegung desselben, Frankfurt 1599; Johann Wigands Einfältiger Bericht von den groben Gotteslästerungen der aufrührerischen Wiedertäufer, herausgegeben von Conrad Schlüsselburg, Frankfurt 1599. Eine christliche Bußpredigt über Hes. 33, gehalten in der St. Katharinenkirche in Hamburg am 6. Sept. 1599, Frankfurt 1600; Postilla oder Auslegung der Episteln und Evangelien, Frankfurt 1602, Rostock 1641; Gründliche Erklärung des 91. Psalms in 20 Predigten, Frankfurt 1607, Rostock 1643, Frankfurt 1667; Vierundzwanzig hochwichtige Fragen und Bedenken, Rostock 1625.
Lit.: C.H. Tamms, Konrad Schlüsselburg, 1855-1858; - ADB XXXI, Leipzig 1890, 606 f.; - W. Friedensburg, Urkundenbuch der Universität Wittenberg I, 1926, 362 ff.