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Band IX (1995)Spalten 574-576 Autor: Dietrich Rusam

SCHNEPF(F), Erhard, Reformator in Nassau, Hessen und Württemberg, * 1.11. 1495 in Heilbronn aus angesehener Familie, † 1.11. 1558 in Jena. - S. studierte seit 1509 in Erfurt und gehörte dort dem Hunanistenkreis um Coban Hesse, Joachim Camerarius, Justus Jonas an. 1511 wechselte S. an die Universität Heidelberg, wo er 1513 zum Magister Artium promoviert wurde. Daraufhin begann S. mit dem Studium der Jurisprudenz, wechselte aber dann auf Bitten seiner Mutter zur Theologie. Ob S. im Frühjahr 1518 Luther auf der Heidelberger Disputation kennenlernte, ist nicht gesichert. Im Jahre 1520 war S. allerdings bereits evangelischer Prediger in Weinsberg. 1522 wurde er durch die österreichische Regierung von dort vertrieben und wirkte dann unter dem der evangelisch gesinnten Herren von Gemmingen zu Guttenberg und Neckarmühlbach im Kraichgau. 1523 wechselte er in die Reichsstadt Wimpfen. Dort heiratete er Margaretha Wurzelmann, die Tochter des Bürgermeisters. Am 21.10.1525 unterschrieb S. das von Johannes Brenz verfaßte Syngramma Suevicum und stellte sich damit gegen die Abendmahlslehre der Schweizer. Ende 1525 folgte er dem Ruf des Grafen Philipp von Nassau nach Weilburg und führte dort die Reformation durch. Im März 1527 rief ihn dann Landgraf Philipp von Hessen als Professor und Prediger an die neugegründete Universität Marburg, wo er später (1532 und 1534) auch Rektor war. S. nahm in Begleitung des Landgrafen sowohl 1529 am Reichstag zu Speyer als auch 1530 am Reichstag zu Augsburg teil. - Im Jahr 1534 eroberte Herzog Ulrich von Württemberg mit Hilfe Philipps von Hessen sein Land wieder und erbat sich S. aus Marburg und Ambrosius Blarer aus Konstanz, der eine zwischen Schweizern und Lutheranern vermittelnde Abendmahlsformel vertrat, zur Durchführung der Reformation in Württemberg. S. und Blarer einigten sich jedoch bereits im August 1534 in der Stuttgarter Konkordie auf eine vermittelnde Abendmahlsformel. Beide Reformatoren teilten ihren Wirkungskreis so, daß S. von Stuttgart aus das Land »unter der Staig«, Blarer von Tübingen aus das Land »ober der Staig« reformierte. Als E. Schnepffius concionator Stugardiensis unterschrieb er 1537 die Schmalkaldischen Artikel. Im Rahmen seiner reformatorischen Tätigkeit entwarf er 1540 für einen Konvent in Schmalkalden mit anderen württembergischen Theologen ein Gutachten zur CA und AC. Diesem Gutachten fügte er seine »Konfession etlicher der fürnehmsten streitigen Artikel des Glaubens« bei, die 1545 schließlich gedruckt wurde. 1544 gab S. jedoch sein Amt auf und folgte dem Ruf auf eine theologische Professur und Pfarramt nach Tübingen, wo er im selben Jahr auch zum Dr. theol. promoviert wurde. Das Regensburger Religionsgespräch im Frühjahr 1546, an dem S. mit dem Augustinerprovinzial Hofmeister von Colmar disputierte, endete ergebnislos. Aufgrund des ungünstigen Verlaufs des Schmalkaldischen Krieges (1546/47) floh S. Anfang 1547 zu Blarer nach Konstanz, konnte aber bald wieder nach Tübingen zurückkehren. Ende 1548 wurde S. vom Herzog aufgrund seines Widerstandes gegen das Augsburger Interim entlassen. Nach kurzem Aufenthalt auf Schloß Bürg bei Neuenstadt am Kocher nahm er das Angebot einer Professur an der neugegründeten Universität in Jena an. Daneben übernahm S. ein vakant gewordenes Pfarramt in Jena sowie die Superintendentur. In dieser Zeit heiratete seine Tochter Blandina seinen verwitweten Kollegen Viktorin Strigel. 1554 nahm er an der großen Kirchenvisitation der ernestinischen Lande teil. In Jena geriet S. zugleich unter den Einfluß der Gnesiolutheraner Nikolaus von Amsdorf und Matthias Flacius und verfeindete sich aufgrund seiner Rolle im Osiandrischen Streit mit seinen alten Freunden in Württemberg, besonders mit Johannes Brenz, dem Schwiegervater seines Sohnes Dietrich. Der synergistische Streit (1556-1560) brachte schließlich auch noch den Bruch mit Melanchthon und den Wittenbergern. Das Wormser Religionsgespräch 1557, an dem auch S. teilnahm, endete ergebnislos mit der Protestation der Gnesiolutheraner J. Mörlin, Sarcerius, Strigel, Stößel und S. und machte den Bruch innerhalb des Luthertums offenkundig. Dabei überwarf sich S. auch noch mit seinem früheren Lieblingsschüler Jakob Andreä. - Im Anschluß daran beteiligte sich S. zusammen mit Strigel und Hägel an der Ausarbeitung des sog. sächsischen Konfutationsbuches, starb aber noch vor der Publikation des von Flacius umgearbeiteten Buches.

Werke: Eine Predigt über Matth. 22 von des Königs Hochzeit, 1558 (gedr. 1578); Konfession etlicher der fürnehmsten streitigen Artikel des Glaubens, 1540 (gedr. 1545); Oratio de utilitate linguae hebraicae (1549), in: Academiae Jenensis 1 (1554), 36-38; Confessio de Eucharistia (1555); Refutatio Majorismi oder propositiones de justificatione et bonis operibus praes. E. Schnepffio, 1555; Briefe, in: Bll. f. württ. KG 7 (1892), 88; 35 (1931), 115-119; 38 (1934), 258-261; Karl Hermann May, Bibliographie der Schriften von E. S. (hsl. UB Marburg).

Lit.: Johann Rosa, Oratio de vita doctoris Erhardi Schnepffii, 1562; - Melchior Adam, Vitae Germanorum theologorum, 1706, 320.578; - Ludwig Melchior Fischlin, Memoria theologorum Virteberg I, 1710, 8.89; - Christian Friedrich Schnurrer, Erläuterungen der württembergischen Kirchen-, Reformations- und Gelehrten-Geschichte, 1798, 100 ff.; - Friedrich Wilhelm Strieder, Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftstellergeschichte XV (1815), 82; - Nikolaus Gottfried Eichhoff, Die Kirchenreformation in Nassau-Weilburg, 1832; - J.C.E. Schwarz, Das erste Jahrzehnt der Universität Jena, 1858; - Carl Faerber, De Erhardo Schnepfio ecclesiarum et Nassoviae et Wirtembergicae emendatore. Oratio, 1865; - Julius Hartmann, E. S. in Jena, in: JDTh 12 (1867), 698-738; - Ders., E. S. der Reformator in Schwaben, Nassau, Hessen und Thüringen, 1870; - Christoph Friedrich von Stälin, Württembergische Geschichte IV, 1870-1873, 239 ff.; - Julius Weizsäcker, Geschichte der ev.-theol. Fakultät der Universität Tübingen, 1877, 13 ff.; - Württembergische Kirchengeschichte (hrsg. v. Calwer Verlagsverein), 1893, 329 ff.; - Gustav Wolf, E. S., in: Quellenkunde der deutschen Reformationsgeschichte II/2 (1922), 170 f.; - Julius Rauscher, Württembergische Reformationsgeschichte, 1934, 114 ff. 207; - Schottenloher I 1733.12024; II 19281-19286; IV 37695; V 49159 f.; VII 58048 f.; - Heinrich Hermelink, Geschichte der evang. Kirche in Württemberg, 1949, 512; - Jörg Erb, E. S., in: ders., Die Wolke der Zeugen, 19522, 293-299; - AGL IV, 649 f.; - RE2 XIII, 608-612; - ADB XXXII, 168 ff.; - RE 3 XVII, 670-674; XXIV, 455; - KHL II, 1978; - RGG1 V, 351; - RGG2 V, 219 f.; - LThK1 IX, 293; - CKL II, 875; - RGG3 V, 1467; - LThK2 IX, 439.

Dietrich Rusam

Literaturergänzung:

1999

Volker Leppin, Theol. Streit u. polit. Symbolik. Zu d. Anfängen d. württemberg. Reformation 1534-1538, in: ARG 90.1999, S. 159-187; -

2008

Stefan Strohm, Das Geburtsdatum von E.S. B lat. 1495 02, in: Tradition und Fortschritt. Epfendorf 2008, S. 33-52.

Letzte Änderung: 05.12.2008