STRAUSS UND TORNEY, Viktor von, Wirklicher Geheimer Rat, Diplomat,
Dichter, Religionswissenschaftler, * 18.9. 1809 in Bückeburg als
Sohn des Buchbinders Friedrich St. und seiner Ehefrau Franziska Petzold,
+ 1.4. 1899 in Dresden. Nach dem frühen Tod beider Eltern (1822)
kam St. unter die Vormundschaft des Justiz- und Regierungsrates Christoph
Ferdinand Krieger. Er besuchte die Gymnasien in Bückeburg und Lemgo
sowie das Pädagogium in Halle. Danach studierte er in Erlangen, Bonn
und Göttingen Jura. Während eines längeren Aufenthaltes in Dresden
befaßte er sich mit Kunst, Literatur und Philosophie. Dort machte
er die Bekanntschaft Ludwig Tiecks, auf dessen Vermittlung hin er
von Goethe empfangen wurde. 1832 trat St. als Amtsauditor in den schaumburg-lippischen
Staatsdienst. Fürst Georg Wilhelm erwies ihm stets sein Wohlwollen.
Im gleichen Jahr heiratete St. die Gutsbesitzerstochter Albertine
von Torney. Als deren Geschlecht im Mannesstamm erlosch, fügte er
ihren Familiennamen dem seinen hinzu. 1851 erhob ihn der österreichische
Kaiser in den Adelsstand. War St. bisher liberal gewesen und hatte
den Rationalismus vertreten, so kam es 1835 mit dem Erscheinen von
David Friedrich Strauß' »Leben Jesu« und der Entgegnung von Neander
zu einer Wende in seinem Leben. Er trieb eingehende theologische Studien.
In ihrer Folge wandte er sich vom Rationalismus ab und der Orthodoxie
zu. Das Gefühl der Erlösungsbedürftigkeit wurde in ihm lebendig. Sein
weiteres Leben wurde durch die in dieser Zeit gewonnenen Positionen
bestimmt. St. schilderte seinen Entwicklungsgang in dem Roman »Theobald«.
1840 ernannte ihn der Fürst zum Archivrat. Dieses Amt ließ ihm genug
Muße, seinen poetischen und theologischen Neigungen zu folgen. 1846
nahm er als lutherischer Vertreter Schaumburg-Lippes an der Kirchenkonferenz
in Berlin teil. Während der Revolution von 1848 zeigte sich St. als
entschiedener Anhänger des Gottesgnadentums und als Gegner jeglicher
Zugeständnisse an das Volk. Der Fürst ernannte ihn zum Kabinettsrat
und gab ihm damit eine unbeschränkte Vertrauensstellung. St. konnte
an Regierung und Rentkammer vorbei seine Ansichten unmittelbar Georg
Wilhelm vortragen. Dieser sandte ihn 1850 zur Bundesversammlung nach
Frankfurt am Main und zur Ministerialkonferenz nach Dresden. Von 1853
bis 1866, seit 1865 mit dem Titel Wirklicher Geheimer Rat, vertrat
er Schaumburg-Lippe in der Bundesversammlung. Die beruflichen Anforderungen
ließen seine dichterische Tätigkeit zurücktreten. 1863 besuchte er
als Begleiter Fürst Adolf Georgs den Frankfurter Fürstentag. Bei der
Abstimmung der Bundesversammlung am 14. Juni 1866, deren Ergebnis
Preußen zum Anlaß nahm, die Bundesakte für gebrochen und den Deutschen
Bund für erloschen zu erklären, stimmte St. als Stimmführer der 16.
Kurie statutengemäß für den österreichischen Antrag, nachdem er sich
für Schaumburg-Lippe als nicht instruiert erklärt hatte. Ob dies zutrifft
oder ob er gegen eine Weisung Fürst Adolf Georgs handelte, ist nicht
geklärt. Jedenfalls bot er durch sein Verhalten Preußen keinen Anlaß,
feindlich gegen das Fürstentum vorzugehen, das daher seine Selbständigkeit
bewahren konnte. Nach dem Ende des Deutschen Krieges erzwang Bismarck
allerdings seine Entlassung. St. suchte zunächst Zuflucht beim Freiherrn
von Haxthausen auf Schloß Thienhausen bei Steinheim in Westfalen.
1869 ließ er sich in Erlangen nieder, zog aber 1872 nach Dresden.
Er beschäftigte sich mit religionswissenschaftlichen Forschungen und
Übersetzungen aus dem Chinesischen. Die Universität Leipzig verlieh
ihm 1882 den theologischen Ehrendoktor. Er blieb bis zu seinem Tode
in Dresden, wurde aber auf dem Jetenburger Friedhof in Bückeburg beigesetzt.
- St.ens Wirken lag auf drei Gebieten: der Dichtung, der Staatskunst
und Diplomatie und der Religionswissenschaft. Sein Wirken und seine
Werke sind bisher kaum untersucht worden. Die Romane, Novellen und
Gedichte, mit denen er auch volkspädagogische Absichten verfolgte,
sind vergessen. Einige Kirchenlieder wie »Des Jahres schöner Schmuck
entweicht« und »Herr, vor dein Antlitz treten zwei« sind jedoch noch
im Gebrauch. Abgesehen von den Jahren 1848 und 1866, weiß man nur
wenig über den Einfluß, den er am Bückeburger Hof hatte. Die religionswissenschaftlichen
Arbeiten sind in die Literatur eingegangen. St. übersetzte als erster
Laotses Taoteking ins Deutsche. Diese Übertragung hat sich bis in
die Gegenwart behauptet.
Werke: Katharina, Ein Trauerspiel, 1828; Anfangsgründe
der allg. Theorie der Musik nach Grundsätzen der Wesenlehre, hrsg.
aus Carl Chr. Fr. Krauses hs. Nachlaß, 1838; Theobald, Roman, 3 Bde.,
1839; Gedichte, 1841; Richard, Zwölf Gesänge, 1841; Sophokles Antigone,
Übersetzung, 1842; Lieder a. der Gemeine f. das christl. Kirchenjahr,
1843; Leben des Paulus Gerhardt (Sonntagsbibliothek, I, 2), 1844;
Das Kirchenjahr im Hause, religiöse Betrachtungen und Lieder, 1845;
Schrift oder Geist? Eine positive Entgegnung auf des Pfarres Wislicenus
»Verantwortung gegen seine Ankläger«, 1845; Lebensfragen, Sieben Erzählungen
(Die Bauern, Des Lebens Nachtseite, Die Ehepaare, Der Zweikampf, Die
Communisten, Das Pfarramt, Mammon), 3 Bde., 1846, 2. Aufl: Gesammeltes
und Neues, Bd. 1 (Die Verlorenen, Aus der Vergangenheit, Der Schulmeister
und der Herr Lehrer, Zwei Gespräche: Laokoon und Nehustan, Eros und
Agape), Bd. 2 u. 3 wie erste Ausg., 1854-1855; Lebensfragen und Lebensbilder,
Bd. 1-6 (1. Die Communisten, Mammon, 2. Die Bauern, Des Lebens Nachtseite,
3. Die Verlorenen, 4. Der Zweikampf, Eros und Agape, 5. Aus der Vergangenheit,
Der Schulmeister und der Herr Lehrer, 6. Das Pfarramt, Die Ehepaare),
o. J.; Ueber die Gesangbuchsache in den preußischen Landen, 1846;
Das Pfarramt, Erzählung, 1846; Das kirchliche Bekenntniss u. die lehramtliche
Verpflichtung..., 1847; Ein Fastnachtsspiel von der Demokratie und
Reaction, Zu Nutz u. Kurzweil gemeiner Christenheit verfasset, 1849;
Bilder u. Töne aus der Zeit, Das Erbe der Väter, Mit einem Anhang
von Gedichten aus dem Jahre 1848, 1850; Gottes Wort in den Zeitereignissen,
Vier Rhapsodien, 1850; Gudrun, Schauspiel, 1851; Polyxena, Trauerspiel,
1851; Ein Nachgesang Dante's aus dem Paradiese, 1851; Briefe über
Staatskunst (anonym erschienen), 1853, 1854 (zensiert); Robert der
Teufel, Heldensage in 12 Gesängen, 1854, 1870; Ein Obolus zur Philosophie
der Geschichte, 1855; Weltliches und Geistliches, Eine Sommerlese
in Gedichten u. Liedern, 1856; Judas Ischariot, Ein Osterspiel, 1856,
1870; Polykarpus, 1860, 1875; Schelmuffskys Wahrhaftiger Curiöser
und sehr gefährlicher Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande Dritter
Theil, gleich dem Ersten und Anderen Theile in hochteutscher Frau
Mutter Sprache sehr lustig zu lesen (anonym erschienen), o. O. [1862];
Altenberg, Roman, 4 Bde. (anonym erschienen), 1865; Meditationen über
das Erste Gebot für Leute des Gedankenernstes u. des Gewissens, 1866;
Mein Antheil an der Abstimmung der Bundesversammlung vom 14. Juni
1866 (auch frz.), o. J. ; Die Bauern, Des Lebens Nachtseite, Zwei
Erzählungen, 1868; Die Communisten, Mammon, Zwei Erzählungen, 1868;
Die Verlorenen, 1868; Aus der Vergangenheit, Der Schulmeister u. der
Herr Lehrer, Zwei Erzählungen, 1869; Der Zweikampf, Eros und Agape,
Zwei Erzählungen, 1869; Lao-Tsi, Tao-te-king, Aus dem chinesischen
ins Deutsche übers., eingel. u. commentirt, 1870, Nachdr. 1924, Neuaufl.
Zürich 1950 (mit einer Würdigung der Übersetzung von W. Y. Tonn, 5-10);
Das Pfarramt, Die Ehepaare, Zwei Erzählungen, 1870; Der Prediger in
der Wüste, 1871; Novellen, 3 Bde. (Bd. 1: Ein ländliches Paar, Mittheilungen
a. den Akten, betreffend den Zigeuner Tuvia Panti aus Ungarn, Ein
churfürstlicher Besuch, Die Bibliothek, »Für meine Kinder«, Aus dem
Nachlaß von Rosa Gräfin S., Bd. 2: Eine Familiengeschichte, Eine Erbtochter,
Das schöne Heidenkind, Ein armer Sünder, Bd. 3: Fu-su, eine chinesische
Geschichte, Eine Säkularisation. Aufzeichnungen eines Untergegangenen),
1871; Reinwart Löwenkind, Nach mündlicher Ueberlieferung in 12 Gesängen,
1874; Essays zur allgem. Religionswiss., 1879; Der Hannoversche Gesangbuchsentwurf
und der Herr Schulinspector Backhaus, 1880; Schi-king, Das kanonische
Liederbuch der Chinesen, 1880; Der Gesangbuchsentwurf für die Landeskirche
des Königreichs Sachsen, besprochen, 1881; Lebensführungen, Novellen,
2 Bde. (1. Das Geheimniß, Die Champagnerkiste, Italische Novelle,
Verhängnisvolle Täuschung, 2. Eine Ehe, Geschichte eines Knaben, Das
weiße Kind), 1881, 21888; Das unbewusst Weissagende im vorchristlichen
Heidenthum (Zeitfragen des christl. Volkslebens 49), 1882, 1883; Die
Schule des Lebens, Novellen, 1885; Der altchinesische Monotheismus
(Sammlung v. Vorträgen f. das deutsche Volk 13, 9), 1885; Die Schuld,
Renata, Zwei Novellen, 1888; Der Altägyptische Götterglaube, 2 Tle.,
1889, 1891; Offenes Sendschreiben an Herrn Oberstlieutenant v. Egidy,
Eine Beleuchtung seiner Schrift »Ernste Gedanken«, 1891 (2 Aufl.);
Die Freiheit der Menschen, 1892; Die Wunder im Neuen Testament, 1893;
Beiträge zur Erkenntnisslehre mit Beziehung auf die Offenbarung, 1895;
Mammon, Erzählung, 1902; Mitteilungen aus den Akten betreffend den
Zigeuner Tuvia Panti aus Ungarn, und anderes, 1912; V. v. St. u. T.
an August v. Arnswaldt, Briefe aus der Erweckungsbewegung in Niedersachsen,
hrsg. v. Paul Fleisch. (Stud. z. KG Niedersachsens 12), 1960.
Lit.: Koch, VII, 270-276; - Heinrich Kurz, Gesch.
der deutschen Lit., Bd. 4, 1872, 190-193; - Otto Kraus, Geistliche
Lieder im 19. Jh., 1879, 525 ff.; - Robert König, V. v. St.
u. T., in: Daheim 28, 1892, 587-590; - P. Ernst Kühn, Rede am
Sarge des Wirkl. Geheimen Rathes Dr. theol. V. v. St. u. T., 1899;
- Rudolf Rocholl, V. v. St. u. T., in: Neue kirchl. Zschr. 10,
1899, 603-633; - Allgem. Ev.-luth. Kirchen-Zeitung 32, 1899, 490-495;
- Friedrich Nippold, Das deutsche Christuslied des 19. Jh.s, 1903,
122 ff.; - Franz Dibelius, V. v. St. u. T., in: Beiträge z.
sächsischen KG 22, 1908, 101-120; - Lulu von Strauß und Torney,
Vom Biedermeier zur Bismarckzeit, Aus dem Leben eines Neunzigjährigen,
1932; - Dies., V. v. St. u. T., in: Niedersächsische Lb. Bd. 1,
1939, 381-393; - A Dictionary of Hymnology, Setting forth the
Origin and History of Christian Hymns of all Ages and Nations, hrsg.
v. John Julian, New York 1957, II, 1097 f.; - Hans Wunderlich,
V. v. St. u. T. als Dichter, Politiker u. Mensch, in: Niedersächsisches
Jb. f. Landesgesch. 32, 1960, 236-260; - Ders., Das Schicksal
des Fürstentums Schaumburg-Lippe im Krisenjahr 1866, V. v. St. gegen
Otto von Bismarck, in: Schaumburg-Lippische Mitt. 19, 1968, 19-45;
- Brigitte Mields, V. v. St. u. T., Betrachtungen zu seinem Nachlaß,
in: Schaumburg-Lippische Heimatbll. 13, 1962, Nr. 11; - Helge
Bei der Wieden, V. v. St. u. die mecklenburgische Ritterschaft, Eine
Denkschrift a. dem Jahre 1857, in: Carolinum 70, 1974/75, 52-58; -
Ders., Die Begegnung Emanuel Geibels mit V. St. im Jahre 1846 in Berlin,
in: Zschr. des Ver.s f. Lübeckische Gesch. u. Altertumskunde 64, 1984,
287-295; - Ulrich Bartels, Der Westfälische Schelmuffsky von 1861,
Zur Schelmuffsky-Rezeption im Thienhäuder Kreis, in: Simpliciana 14,
1992, 197-209; - Wolfgang Leesch, Archivare als Dichter. In: Archivarische
Zeitschrift. 78 (1993), 125-128, 176 f.; - ADB LIV, 1908, 614-616;
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Dichter u. Prosaisten v. Beginn d. 19. Jh.s bis z. Gegenwart, VII,
o. J., 115 f.; - RGG VI, 418; - Literaturlexikon, hrsg.
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hrsg. u. bearb. v. Walter Gödden u. Iris Nölle, 2, 1994, 416-420.