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Band XX (2002) Spalte 1445-1447 Autor: Claus Coester

SYLVANUS, Erwin, deutscher Dichter und Schriftsteller * 3.10. 1917 in Soest (Westfalen), † 27.11. 1985 ebenda. Sein Werk umfasst Hörspiele, Dramen, Romane, Erzählungen, Fernsehspiele, Libretti. Er absolvierte das Abitur am Archigymnasium seiner Geburtsstadt, um anschließend in den Reichsarbeitsdienst zu treten. Soldat wurde er allerdings nie, da er unter einer Lungenkranheit litt, die ihn zeitlebens verfolgte. Sylvanus' Literatur lässt sich in zwei Schaffensperioden gliedern, deren erste in die Vorkriegs- und Kriegszeit fällt. In dieser entspricht der Autor dem Gedankengut der Zeit, ohne ihn als Nationalsozialisten bezeichnen zu können. Die Produkte dieser Phase haben keine besondere Qualität und sind mit Recht in Vergessenheit geraten. Geprägt vom Völkisch-Nationalen verherrlichen diese Werke wie 'Der ewige Krieg' (1942)das Bäuerliche, die Stärke des Mannes oder die Häuslichkeit und Fruchtbarkeit der Frau. So lässt sich Sylvanus für diese Zeit in die Reihe der Intellektuellen einordnen, die eine Zeit lang für eine gerade vorherrschende Geisteshaltung blind und taub waren und deshalb schwiegen. Nach dem Krieg begegnen wir einem sich wandelnden Schriftsteller. In der neuen politischen Situation sagt Sylvanus seiner ehemaligen Haltung ab. Die dramatische Literatur rückt in den Mittelpunkt seines Schaffens. Im 'Soester Friedensspiel' wird die radikale Kehrtwendung zum modernen, kritischen Autor deutlich. Hierin erinnert Sylvanus an die Bombardierung seiner Heimatstadt, geht aber über den regionalen Bezug hinaus, wenn er den Krieg als zeitloses menschliches Problem behandelt. Mit dem 1957 uraufgeführten Schauspiel 'Korczak und die Kinder' erlangt Sylvanus Weltruhm. Das Drama, welches mit mehr als 120 Inszenierungen und Übersetzungen in 15 Sprachen zu den meistgespielten deutschen Nachkriegsstücken zählt, erinnert an das Schicksal von 66 jüdischen Waisenkindern und ihrem Betreuer Dr. Januz Korczak. Dieser war als Leiter des Waisenhauses im Warschauer Ghetto den Kindern in die Gaskammern von Treblinka gefolgt, obwohl die SS ihm seine eigene Sicherheit garantiert hatte. In Korczak stellt Sylvanus ein Einzelschicksal dar, in der Figur des deutschen Offiziers, der den Transport in das Vernichtungslager befiehlt, einen Stellvertreter für all die ausführenden Organe einer Diktatur. Auch in den folgenden Stücken, von denen allerdings keines die Qualität und die Anerkennung wie 'Korczak und die Kinder' erreichte, entwickelt der Dichter, von Humanismus geprägt, ein politisches Engagement für eine Vermenschlichung der gesellschaftlichen Zustände. Für sein Werk verlieh ihm der Zentralrat der Juden in Deutschland 1958 den Leo-Baeck-Preis. Sylvanus fand Aufnahme in den PEN-Club und war seit 1955 Mitglied der westfälischen Schriftstellervereinigung 'Die Kogge'. Er lebte hauptsächlich in seinem Haus in Völlinghausen am Möhnesee, ansonsten gelegentlich auf der griechischen Insel Ägina, in St. Gallen oder in der Nähe von London. Von Tilly Wedekind stammt der Satz, dass in jedem Menschen viele Möglichkeiten stecken. In diesem Sinne könnte Erwin Sylvanus ein Beispiel für den sein, der die Wandlung vom Vetreter nationalsozialistischer Musterliteratur zum Autor innovativer Literatur, vom Mitläufer zum aktiven Humanisten vollzogen hat.

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Werke: 'Der ewige Krieg' (Erzählung 1942); 'Die Muschel' (Gedichtsammlung); 'Der Paradiesfahrer' (Roman 1940); 'Soester Friedensspiel' (Schauspiel 1953); 'Korczak und die Kinder' (Schauspiel 1957); 'Zwei Worte töten' (Schauspiel 1959); 'Jan Pallach' (Schauspiel 1972); 'Sanssouci' (Schauspiel 1973); 'Victor Jara' (Schauspiel 1977).

Lit.: Gödden, Walter: Korczak und die Kinder. (Aufsatz in 'Westfalenspiegel' 2/2000, 52-55); - Potthoff, Dorothea: In einem Menschen stecken viele Möglichkeiten. (in: dieselbe: Vergänglich und unsterblich zwischen Rhein und Weser. Bielefeld 1998, 172-183).

Claus Coester

Letzte Änderung: 09.04.2011