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Band IX (1995)Spalten 1247-1250 Autor: Norbert Werner

SCOREL, Jan van, holländischer Maler. * 1.8. 1495 in Schoorl (Nordholland), + 6.12. 1562 in Utrecht. - J.v.S. nimmt in der holländischen Malerei des 2. Viertels des 16. Jahrhunderts einen bedeutenden Rang ein. Nach dem Besuch der Lateinschule in Alkmaar erhielt er seine Ausbildung zum Maler seit 1512 bei Jacob Cornelisz in Amsterdam und anschließend bei Jan Gossaert in Utrecht. 1519 reiste er über Nürnberg (Albrecht Dürer), Kärnten (Obervellach), Venedig als Pilger ins Heilige Land und erreichte 1521 Rom. Hier wurde er von Papst Hadrian VI (aus Utrecht) zum päpstlichen Hofmaler ernannt und als Konservator der päpstlichen Sammlungen Nachfolger von Raffael. Durch Protektion erhielt er 1524 nach seiner Rückkehr die Kanonikerstelle an der Marienkirche in Utrecht. In dieser unabhängigen Stellung außerhalb der handwerklichen Tradition der Malergilde steigerte J.v.S. sein gesellschaftliches und künstlerisches Ansehen außerordentlich. Wegen politischer Unruhen verließ er 1527 Utrecht und zog nach Haarlem, wo er sich vorübergehend mit eigener Werkstatt niederließ. 1530 kaufte er ein Haus in Utrecht. Abgesehen von kleineren Reisen lebte er in Utrecht bis zu seinem Tod am 6. Dezember 1562. - Seit Carel van Mander wurde die Bedeutung J.v.S.'s für die holländische Malerei immer wieder mit der Bedeutung des Erasmus für die Welt des Geistes verglichen, S. als »Erasmus mit dem Pinsel«. »Tatsächlich war er der erste universal gebildete Maler der nördlichen Niederlande, dem die Ausübung seiner Kunst nicht Malhandwerk allein, sondern wohlüberlegte geistige Tätigkeit bedeutete« (G. Heinz). In dem Stich seines Bildnisses von Hieronymus Cock (um 1555) werden dem Maler die lateinischen Verse »Primus ego egregios pictura invisere Romam/Exemplo docuisse meo per secula Belgas/Cuncta ferar [...]« - »Man wird mich immerdar rühmen, weil ich als erster die Niederländer gelehrt habe, daß man nach Rom gehen muß, um Hervorragendes in der Malerei zu leisten [...]« - gleichsam in den Mund gelegt. Dies kann als deutlicher Hinweis auf seine Vermittlung italienischer Kunstanschauungen und -auffassungen (Romanismus) verstanden werden. Sein Werk umfaßt im wesentlichen zwei Gattungen: das Historienbild des Alten und Neuen Testaments, einschließlich Szenen der Heiligenlegenden, und das Einzel- und Gruppenbildnis. - In seinem bedeutendsten Frühwerk, dem »Triptychon« in Obervellach für die Familie Frangipani in Kärnten 1520 gemalt, vermischen sich bildkünstlerische Elemente der Amsterdamer Schule mit denen der Donauschule. Die Konzeption der Mitteltafel verbindet die »Hl. Sippe« als Gruppenporträt und die genaue Wiedergabe von Schloß Falkenstein zu einer eigenständigen Sicht, in der sich Figurengruppe, Landschaft und Architektur über die Farbtonwelt zu einer Bildeinheit zusammenschließen. Dies gilt auch für die Verarbeitung venezianischer Einflüsse, beispielsweise in der »Stigmatisation des hl. Franziskus« (Florenz) in einer Weltlandschaft. In dem »Palmsonntag-Triptychon« (Utrecht), für den Domdekan Herman van Lockhorst 1525-27 gemalt, ist die schräg angeordnete Szene der Mitteltafel mit dem »Einzug Christi« in einen Landschaftsraum eingebettet, in dem sich Weltlandschaft und Ansicht von Jerusalem in der Fernsicht verbinden. Die Umsetzung italienischer Eindrücke erfährt in der »Darstellung im Tempel« (Wien) ihren entscheidenden Höhepunkt, während der »Stefanus- und Jakobus-Altar« (Douai) und der »Kreuzaltar« (Breda) die niederländische Parallele zum italienischen und französischen Manierismus darstellen. In der Gattung des Bildnisses, z.B. »Agatha van Schoonhoven« (Rom), oder der Bildnisse der »Bruderschaft vom Hl. Land« (Haarlem, Utrecht) hat J.v.S. im kompositionellen Aufbau, in der zeichnerischen Präzision und in der malerischen Flächengestaltung einen eminent effektvollen Bildnisstil geschaffen, der Monumentalität und lebendigen Ausdruck der Dargestellten in klassisch harmonischer Weise miteinander verbindet. Der Einfluß des von einem humanistischen Universalismus geprägten Künstlers auf die holländische Malerei des 16. Jahrhunderts ist von beträchtlicher Bedeutung. Unter seinen Schülern und Nachfolgern sind Maerten van Heemskerck und Antonis Mor als erste zu nennen.

Werke: Amsterdam, Rijksmuseum: Kleopatra; Bathseba; Maria Magdalena; Salomon und die Königin von Saba; Bildnis eines Mannes. - Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Staatl. Museen, Gemäldegalerie: Maria mit Kind; Bildnis eines Mannes. - Besançon, Musée des Beaux-Arts: Bildnis einer Frau. - Birmingham, City Museum and Art Gallery: Altartafel mit Christus und Maria Magdalena, Stiftern und Stifterinnen. - Bonn, Rheinisches Landesmuseum: Anbetung der Könige. - Breda, Grote Kerk: Kreuzaltar. - Brüssel, Musées Royaux des Beaux-Arts: Bildnis eines Mannes. - Detroit, Institute of Arts: Bildnis eines Jerusalempilgers; Christus am Kreuz. - Douai, Musée de la Chartreuse: Stefanus- und Jakobus-Altar. - Dresden, Staatl. Kunstsammlungen: David und Goliath. - Dublin, National Gallery of Ireland: Anbetung der Könige. - Florenz, Galleria Pitti: Stigmatisation des hl. Franziskus. - Frankfurt, Städelsches Kunstinstitut: Bildnis eines Mannes. - Haarlem, Frans-Hals-Museum: Taufe Christi; Bruderschaft vom Hl. Land. - Innsbruck, Tiroler Landesmus. Ferdinandeum: Adam und Eva. - Köln, Wallraf-Richartz-Museum: Beweinung Christi. - Madrid, Palácio Villahermosa, Slg. Thyssen-Bornemisza: Maria mit dem Kind und Stifterpaar. - Obervellach (Kärnten), St. Martin: Altar der hl. Sippe. - Oxford, Christ Church College: Bildnis eines Mannes. - Paris, Louvre: Bildnis eines Mannes. - Rom, Galleria Doria Pamphili: Agatha van Schoonhoven. - Rotterdam, Mus. Boymans-van Beuningen: Bildnis eines Knaben; Bildnis eines jungen Mannes. - Utrecht, Centraal Mus.: Altar des Herman van Lockhorst; Beweinung Christi; Bruderschaft vom Hl. Land (4 Tafeln). - Wien, Kunsthistorisches Mus.: Darstellung im Tempel.

Lit.: M. J. Binder, Studien zur Entwicklungsgeschichte des Malers J.v.S., Diss. Tübingen, Mainz 1908; - G.J. Hoogewerff, J.v.S., peintre de la renaissance hollandaise, Den Haag 1923; - L. Baldass, Bildnisse des niederländ. Romanismus, in: Städel Jahrbuch Bd. VI, Berlin, Frankfurt 1930, 82 ff.; - M. J. Friedländer, Die Altniederländische Malerei, 12. Bd., J.v.S. und Pieter Coek van Aelst, Leiden 1935 (Neuaufl. in Englisch, Leyden 1975); - G.J. Hoogewerff, J.v.S. en zijn navolgers en geestverwanten, 's Gravenhage 1941; - Kat. der Ausst. J.v.S. im Centraal Mus., Utrecht 1955; - Kat. der Ausst. J.v.S. in Utrecht, Utrecht 1977; - W. Schneider, Peregrinatio Hierosolymitana. Studien zum spätmittelalterl. Jerusalembrauchtum und zu den aus der Heiliglandfahrt hervorgegangenen nordwesteuropäischen Jerusalembruderschaften, Diss. FU Berlin, Münster 1982; - J. Woodall, Painted Immorality. Portraits of Jerusalem Pilgrims by Antonis Mor and J.v.S., in: Jahrb. der Berliner Museen, 31. Bd., Berlin 1989, 149 ff.

Norbert Werner

Werkeergänzung:

Antwerpen, Museum Maagdenhuis: Triptychon - Die Verehrung der Schäfer, Holz, Mittelbild - H=0,54/B=0,325; Rechter Seitenflügel - H=0,52/B=0,12; Linker Seitenflügel - H=0,515/B=0,115.

Letzte Änderung: 24.11.2008