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Band X (1995)Spalten 31-36 Autor: Hans Hubert Anton

SIDONIUS APOLLINARIS - Panegyriker, Literat, Bischof. G. Sollius Apollinaris Sidonius wurde am 5. November um 431 in Lyon geboren. Er war Kind einer Familie, die zu der sozial und politisch führenden Schicht des Landes, der gallorömischen Senatorenaristokratie, gehörte. Innerhalb dieser Schicht war die Familie wieder besonders herausgehoben: der Vater und der Großvater von S. hatten die gallische Praetorianerpräfektur innegehabt. Die sorgfältige Ausbildung erfolgte in dem seit Quintilian geltenden System, in dem eine formale Schulung an brillanten Dichtern, markanten mythologischen Stoffen und hervorstechenden geschichtlichen Ereignissen besonders gepflegt wurde. Eine Unterweisung in der Bibel erfolgte wohl im privaten Umkreis der christlichen Familie. Im Alter von etwa 20 Jahren heiratete S. Papianilla, die Tochter des Avitus, des ersten Senators der Auvergne. Durch diese Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen, wurde S. Schwager von Ecdicius, der später noch eine große Rolle spielen sollte. Die Eheschließung fiel in eine Zeit, als die Römer in Gallien einen entscheidenden Kampf gegen die Hunnen unter Attila zu bestehen hatten. Ihren Erfolg verdankten sie wesentlich den Westgoten, die sich anschickten, zur politisch bestimmenden Macht in Gallien neben und vor den bald auch stärker hervortretenden Burgunden zu werden. Gerade die Bekräftigung des Bündnisses der Westgoten unter König Theoderid I. mit Rom hatte Avitus 439 vermittelt. Familiärer Hintergrund, sozialer Umkreis und Bildung bestimmten die für S. grundlegenden Werthaltungen: die betonte Bindung an Rom und seine Kultur, den Bezug zu Gallien als Großland im römischen Imperium, das - vorerst nur distanzierte - Verhältnis zum Christentum. Natürlich waren auch die neuen politischen Gegebenheiten der germanischen Reichsbildungen in seinem Gesichtskreis, sein Schwiegervater hatte ihm den Zugang zum westgotischen Hof in Toulouse eröffnet, aus den späten fünfziger Jahren stammt wohl seine höchst aufschlußreiche Porträtierung des westgotischen Königs (Ep. I,2). Doch bestimmten sich die Nähe und die - noch stärkere - Distanz zu diesen neuen Formationen nach deren Bezug zu den für ihn entscheidenden Kräften und Kategorien. Seit der Mitte der fünfziger Jahre war S. in das politische Geschehen im römischen Westen auf höchster Ebene involviert. Als die gallische Aristokratie seinen Schwiegervater Avitus am 9. Juli 455 mit Duldung der Westgoten zum Kaiser erhoben hatte, begleitete er ihn nach Rom und bereitete seinen Herrschaftsantritt vor, hielt dabei am 1. Januar 456 einen Panegyricus und wurde mit einer Bronzestatue auf dem Trajansforum geehrt. Als Avitus schon nach gut einem Jahr abgesetzt wurde und Ende 457 Majorian ihm im Kaisertum folgte, fand S. nach einigem Zögern Zugang zu dem neuen Kaiser, hielt auch auf ihn einen Panegyricus und war als comes im engsten Kreis des Herrschers. Die beiden Panegyrici, unterschiedlich in der literarischen Qualität, hatten als gemeinsames Thema die Hoffnung für das Reich durch eine Roma bellatrix. Im Alter von etwa dreißig Jahren war S. nun berühmt - unter den ersten Senatoren Galliens, unter den besten Dichtern der Zeit. Doch als mit dem Ende Kaiser Majorians im August 461 der Patricius Rikimer für ein Jahrzehnt zur beherrschenden Figur im Westen wurde, war dies für S. ein Lebenseinschnitt. Für sieben Jahre zog er sich auf das Gut seiner Frau in die Auvergne zurück. Er widmete sich hier vorwiegend der Dichtung. Zu den acht Panegyrici fügte er hier fünfzehn Epigrammata oder Nugae hinzu, die er in drei aufeinanderfolgenden Publikationen herausbrachte. An der Dichtung des Macrobius und an Plinius d.J. ausgerichtet, verband er in den Dichtungen formvorgegebene Pedanterie mit mondäner Gesinnung, das zum Preziösen strapazierte Formtalent ließ bisweilen in die Nähe der Lächerlichkeit geratende Übertreibungen entstehen (Loyen). Gleichwohl sollte der bewegende Ernst und das politische Ethos seiner Panegyrik bei dem allem nicht unbeachtet bleiben. Unterdessen setzte bei S. immer stärker die Zuwendung zur Religion ein, die bisher nur am Rande gestanden hatte. Zwar erlebte er noch eine wichtige Zwischenstufe, als er am 1. Januar 468 auf den von Konstantinopel im Westen durchgesetzten neuen Kaiser Anthemius in Rom den Panegyricus zum Herrschaftsantritt halten durfte, Präfekt der Stadt Rom wurde und schließlich mit der ihn stark belastenden Affäre seines gegen den Kaiser konspirierenden Freundes Arvandus konfrontiert war. Doch als er nun als Präfekt ehrenhalber und Patricius nach Gallien zurückkehrte, vollzog er den Bruch. Die Situation in Gallien war katastrophal. Der Westgotenkönig hatte seine Herrschaft bis an die Rhone ausgedehnt, er strebte klar zur politischen Souveränität. S. sah eine Rettung für das Römertum und seine Kultur nur mehr in dessen enger Bindung an die katholische Kirche. Er gab seine Familie, das Landleben, die Poesie auf. Nach Eintritt in den Klerus wurde er (wohl 471) zum Bischof der kirchlichen Metropole der Auvergne, Clermont-Ferrand, gewählt. Die conversio des S. hatte politische Gründe, und viele seiner Standesgenossen vertauschten weltliche Leitungsfunktionen mit kirchlichen und wurden die maßgeblichen politisch-kirchlichen Repräsentanten ihrer Regionen, als die Zentrale versagte. Doch sollte dies nicht an der Ernsthaftigkeit von S.s Schritt zweifeln lassen. Er sprach offen aus, daß nur die Kirche noch Hort und Bewahrerin des Römertums sein könne, jenes Roms, das für ihn Gesetz, Kultur und Freiheit darstellte. Er trat in Kontakt zu bedeutenden Amtsbrüdern, besonders zu dem von ihm hoch verehrten Bischof Lupus von Troyes, und nahm die bischöflichen Amtspflichten sehr ernst. Die politische Bindung an das römische Reich wie auch das katholische Bekenntnis brachten ihn in besonderen Gegensatz zu dem arianischen Westgotenkönig Eurich, der 472 die Auvergne als Restposition römischer Macht zu belagern begann. S. hatte sich schon vorher gegen politische Optionen seiner Standesgenossen wie etwa des Saronatus für Westgoten und Burgunden zu wehren gehabt. Nun wurde er zum Anführer und zur Seele des Widerstandes, unterstützt von seinem Schwager Ecdicius. Als 475 seine Stadt von Eurich genommen wurde, mußte der Bischof für ein bis zwei Jahre ins Exil. Wichtige Freunde am Hof Eurichs bewirkten seine Rückkehr. Seit der Übernahme des Bischofsamtes hatte S. sich der Abfassung von Briefen gewidmet. Von den neun Büchern veröffentlichte er einzelne nach und nach, die ersten sieben dann zusammen 477, um die beiden letzten 479 und 482 nachzufügen. Bei den Briefen handelt es sich um an Plinius d.J. und Symmachus angelehnte literarische Formungen, die mit dem aristokratischen Milieu als vorgegebener Denkhaltung zur Publikation bestimmt waren. Mag er in literarischer Hinsicht wieder sein Formtalent zu maßloser Übersteigerung gebraucht und überstrapaziert haben: er bietet uns in den Briefen eine Fundgrube zu Politik, Kultur, Religion und zu der Barbarenwelt seiner Zeit. Im Dienst an der Kirche und an der Kultur blieb er sich und Rom treu, seine tiefe Distanz zu den germanischen Völkern seines Landes blieb, nie setzte er den römischen Staat und ihre Reiche auf eine Stufe. Eine Historia, die römische und germanische Geschichte zusammengesehen hätte, zu schreiben, weigerte er sich. In einem Brief an einen römischen Regenten in einem bedrohten Reliktgebiet, an comes Arbogast in Trier, (Ep. IV,17) formulierte er wohl aus seinem Exil, daß die römische Kultur noch eine letzte Zuflucht nach dem Fall römischer Rechtspositionen darstelle. Als S. um 486 starb, wurden die Reste römischer Macht in Gallien beseitigt. Er hatte nicht wie andere Zugang zu den neuen Mächten gefunden. Eine kurzsichtige Bewertung könnte ihm dies als eine Unbeweglichkeit ankreiden, die ihn zur Politik unfähig machte und zum Repräsentanten des Untergangs bestimmte. Doch war die Unbeweglichkeit Ausfluß eines festen Charakters, und durchaus in die Zukunft wies seine Verbindung von antiker Kultur und Kirche. Durch ihn rettete die Kirche einen Teil der antiken Kultur, auch und gerade für die neuen Völker. Wenn man schon bald nach seinem Tod seine Heiligkeit proklamierte, berührte das Bereiche, die über seine integre und charakterfeste Persönlichkeit hinausführen.

Werke: Ges.ausg.: Epistulae et Carmina, ed. Christian Luetjohann MGH AA VIII, 1887 (Ndr. 1961), 1-264. - Ges.ausg. lat.-frz.: Carmina und Epistolae, 3 Bde., éd. et trad. A. Loyen, 1960/1970.

Lit.: August Engelbrecht, Beiträge zum lateinischen Lexikon aus Sidonius, in: Wiener Studien 20, 1898, 293-308; - Carl Weyman, Analecta V. Apollinaris Sidonius und die Miracula Sanctae Fidis, in: HJb 20, 1899, 55-71; - Paul Allard, Saint Sidoine Apollinaire (431-489), 1909; - Martin Schanz/Carl Hosius/Gustav Krüger, Geschichte der römischen Literatur IV, 2, 1920 (Ndr. 1971), 43-55; - Courtenay E. Stevens, Sidonius Apollinaris and his age, 1933; - Karl Åke Mossberg, Studia Sidoniana critica et semasiologica, 1934; - Hamish Rutherford, Sidonius Apollinaris, l'homme politique, l'écrivain, l'évêque. Ét. d'une figure gallo-romaine du Ve siècle, 1938; - André Loyen, Recherches historiques sur les panégyriques de Sidoine Apollinaire, 1942; - Ders., Sidoine Apollinaire et l'esprit précieux en Gaule aux derniers jours de l'empire, 1943; - Ders., Sidoine Apollinaire et les derniers éclats de la culture classique dans la Gaule occupée par les Goths, in: SSCI 3, 1955, 265-284; - Karl Friedrich Stroheker, Der senatorische Adel im spätantiken Gallien, 1948, 21970; - Robert Latouche, De la Gaule romaine à la Gaule franque. Aspects sociaux et économiques de l'évolution, in: SSCI 9, 1962, 379-409; - Salvatore Pricoco, Studi su Sidonio Apollinare, in: Nuovo Didaskaleion, 15, 1965, 71 ff.; - William H. Semple, Apollinaris Sidonius. A Gallo-Roman seigneur, in: Bulletin of the John Ryland's Library (Manchester), 1967, 136-158; - G. Chianéa, Les idées politiques de Sidoine Apollinaire, in: Revue historique de droit français et étranger, 47, 1969, 353-389; - D. R. Shackleton Bailey, Notes, Critical and Interpretative, on the Poems of Sidonius Apollinaris, in: Phoenix 30, 1976, 242-251; - Ralph W. Mathisen, Sidonius on the reign of Avitus, in: Transactions of the American Philological Association 109, 1979, 165-171; Ndr. in: Ders., Studies in the History, Literature and Society of Late Antiquity, 1991, 199-205; - Marc Reydellet, La royauté dans la littérature latine de Sidoine Apollinaire à Isidore de Séville, 1981 (47-83); - Suzanne Teillet, Des Goths à la nation gothique. Les origines de l'idée de nation en Occident du Ve au VIIe siècle, 1984 (185-206); - John Drinkwater / Hugh Elton (Hrsgg.), Fifth century Gaul. A crisis of identity?, 1992 (allgemeine und spezielle Beiträge); - Pauly-Wissowa II A, 2, 2230 ff.; - LThK IX, 735 f.; - Bibliotheca Sanctorum XI, 1025 ff.; - Dictionary of the Middle Ages XI, 277af.

Hans Hubert Anton

Literaturergänzung:

1965

Sidonius. Poems and Letters, with an English translation by William B. Anderson, finished by W.H. Semple and E.H. Warmington, 2 vols., Loeb, Cambridge, Mass., etc., 1936-1965; -

1976

Philippe Rousseau, 'In Search of Sidonius the Bishop', in: Historia 25, 1976, 356-377; -

1979

Isabella Gualandri, Furtiva lectio. Studi su Sidonio Apollinare, Milano, 1979; -

1985

Raymond van Dam, Leadership and Community in Late Antique Gaul, Berkeley etc., 1985; -

1990

Giovanni Ravenna, Le nozze di Polemio e Araneola (Sidonio Apollinare, Carmina XIV-XV). Introduzione, testo, traduzione e commento, Bologna, 1990; -

1992

John Drinkwater and Hugh Elton (ed.), Fifth-Century Gaul: a Crisis of Identity?, Cambridge, 1992; -

1993

Norbert Delhey, Carmen 22: Einleitung, Text, Kommentar, Berlin etc., 1993; -

1994

Jill Harries, Sidonius Apollinaris and the Fall of Rome AD 407-485, Oxford, 1994; - María Concepción Fernández López, Sidonio Apolinar, humanista de la antigüedad tardía: su correspondencia, Murcia, 1994; -

1995

Frank-Michael Kaufmann, Studien zu Sidonius Apollinaris, Frankfurt am Main, 1995; - Helga Köhler, C. Sollius Apollinaris Sidonius Briefe Buch I: Einleitung, Text, Übersetzung, Kommentar, Heidelberg 1995; -

1996

Stanislao Tamburri, Sidonio Apollinare: l'uomo e il letterato, Napoli, 1996; -

1997

John Percival, 'Desperately Seeking Sidonius. The Realities of Life in Fifth-Century Gaul', in: Latomus 56, 1997, 279-292; -

2000

Marc-Aeilko Aris, Fragment e. S.-Hs. (Marburg, Hess. Staatsarchiv Hr 4,15), in: AmrhKG 52.2000, S. 391-399; -

2001

David Amherdt, Sidoine Apollinaire, Le quatrième livre de la correspondance: introduction et commentaire, Bern etc., 2001; -

2002

Stefania Santelia, Sidonio Apollinare. Carme 24 Propempticon ad libellum: introduzione, traduzione e commento, Bari, 2002; - Klaus u. Michaela Zelzer, "Retractationes" zu Brief u. Briefgenos bei Plinius, Ambrosius u. Sidonius Apollinaris, in: Alvarium. Münster 2002, S. 393-405; -

2003

Silvia Condorelli, 'Prospettive Sidoniane. Venti anni di studi su Sidonio Apollinare (1982-2002)', in: Bollettino di studi latini, vol. 33, 1 (2003), 140-174.

Letzte Änderung: 16.11.2008