SFONDRATI, Coelestin, (Taufname Alois), Benediktiner, Fürstabt von St. Gallen (Schweiz), Kardinal. * 10.1. 1644 in Mailand als Sohn des Marchese Valeriano Sf., Generalkommisär in der spanischen Armee, und Paula Marliana, + 4.9. 1696 in Rom. - Coelestins Verwandtschaft ist sehr stark in verschiedenen Kirchenämtern vertreten; sein Großonkel war Papst Gregor XIV., sein Onkel Kardinal Paolo Camillo Sf., sein Urgroßvater Kardinal Francesco Sf. war ursprünglich verheiratet mit Anna Visconti. Karl Philipp, ein Bruder Coelestins, war Bischof von Voltera, sein Großvater Herkules, Bruder des Papstes Gregors XIV., war General der römischen Kirche. Zwei weitere Brüder Coelestins hatten wichtige militärische bzw. staatspolitische Ämter inne: Herkules, Herzog von Monte Marziano, als General der römischen Miliz, und Paul als Geheimrat König Philipps II. von Spanien. Sf. kam am 15.8. 1656 nach St. Gallen und von dort in die zu dieser Fürstabtei gehörenden Schule nach Rorschach. Er legte am 6.5. 1660 in St. Gallen seine Profeß ab; weitere Weihedaten: Niedere Weihen am 14.5. 1665, Subdiakon am 19.9. 1665, Diakon am 24.9. 1667, Priester am 26.5. 1668. Seine Primiz feierte er am 3.6. 1668. Schon als Diakon wurde der hochbegabte Theologe, der das Studium in seinem Heimatkloster absolvierte, als Professor in die Fürstabtei Kempten geschickt. Seine Lehrtätigkeit in St. Gallen begann am 31.12. 1669 im Fach Philosophie, seit 1671 Theologie, am 20.7. 1675 wurde er Novizenmeister, 1678 Offzial. Seit dem 18.10. d.J. lehrte er Kirchenrecht. Um sich in dieser Disziplin weiter auszubilden, schickte ihn Fürstabt Gallus Alt an die Benediktineruniversität Salzburg (12.10. 1679). Schon am Ende des Jahres 1679 promovierte er in Theologie und in den beiden Rechten. Als gefeierter Professor des Kirchenrechts wirkte Sf., 1680 durch den Salzburger Fürsterzbischof Maximilian Gandolf Graf von Küenburg zum Geistlichen Rat ernannt, bis zum Jahre 1683 an der Universität. Noch im gleichen Jahr wurde Sf. in sein Heimatkloster abberufen, versah dort mehrere Seelsorgsaufgaben u.a. in Rorschach und Untereggen, seit 1684 wieder als Offzial in St. Gallen, wurde er u.a. mit rechtsberatenden Aufgaben betraut, z.B. in den Fragen eines engeren Anschlusses der schwäbischen Benediktinerkongregation an die Schweizerische, dazu weilte er 1684 in Weingarten, im gleichen Jahr zur Vorbereitung des 1. Generalkapitels der Bayerischen Benediktinerkongregation in St. Emmeram in Regensburg. Auf Grund seiner antigallikanischen Haltung rief ihn Papst Innozenz XI. am 30.10. 1686 nach Rom, um ihn von seiner Ernennung zum Bischof von Novara in Kenntnis zu setzen. Sf. verzögerte die Annahme, die als erledigt galt, als er am 17.3. 1687 zum Fürstabt von St. Gallen gewählt wurde. Die Benediktion fand erst, infolge einer langen Vakanz der Nuntiatur, am 4.5. 1692 statt. Vorher hatte der neue Fürstabt bewiesen, daß er besonders während der Hungersnot 1689, durch Ankauf und Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige, ein geschickter und hilfsbereiter Landesherr war, tolerant gegen Andersgläubige. Zur Verbesserung der Seelsorge berief er eine Synode (8.-10.5. 1690) nach Rorschach ein. Bei der Papstwahl 1691 erhielt er 3 Stimmen, auch als Bischof von Chur wurde er in die engere Wahl genommen. Bedingt durch die unruhige politische Lage legte er einen Kriegsfond an, baute das Militärwesen aus und bereitete den Bau mehrerer Straßen vor, um die Verbindung der katholischen Orte sicherzustellen. Papst Innozenz XII. kreierte ihn am 12.12. 1695 zum Kardinal. Nach dem Rücktritt als Abt begab er sich am 13.1. 1696 nach Rom. Er gehörte der Riten-, Index-, Propaganda-, Konzils- und Konsistorialkongregation an, war Mitglied des Heiligen Offziums und Protektor der Cassinensischen Benediktinerkongregation. Sf. verstarb am 4.9. 1696 an Krebs. Das Herz des ehemaligen Fürstabtes wurde in die Klosterkirche von St. Gallen gebracht, der Leib ruht in seiner römischen Titelkirche S. Cecilia. - Sf.s. wissenschaftliches Wirken ist vor allem von seinem antigallikanischen Kurs geprägt. Sein bekanntestes Werk ist das in Salzburg entstandene »Regale Sacerdotium...«, das 1684 in St. Gallen unter dem Pseudonym Eugenius Lombardus erschien, das in Rom mit großem Beifall aufgenommen wurde. Gegen seinen Hauptkritiker, den Jesuiten Ludwig Maimberg, verfaßte er die zweibändige Schrift »Gallia vindicata...« (1036 S.), erstmals 1687 in St. Gallen erschienen. Sf. galt bei seinen Zeitgenossen als musterhafter Mönch, hinreißender Prediger, glänzender Kirchenrechtler, Lehrer und Diplomat.
Werke: Cursus theologicus in gratiam et utilitatem fratrum religiosorum St. Galli, St. Galli 1666 ff. (10 Bde.); Sacrum secretum angelica D. Thomae doctrina revelatum contra visiones et phaenomena recentiorum sive physica sacramentorum causalitatis, Campidoni 1668; Disputatio juridica de Lege in praesumtione fundata, Salisburgi 1681; Regale sacerdotium Romano pontifici assertum et quatuor propositionibus explicatum auctore Eugenio Lombardo, St. Gallen 1684; Gallia vindicata, in qua testimoniis exemplisque Gallicanae praesertium ecclesiae, quae pro regalia ac pro quatuor Parisiensibus propositionibus a Ludov. Maimburgo aliisque producta sunt, refutantur, St. Galli 1687 (Teile auch in französischer Sprache übersetzt: De la puissance de l'eglise ou réponse au traité de Mr. Maimburg, St. Galli 1687) 2. Aufl. St. Gallen 1702; Legatio marchionis Lavardini Romam, sive de jure et abusu quarteriorum Franchitiarum, 1688; Nepotismus theologice expensus, quando nepotismus sub Innocentio XII. abolitus fuit, St. Gallen 1692, Baptismi necessitas ex sacris litteris evidenter asserta et contra nuperam reformati; cujusdam Doctoris Apologiam defensa Anno 1694; Wahre Lehr von der notwendigkeit deß heil. Tauffs, St. Gallen 1694; Innocentia vindicata in qua gravissimis argumentis ex S. Thoma petitis ostenditur, angelicum Doctorem pro immaculato conceptu Deiparae sensisse, S. Galli 1695 (17022 St. Gallen, 17083 Graz, deutsche Übersetzung Wien 1717); Cursus philosophicus monasterii S. Galli, 3 Bde. 1696; (2. verkürzte Auflage S. Galli 1741); Cursus philosophici Monasterii S. Galli. Logica minor seu summulae (o.0. und Ersch.-J.); Nodus praedestinationis ex sacris litteris, doctrinaque SS. Augustini et Thomae, quantum Homini lecet, dissolutus, Roma 1696 (16972, 16983 Venetiae); Legatio marchionis Lavardini Romam ejusque cum Romano Pontifice Innocentio undecimo dissidum, 1697; Quindena Mariana sive XV. orationes ad sodales quondam Marianos dictae, S. Galli 1744.
Lit.: M. Ziegelbauer, Historia rei lit. OSB III Augsburg und Würzburg 1784, bes. 416-424; - J. Eisenring, Coelestin Sfondrati, Fürstabt zu St. Gallen, in: Monatsrosen 34 (1889/90) 402-409; - A. Egger, Jubiläumserinnerungen an Kardinal Sfondrati; Fürstabt von St. Gallen, St. Gallen, 1896; - Scheiwiler, Kardinal Coelestin Sfondrati, Fürstabt von St. Gallen, in: Schweizer Rundschau 21 (1921) 168-186; - R. Henggeler, Profeßbuch der fürstlichen Benediktinerabtei der Heiligen Gallus und Otmar zu St. Gallen, Zug 1929, 160 f., 328-331; - P. Muschard, Das Kirchenrecht bei den deutschen Benediktinern und Zisterziensern des 18. Jahrhunderts, in: SMGB 47 (1929) 257-262; - J. Hälg, Coelestin Sfondrati, Fürstabt von St. Gallen und Kardinal (1644-1690) Apologiegesch. Studie über dessen Bedeutung im Kampfe der Kirche gegen den Gallikanismus, Rom 1942; - B. Hofstetter, Zur St. Galler Barockscholastik, in: FZThPh 6 (1959) 163-169; - H. Zihlmann, Der Cursus Theologicus Sangallensis. Ein Beitrag zur Barockscholastik (Diss. Innsbruck) in: ZSKG 68 (1974) 1-151; - J. Duft - A. Gössi - W. Vogler, St. Gallen, in: Helvetia Sacra, Abt. 3 Bd. 1, 2. T. Bern 1986, 1180-1369, 1335-1338; - ADB 34, 120 f.; - LThK1 IX 517 f.; - LThK2 9, 711; - v. Pastor V 497; - HBLS 6, 356; - NDB 3, 307 f.