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Verlag Traugott Bautz
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THEODOR VON CANTERBURY, siebter Erzbischof von Canterbury (668-690), geboren ca. 602 in Tarsos/Kilikien, gestorben 19.9. 690; liturgischer Gedenktag: 19.9. - Über Theodors Leben vor der Erhebung auf den erzbischöflichen Thron von Canterbury ist kaum etwas Sicheres zu ermitteln. Fest steht nur, daß er wie der Apostel Paulus aus Tarsos, der Hauptstadt der spätantiken Provinz Cilicia I, stammte. Wann und über welche Stationen Th. nach Rom gelangte, und ob er bereits vor den Persern, die Kilikien um 613 eroberten, oder erst vor den Arabern, die wahrscheinlich 637 erstmals vor Tarsos auftauchten, floh, ist unbekannt. Obwohl Papst Zacharias (741-752) in einem Brief an Bonifatius zu berichten weiß, Theodor habe seine Bildung in Athen erhalten, erscheint das angesichts der geringen Bedeutung der Stadt im 7. Jh. als eher unwahrscheinlich. Für weit plausibler halte ich Chadwicks Vermutung, daß Th. sich bereits zur Zeit der Lateransynode (5.-31.10.649), die in entscheidender Weise von einer Gruppe emigrierter byzantinischer Mönche unter der Führung des Maximus Confessor gelenkt wurde, in Rom aufhielt, und daß er vor seiner Erhebung auf den Thron von Canterbury zu den Mönchen des kilikischen Klosters von Aquae Salviae gehörte. - Als Wigard oder Bigard, der vom König von Kent zum Nachfolger des 664 verstorbenen Erzbischofes Deusdedit bestimmt worden war, noch vor der Weihe in Rom im Zuge einer Seuche verstarb, wollte Papst Vitalian (657-672) zunächst den in Afrika geborenen Abt Hadrian von Niridanum zum Erzbischof weihen, doch dieser schlug seinerseits den Papst Th. für dieses Amt vor. Am Sonntag, den 26.3.668, empfing Th. die Weihe und reiste bereits am nächsten Tag nach England ab, das er aber erst im folgenden Jahr in Begleitung Hadrians von Niridanum und Benedikt Biscops erreichte. Hadrians Aufgabe bestand nach Aussage des Beda Venerabilis hauptsächlich darin, zu verhindern, daß der neugeweihte Erzbischof »griechische Bräuche«, die als mit dem Glauben der römischen Kirche unvereinbar angesehen wurden, in England einführen könnte (Beda Venerabilis, Historia Ecclesiastica IV, 1: .. ne quid ille contrarium veritati fidei Graecorum more in ecclesiam cui praesset introduceret). - Zu Schiff reisten Th. und Hadrian nach Marseille. In Arles wurden sie von Erzbischof Johannes festgehalten, bis der fränkische Hausmeier Ebroin ihre Weiterreise genehmigte. Diese Verzögerungen zwangen Th. und Hadrian den Winter 668/669 noch in Gallien zu verbringen, wo Th. Bischof Agilbert von Paris besuchte. Nach seinem Eintreffen in England am 27.5.669 unternahm Th. sofort eine Visitation seiner Erzdiözese, setzte überall die römische Feier des Osterfestes durch und versorgte die meist verwaisten Diözesen mit Bischöfen. Da Zweifel an der Gültigkeit der Bischofsweihe des Iren Chad bestanden, reordinierte ihn Th. und setzte ihn in Lichtfield als Bischof von Mercia ein. Putta wurde zum Bischof von Rochester geweiht. Angesichts der politischen Zersplitterung der Insel verschaffte diese durchgreifende Neustrukturierung der kirchlichen Organisation dem Erzbischof von Canterbury überragenden Einfluß, der sich auch politisch erfolgreich in die Wagschaale werden ließ. So gelang es Th. 679 die Könige Aethelred von Mercia und Ecgfrith von Northumbria miteinander zu versöhnen und einen blutigen Krieg zu beenden, der nach dem Tode Aelfwines, des Bruders von Ecgfrith, in einer Schlacht am Trent zu eskalieren drohte. - Am 24. September 673 versammelten sich unter Th.'s Vorsitz die Bischöfe Bisi von Ostanglia, Putta von Rochester, Leutherius von Ostsaxonien und Winfrith von Mercia zur Synode von Hertford. Wilfrid von York und Northumbria ließ sich durch Gesandte vertreten (Beda, Historia ecclesiastica IV, 5). Th. legte den Synodalen zehn Sätze (capitula), die er aus den von Dionysius Exiguus in der 1. Hälfte des 6. Jh. übersetzten Kanones der vierten ökumenischen Synode von Chalkedon exzerpiert hatte, zur Annahme vor. In diesen capitula wurde zunächst ein verbindliches Osterdatum festgelegt. Die Bischöfe mußten sich verpflichten, sich nicht in die Angelegenheiten anderer Diözesen einzumischen und nicht in die Klöster in ihrem Besitz zu beeinträchtigen. Mönche und Geistliche sollten zur stabilitas angehalten werden. Kein Bischof durfte Geistliche aus einer anderen Diözese ohne Zustimmung und Empfehlungsschreiben des primär zuständigen Bischofs aufnehmen. Ferner wurde festgelegt, sich am ersten August eines jeden Jahres in Clofaeshoh zu einer Synode zu versammeln. Die Rangfolge der Bischöfe sollte vom Datum ihrer Weihe abhängen, d.h. die Bischöfe mit langer Amtszeit sollten vor den erst vor kurzer Zeit geweihten den Vorrang besitzen. Abschließend wurden strenge Bestimmungen zur Durchsetzung christlicher Ehevorstellungen (Einschränkung der Ehescheidung) erlassen. - In den nächsten Jahren setzte Th. seine Reorganisationspolitik entschlossen fort. Nach dem Tode Bischof Bisis von Ostanglien teilte er diese Diözese und setzte dort Aecci und Baduwine als Bischöfe ein. Winfrith von Mercia setzte er wegen Ungehorsam ab und weihte Seaxwulf zum Nachfolger. Für das Königreich der Ostsachsen inthronisierte er Eorcenwolf als Bischof von London. Dort weihte er später Haedde zum Bischof der Westsachsen. Als König Aethelred von Mercia 676 Rochester zerstörte und Bischof Putta von dort vertrieb, bemühte sich Th. um eine Konsolidierung des Bistums und beauftragte zunächst Cwichelm und nach dessen Resignation Gefmund mit der Verwaltung der verarmten Diözese. Die Vertreibung des mächtigen Bischofs Wilfrid aus York (678) durch König Ecgfrith von Northumbria nutzte Th., um auch diese bis dahin fast ganz Nordengland und Südschottland umfassende Diözese aufzuteilen. In enger Kooperation mit König Ecgfrith bildete Th. zunächst drei neue Diözesen und ernannte Bosa zum Bischof von York, Eata zum Bischof von Lindisfarne und Eadhaed zum Bischof von Lindsey. 681 wurden auf dem Gebiet von Wilfrids zerschlagener Diözese noch die Bistümer von Hexham und Abercorn eingerichtet. Letztere diente vor allem der Mission der Picten, mußte aber bereits 685 wieder aufgegeben werden, als die angelsächsische Herrschaft im südlichen Schottland nach der Niederlage des northumbrischen Heeres im Hochland und dem Tode Königs Ecgfriths (20.5.685) zusammenbrach. Wilfrid war freilich nicht bereit, dieses Vorgehen Th.'s kampflos hinzunehmen. Im Winter 678/679 reiste er über Friesland nach Rom und appellierte an Papst Agathon (678-681). Im Oktober 679 beschäftigte sich eine römische Synode unter Führung des Papstes mit Wilfrids Fall und verfügte, Wilfrid solle wieder in sein Bistum eingesetzt, die in seiner Abwesenheit von Th. geweihten Bischöfe vertrieben und durch andere, mit Wilfrids Zustimmung gewählte ersetzt werden. Diese römische Synode setzte auch die Zahl der Diözessen Britanniens auf zwölf fest. Sie vermied aber dadurch eine Konfrontation mit Th., daß sie grundsätzlich die Aufteilung der Diözese York akzeptierte und nur die gewaltsame Vertreibung Wilfrids und die Einsetzung von Bischöfen ohne Zustimmung Wilfrids mißbilligte. Wilfrid nahm auch an der großen römischen Synode vom 27.3.680 teil, die im Vorfeld des von Konstantin IV. (668-685) nach Konstantinopel einberufenen sechsten ökumenischen Konzils eine antimonotheletische Einheitsfront der abendländischen Kirche unter Führung Roms organisieren sollte. - Am 17.9.680 versammelte Th. die Synode von Hatfield oder Heathfield, auf der die Beschlüsse der fünf ersten ökumenischen Konzilien und der Lateran-Synode unter Papst Martin I. (Oktober 649) von der Kirche Englands feierlich rezipiert wurden. Ausdrücklich bekannten sich die Synodalen zum Ausgang des Heiligen Geistes vom Vater und vom Sohn (Filioque), was auffällig ist, da diese Lehre zwar schon von Aaugustinus vertreten, im Osten aber meistens abgelehnt wurde. Chadwick vermutet, daß Th. das Filioque auch persönlich vertrat, weil es im 7. Jh. vor allem von den Anhängern des Monotheletismus bekämpft wurde. An dieser Synode nahmen der archicantator der römischen Kirche und Abt des Klosters St. Martin in Rom, Johannes, und Abt Benedikt Biscop von Wear als Legaten des Papstes teil. Johannes nutzte seinen Aufenthalt in England auch zurr Verbreitung des römischen Kirchengesangs. - 684 reiste Th. trotz seines hohen Alters noch einmal nach Northumbria und versammelte eine Synode in Twyford am Alne, auf der der Einsiedler Cuthbert zum Bischof von Hexham gewählt wurde. Zuvor hatte Th. den dortigen Bischof Tunberth abgesetzt. Die Weihe Cuthberts nahm Th. zusammen mit sieben Bischöfen an Ostern 685 in York vor, doch erhielt dieser statt Hexham die ihm vertrautere Diözese Lindisfarne. Im selben Jahr versöhnte sich Th. in London mit Wilfrid, der erst jetzt nach dem Tode seines Hauptgegners Ecgfrith von Northumbria in seine freilich verkleinerte Diözese York zurückkehren konnte. - Größte Bedeutung kommt Th.'s Wirken als Lehrer an der Schule von Canterbury zu. Dort unterrichtete er zusammen mit Hadrian nicht nur in der Auslegung der Hl. Schrift, sondern vermittelte auch astronomische, juristische, mathematische und metrische Kenntnisse. In Bedas Schriften, in einer Würzburger Handschrift aus dem 9. Jh. und in einer Mailänder Sammlung von Glossen zur Bibel, die aus dem 11. Jh. stammt, konnte Bernhard Bischoff Exegesen Th.'s zum Pentateuch und zu den beiden ersten Evangelien entdecken, die zeigen, daß Th. mehr der am Wortsinn orientierten Auslegungsmethode seines heimatlichen Patriarchates als der etwa von Gregor dem Großen bevorzugten Allegorese Alexandriens folgte und sich fast ausschließlich auf östliche Kirchenväter stützte (vor allem Johannes Chrysostomos, Epiphanios von Salamis, Gregor von Nazianz und Ephrem). Auch Moraltheologie scheint ein Gegenstand von Th.'s Lehrprogramm gewesen zu sein. Wieviel von den ihm zugeschriebenen kirchenrechtlichen Arbeiten, besonders von dem Poenitentiale, wirklich von ihm stammt, bzw. von ihm beeinflußt wurde, läßt sich kaum noch klären. Nach seinem Tode (19.9.690) wurde Th. wie seine Vorgänger in der Kirche des Hl. Petrus begraben. Beda Venerabilis rühmt sein Pontifikat als Zeitalter eines großen geistigen Aufstieges der englischen Kirche.
Quellen:/Werke: Die mit Th.'s Namen verbundenen kirchenrechtlichen Arbeiten findet man bei Arthur West Haddan and William Stubbs (Hrsg.): Councils and Ecclesiastical Documents Relating to Greaat Britain and Ireland III, 1964, 114-213, darin 173-213 das in zwei Bücher gegliederte Poenitentiale und siebzehn Capitula Theodori. Literarische Hauptquelle für Theodors Vita und Pontifikat ist Beda der Ehrwürdige, Kirchengeschichte des Englischen Volkes, übersetzt von Günter Spitzbart II, Texte zur Forschung 34.2, 1982, 312-453 (IV, 1-V,8).
Lit.: H.J. Schmitz, Das sog. Theodorische Bußbuch in der Hamilton'schen Handschriftensammlung, in: AkathKR 54, 1885, 381-411; - Wilhelm Levison, Die Akten der römischen Synode von 679, in: ZSavRGkan 2, 1912, 249-282 und 19, 1930, 672-674; - F. Liebermann, Zur Herstellung der Canones Theodori Cantauriensis, in: ZSavRGkan 12, 1922, 387-409; - A.S. Cook, Theodore of Tarsus and Gislenus of Athens, in: Philological Quarterly 2, 1923, 1-25; - Paul Willem Finsterwalder, Untersuchungen zu den Bußbüchern des 7., 8. und 9. Jh. I: Die Canones Theodori Cantuariensis und ihre Überlieferungsformen, 1929; - Wilhelm Levison, Rezension Finsterwalder/Bußbücher, in: ZSavRGkan 19, 1930, 699-707; - G. Le Bras, Iudicia Theodori, in: Revue de l'histoire de droit, 4. série, 10, 1931, 95-115; - Caspar II, 682-683 und 689; - T. McNeill und H. M. Gamer, Medieval Handbooks of Penance, New York 1938, 179-182; - Bernhard Bischoff, Wendepunkte in der Geschichte der lateinischen Exegese im Frühmittelalter, in: SE 6, 1954, 189-279 (auch in: ders., Mittelalterliche Studien I, 1966, 205-273, darin 205-209); - A. Saltman, Archbishop Theodore of Canterbury, London 1956; - J.M. Wallace-Hadrill, Rome and the Early English Church: Some Questions of Transmission, in: Le chiese nei regni delel'Europa Occidentale e i loro rapporti con Roma sino all' 800 II, Spoleto 7-13 aprile 1959, Settimane di Studio del Centro Italiano di Studi sull'Alto Medioevo VII.2, 1960, 519-548, darin 538-542; - Plöchl I, 156, 393, 442-443; - Margaret Deanesly, The Pre-Conquest Church in England, 1961, 104-159; - John Godfrey, the Church in Anglo-Saxon England, 1962, 127-149; - Frank M. Stenton, Anglo-Saxon England, Oxford History of England 2, 19713 (Reg.); - Feine, RGG I, 19725, 122 Anm. 4 und 151; - H. Mayr-Harting, The Coming of Christianity to Anglo-Saxon England, 1972; - M. Gibbs, The decrees of Agatho and the Gregorian plan for York, in: Speculum 48, 1973, 213-246; - Robert E. Rodes, Ecclesiastical Administration in Medieval England. The Anglo-Saxons to the Reformation, Notre Dame/Indiana u. London 1977, 5-14, 75, 111 u. 175; - Nicholas Brooks, The Early History of the Church of Canterbury. Christ Church from 597 to 1066, 1984, 71-76 und 95-98; - Michael Lapidge, The School of Theodore and Hadrian, in: Anglo-Saxon England 15, 1986, 45-72; - ders., The Study of Greek at the School of Canterbury in the Seventh Century, in: The Sacred Nectar of the Greeks, ed. M.W. Herren, 1988, 169-194; - Alexis G.C. Savvides, Theodore of Tarsus Greek Archbishop of Canterbury in A.D. 668/9-690, in: # 47, 1987-1989, 97-108; - John Marsden, The Illustrated Bede. Translation by John Gregory, Photography by Geoff Green, 1989 (Reg.); - Henry Chadwick, Theodore of Tarsus and Monotheletism, in: Logos, Festschrift für Luise Abramowski zum 8. Juli 1993 hrsg. von H. Chr. Brennecke, E.L. Grasmück, Chr. Markschies, BZNW 67, 1993, 534-544; - HdKG II/2, 109, 160, 173-174, 176; - Geschichte des Christentums IV: Bischöfe, Mönche und Kaiser (642-1054). Hrsg. von Gilbert Dagron, Pierre Riché u. André Vauchez, 1994, 638-640; - DThC XV, 229-231; - LThK X, 28; - DDC VII, 1212-1213; - BS XII, 243-244; -Wimmer, 777-778; - VI, 224-225.
Klaus-Peter Todt
Literaturergänzung:
P.G. Maxwell-Stuart, The archbishops of Canterbury. Stroud 2006, S. 40-44.
Letzte Änderung: 23.09.2006