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Band X (1995)Spalten 1021-1024 Autor: Detlef Klahr

SPITTA, Carl Johann Philipp, Theologe und Dichter geistlicher Lieder, * 1.8. 1801 in Hannover, + 28.9. 1859 in Burgdorf. - S.s Familie stammt aus französischem Hugenottengeschlecht. Sein Vater, Lebrecht Wilhelm Gottfried, war in Hannover als Buchhalter und Sprachlehrer tätig, seine Mutter, Henriette Charlotte, geb. Fromme, war jüdischer Herkunft und trug bis zur Taufe den Namen Rebecca Lehsern. S., der wegen Krankheit das Gymnasium frühzeitig verlassen mußte, wurde zunächst in eine Uhrmacherlehre gegeben. 1818 ertrank S.s jüngster Bruder, der Theologie studieren sollte. S. durfte die ungeliebte Uhrmacherlehre abbrechen und sich nun seinerseits auf ein Studium der Theologie vorbereiten. 1821-1824 studierte er in Göttingen Theologie und vertiefte seine Neigungen zur Dichtung. Er fand Anschluß an eine Burschenschaft und tauschte sich im poetischen Freundeskreis, dem auch Heinrich Heine angehörte, über die vom romantischen Zeitgeist beeinflußten Dichtungen aus. 1824 erschien sein »Sangesbüchlein der Liebe für Handwerksburschen«. Die in Göttingen vorherrschende Theologie, vom Rationalismus bzw. Supranaturalismus geprägt, entsprach seinem Wesen nicht. Ihm lag an einem Gottesglauben, der seinen Ausdruck im Gefühl und im Herzen fand. Die Lektüre der Schriften von de Wette und Tholuck leiteten bei S. einen inneren Wandlungsprozeß ein. Nach bestandenem 1. Examen war er als Hauslehrer in Lüne bei Lüneburg (1824-1828) tätig. Hier widmete er sich einem gründlichen Bibelstudium und der Lektüre der Werke Luthers. Die Mehrzahl seiner Lieddichtungen sind in dieser Zeit entstanden. Ab 1828 war S. als Hilfsgeistlicher tätig, zunächst bis 1830 in Sudwalde, dann in Hameln als Gefängnisseelsorger und Garnisonprediger. Zu Ostern 1833 erschien der erste Teil von »Psalter und Harfe« mit 61 geistlichen Liedern. S. gab Anregungen zur Gründung eines Missions-Hülfsvereins und arbeitete als Sekretär für den »Christlichen Verein im nördlichen Deutschland«, für den er 1836 und 1839 »Biblische Andachten« herausgab. Seine erweckliche Seelsorgearbeit führte in Hameln zu Anfeindungen und Verdächtigungen von seiten rationalistisch geprägter Pastoren, die letztlich zu seiner Versetzung führten. 1836 heiratete er Johanna Maria Hotzen; aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor. Bekannt wurden vor allem Friedrich S. (1852 - 1924), Neutestamentler und Praktischer Theologe und Philipp S. (1841 - 1894), Musikwissenschaftler und Bachbiograph. 1836 wurde ihm eine Pfarrstelle in Wechold übertragen. Auch hier initiierte S. Vereinsgründungen. Berufungen nach Barmen und Elberfeld in den Jahren 1844/46 lehnte S. aus Unbehagen am preußischen Unionsbestreben ab. 1843 erschien der 2. Band von »Psalter und Harfe«; es folgten über Jahrzehnte jährlich Neuauflagen beider Bände. S. verließ Wechold 1847, um in Wittingen als Superintendent tätig zu werden und wechselte von dort bereits 1853 in die Superintendentur nach Peine. 1855 wurde ihm von der theologischen Fakultät zu Göttingen in Anerkennung seines vorbildlichen pastoralen Lebens und Wirkens die Ehrendoktorwürde verliehen. 1859 kam S. als Superintendent nach Burgdorf, wo er allerdings nach vierteljähriger Wirkungszeit infolge kurzer Krankheit verstarb. S. gilt als Vertreter der Erweckungsbewegung in Niedersachsen. Er wurde vor allem durch seine geistlichen Lieder als Dichter des evangelischen Kirchenliedes auch weit über seinen pastoralen Wirkungskreis hinaus bekannt.

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Werke: Carl Johann Philipp Spitta (anonym), Sangbüchlein der Liebe für Handwerksleute, Göttingen 1824; Psalter und Harfe. Eine Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung, Pirna 1833; Psalter und Harfe. Zweite Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung, Leipzig 1843. Danach fast jährlich Neuauflagen beider Bände bis 1890; Psalter und Harfe, Sammlung christlicher Lieder zur häuslichen Erbauung, neu hrsg. von Hans-Christian Drömann, (Niedersächsische Bibliothek Geistlicher Texte, Bd.1), Hannover 1991; (anonym) Biblische Andachten, hrsg. von dem christlichen Vereine im nördlichen Deutschland, Halle 1836 und II. Bd. Halle 1839; Die vornehmsten Beziehungen der Seelsorge, in: VTK 1 (1845), 43-58; Die wesentlichen Bedingungen des Bestandes und Lebens einer kirchlichen Gemeinschaft, Hannover 1849; Die letzten Predigten in der Gemeine, Hannover 21849; Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht thue? Predigt am Sonntage nach dem 8. Juni 1852, Hannover 1852; Des scheidenden Predigers letzte Predigt, Peine 1853. - Adolf Peters (Hrsg.), Carl Johann Philipp Spitta Nachgelassene geistliche Lieder, Leipzig 1861. - Adolf Hermann Peters (Hrsg.), Philipp Spitta, Lieder aus der Jugendzeit, Leipzig 1898.

Lit.: Nathanael Bonwetsch: Zur religiösen Erweckung in der Hannoverschen Kirche des neunzehnten Jahrhunderts. Nach Briefen an den Legationsrat Freiherr August von Arnswaldt, ZGNKG 28 (1923), 38-85; - Hansjörg Bräumer, August von Arnswaldt, 1798-1855. Ein Beitrag zur Geschichte der Erweckungsbewegung und des Neuluthertums in Hannover (SKGNS 20) Göttingen 1971, 80-88; - Hans Dannenbaum, Sie werden leuchten wie die Sterne. Männer der Erweckungsbewegung in Niedersachsen: Spitta, Petri, Harms, Berlin (1938), 27-56; - Jürgen Heidrich, Untersuchungen zum geistlichen Lied der Erweckungsbewegung, Diss. theol., Mainz 1962; - Eduard Emil Koch: Geschichte des Kirchenliedes, Bd. 7, Stuttgart 1872, 232-247; - Konrad K. Münkel, Karl Johann Philipp Spitta. Ein Lebensbild, Leipzig 1861, 2. Aufl. neu hrsg. v. Otto Mejer, Bremen 1892; - Wilhelm Nelle, Zum Gedächtnis Philipp Spittas, in: MGKK VI. (1901), 249-260 u. 418-422; - Ders., Artikel zu Karl Johann Philipp Spitta, in: RE 18 (31906), 666-670; - Martin Schmidt, Rationalismus und Erweckungsbewegung am Beispiel der Kirchengemeinde Hameln, JGNKG 63 (1965), 280-308; - Ludwig Spitta, Carl Johann Philipp Spitta, Psalter und Harfe. Mit einer Einleitung (Bibliothek theologischer Klassiker Bd. 25) Gotha 1890, I-CXXXVI.

Detlef Klahr

Werkeergänzung:

2008

Briefe an seine Braut. (1836-1837). Aus Anlaß d. 150. Todestages d. Dichters. Hrsg. von Walter Schmithals. Göttingen 2008.

Literaturergänzung:

2009

Detlef Klahr, Glaubensheiterkeit. C.J.P.S. (1801-1859). Theologe u. Dichter d. Erweckung. Göttingen 2009.

Letzte Änderung: 09.04.2011