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Band XVII (2000)Spalten 1260-1270 Autor: Hugo Altmann

SCHUSTER, Ildefonso (Taufname: Alfredo Aloisio), OSB, Kard., EB v. Mailand, * 18.1. 1880 in Rom, † 30.8. 1954 in Venegono b. Mailand (Prov. Varese), Grab im Mailänder Dom. - Der aus Deggendorf (Niederbayern) stammende Vater Johann (1819-1888), gelernter Schneider wie sein Vater Jakob (Mutter: Maria geb. Idev), trat 1845 in Rom ins päpstliche Heer ein, wurde Unteroffizier im Zuaven-Korps (1860 überwiegend aus französischen und belgischen Freiwilligen zum Schutz des Kirchenstaats gegründet, 1871 aufgelöst) und leitete dann die Militärschneiderei. In 2. Ehe war er mit der 30 Jahre jüngeren, aus Bozen stammenden Anna Maria Tutzer (19.6. 1849-1912) verheiratet (Eltern: der Bozener Binder Alois T. und Maria geb. Mahlknecht). Es war also keine wohlhabende Familie, welcher der im Vatikan (beim Päpstlichen Hospiz Sta. Marta) geborene Alfred Alois (Staffler: Alfred Ludwig) und seine nachgeborene Schwester Julia entstammten, die später ebenfalls in einen Orden eintrat. - Kindheit und Jugend waren stark vom Bild der Mutter und deren Eltern geprägt. Die Mutter vermittelte ihm eine tiefe Liebe zur Mutter Gottes, auf deren Fürsprache er als kleines Kind von einer Krankheit genas, in der die Ärzte ihn schon aufgegeben hatten. Lange litt er als Kind an einem hartnäckigen Augenleiden. Sein Lieblingsspiel war das Hl.-Messe-Spielen. Nach dem Kindergarten besuchte er die öffentliche Grundschule bis zur 5. Klasse und wurde dann 11jährig im November 1891 in die höhere Schule (it.: Mittelschule) der Benediktinerabtei St. Paul vor den Mauern (S. Paolo fuori le mura) in Rom aufgenommen. Am 13.11. 1896 trat er in St. Paul, das zur Kongregation von Monte Cassino gehört(e), ins Noviziat ein und erbat als Ordensnamen den des von seiner Mutter hoch verehrten hl. Ildefons von Toledo (s. Bd. 2), der selbst ein großer Marienverehrer war. Nach drei Jahren, am 13.11. 1899, legte er die feierlichen Ordensgelübde ab. Die philosophischen und theologischen Studien absolvierte er an der Ordenshochschule S. Anselmo (Anselmianum) in Rom, wo er 1903 den Grad eines Dr. phil. erlangte und dann zum Dr. theol. promoviert wurde. Der nachmalige Beuroner Erzabt Benedikt Baur (1877-1938) war hier drei Jahre lang sein Kommilitone. Am 19.3. 1904 (Fest des hl. Josef) empfing Sch. in der Lateranbasilika (Bischofskirche des Papstes) durch Kardinal Respighi, Vikar von Rom, die Priesterweihe. Anschließend studierte er Archäologie, Liturgie(-) und Ordensgeschichte. Schon 1905 wurde er Dozent an der Päpstlichen Schule für Kirchenmusik (Vorgängerin des 1910 gegründeten Päpstlichen Instituts für Kirchenmusik?). In jenen Jahren, in denen er täglich acht Stunden dem Gebet oblag, war der selige Benediktiner Placido Riccardi (1844-1915), Rektor der Wallfahrtskirche in Farfa (seit 1894; zu Farfa s.u.) sein Beichtvater und Freund. Nach vier Priesterjahren erhielt er 1908 das verantwortungsvolle Amt des Novizenmeisters; im selben Jahr wurde er Dozent für Kirchengeschichte am Anselmianum. In der Folgezeit wurde er Professor für Kirchenmusik [ebd.] und Rat der hll. Riten [d.h. wohl: Konsultor der Ritenkongregation]. Als Angelo Giuseppe Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII. (1881-1963; s. Bd. 3), damals Sekretär seines Heimatbischofs (Bergamo), ihn 1911 kennenlernte, war Sch. Abate Del Papa. (Den Briefwechsel zwischen dem Mönch Sch. und dem Diplomaten Roncalli s.u. Werke. Vom 5.5. 1929 bis 28.8. 1954 wechselten sie 20 meist kurze Briefe und trafen zwischen 1926 und 1953 25mal zusammen). - Am 6.4. 1918, im Alter von 38 Jahren, wurde Sch. zum Abt von St. Paul gewählt, das als Abbatia nullius direkt dem Papst untersteht (soweit nicht dem Generalabt der Montecassiner Kongregation gewisse Rechte zukommen) und dessen Kirche eine der sieben Hauptkirchen Roms und eine der vier Ablaßkirchen des Hl. Jahres ist. Auf dem Territorium der Abtei, dessen Exterritorialität im Lateranvertrag vom Februar 1929 formell anerkannt wurde, besaß er die Autorität eines Ordinarius. Als Abt von St. Paul war Sch. lt. einigen Autoren auch Abt der im 8. Jahrhundert entstandenen ehemaligen Reichsabtei Farfa (Prov. Rieti, ca. 50 km nordöstlich Rom), die 1919 auch administrativ von St. Paul abhängig wurde, bzw. Ordinarius der Diözese Sta. Sabina mit drei Pfarreien (so Terraneo; eine solche Diözese ist bei Eubel nicht nachgewiesen). Nach anderen (Wetzer-Welte; Eubel; DHGE) hatte Papst Gregor XVI. (s. Bd. 2) das Territorium von Farfa (ebenfalls Abbatia nullius) schon 1842 dem suburbikarischen Bistum Sabina inkorporiert (das 1900 über 30 Pfarrkirchen besaß) und dessen Kardinal-Bischof zum Abbas perpetuus von Farfa ernannt. Dagegen sagt der Montecassiner Mönch Bruno Albers im »Kirchlichen Handlexikon« (Bd. 1), das seit 1567 der Montecassiner Kongregation angehörende Farfa sei 1863 (ebd. Bd. 2, Art. Sabina: 1867) »als Abtei aufgehoben« worden, bestehe »aber noch als Titel für den Generalprokurator der cassinens. Kongreg. fort« - und das war der Abt von St. Paul. Jedenfalls machte Sch. es sich zur Aufgabe, nachdem er sich seit 1901 wissenschaftlich mit Farfa befaßt hatte, nunmehr das monastische Leben in der Abtei wieder zur Blüte zu bringen, und begründete 1921 dort einen kleinen Konvent. 1918 wurde Sch. auch Präsident des 1917 von Benedikt XV. (1854-1922; s. Bd. 1) gegründeten Orientalischen Instituts, dessen Leitung Pius XI. (s. Bd. 7) allerdings 1922 den Jesuiten übertrug. Als Präsident hatte er öfters mit Benedikt persönlich zu tun, der ihn liebgewann und ihm die Abfassung der Enzyklika »Princeps Apostolorum« über die Lehre Ephräms des Syrers (s. Bd. 1) übertrug, die anläßlich dessen Erhebung zum Kirchenlehrer am 5.10. 1920 erschien. Auch bestellte ihn Benedikt zum Apostolischen Visitator der Seminarien in Italien, welche Aufgabe ihn durch das ganze Land führte. In St. Paul begründete er die Einkehrtage, an denen 1920/ 23 auch Giovanni Battista Montini (s.u.) mit Studenten teilnahm. Über seine eigentliche Tätigkeit als Abt kann mangels gedruckter Quellen und Darstellungen nichts gesagt werden; namentlich eine Geschichte der Abtei St. Paul ist nicht vorhanden (im Gegensatz zu viel unbedeutenderen Instituten hat sie in der 2. Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche nicht einmal ein eigenes Stichwort). - Nach dem Tod von Kardinal-Erzbischof Eugenio Tori wurde Sch. am 26.6. 1929 von Pius XI., der dieses Amt 1921-1922 innegehabt hatte, zum Erzbischof von Mailand, der größten Diözese Italiens, ernannt (als aussichtsreicher Kandidat war auch Msgr. Roncalli, Apostolischer Visitator in Bulgarien, bezeichnet worden) und bereits im Konsistorium vom 15.7. 1929 (Fest der Aussendung der 72 Jünger) zum Kardinal kreiert (Kardinalpriester, Titelkirche: hll. Silvester und Martinus ad montes). Pius weihte ihn auch persönlich am 21.7. (Sonntag) in der Sixtinischen Kapelle zum Bischof. Am 8.9. zog er feierlich in Mailand ein. Als direkter Vorgänger G. B. Montinis (1.11. 1954), des nachmaligen Papstes Paul VI. (1897-1978), hatte Sch. den Erzstuhl 25 Jahre lang inne. Sein erster Hirtenbrief von 1929 begann mit den programmatischen Worten »Immolar supra sacrificium«. Die Intensität, mit der Sch. - dem Vorbild des hl. Karl Borromäus (s. Bd. 1) folgend und ihn in seiner äußersten Schaffenskraft noch übertreffend - sein Amt ausfüllte, zeigt sich u. a. daran, daß er bereits vier Monate nach seinem Eintreffen in Mailand, nämlich am 6.1. 1930, zur 1. Visitationsreise durch die Diözese aufbrach, die 987 (949?) Pfarreien umfaßte, und bis 1951 viermal alle Pfarreien visitiert hatte. Bis zum Ende seines Pontifikats hatte er 280 Kirch- und 170 Altarweihen vollzogen, meist in Verbindung mit einer Visitation. Gemäß der Vorschrift des kanonischen Rechts (cc. 356-362 CIC) hielt er alle vier bis fünf Jahre eine Diözesansynode ab (Mindestforderung: alle zehn Jahre), auf der er jeweils neues diözesanes Recht setzte - insbesondere auf seiner ersten, der 41. Mailänder, am 22. u. 23.9. 1931; die 42.-45. folgten 1935, 1941, 1946 und 1951. Dazu kam das 9. Konzil der lombardischen Kirchenprovinz - Diözesen Mailand, Bergamo, Brescia, Como, Crema, Cremona, Lodi, Mantua, Pavia - vom 3.-5.9. 1934, eine Reformsynode, zu der Pius XI. Weisungen an Sch. erlassen hatte (ohne ihm allerdings einen Legaten wie bei anderen Provinzialkonzilien zu senden). Er selbst fungierte viermal als päpstlicher Legat: für Pius XI. bei der Jahrhundertfeier der Marienerscheinung in Caravaggio (bei Bergamo) am 15.5. 1932 und zur 1000-Jahr-Feier der Abtei Einsiedeln (Schweiz) am 21.3. 1934; für Pius XII. beim Eucharistischen Kongreß in Assisi im September 1951 und, zwei Moante vor seinem Tod, in Salerno am 8.7. 1954 zwecks Beglaubigung der Reliquien des hl. Papstes Gregor VII. (s. Bd. 2). Als Bischof hielt er regelmäßige Audienzen für Priester und für Laien. Im Februar 1952 kündigte er die Errichtung eines Priesterseminars für Spätberufene (sacerdoti novensili) an. Bei aller Aktivität des Großstadtapostels lebte Sch. stets als Mönch, der das ihm in der Ordensregel aufgegebene Schweigen nach Möglichkeit übte; auch war er kein Freund oberflächlicher Geselligkeit, wie schon sein Großneffe bei einem Besuch während seiner Abtszeit etwas schmerzlich feststellen mußte. - Der Totalitätsanspruch des Faschismus, der sich u.a. in seinem Kampf gegen die von Pius XI. propagierte Katholische Aktion manifestierte, zeitigte bereits am 26.4. 1931, zwei Monate vor der Enzyklika »Non abbiamo bisogno« über die Azione Cattolica (29.6.) ein päpstliches Handschreiben (Chirograph; Breve; offener Brief) an Sch., das ihn - die faschistische Jugenderziehung als Erziehung zu Ehrfurchtslosigkeit und Haß kritisierend - zum Schutz der Katholischen Aktion aufforderte. Anlaß war eine von Invektiven begleitete Rede (Innenminister?) Giuratis über die »Manöver« der Appellation an das Konkordat zugunsten der Aktion, wogegen der Papst sich mit dem staatlichen Totalitätsanspruch auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet auseinandersetzte, den er für das religiöse und übernatürliche Leben bestritt; innerhalb dessen sprach er der Kirche und der Hierarchie das Recht korporativer Organisation zu, das der Faschismus anerkennen müsse, wenn er noch katholisch sein wolle. Als dann Mussolini im Laufe der von ihm ausgelösten Krise um die Aktion am 29.5. 1931 alle katholischen Jugend- und Studentengruppen sowie Vereine auflöste, protestierte Sch. scharf dagegen. Auch wandte er sich schon früh gegen das sich durch den Faschismus ausbreitende Heidentum. Um so verwunderlicher - auch im Hinblick auf seine Vergangenheit als Präsident des Orientalischen Instituts - ist es, daß er die im Oktober 1935 begonnene italienische Invasion Abessiniens in einer Predigt im Mailänder Dom am 28.10. mit Sympathie begrüßte und ein Loblied darauf sang, »was ihm als ein Evangelisationsfeldzug u. als ein Werk der christl. Zivilisation z. Wohle der äthiop. Barbaren erschien« (HdKG VII) - um 3 Jahre später, am 13.11. 1938, in der Predigt beim Vierzigstündigen Gebet im Dom die faschistischen Rassegesetze als antirömische Häresie zu brandmarken (die zudem das Laterankonkordat verletzten) und das neue, aus Deutschland kommende Credo zu verurteilen. Desgleichen verurteilte er streng den zweiten Weltkrieg, namentlich die italienische Kriegserklärung an Frankreich vom 10.6. 1940. - Für den am 10.2. 1939 verstorbenen Papst Pius XI. ordnete Sch. Trauerfeiern in Stadt und Erzdiözese Mailand an. Das letzte der drei letzten römischen Requien (18., 19. und 20.2.) wurde von Sch. in der Sixtinischen Kapelle zu Rom vor Kardinälen, Fürsten und Gesandten zelebriert, mit Vornahme der Absolution. Im Osservatore Romano vom 12.2. wurde er als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Papstwahl genannt. 1939-40 führte Sch. die 1600-Jahr-Feier der Geburt des hl.Ambrosius durch. Am 16.8. 1944 verteidigte er in einem Diskurs gegen die Bewegung des Priesters Tullio Calcagno (ehemaliger Erzpriester der Kathedrale von Terni, der eine nationale italienische Kirche forderte) die Stellung des Papstes als Primas von Italien. (Die Bewegung war von dem militanten Cremoner Roberto Farinacci inspiriert, der Pius XII. noch im Januar 1945 beschuldigte, sich seit mehreren Jahren voll der jüdischen Sache verschrieben zu haben. Wie Mussolini wurden er und Calcagno im April 1945 von Partisanen erschossen). - Mutig verhielt sich Sch. während der deutschen Schreckensherrschaft in Norditalien gegen Kriegsende und erlangte dadurch einen nicht unerheblichen politischen Einfluß. So erhielt er, nach dem Vorbild Pius' XII. für Rom, von den Kriegführenden für Mailand den Status der Offenen Stadt, wobei er in den Verhandlungen Kontakte zu den Faschisten benutzte, die er seit 1930 geknüpft hatte. Durch seine Vorstellungen erreichte er auch von SS-Oberst Rauff eine mildere Behandlung der gefangenen Partisanen, konnte allerdings die Hinrichtung von 15 Personen auf der Piazza Loreto in Mailand nicht verhindern (auf der dann auch Mussolinis nackter Leichnam aufgehängt wurde, wogegen er ebenfalls heftig protestierte). Mit Mussolini ist Sch. dreimal zusammengetroffen: Das 1. Mal, als der »Duce« am 6.10. 1934 zu einer Großkundgebung in Mailand weilte. Beim 2. Treffen, am 3.11. 1936 in der Mailänder Domsakristei, bat Sch. ihn, sich bei Hitler für die katholische Religion in Deutschland zu verwenden. Das 3. Treffen fand am 24.4. 1945, am Vorabend der Befreiung, im erzbischöflichen Palast statt, wo unter Sch.s Vermittlung ein Waffenstillstand mit dem kommunistischen Partisanengeneral Codorna mit dem Ziel der Kapitulation Mussolinis ausgehandelt wurde, den dieser aber nicht unterschrieb, sondern empört abfuhr, um einige Tage später von Partisanen gefangengenommen und in Dongo (Prov. Como) am 28.4. 1945 öffentlich erschossen zu werden. (Diese Ereignisse, die gegen Ende der 1940er Jahre in der italienischen Öffentlichkeit Gegenstand von Polemik wurden, hat Sch. in seiner Schrift »Gli ultimi tempi di un regimine« [s.u. Werke] behandelt). - Den moralischen und materiellen Wiederaufbau seiner Diözese nach dem 2. Weltkrieg nahm Sch. tatkräftig und auf breitester Basis in Angriff. Programmatisch zum Beginn der neuen Epoche fand im September 1945 in Monza der Eucharistische Diözesankongreß statt, bei dem er den Vorsitz führte. Am 25.11. 1945 wurde auf seine Initiative hin die Päpstliche Kommission »di Assistenza dell'Archidiocesi di Milano« eingesetzt. Im selben Jahr erteilte er seinem Generalvikar Domenico Bernareggi (1877-1962) für das Amt des Weihbischofs die Bischofsweihe. Durch die Katholische Aktion nahm er Einfluß auf die Neubildung der Gewerkschaften. Aufbauend auf dem Volksbildungskonzept seines Vorgängers Kardinal Ferrari (1850-1921), gründete er im Januar 1948 zwei Kulturinstitute zum Wachstum des Volkes Gottes: das »Ambrosianeum« und das »Didascaleion«. Ebenfalls nach dem Krieg berief er Benediktinerinnen (Anbetungsschwestern) nach Mailand. Zugunsten der Arbeiter, der Armen und gegen die schlechten Wohnverhältnisse erhob er in der Nachkriegszeit nicht nur seine Stimme - als Beitrag zur Behebung der Wohnungsnot eröffnete er am 1.1. 1949 in Mailand die Domus Ambrosiana, ein Heim für jugendliche Eheleute (giovane sposi). Vom 22.-25.7. 1949 nahm er am Internationalen Friedenskongreß in Lourdes teil. Sein Hirtenbrief zum Dreikönigstag (6.1.) 1950 über die vier Angelpunkte der christlichen Frömmigkeit (I quattro cardini della pietà cristiana) ist grundlegend für die Kenntnis seiner Spiritualität. - Der Ruhm Sch.s als bedeutender Liturgiker (Liturgiewissenschaftler) gründet auf seinen Studien zum Römischen Meßbuch (Missale Romanum), die er in seinem neunbändigen italienischen Hauptwerk »Liber Sacramentorum« veröffentlichte. Mit seiner Erklärung der Liturgie auf wissenchaftlicher Grundlage mit archäologischem Einschlag geht das Werk über einen historisch-aszetischen Kommentar hinaus und stellt eine veritable liturgische Enzyklopädie dar. Dabei erliegt Sch. als Historiker gelegentlich Irrtümern, so wenn er im 3. Band behauptet, die Kommunion der Gläubigen während der hl. Messe scheine schon im 12. Jahrhundert in der Lateinischen Kirche nicht mehr existiert zu haben. Nicht gefolgt ist ihm die Fachwelt auch in der unfundierten Hypothese, der hl. Benedikt habe seine Ordensregel im Auftrag Papst Vigilius' oder anderer Päpste verfaßt; das gleiche gilt für die (auch von Ildefons Herwegen (s. Bd. 2) und anderen vertretene) Meinung, der hl. Benedikt sei Priester gewesen. - Sch.s letztes Manuskript stammt vom Markustag (25.4.) 1954. Er starb am 30.8. 1954 um 4.30 Uhr im Priesterseminar Venegono (Prov. Varese), seiner Lieblings-(Neu-)Gründung, an einer seit längerem bestehenden schweren Herzerkrankung. Bei dem feierlichen Requiem im Mailänder Dom am 2.9. waren u.a. die Kardinäle von Turin, Genua, Bologna und Palermo anwesend; die Grabrede (Elogio funebre) hielt der Patriarch von Venedig, Kardinal Roncalli. Seinen Bestattungsort am Altar der Virgo Potens im äußeren rechten Domseitenschiff hatte Sch. auf Grund häufiger Bitten aus Klerus und Volk, besonders aus den Reihen frommer Frauen (»devoti foeminei sexus«) zu Lebzeiten bestimmt (Inschrift der farbig gefaßten Marmorplatte im Fußboden); er wurde dort am 2.9. bei seinen beiden Vorgängern, dem Diener Gottes Kardinal Ferrari und Erzbischof Tori, bestattet. (Der Text der Inschrift legt den Schluß nahe, Sch. habe eigentlich nicht im Dom bestattet werden wollen). Schon zu Lebzeiten Sch.s erfolgten wunderbare Heilungen usw. durch das Gebet des tief in Gott verwurzelten Mannes. So war es nur folgerichtig, daß bereits 1957 der bischöfliche Informativprozeß für die Seligsprechung des »Dieners Gottes« I. Sch. eingeleitet wurde. Der erste, der Zeugnis dafür ablegte, war sein langjähriger Korrespondenzpartner Roncalli; daß dieses Zeugnis zwei Monate vor dessen Papstwahl erfolgte, macht es um so bedeutender. Die feierliche Seligsprechung fand am 12.5. 1996 auf dem Petersplatz in Rom statt. - Wappen: im gespaltenen Schild rechts auf blauem Grund ein schwarzer Dreiberg, aus dem ein silbernes Erzbischofskreuz aufragt, auf dessen Stab in silbernen Buchstaben das Wort »PAX« gelegt ist; links auf goldenem Grund eine ein silbernes Schwert haltende Hand [St. Paul!]; hinter dem Schild ein Erzbischofskreuz, das ganze bekrönt von einem roten Prälatenhut mit beiderseits je 15 Quasten (Kardinalshut).

Werke: 101 Bände: 1-13: Gesch., 14-33: Pastoral, 34-38: Liturgie, 39-54: Aszese, 55-101: Artikel u. Rezensionen; dazu ca. 8000 Briefe, Botschaften, Telegramme. Insbes.: Di una collezzione di eulogia dei luoghi santi in Palestina, in: Nuovo Bullettino di Archeologia cristiana 7, 1901, 259-268 [Slg. in od. aus Farfa]; Della basilica di San Martino e di alcuni ricordi farfensi, in: ebd. 8, 1902, 47-54; L'abbaye de Farfa et sa restauration au XIe siècle sous Hugues Ier, in: RBén 24, 1907, 17-35, 374-402; Spigolature farfensi, in: Riv. storica benedettina 2, Rom 1907, 402-415, 581-587; 4, 1909, 587-596; 5, 1910, 42-88; Martyrologium Pharphense ex apographo Cardinalis Fortunati Tamburini O.S.B. codicis saeculi XI, in: RBén 26, 1909, 433-463; 27, 1910, 75-94, 363-385; De fastorum hagiographico ordine imperialis monasterii pharphensis, in: Millénaire de Cluny. Congrès d'hist. et d'archéologie tenu à Cluny les 10, 11, 12 sept. 1910, vol. I, Mâcon 1910, 146-176; L'oratorio del Salvatore nel monastero imperiale di Farfa, in: Nuovo Bull. di Archeol. crist. 17, 1911, 193-199; Ugo I di Farfa: contributo alla storia del monastero imperiale di Farfa nel secolo XI, Perugia 1911 (Separatdruck aus: Bollettino della R. Dep. di storia patria per l'Umbria 16, H. 3); Reliquie d'arte nella badia imperiale di Farfa, in: Archivio della Soc. romana di storia patria 34, 1911, 269-350; Un protocollo di notar Pietro di Gregorio nell'archivio di Farfa, in: ebd. 35, 1912, 541-582; Il monastero del Salvatore sul monte Letenano, in: ebd. 37, 1914, 393-451; Il monastero del Salvatore e gli antichi possedimenti farfensi nella »Massa Torana«, in: ebd. 41, 1918, 5-58; Criteri edilizi nei primi monasteri benedettini a proposito della badia imp[eriale] di Farfa, in: Riv. stor. benedett. 7, 1912, 345-353; L'imperiale abbazia di Farfa. Contributo alla storia del ducato romano nel medio evo, Rom 1921. Nachdr. Rom 1987; Liber sacramentorum, 9 Bde., Turin - Rom 1919-1928 (EItal.: 1924-30, u. Nachdrr.), in 5 Sprachen übers. (dt.: Richard Bauersfeld O.S.B., Ettal, 10 Bde., Regensburg 1929-1932; frz.: Brüssel 1925ff.); Profilo biografico e saggio degli scritti spirituali del... D(ivo) P. Riccardo, Rom 1922; Immolar supra sacrificium, in: Riv. Diocesana Milanese 20, 1929, 379f.; Ewiges Reich. Grundwahrheiten des Christentums. [Aus dem It.] übertragen v. R. Bauersfeld, Innsbruck-Wien-München (1932); La Regula Monasteriorum, Turin 1942; La storia di S. Benedetto e dei suoi tempi, Mailand 1943. 3. Aufl. Vidolbone 1953 (1954?) (Rezension: A. Rimoldi, in: La scuola cattolica 82, 1954, 310-312); frz. Übers. v. J.-B. Gal u.d.T. Saint Benoît et son temps. (Bibl. chrétienne d'hist.), Paris 1950; engl. Übers. v. G. J. Roettger u.d.T. St. Benedict and His Times, St. Louis (Miss.): Herder, 1951 (Rezension: V. Sheppard, in: AER 106, 1952, 153f.); Regula Monasteriorum. (Commento), Alba 1945; Gli ultimi tempi di un regimine. 2. Aufl. Mailand 1946; 1960; Peregrinazioni apostoliche, ebd. 1949; Dove Ildebrando, il futuro Gregorio VII, professò la vita monastica, in: La scuola catt. 78, 1950, 52-57; Quando terminava a Roma il digiuno e la vigilia pasquale ai tempi di S. Gregorio Magno?, in: ebd. 79, 1951, 450-453; D'un antichissimo inno pasquale [Eph. 5], in: ebd. 82, 1954, 42-44; Il libro della preghiera antica. Note storico-ascetiche al messale ambrosiano. Bd. 1, Rom 1951; La vie monastique dans la pensée de S. Benoît. Traduction de l'Italien par R. Gantoy. (Coll. Tradition monastique), Paris 1953; Profilo storico del b(eato) P. Riccardi, Mailand 1954; Sch. - Roncalli, Nel nome della Santità. Lettere e documenti. A cura Elio Guerriero e Marco Roncalli. (Il Pozzo, 2a serie, 6), Cinisello Balsamo 1996 (S. 37-77: Epistolario; 79-133: Documenti, u.a. der Elogio funebre Roncallis v. 2.9. 1954).

Lit.: Positio sulla causa del card. Sch., mindestens 2 Bde., im Archiv des Metropolitankapitels Mailand, 1957ff.; - Josef Schmidlin, Papstgesch. der neuesten Zeit, Bd. 4, 1939; - Philibert Schmitz, Hist. de l'ordre de saint Benoît, Bd. 1, Maredsous 1942; Bd. 6, ebd. 1949; - (Nachruf in:) Civiltà Cattolica 105, 1954, III 648ff.; - Il Cardinale I. Sch., Mailand 1954; - G. Judica Cordiglia, Il mio Cardinale, ebd. 1955; - Bunte Illustrierte. Sonderheft: Papst Pius XII. Die Wahl des neuen Papstes, Offenburg 1958, S. 23; - R. M. Diaz, Liturgica in memoriam Card. Ildefons A. Sch., Montserrat 1956, 1-26 (mit Bibliogr.); - Scripta et documenti, Bd. 7, ebd. 1956, 7f.; - Ecclesio Terraneo [1887-1972], La giornata del Card. I. Sch. arcivescovo di Milano, Mailand 1959; ders., Il servo di Dio card. I. Sch., arcivescovo di Milano, ebd. 1962. Dt. Übers.: Sr. M. L. Pfitscher u. A. : Der Diener Gottes Kard. I. Sch., ebd. 1982 (Neuaufl.). Auch ins Engl. übers.; - B(enedikt?) Baur, Kard. I. Sch., Mödling b. Wien, 1961; - Johann Staffler, Erinnerungen an den Diener Gottes Kard. I. Sch., EB v. Mailand. Von seinem Großneffen [mütterlicherseits] erzählt, o. O. (Deggendorf), o. J. (1962); - G. Cerbelaud-Salagnac, Les Zouaves pontificaux, Paris 1963; - T. Leccisotti, Il cardinale Sch., 2 Bde., Mailand 1969; - A. Gambasin, Spiritualità e azione del laicato cattolico italiano. Studi per il centenario dell'Azzione cattolica (1868-1968), 2 Bde., Padua 1969; - Giorgio Rumi - Angelo Majo, Il card. Sch. e il suo tempo, Mailand 1976. 2., aktualisierte Aufl. 1996 (Lit.!): 7-71: G. Rumi, Chiesa ambrosiana e fascismo; 73-116: Majo, 1939-1949: Un decennio difficile; 117-215: Appendice; - Gregorio Penco, Storia della chiesa in Italia. Vol. II: Dal concilio di Trento ai nostri giorni, ebd. 1977; - ders., Storia della chiesa in Italia nell'età contemporanea. Vol. I: 1919-1945. Dalla crisi liberale alla democrazia, ebd. 1986; - L. Ferrari, L'Azione Cattolica in Italia dalle origini al pontificato di Paolo VI, Brescia 1982; - G. Rumi, Milano, una seconda Roma al Nord?, in: A. Riccardi (Hrsg.), La Chiesa di Pio XII, Bari 1986, 145-159; - Owen Chadwick, Britain and the Vatican during the Second World War. (The Ford Lectures Given in the University of Oxford, 1981), Cambridge: Univ. Press, 1986, hier Cambr. Paperback Libr., 1988; - A(driano) Caprioli - A(ntonio) Rimoldi - L(uciano) Vaccaro (Hrsgg.), Storia religiosa della Lombardia. Vol. 10: Diocesi di Milano, (2a parte), Brescia 1990, passim; bes.: Rumi, Il tesoro vitale della nostra verità. Da Achille Ratti a Giovanni Battista Montini (1921-1963), 817-845; - E. A. Carillo, The Italian Catholic Church and Communism, in: CHR 77, 1991, 644-657; - L. Crippa (Hrsg.), Il servo di Dio A. Ildefonso Card. Sch. O.S.B. nel quarantesimo della morte (1954-1994). (Sezione monastica, 8), Rom: Abtei St. Paul, 1994: 13-39: Crippa, A. I. Card. Sch. O.S.B. Saggio bibliografico [umfassende Bibliogr. des it. Schrifttums]: 258 Nrn.: Bibliogrr. (7), Biogrr. (11), monast. Schrr. Sch.s (97), BriefSlgg. (11), Studd. üb. Sch. (132); 41-49: Mariano Dell'Omo, In Margine alla Biografia Schusteriana. L'abate I. Sch. nei ricordi di D. Anselmo Lentini, monaco di Montecassino, novizio di S. Paolo fuori le Mura (1919-20); 51-68: Armando Oberti, Sch. - Lazzati: un esemplare rapporto spirituale; 69-162: Giuseppe Anelli, Ritratto monastico di I. Sch. allo specchio delle sue »Lettere dell'amicizia«; 163-182: Agostino Ranzato, Uso e ruolo della S. Scrittura nel pensiero del card. Sch. Analisi esemplificativa dell'opera »Un pensiero quotidiano sulla Regola di S. Benedetto«; 183-242: Annamaria Valli, La prima e la seconda dedicazione della chiesa monastica delle Benedettine del SS. Sacramento di Milano nell'esperienza spirituale del card. A. I. Sch.; 243-252: Massimo Lapponi, Vita monastica, studio e lavoro nel pensiero del card. Sch.; 253-272: G. Penco, L'opera del card. Sch. nella storiografia monastica del novecento; 273-294: Tersilio Leggio, I. Sch. storico di Farfa e della Sabina; 295-308: Giuseppe Croceti, Il card. I. Sch. - Santa Vittoria e Farfensi nel Piceno; - M. Nicolai Paynter (Hrsg.), Perchè verità sia libera. Memorie, confessioni, riflessioni e itinerario poetico di David M. Turoldo, Mailand 1994; - Giorgio Basadonna, Cardinal Sch. Un monaco vescovo nella dinamica Milano. (Testimoni di ieri e oggi, 18), Mailand 1996; - Luigi Crivelli, Sch. Un monaco prestato a Milano. (Tempi e Figuri), Cinisello Balsamo 1996; V. Cattana, La nostalgia del chiostro, Casale Monferatto 1996.

Lex.: Wetzer-Welte IV, 1886, 1236-1239 (Farfa); - Michael Buchberger (Hrsg.), Kirchl. Handlex., 2 Bde., 1907-1912; - DThC X, 2, 1929, 1346-1403 (Messe, VIII), hier 1402; XIII, 1, 1936, 77-111 (Présanctifiés), hier 108; XVI, 1 1951, 419-422 (Bénoît XV); XVI, 3, 1972, 4019 (falsches TodesJ. 1964); - EItal XIV, 1932, 801-803 (Farfa); XXIV, 1934, 160-162 (Mussolini); XXIX, 1936, Tf. 158; 2. Appendix: 1938-1948, I-Z, 1949, 373, 798; 3. Appendix: 1949-1960, M-Z, 1961, 682; - Der Große Herder VIII5, 1956, 455 (mit falschem Sterbeort); - LThK2 IV, 1960, 25f. (Farfa); VI, 1961, 74-77 (Kath. Aktion), 238 (Kirchenmusikschulen), 1293-1296 (Mailand, 3) Erzbistum, 4) Synoden); VII, 1962, 1227f. (Oriental. Inst.); VIII, 1963, 1284 (Riccardi); IX, 1964, 194f. (Sabina-Poggio-Mirteto), 521 (Sch.); X, 1965, 632 (Vatikanstaat); - J. Tassi, Art. Farfa, in: DHGE XVI, 1967, 547-553; - Brockhaus-Enz. XVII, 1973, 78; XIX, 1974, 386 (Vatikanstadt); - Eubel, Hierarchia catholica VIII, 1978, 45 u. 53; - HdKG VII, 1979, 59, 119, 586, 588; - DBE I, 1995, 349 (Baur); - LThK3 III, 1995, 1182 (Farfa), 1243f. (Ferrari); V, 1996, 655-693 (Italien), hier 687-692; IX, 2000, 306 (mit Geb.Datum 12.1.).

Hugo Altmann

Literaturergänzung:

2002

Ennio Apeciti, Nel solco di una tradizione. Da F. a Martini, in: Ambrosius 78.2002, S. 151-160; -

2004

Inos Biffi, La teologia della liturgia secondo il cardinale I.S., in: Dass. 80.2004, S. 537-568; -

2006

Luigi Crippa, "Tutto ciò che riguarda il nostro monastero è al centro dell'anima mia". L'amore del beato Cardinale I.S. per san Paolo fuori le Mura, in: OR Nr. 199 vom 30.8.2006, S. 8; -

2007

Annamaria Valli, I commenti al "suspice" della consacrazione monastica del Beato Card. S., in: StM 49.2007, S. 341-366; -

2008

Lambert Vos, I beati Columba Marmion e I.S., in: Benedictina 55.2008, S. 25-38; -

2009

Giandomenico Mucci, Due cardinali e la preghiera, in: CivCatt 160.2009, S. 425-429; - Bruno Maria Bosatra, La "vexata quaestio" dei SS. Vittore e Satiro tra Carlo Borromeo e Ildefonso Schuster. Stato delle fonti presso l'Archivio Storico Diocesani, in: StAm 3.2009, S. 69-99.

Letzte Änderung: 10.06.2009