STARCK, Johann Friedrich, luth. Pfarrer, pietistischer Erbauungsschriftsteller und barocker Dichter, * 10.10. 1680 in Hildesheim, Sohn des Frankfurter Bäckermeisters und späteren Hildesheimer »Stadtfähndrichs« Johann Oyer St. und seiner Ehefrau Catharina, Tochter des Frankfurter Bäckermeisters Johannes Ranstadt. Am 2.2. 1717 heiratete St. in Frankfurt/M. Katharina Reuß, Tochter des Kaufmanns Johann Martin Reuß. Von den 7 Kindern überlebten St.: Johann Martin, beider Rechte Doctor und Advocat. ordin., und M. Johann Jakob, Prediger zu St. Katharinen in Frankfurt/M., verheiratet mit einer Schwester von Goethes Mutter, St.s Biograph. † 17.7. 1756 in Frankfurt/M. - Nach der dem »Handbuch« 1768 von seinem Sohn M. Johann Jakob beigegebenen »Lebensbeschreibung des sel. Verfassers« besuchte St. das Gymnasium Andreanum in Hildesheim und bezog 1720 die damals pietistisch geprägte Universität Gießen, wo Johann Heinrich May und Johann Ernst Gerhard seine Lehrer waren; unter letzterem verteidigte er am 3.11. 1706 eine selbstverfasste Dissertation (s. u.). Nach dem theol. Examen 1707 unter Senior D. Arcularius wurde St. in die Zahl der Frankfurter Kandidaten, die im Armen- und im Waisenhaus predigten, aufgenommen. In seiner Kandidatenzeit war er 1709-1711 in Genf als Prediger, sonst als Hauslehrer in Frankfurt/M. tätig (u. a. bei dem Rat Bartholomäus von Barkhausen und dem Stadt- und Gerichtsschultheiß Johann Christoph von Ochsenstein). 1715 wurde er Prediger in Frankfurt-Sachsenhausen. 1723 kam er an die Barfüßerkirche, Frankfurts luth. Hauptkirche; von 1729-1735 war er auch am Hospital tätig. Am 23.10. 1742 wurde er Konsistorialrat. - Theologisch vertrat St. einen Typ des Pietismus, der die Traditionen des kirchlichen Luthertums bejahte und die Bedeutung der Sakramente für den Heilsstand des Christen betonte; alle Getauften sind Glieder der Kirche. 1730 grenzte er sich durch seinen »wohlgemeinten Hirtenruf« von sektiererischen Richtungen und separatistischen Bestrebungen entschieden ab, was ihm die Kritik der radikalen pietistischen Kreise eintrug. - Neben Johann Arnds »Paradies-Gärtlein« (1612) wurde St.s »Tägliches Handbuch in guten und bösen Tagen« das verbreitetste Gebetbuch in der deutschen evangelischen Christenheit. Die Geschichte des 1728 erstmals erschienenen Buches (dieses Datum nennt die Vorrede von 1776) ist die eines ständigen Veränderungsprozesses; schon St. hat es zu seinen Lebzeiten überarbeitet, insbesondere in der 4. Auflage. Ursprünglich in 4 Teile gegliedert, die »Aufmunterungen (= kurze biblische Betrachtungen), Gebete und Gesänge« 1. für Gesunde, 2. für Betrübte, 3. für Kranke und 4. für Sterbende wurden schon 1731 durch die Teile 5 und 6 ergänzt (Gebete für Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen). 1757 übernahm Johann Jakob St. die Herausgabe; die Ausgabe von 1776 kann als »Textus receptus« angesprochen werden. Das Buch erschien in über 60 Auflagen und zahlreichen »Raubdrucken«. Mit Recht kann es als wichtiges Geschenk des Pietismus an die Volkskirche bezeichnet werden. Von den zahlreichen Liedern St.s (Koch: 939; Steitz: 1302) finden sich z. B. im Frankfurter Gesangbuch von 1927 keines mehr. - St. war einer der fruchtbarsten Erbauungsschriftsteller des luth. Pietismus; seine dichterischen Qualitäten sind bedeutender, als zuweilen angenommen wird.
Werke: Discussio jactitati salutaris fundamenti in Papatu adhuc integri, 1706 (Dissertation); J. F. St.s, gewesenen evangelischen Predigers und Consistorialraths zu Frankfurt am Main, tägliches Handbuch in guten und bösen Tagen. Enthalten: Aufmunterungen, Gebete und Lieder zum Gebrauche gesunder, betrübter, kranker und sterbender Christen. Mit einer Lebensbeschreibung des seligen Verfassers von M. Johann Jakob St., vormals Prediger an der Hauptkirche zu St. Katharinen in Frankfurt am Main. 54. Auflage. Einzige vollständige Original-Ausgabe. Frankfurt am Main (o. J.). Schriftenniederlage des Evangel. Vereins; Sonn- und Festtagsandachten über die Evangelien, 1741; Sonn- und Festtagsandachten über die Episteln, 1770
2; Predigten von dem Abendmahl des Herrn, 1740; Schriftmäßige Gründe die Freudigkeit zu Sterben bey dem Angedencken des Todes zu erwecken; in ein und dreyßig Sterbens-Andachten abgefasset, und auf alle Tage des Monaths eingerichtet. Welchen als ein Anhang beygefüget die überwundene Todes-Furcht, 1748 (Fortsetzung: 1749).
Bibliographie: Constantin Große, Die Alten Tröster, 1900, 335-370.
Lit.: Eduard Emil Koch, Geschichte des Kirchenliedes und Kirchengesanges, 3. Aufl., 8 Bde, 1866/76, IV, 543-549; - Hermann Beck, Die religiöse Volkslitteratur der ev. Kirche Deutschlands in einem Abriß ihrer Geschichte, 1891, 205 ff.; - Hermann Dechent, J. F. St. Ein Lebensbild aus der Zeit des spätern Pietismus, in: Die Christliche Welt IX, 1897, 773-776, 796-799, 847-852; - Ders., Kirchengeschichte von Frankfurt a. M. II, 1921, 140-145; - Heinrich Steitz, Geschichte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, 1977, 206-209; - Winfried Zeller, Todesfurcht und Sterbensfreudigkeit bei J. F. St., in: Theologie und Frömmigkeit, Ges. Aufsätze II, 1978, 218-225; - Karl Dienst, J. F. St.s Tägliches Handbuch in guten und bösen Tagen, in: Jahrbuch der Hess. Kirchengesch. Vgg. 32, 1981, 67-92; - RE3 XVIII, 776 f.; - RGG3 VI, 336.
Karl Dienst
Literaturergänzung:
Buß, Uwe, Johann Friedrich Starck (1680-1756) Ein Werktagsprediger der Barüßerkirche, in: Fischer, Roman (Hg.), Von der Barfüßerkirche zur Paulskirche. Beiträge zur Frankfurter Stadt- und Kirchengeschichte (Studien zur Frankfurter Geschichte 44), Frankfurt a.M. (2000), 215-232; - Buß, Uwe, Johann Friedrich Starck (1680-1756) Leben, Werk und Wirkung eines Pietisten der dritten Generation, (QSHKG 10), Darmstadt und Kassel 2004.
Letzte Änderung: 09.04.2011