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Band XI (1996)Spalten 39-43 Autor: Helge Bei der Wieden

STRAUSS UND TORNEY, Viktor von, Wirklicher Geheimer Rat, Diplomat, Dichter, Religionswissenschaftler, * 18.9. 1809 in Bückeburg als Sohn des Buchbinders Friedrich St. und seiner Ehefrau Franziska Petzold, + 1.4. 1899 in Dresden. Nach dem frühen Tod beider Eltern (1822) kam St. unter die Vormundschaft des Justiz- und Regierungsrates Christoph Ferdinand Krieger. Er besuchte die Gymnasien in Bückeburg und Lemgo sowie das Pädagogium in Halle. Danach studierte er in Erlangen, Bonn und Göttingen Jura. Während eines längeren Aufenthaltes in Dresden befaßte er sich mit Kunst, Literatur und Philosophie. Dort machte er die Bekanntschaft Ludwig Tiecks, auf dessen Vermittlung hin er von Goethe empfangen wurde. 1832 trat St. als Amtsauditor in den schaumburg-lippischen Staatsdienst. Fürst Georg Wilhelm erwies ihm stets sein Wohlwollen. Im gleichen Jahr heiratete St. die Gutsbesitzerstochter Albertine von Torney. Als deren Geschlecht im Mannesstamm erlosch, fügte er ihren Familiennamen dem seinen hinzu. 1851 erhob ihn der österreichische Kaiser in den Adelsstand. War St. bisher liberal gewesen und hatte den Rationalismus vertreten, so kam es 1835 mit dem Erscheinen von David Friedrich Strauß' »Leben Jesu« und der Entgegnung von Neander zu einer Wende in seinem Leben. Er trieb eingehende theologische Studien. In ihrer Folge wandte er sich vom Rationalismus ab und der Orthodoxie zu. Das Gefühl der Erlösungsbedürftigkeit wurde in ihm lebendig. Sein weiteres Leben wurde durch die in dieser Zeit gewonnenen Positionen bestimmt. St. schilderte seinen Entwicklungsgang in dem Roman »Theobald«. 1840 ernannte ihn der Fürst zum Archivrat. Dieses Amt ließ ihm genug Muße, seinen poetischen und theologischen Neigungen zu folgen. 1846 nahm er als lutherischer Vertreter Schaumburg-Lippes an der Kirchenkonferenz in Berlin teil. Während der Revolution von 1848 zeigte sich St. als entschiedener Anhänger des Gottesgnadentums und als Gegner jeglicher Zugeständnisse an das Volk. Der Fürst ernannte ihn zum Kabinettsrat und gab ihm damit eine unbeschränkte Vertrauensstellung. St. konnte an Regierung und Rentkammer vorbei seine Ansichten unmittelbar Georg Wilhelm vortragen. Dieser sandte ihn 1850 zur Bundesversammlung nach Frankfurt am Main und zur Ministerialkonferenz nach Dresden. Von 1853 bis 1866, seit 1865 mit dem Titel Wirklicher Geheimer Rat, vertrat er Schaumburg-Lippe in der Bundesversammlung. Die beruflichen Anforderungen ließen seine dichterische Tätigkeit zurücktreten. 1863 besuchte er als Begleiter Fürst Adolf Georgs den Frankfurter Fürstentag. Bei der Abstimmung der Bundesversammlung am 14. Juni 1866, deren Ergebnis Preußen zum Anlaß nahm, die Bundesakte für gebrochen und den Deutschen Bund für erloschen zu erklären, stimmte St. als Stimmführer der 16. Kurie statutengemäß für den österreichischen Antrag, nachdem er sich für Schaumburg-Lippe als nicht instruiert erklärt hatte. Ob dies zutrifft oder ob er gegen eine Weisung Fürst Adolf Georgs handelte, ist nicht geklärt. Jedenfalls bot er durch sein Verhalten Preußen keinen Anlaß, feindlich gegen das Fürstentum vorzugehen, das daher seine Selbständigkeit bewahren konnte. Nach dem Ende des Deutschen Krieges erzwang Bismarck allerdings seine Entlassung. St. suchte zunächst Zuflucht beim Freiherrn von Haxthausen auf Schloß Thienhausen bei Steinheim in Westfalen. 1869 ließ er sich in Erlangen nieder, zog aber 1872 nach Dresden. Er beschäftigte sich mit religionswissenschaftlichen Forschungen und Übersetzungen aus dem Chinesischen. Die Universität Leipzig verlieh ihm 1882 den theologischen Ehrendoktor. Er blieb bis zu seinem Tode in Dresden, wurde aber auf dem Jetenburger Friedhof in Bückeburg beigesetzt. - St.ens Wirken lag auf drei Gebieten: der Dichtung, der Staatskunst und Diplomatie und der Religionswissenschaft. Sein Wirken und seine Werke sind bisher kaum untersucht worden. Die Romane, Novellen und Gedichte, mit denen er auch volkspädagogische Absichten verfolgte, sind vergessen. Einige Kirchenlieder wie »Des Jahres schöner Schmuck entweicht« und »Herr, vor dein Antlitz treten zwei« sind jedoch noch im Gebrauch. Abgesehen von den Jahren 1848 und 1866, weiß man nur wenig über den Einfluß, den er am Bückeburger Hof hatte. Die religionswissenschaftlichen Arbeiten sind in die Literatur eingegangen. St. übersetzte als erster Laotses Taoteking ins Deutsche. Diese Übertragung hat sich bis in die Gegenwart behauptet.

Werke: Katharina, Ein Trauerspiel, 1828; Anfangsgründe der allg. Theorie der Musik nach Grundsätzen der Wesenlehre, hrsg. aus Carl Chr. Fr. Krauses hs. Nachlaß, 1838; Theobald, Roman, 3 Bde., 1839; Gedichte, 1841; Richard, Zwölf Gesänge, 1841; Sophokles Antigone, Übersetzung, 1842; Lieder a. der Gemeine f. das christl. Kirchenjahr, 1843; Leben des Paulus Gerhardt (Sonntagsbibliothek, I, 2), 1844; Das Kirchenjahr im Hause, religiöse Betrachtungen und Lieder, 1845; Schrift oder Geist? Eine positive Entgegnung auf des Pfarres Wislicenus »Verantwortung gegen seine Ankläger«, 1845; Lebensfragen, Sieben Erzählungen (Die Bauern, Des Lebens Nachtseite, Die Ehepaare, Der Zweikampf, Die Communisten, Das Pfarramt, Mammon), 3 Bde., 1846, 2. Aufl: Gesammeltes und Neues, Bd. 1 (Die Verlorenen, Aus der Vergangenheit, Der Schulmeister und der Herr Lehrer, Zwei Gespräche: Laokoon und Nehustan, Eros und Agape), Bd. 2 u. 3 wie erste Ausg., 1854-1855; Lebensfragen und Lebensbilder, Bd. 1-6 (1. Die Communisten, Mammon, 2. Die Bauern, Des Lebens Nachtseite, 3. Die Verlorenen, 4. Der Zweikampf, Eros und Agape, 5. Aus der Vergangenheit, Der Schulmeister und der Herr Lehrer, 6. Das Pfarramt, Die Ehepaare), o. J.; Ueber die Gesangbuchsache in den preußischen Landen, 1846; Das Pfarramt, Erzählung, 1846; Das kirchliche Bekenntniss u. die lehramtliche Verpflichtung..., 1847; Ein Fastnachtsspiel von der Demokratie und Reaction, Zu Nutz u. Kurzweil gemeiner Christenheit verfasset, 1849; Bilder u. Töne aus der Zeit, Das Erbe der Väter, Mit einem Anhang von Gedichten aus dem Jahre 1848, 1850; Gottes Wort in den Zeitereignissen, Vier Rhapsodien, 1850; Gudrun, Schauspiel, 1851; Polyxena, Trauerspiel, 1851; Ein Nachgesang Dante's aus dem Paradiese, 1851; Briefe über Staatskunst (anonym erschienen), 1853, 1854 (zensiert); Robert der Teufel, Heldensage in 12 Gesängen, 1854, 1870; Ein Obolus zur Philosophie der Geschichte, 1855; Weltliches und Geistliches, Eine Sommerlese in Gedichten u. Liedern, 1856; Judas Ischariot, Ein Osterspiel, 1856, 1870; Polykarpus, 1860, 1875; Schelmuffskys Wahrhaftiger Curiöser und sehr gefährlicher Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande Dritter Theil, gleich dem Ersten und Anderen Theile in hochteutscher Frau Mutter Sprache sehr lustig zu lesen (anonym erschienen), o. O. [1862]; Altenberg, Roman, 4 Bde. (anonym erschienen), 1865; Meditationen über das Erste Gebot für Leute des Gedankenernstes u. des Gewissens, 1866; Mein Antheil an der Abstimmung der Bundesversammlung vom 14. Juni 1866 (auch frz.), o. J. ; Die Bauern, Des Lebens Nachtseite, Zwei Erzählungen, 1868; Die Communisten, Mammon, Zwei Erzählungen, 1868; Die Verlorenen, 1868; Aus der Vergangenheit, Der Schulmeister u. der Herr Lehrer, Zwei Erzählungen, 1869; Der Zweikampf, Eros und Agape, Zwei Erzählungen, 1869; Lao-Tsi, Tao-te-king, Aus dem chinesischen ins Deutsche übers., eingel. u. commentirt, 1870, Nachdr. 1924, Neuaufl. Zürich 1950 (mit einer Würdigung der Übersetzung von W. Y. Tonn, 5-10); Das Pfarramt, Die Ehepaare, Zwei Erzählungen, 1870; Der Prediger in der Wüste, 1871; Novellen, 3 Bde. (Bd. 1: Ein ländliches Paar, Mittheilungen a. den Akten, betreffend den Zigeuner Tuvia Panti aus Ungarn, Ein churfürstlicher Besuch, Die Bibliothek, »Für meine Kinder«, Aus dem Nachlaß von Rosa Gräfin S., Bd. 2: Eine Familiengeschichte, Eine Erbtochter, Das schöne Heidenkind, Ein armer Sünder, Bd. 3: Fu-su, eine chinesische Geschichte, Eine Säkularisation. Aufzeichnungen eines Untergegangenen), 1871; Reinwart Löwenkind, Nach mündlicher Ueberlieferung in 12 Gesängen, 1874; Essays zur allgem. Religionswiss., 1879; Der Hannoversche Gesangbuchsentwurf und der Herr Schulinspector Backhaus, 1880; Schi-king, Das kanonische Liederbuch der Chinesen, 1880; Der Gesangbuchsentwurf für die Landeskirche des Königreichs Sachsen, besprochen, 1881; Lebensführungen, Novellen, 2 Bde. (1. Das Geheimniß, Die Champagnerkiste, Italische Novelle, Verhängnisvolle Täuschung, 2. Eine Ehe, Geschichte eines Knaben, Das weiße Kind), 1881, 21888; Das unbewusst Weissagende im vorchristlichen Heidenthum (Zeitfragen des christl. Volkslebens 49), 1882, 1883; Die Schule des Lebens, Novellen, 1885; Der altchinesische Monotheismus (Sammlung v. Vorträgen f. das deutsche Volk 13, 9), 1885; Die Schuld, Renata, Zwei Novellen, 1888; Der Altägyptische Götterglaube, 2 Tle., 1889, 1891; Offenes Sendschreiben an Herrn Oberstlieutenant v. Egidy, Eine Beleuchtung seiner Schrift »Ernste Gedanken«, 1891 (2 Aufl.); Die Freiheit der Menschen, 1892; Die Wunder im Neuen Testament, 1893; Beiträge zur Erkenntnisslehre mit Beziehung auf die Offenbarung, 1895; Mammon, Erzählung, 1902; Mitteilungen aus den Akten betreffend den Zigeuner Tuvia Panti aus Ungarn, und anderes, 1912; V. v. St. u. T. an August v. Arnswaldt, Briefe aus der Erweckungsbewegung in Niedersachsen, hrsg. v. Paul Fleisch. (Stud. z. KG Niedersachsens 12), 1960.

Lit.: Koch, VII, 270-276; - Heinrich Kurz, Gesch. der deutschen Lit., Bd. 4, 1872, 190-193; - Otto Kraus, Geistliche Lieder im 19. Jh., 1879, 525 ff.; - Robert König, V. v. St. u. T., in: Daheim 28, 1892, 587-590; - P. Ernst Kühn, Rede am Sarge des Wirkl. Geheimen Rathes Dr. theol. V. v. St. u. T., 1899; - Rudolf Rocholl, V. v. St. u. T., in: Neue kirchl. Zschr. 10, 1899, 603-633; - Allgem. Ev.-luth. Kirchen-Zeitung 32, 1899, 490-495; - Friedrich Nippold, Das deutsche Christuslied des 19. Jh.s, 1903, 122 ff.; - Franz Dibelius, V. v. St. u. T., in: Beiträge z. sächsischen KG 22, 1908, 101-120; - Lulu von Strauß und Torney, Vom Biedermeier zur Bismarckzeit, Aus dem Leben eines Neunzigjährigen, 1932; - Dies., V. v. St. u. T., in: Niedersächsische Lb. Bd. 1, 1939, 381-393; - A Dictionary of Hymnology, Setting forth the Origin and History of Christian Hymns of all Ages and Nations, hrsg. v. John Julian, New York 1957, II, 1097 f.; - Hans Wunderlich, V. v. St. u. T. als Dichter, Politiker u. Mensch, in: Niedersächsisches Jb. f. Landesgesch. 32, 1960, 236-260; - Ders., Das Schicksal des Fürstentums Schaumburg-Lippe im Krisenjahr 1866, V. v. St. gegen Otto von Bismarck, in: Schaumburg-Lippische Mitt. 19, 1968, 19-45; - Brigitte Mields, V. v. St. u. T., Betrachtungen zu seinem Nachlaß, in: Schaumburg-Lippische Heimatbll. 13, 1962, Nr. 11; - Helge Bei der Wieden, V. v. St. u. die mecklenburgische Ritterschaft, Eine Denkschrift a. dem Jahre 1857, in: Carolinum 70, 1974/75, 52-58; - Ders., Die Begegnung Emanuel Geibels mit V. St. im Jahre 1846 in Berlin, in: Zschr. des Ver.s f. Lübeckische Gesch. u. Altertumskunde 64, 1984, 287-295; - Ulrich Bartels, Der Westfälische Schelmuffsky von 1861, Zur Schelmuffsky-Rezeption im Thienhäuder Kreis, in: Simpliciana 14, 1992, 197-209; - Wolfgang Leesch, Archivare als Dichter. In: Archivarische Zeitschrift. 78 (1993), 125-128, 176 f.; - ADB LIV, 1908, 614-616; - BJ IV, 1900, 96 ff.; - Franz Brümmer, Lexikon d. deutschen Dichter u. Prosaisten v. Beginn d. 19. Jh.s bis z. Gegenwart, VII, o. J., 115 f.; - RGG VI, 418; - Literaturlexikon, hrsg. v. Walther Killy, 11, 1991, 252 f.; - Westfälisches Autorenlexikon, hrsg. u. bearb. v. Walter Gödden u. Iris Nölle, 2, 1994, 416-420.

Helge Bei der Wieden

Letzte Änderung: 08.07.1999