SELLERI, Gregorio, dominikanischer Theologe und Curiencardinal, * 12. Juli 1654 in Panicale bei Perugia, + 30. Mai 1729 in Rom. - Vom Vater bereits in den Grundlagen der Wissenschaft unterrichtet, trat S. (oder: Sellari, wie er sich selbst schrieb) mit 15 Jahren am 20. Juli 1669 in den Dominikanerorden ein, am 25. Juli 1670 legte er die feierliche Profeß ab. Durch seine früh erkannte Eignung zum Erzieher wurde er bald Lehrer am Gymnasium Minervitanum des Ordens in Rom. Als klarer Scholastiker thomistischer Prägung wurde der Rat des Casuisten S. bald von den einflußreichsten Prälaten und Familien Roms nachgesucht, um anstehende strittige Fragen zu klären. Zwar unterrichtete S. zehn Jahre lang am Convent OP in Neapel, doch 1692 holt ihn Papst Innocenz XII. nach Rom zurück und beruft ihn zum Päpstlichen Theologen und zum Adjutor Magisterii Palatii Apostolici. Im Jahr 1700 erhält S. die erste Professur für thomistische Theologie am neuerrichteten Collegium Casanatense. Diese bekleidet er, bis er 1707 von Clemens XI. zum Sekretär der Indexkongregation berufen wird. Nach und nach auch in der Beatifications- und Canonisationskongregation tätig, verleiht ihm der Papst am 12. März 1711 das hohe Amt eines Magisters des Apost. Palastes, schließlich wählt Clemens XI. ihn zu seinem persönlichen Beichtvater. In diesen einflußreichen Positionen dürfte S. einiges zur endgültigen Verurteilung des Jansenismus in der Bulle »Unigenitus« beigetragen haben. Nach dem Tode Clemens' XI. bestätigen ihn sowohl Innocenz XII. wie Benedikt XIII. in seinen Ämtern. Letzterer creiert S. am 30. April 1728 zum Cardinal mit der Titelkirche S. Agostino. Bereits seit Anfang 1728 ist S. auch Mitglied der Kongregation des Unigenitusstreites, die Artikel des Cardinals Noailles betreffend. In der Einigung ist seine Meinung schließlich maßgebend. Nach nur einem Jahr Cardinalat stirbt S. am 30. Mai 1729 in seinem Haus bei der Kirche S. Niccolo in Arcione und wird im feierlichen Trauerzug nach S. Maria sopra Minerva überführt und dort tags darauf unter Beteiligung der gesamten Capella Papalis beigesetzt, während die Capella Sistina das Totenofficium singt. - Durch seine große Gelehrtheit, seinen strikten Thomismus und seine einflußreiche Stellung zählt S. zu den Hauptvertretern der rechtgläubigen-römischen Richtung im Streit um Jansenismus und Quietismus und zu den Hauptverfechtern des päpstlichen Standpunktes, womit er sich - v.a. in der späteren Kirchengeschichtsschreibung - wenig Freunde machte, was zu einem falschen Bild dieses großen, frommen Mannes und antiaufklärerischen Denkers führte. Seine persönliche Lebensführung war derart spartanisch einfach, daß er sich, wenn seine Repräsentationspflichten als Kardinal es erforderten, die Pferde von seinen Amtskollegen leihen mußte.
Werke: Propositiones a Sanctissimo Domino Nostro Clemente Papa XI. damnatae in Bulla Unigenitus Dei Filius.... (scholast. Kommentar zu päpstl. Erlassen und Bullen), 8 vols: zu Clemens XI: tom. I-III/ Prop. 12, Rom 1718-1722 - zu Propos. Innozenz' XII: tomm. III/ Prop. 13-V, Rom 1722-1724 - zu Propos. Benedikts XIII: tomm. VI-VIII, Rom 1724-1728 (insges. 59 Propositiones); Quaesitum quamnam auctoritatem habeat Provinciale Ccncilium legitime convocatum et adunatum? Et utrum ad componendas Controversias extendatur?, Romae 1725; Quaesitum utrum Ritus Ecclesiastici in Rituali, et Pontificali Romano, et in solemni Sacramentorum administratione praescripti, pro libito, sine peccato mortali, possint aliter duci ac variari?, Romae 1725.
Lit.: Jacques Quétif, Scriptores Ordinis Praedicatorum, 1719 ff., Supplementum 1721 ff., fortges. Remi Coulon, 1909 ff.; - Antonius Touron, Histoire des hommes illustres de l'ordre de Saint Dominique, VI, 1749; - Josephus Catalanus, De Secretario Sacrae Congregationis Indicis..., Romae 1751; - ders., De Magistris Sacri Palatii Apostolici, Romae 1751; - Michael Ranft, Merkwürdige Lebensgeschichte aller Cardinäle der Röm. Cath. Kirche, die in diesem jetzt laufenden Seculo das Zeitliche verlassen haben..., Zweyter Theil, Regensburg 1769; - GianB. Vamiglioli, Biografia degli scrittori Perugini e notizie delle opere loro, II, 1829; - Charles Berton, Dictionnaire des Cardinaux (= Enc. théol. Migne 31/III), 1851, 1513; - Pio T. Masetti, Monumenta et antiquitates veteris disciplinae... in Provincia Romana, II, 1864; - Hierarchia Ordinis Praedicatorum 21916; - Angelus Walz, I Cardinali Domenicani, 1944; - Eubel, Hier. Cath. V, 37; - LThK IX (1964), 644.