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Band XXIII (2004) Spalten 1380-1382 Autor: Ursula Rumpler

SIEBEL, Jakob Gustav, führendes Mitglied der Laienbewegung des reformierten Pietismus, Schriftleiter von "Der Evangelist aus dem Siegerland", Lederfabrikant, * 1830 i. Freudenberg/Westfalen, † 14.1. 1894 Freudenberg. Sohn des Rotgerbermeisters und Kirchenältesten Johann Heinrich Siebel aus Freudenberg, (ein Bruder des Gründers der Erweckungsgesellschaft, Tillmann Siebel) und der Anna Margaretha Kreutz aus Niederschelden, welche früh verstarb. Jakob Siebels Stiefmutter, Maria Clara Stahlschmidt, war die Cousine (2. Grad) des bekannten Tersteegianers Johann Christian Stahlschmidt (1740-1826). Sie erzog den Jungen zu großer Frömmigkeit und hatte ein inniges Verhältnis zu ihm. Neben der Volksschule bekam Siebel Privatunterricht und später eine Ausbildung zum Kaufmann in einer Lederfabrik. - Schon als 19jähriger war er für seinen Vater oft geschäftlich unterwegs, vor allem ins Oberbergische und ins Wupppertal. 1849 hörte er gemeinsam mit seinem Onkel Tillmann Siebel in der reformierten Kirche zu Elberfeld eine Predigt des Bußpredigers Pastor Künzel über den Psalm 39,6 "Siehe meine Tage sind eine Handbreit bei Dir, und mein Leben ist wie nichts von Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! (Sela)", welche einen so starken Eindruck hinterließ, daß er sich sofort der Glaubensgemeinschaft seines Onkels anschloß. Im gleichen Jahr entstand in Freudenberg ein "Kreis um die Bibel", der regelmäßig zusammenkam und sich seit 1878 "Der Alte Jünglingsverein" nannte, um sich von einem neu gegründeten Kreis, dem "Jünglingsverein neuerer Art" abzugrenzen. Der "Alte Jünglingsverein" wird als erster "Männer- und Jünglingsverein" im Siegerland betrachtet und scheint sehr großen Einfluß auf Jakob Siebel gehabt zu haben. Er studierte nicht nur gründlich die Schriften des Alten Testaments, sondern beschäftigte sich intensiv mit der Kirchengeschichte, insbesondere der Rheinisch-Westfälischen. Er kannte die Predigten Hofackers und Max Göbels und befaßte sich mit den Schriften Krummachers, Adolph Lampes, den reformierten Vätern. Besondere Faszination übte die Persönlichkeit Calvins auf ihn aus, mit der er sich gründlich auseinandersetzte. Zu seinem Freundeskreis zählten u.a. Tersteegen und Kohlbrügge. - Siebel wurde bald die rechte Hand seines Onkels Tillmann Siebel im Verein für Reisepredigt. Es waren bewegte Zeiten, standen doch die Auffassungen der Vertreter der Staatskirche denen der bestehenden oder gerade entstehenden freikirchlichen Versammlungen gegenüber. Siebel zeigte hier schnell Führungsqualitäten, die auch notwendig waren, um den Verein für Reisepredigt, dessen Leitung er von Tillmann Siebel 1875 übernommen hatte, durch die stürmischen Zeiten zu steuern. Als 1880 der "Westdeutsche Zweig der Evangelischen Allianz" gegründet wurde, zählte er bald zu den neuen Vorstandsmitgliedern. Besonders hervorzuheben ist Siebels Einfluß auf die Gründung des "Deutschen Verbandes für Gemeinschaftspflege und Evangelisation", kurz "Gnadauer Verband" genannt (heute ev. Gnadauer Gemeinschaftsverband), der die innerkirchlichen Gemeinschaftsverbände Deutschlands umfaßte. 1886 wurden im Hause Siebel erste Vorgespräche zwischen ihm und dem späteren Gründer des Gnadauer Verbandes, Baron Jasper von Oertzen aus Hamburg, geführt. Im Zuge dieses Gedankenaustausches kam es schon im Jahre 1888 zur ersten sogenannten Pfingstkonferenz der Gemeinschaftsbewegung in Gnadau, einem Ort mit einer Herrnhuter Siedlung in der Nähe von Magdeburg. Weitere Initiatoren dieser Konferenz waren neben von Oertzen, Professor D. Theodor Christlieb und Elias Schrenk. In der zweiten Konferenz von Gnadau 1889 hielt Siebel ein Referat über "Die Gemeinschaftspflege auf dem Lande", welche auch im Druck erschien. Jakob Siebel blieb vom Tag der Gründung des Gnadauer Verbandes im Jahre 1888 bis zu seinem Tod 1894 aktiv im Vorstand tätig. Seine unermüdliche Tatkraft, sein nüchterner Verstand und die unbestreitbaren Führungsqualitäten veranlaßten seine Gegner jedoch, ihm spöttisch den Titel "Siegerländer Bischof" zu geben. Ein schweres Nierenleiden führte letztlich zum Tod. Jakob Gustav Siebel starb am 14.1. 1894 in Freudenberg. In einem Nachruf schrieb Elias Schrenk "Jakob Gustav Siebel war auf unseren Konferenzen eines Hauptes länger, als die meisten Brüder durch seine Weisheit, seinen Geistes- und Reichsblick". Das Lebenswerk Jakob Gustav Siebels wurde durch seine Familie fortgesetzt: Friedrich Albert Siebel, ein Bruder Siebels, übernahm nach dessen Tod vorläufig die Nachfolge als Präses des Vereins für Reisepredigt. Von den vier hinterlassenen Söhnen Jakob Siebels übernahm 1903 Jakob Gustav Siebel (1861-1942) das Amt des Präses für Reisepredigt, während dessen Bruder, Walter Alfred Siebel (1867-1941) vorläufig als Kreispräses zwischen 1908-1939 die Jünglingsvereine leitete. Walter Siebel wurde später durch seine Stellung als Schriftführer des Vereins für Reisepredigt, Vertreter der Siegerländer Gemeinschaften im Gnadauer Vorstand und in der westdeutschen Evangelischen Allianz sowie als Mitglied des Presbyteriums, der Synode und Provinzialsynode des Kirchensenates weithin in christlichen Kreisen Deutschlands bekannt.

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Werke: Die Gemeinschaftspflege auf dem Lande, Referat erstattet auf der zweiten Pfingst-Konferenz in Gnadau, Kassel 1890.

Lit.: H. Severing: Die christlichen Versammlungen des Siegerlandes, 1881; - Walter Alfred Siebel: Vierzig Jahre Gnadauer Konferenz, 1888-1928, Bethel 1928; - ders: Tillmann Siebel, der Vater des christl. Lebens im Siegerland, Wuppertal-Barmen, 1947; - Friedrich-Wilhelm Krummacher: Gottfried Daniel Krummacher und die niederrheinische Erweckungsbewegung zu Anfang des 19. Jahrhunderts, Berlin 1935; - Heinrich Schlosser, Wilhelm Neuser: Die Evangelische Kirche in Nassau-Oranien, Siegen 1931, 224 ff., 390-399; - Wilhelm Busch: Die von Herzen Dir nachwandeln, Berlin 19382; - Jakob Schmitt: Aus der Geschichte der Erweckungs- und Gemeinschaftsbewegung i. Freudenberg, in: W. Güthling "Freudenberg in Vergangenheit und Gegenwart" Freudenberg 1956, 154-157,- Jacob Schmitt: Die Gnade bricht durch, in: "Aus d. Geschichte d. Erweckungsbewegung im Siegerland in Wittgenstein u. den angrenzenden Gebieten, Gießen 19583, 342-258; - NDB, Bd. 10, Berlin 1953-2003, 51.

Ursula Rumpler

Letzte Änderung: 09.04.2011