SIMON von Cramaud, Jurist, Diplomat, Kirchenpolitiker, Kardinal, * um 1345, Cramaud südl. von Rochechouart in der Diözese Limoges, † 19.1. 1423 (so Kaminsky, nicht 14.12. 1422), Poitiers. - S., Sohn von Pierre de Cramaud und Marthe de Sardène, studierte in Orléans, dann in Paris Rechtswissenschaft und errang sich später hohes Ansehen als Kanonist (Fachmann für kanonisches Recht). 1382 wurde er Bischof von Agen, wechselte 1383 nach Béziers, 1385 nach Poitiers. 1390 wurde er nach Sens berufen, folgte dem Ruf aber nicht. 1391 wurde er Titularpatriarch von Alexandria und Administrator der Diözese Avignon. Seiner Berufung als Erzbischof von Reims 1409 durch Alexander V. folgte 1413 durch Johannes XXIII. die Ernennung zum Kardinal als Titularbischof von S. Lorenzo in Lucina, er blieb aber bis zu seinem Tod Administrator der Diözese Poitiers. Während des Großen Abendländischen Schismas, das seit 1378 die lateinische Kirche spaltete, gehörte er zu den prägenden Gestalten. Er machte sich stark für den in Avignon residierenden, mit dem französischen Königshaus verwandten Klemens VII., war aber ein entschiedener Gegner seines 1394 in Avignon gewählten Nachfolgers Benedikt XIII., den er in diplomatischen Missionen und auf mehreren Synoden in Paris (1395, 1398, 1406) befehdete, vor allem auf der Pariser Synode von 1398, auf der der Gehorsamsentzug, den er ein Jahr zuvor in seinem Traktat De substraccione obediencie begründet hatte, und damit der Entzug der Einkünfte des mißliebigen Papstes beschlossen wurde. Dieser Entscheid war maßgebend für die Stärkung der Rechte von Ortsbischöfen, Synoden, Kapiteln und Klöstern, führte aber letztlich dazu, daß Königshof und Fürsten zunehmend Einfluß auf die Kirchen des Landes ausübten, eine wichtige Etappe für die Ausformung des Gallikanismus, als dessen Vorläufer S. gilt, mit dem die alten Vorrechte der französischen Kirche gegenüber den Machtansprüchen der römischen Kurie verteidigt wurden. Auch in seinen (weitgehend unpublizierten) Schriften setzte sich S. dafür ein, die bislang monarchisch-papal ausgerichtete Verfassung der Kirche stärker zu dezentralisieren und im Sinne eines "Konziliarismus" dem allgemeinen Konzil als höchster Repräsentanz der Christenheit die Superiorität gegenüber dem Papst und erst recht gegenüber streitenden Prätendenten im Falle eines Schismas zuzuerkennen. Als Vorsitzender des Konzils von Pisa 1409 beantragte S. die Absetzung des in Rom gewählten Gregor XII. und Benedikts XIII., erreichte sie auch am 5.6. 1409 nach Feststellung des Tatbestands der Häresie wegen notorischen Verharrens im Schisma und erwirkte am 26.6. 1409 die Wahl Alexanders V., was aber die bisherigen Päpste, die nicht in Pisa erschienen waren, nicht zur Abdankung bewog und über mehrere Jahre hin einen dreifachen Pontifikat bestehen ließ, bis das Konzil von Konstanz das Schisma beseitigte, Gregor XII. zur Abdankung zwang und Johannes XXIII., den Nachfolger des bald (3.5. 1410) verstorbenen Alexander V., und Benedikt XIII. etappenweise absetzte (1415-1417) und Odo Colonna als Martin V. am 11.11. 1417 auf den Papstthron erhob, dies unter Mitwirkung von 30 Landesvertretern aus Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien und England, Prälaten verschiedensten Ranges und sogar gelehrten Laien. Die Beschlüsse des Konzils von Konstanz zum Wahlprozedere von Päpsten, das nationale Mitsprache zuließ, sind weitgehend geprägt von S.
Werke: H. Kaminsky (Hrsg.), Simon de Cramaud, De substraccione obediencie (Medieval Academy Books 92), Cambridge (Mass.) 1984; mit Werkverzeichnis S. 233-238.
Lit.: Ch.-A. Auber, Recherches sur la vie de Simon de Cramaud, cardinal, évêque de Poitiers, Poitiers 1841; - H. Kaminsky, Simon de Cramaud and the great schism, New Brunswick (NJ) 1983. - H. Millet / E. Poulle, Le vote de la soustraction d'obédience en 1398, Bd. 1, Paris 1988; - H. Millet, Les Français du royaume au concile de Pise (1409), in: Crises et réformes dans l'église: de la Réforme grégorienne à la Préréforme, Actes Avignon 1990, Paris 1991, 259-285; - LThK3 IX, 601 (D. Girgensohn); - LThK3 VIII, 315f (Art. Pisa: D. Girgensohn); - TRE 26, 646-649 (Art. Pisa, Konzil von: D. Girgensohn, mit Bibliographie).