SFONDRATI, Paolo Emilio (nicht: Camillo), Kurienkardinal, * 1560
(andere 1561) in Mailand, † 14. Febr. 1618 in Tivoli (Rom).
- Er stammte aus einer Mailänder Patrizierfamilie als Sohn der
Sigismonda, Tochter des Marchese Sigismondo d'Este, verwandt mit dem
Herzog von Ferrara, und des Paolo Sf., conte della Riviera, des Bruders
von Nicolò Sfondrati, der ab 1590 als Papst Gregor XIV. († 1592)
regierte. Kardinal Nicolò förderte den Neffen Paolo und dessen Erziehung
durch Filippo Neri in dem keineswegs mondän, sondern beton religiös
geprägten Milieu des römischen Oratoriums, dem Sf. immer verbunden
blieb. Aufgrund dieser Ausbildung interessierte sich Sf. für geistliche
und kulturelle Fragen, nicht für Politik oder Wirtschaft. Er studierte
Jura und wurde mit 30 Jahren Kardinal (19. Dez. 1590), kaum vierzehn
Tage nach der Erhebung seines Onkels Nicolò zum Papst. Dieser litt
an schmerzhaften 'Steinleiden', war häufig bettlägerig oder nicht
geschäftsfähig und übertrug die gesamte Verantwortung für Kirchenstaat
und Kurie dem Neffen. Dieser übernahm in einem Jahre (1591) zahlreiche
Ämter: dasjenige des Papst-Nepos mit den Aufgaben eines Staatssekretärs
für die gesamte Außen- und Innenpolitik, Präfekt der Signatur (Gerichtshof),
Legat von Bologna und der Romagna (30. Januar 1591) sowie Gouverneur
von Fermo (27. Januar 1591) und von Spoleto (1591). Hinzu kam die
Mitgliedschaft in römischen Kardinalskongregationen wie der des S.
Officium (1591) und des Index. Aufgrund seiner römischen Titelkirche
nannte man ihn »Cardinale di S. Cecilia«, und mit diesem Namen zeichnete
er Dekrete und Schreiben der römischen Indexkongregation, deren Vorsitz
er führte (ohne den später üblichen Titel 'Präfekt'): so etwa in dem
bekannten Dekret zur Indizierung von Galilei (1616) oder im Streit
um den 1619 in Frankreich hingerichteten Priester und ketzerischen
Philosophen Giulio Cesare Vanini. Während des Pontifikates Gregors
XIV. mühte sich Sf. als Lenker der Staatsgeschäfte erfolglos um die
Bekämpfung des Bandenwesens, das die Sicherheit und die Wirtschaft
des Kirchenstaates ruinierte, sowie um Linderung der Hungerkatastrophe
von 1591. Trotz Verträgen über Kornlieferungen aus Nordeuropa oder
Sizilien grassierte die Not, möglicherweise mitverursacht durch die
spanische Seepolitik, die den Kirchenstaat noch mehr von der spanischen
Krone abhängig zu machen strebte. Diese förderte die Familie Sf. in
der spanischen Lombardei durch Verleihung von Titeln und Privilegien
und konnte den Hl. Stuhl in einen immense Mittel verschlingenden,
von Spanien geschürten Religions-Feldzug in Südfrankreich hineinziehen.
Die päpstliche Truppe stand unter dem Kommando des Generals Ercole
Sfondrati, Bruder des Kardinals Paolo. Die von Zeitgenossen geäußerte
Kritik am Nepotismus unter Gregor XIV. richtete sich zwar direkt gegen
den Neffen als Sündenbock, beinhaltet aber in verhüllter Form eine
Polemik ggegen Gregor XIV. selber oder an der aufwendigen Kriegspolitik
des Ercole Sf. in Frankreich für die dortige »Liga«. In der strittigen
Frage des rückfallenden Lehens des Herzogtums Ferrara an den Hl. Stuhl
stand Sf. aufseiten der spanischen Interessen, was ihm die Kritik
rivalisierender Kreise eintrug. Hierzu gehörte der spätere Kardinal
Guido Bentivoglio aus Ferrara, der in seinen Memoiren eine ungehemmte
Ämterhäufung des Kardinals Sf. während des Pontifikates von dessen
Onkel behauptet. Sf. war auch beteiligt an der Neuordnung des kirchlichen
Asylrechtes durch Gregor XIV., der dieses trotz starker Einschränkungen
grundsätzlich retten wollte entgegen dem neuzeitlichen Trend zu dessen
Aufhebung. Nach dem Tode von Gregor XIV. (1592) ist Sf. politisch
nicht mehr tätig geworden, er widmete sich ausschließlich wieder seinen
kirchlichen und kulturellen Interessen. Er veranlaßte die Bau- und
Renovierungsarbeiten in seiner Titelkirche S. Cecilia in Rom, in deren
Verlauf er am 19. Oktover 1599 die Reliquien der altrömischen Märtyrerin
Caecilia rekogniszierte. Sein Vermögen nutzte Sf. u.a. zu einer großzügigen
Ausstattung von S. Cecilia durch Dotierung (Schaffung mehrerer Pfründen),
durch aufwendigen Silberschmuck für die Reliquien und durch Aufträge
an berühmte Künstler wie Guido Reni und Stefano Maderna. Dieser schuf
die legendäre Marmorstatue der liegenden Hl. Caecilia, eines der Hauptwerke
der Barockkunst. Auch in anderen Kirchen wirkte Sf. als Mäzen und
Kunstförderer, so in Rom (S. Agnese fuori le Mura), Loreto (Sanctuarium)
und Cremona (Dom). Seit 1607 war Sf., wie vorher sein Onkel, Bischof
von Cremona (ohne Residenz), seit 1611 zusätzlich Inhaber des suburbikarischen
Bistums Albano, firmierte aber weiterhin als Kardinal »di S. Cecilia«,
deren Titel er als Kommende beibehielt. Als Vorsitzender der Sonderkongregation
»del Rituale« (ab 1612) förderte er die Ausgabe eines neuen Rituale
Romanum. Das in seinen Besitz gelangte 'Menologium graecum' des Kaisers
Basilios Porphyrogenitos schenkte er Papst Paul V. (heute Vatikanbibliothek).
Sf. schloß sich einer geistlichen Kleriker-Gemeinschaft an, die sich
bei der römischen Theatinerkirche nach Art der Mailänder Oblaten von
Karl Borromäus gebildet hatte. Einzelne Historiker wie L. von Pastor,
gestützt v.a. auf Bentivoglio, halten Sf. in den Monaten seiner Nepoten-Rolle
Machthunger und Ämterhäufung vor. Allgemein beschreibt man ihn in
den Jahren vor und nach 1591 aber als frommen und geistlich wirkenden
Kirchenmann, der sich um Liturgie und Förderung des Märtyrerkultes
kümmerte und um die Ausstattung altchristlicher und neuerer Kultstätten.
Quellen: (außer den von Hinojosa und Facini benutzten,
ungedruckten römischen Quellen): Como (Biblioteca Comunale), Archivio
famiglia Sfondrati, cartella 23 (56 Briefkopien Sf. an seinen Bruder
Ercole 1592, 2 von 1591, je 1 von 1608 u. 1610); Modena (Archivio
di Stato), Carteggio con Principi esteri, Busta 1423 (210 Briefe Sf.
1590-1617, mit Antwort-Entwürfen).
Lit.: Alphonsus Ciaconius/Augustinus Oldoinus, Vitae et
res gestae Pontificum Romanorum et S.R.E. Cardinalium. Romae 1677.
Vol. VI, 224-227; - Claude Fleury, Historia ecclesiastica a R.P.
Alexandro a S. Joanne de Cruce [....] continuata. Tom. 56. Augustae
Vindelicorum 1777, 183-185; - Ricardo de Hinojosa y Naveros: Los
despachos de la diplomacia pontificia en Espana. Tomo I. Madrid 1896,
336-345; - Amedeo Pellegrini, Relazioni inedite di ambasciatori
lucchesi alla corte di Roma (sec. XVI-XVII), in: Studi e Documenti
di storia e diritto 22 (1901) 181-238; - Maria Facini, Il Pontificato
di Gregorio XIV. Roma 1911; - Pio Franchi de' Cavalieri, Recenti
studi intorno a S. Cecilia, in: Ders., Note agiografiche. Roma 1912,
3-38 (Studi e Testi 24); - Ludwig v. Pastor, Geschichte der Päpste.
Bd. 10-11. Freiburg (1933-1938); - Patritius Gauchat, Hierarchia
Catholica. Bd. 4. Münster 1935 (ND Padua 1960); - Giuseppe Ferretto,
Note storico-bibliografiche di archeologia cristiana. Città del Vaticano
1942; - Jean Delumeau, Vie économique et sociale de Rome dans
la seconde moitié du XVIe siècle. Bd. 1-2. Paris 1957-1959;
- Antonio Rotondò, Nuovi documenti per la storia dell' »Indice
dei libri proibiti« (1572-1638): Rinascimento 3 (1963) 145-211; -
Enrico Josi, S. Cecilia, in: Bibliotheca Sanctorum III (Roma 1963)
1964-1986; - R. Blindschedler, Kirchliches Asylrecht (immunitas
ecclesiarum localis) und Freistätten in der Schweiz (Kirchenrechtliche
Abhandlungen 32-33). Stuttgart 1906; Neudruck: Amsterdam 1965; -
Stephen Papper: Baglione, Vanni und Cardinal Sfondrato, in: Paragone
18 (1967) 69-74; - Ilaria Toesca, La cassa argentea delle reliquie
di Santa Cecilia, in: Paragone 19 (1968) 71-74; - Antonia Nava
Cellini: St. Maderna, F. Vanni e G. Reni a S. Cecilia in Trastevere,
in: Paragone 20 (1969) 18-41; - Guido Bentivoglio, Memorie. Hrsg.
v. Carlo Morbio. Milano 1864; - Neudruck: Bd. 1-2. Sala Bolognese
1974; - Agostino Amore, I martiri di Roma. Roma 1975; - Tre
interventi di restauro. A cura del Ministero per i Beni Culturali
e Ambientali. Roma 1981; - Filippo Caraffa/Antonio Massone, Santa
Cecilia Martire Romana. Passione e culto. Roma o.J. (1983); -
Sergio M. Pagano (Hrsg.), I Documenti del processo di Galileo Galilei.
Città del Vaticano 1984 (Collectanea Archivi Vaticani 21); - Christoph
Weber (Bearb.), Legati e Governatori dello Stato Pontificio (1550-1809)
(Pubblicazioni degli Archivi di Stato, Sussidi 7). Roma 1994; -
Moroni LXV (1854) 83 f.; - Hoefer XLIII (1864) 856; - Wetzer
Welte XI2 (1899) 238; - EncCatt XI (1953) 471 f.; -
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